„Glück ist im Schöpfungsplan nicht vorgesehen“

Zum 150. Todestage Arthur Schopenhauers

Er gilt als Philosoph des Pessimismus, als einer der schwarzen europäischen Philosophen nicht nur des 19. Jahrhunderts. Es stammt zwar das obige Titelzitat von Freud, doch hätte diesen Satz genauso sein dunkler Ahnherr Arthur Schopenhauer formulieren können. Die Welt ruht auf einem irrationalen oder vielmehr a-rationalen Grund, und keineswegs geben – im Sinne des Idealismus gedacht – die Vernunft oder der Geist das Fundament dieser Welt ab. Hier stehen sich zwei philosophische Strömungen innerhalb des Idealismus gegenüber, wie sie unterschiedlicher nicht ausfallen können: nämlich einerseits Hegels Weltgeist, daß – Hegel sehr sehr vereinfacht zugespitzt, so daß es schon wieder falsch wird – das Vernünftige das Wirkliche und das Wirkliche vernünftig sei, wie er dies in der „Rechtsphilosophie“ schrieb, und andererseits Schopenhauers Willensmetaphysik, die sich einerseits an Kant und Platon ausrichtet, andererseits aber auf ein Moment rekurriert, das es auf diese Weise systematisch entfaltet in der europäischen Philosophie nicht gab.

Nicht die Vernunft, sondern ein blind wirkendes Prinzip durchzieht die Welt. Dieser alles durchziehende Wille hat jedoch nichts damit zu schaffen, was man für gewöhnlich mit diesem Begriff alltagssprachlich konnotiert, denn es wirkt hier ein Wille ohne intentionales Wollen, und es ist auch nicht der kantische gute oder gar der frei Wille, der die wunderbare Welt der Ethik strukturiert. Bei Nietzsche transformiert sich dieses Konzept später zu einem Geflecht aus Kräften und Macht. Wirkungen oder vielmehr: Taten ohne Täter, wie er dies in „Jenseits von Gut und Böse“ schrieb. Nietzsche drehte und wendete einiges an Schopenhauers Metaphysik des Willens, dieser Metaphysik ohne Jenseits. Doch zeitlebens blieb Schopenhauer trotz mancher theoretischer Differenzen für Nietzsche der große Lehrer, den er nicht mit Polemik bedachte, wie er es bei so vielen anderen tat. (Man suche bei Nietzsche einmal den Namen „Schiller“.)

Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehen wollten, sie würden mit den Köpfen schütteln.“ (Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 539) Zu einem solchen Satz steht Nietzsches Denken diametral entgegen, die Verneinung des Willens gilt es zu hintertreiben, und so erweisen sich die ewige Wiederkehr sowie die großes Bejahung eben auch als Reflex auf die Philosophie Schopenhauers, um dieser eine andere Laufrichtung zu geben. Das Rad des Ixion verkehrt sich, fast wie bei Camus, wo man sich den Sisyphos als fröhlichen Menschen muß vorstellen können.

Andererseits zeigt sich Nietzsches Prägung durch Schopenhauer nicht nur in in der Konzeption des Willens und der amor fati, sondern auch in dem Aspekt der Leiblichkeit, der bei beiden, wenngleich in unterschiedlichen Ausprägungen, ein Korrektiv zur Vernunft abgibt. Einzig am Leib setzt bei Schopenhauer diese Form der Erfahrung ein, welche sich nicht mehr in der Welt der Vorstellungen bewegt, sondern an diesem Ort sind wir zugleich Subjekt und Objekt der Erkenntnis des Willens, weil einzig wir selbst es sind, wo sich der Wille unmittelbar manifestiert und sich nicht im Modus der Vorstellungen und des Theoretischen verbirgt. Es ist dieser unserer Leib der einzige Ort, wo wir den wirkenden Willen unmittelbar und direkt erfahren. In dieser Leibphilosophie steckt eine Drehung der Philosophie, die für das 19. Jahrhundert wohl bahnbrechend ist. Nur wenige Ohren haben sie seinerzeit vernommen.

Womit anfangen bei einer kurzen Würdigung in einem Blog, wenn die Aspekte der Philosophie Schopenhauers derart vielfältig sind? Natürlich! Bei der Ästhetik: wir können es nicht anders, wir wollen es nicht anders, wir wollten es nie anders, und wir werden niemals anders leben.

Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus gelbem Rohr, wo er eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufällig in seine Hände geraten war …“ (S. 667, Frankfurter Ausgabe) Sie kennen diese Passage, liebe Leser, es ist aus den „Buddenbrooks“, und sie zeigt Thomas‘ erste Begegnung mit dem Hauptwerk Schopenhauers, genauer mit jenem Kapitel, das den Titel trägt „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“. Treffender kann man die Motive von Niedergang und Dekadenz nicht anspielen. Natürlich nennt Thomas Mann den Namen Schopenhauers nicht.

Eine ungekannte, große dankbare Zufriedenheit erfüllte ihn. Er empfand die unvergleichliche Genugtuung, zu sehen, wie ein gewaltig überlegenes Gehirn sich des Lebens, diese so starken, grausamen und höhnischen Lebens, bemächtigt, um es zu bezwingen und zu verurteilen … die Genugtuung des Leidenden, der vor der Kälte und Härte des Lebens sein Leiden beständig schamvoll und bösen Gewissens versteckt hielt und plötzlich aus der Hand eines Großen und Weisen die grundsätzliche und feierliche Berechtigung erhält, an der Welt zu leiden – dieser besten aller denkbaren Welten, von der mit spielendem Hohne bewiesen ward, daß sie die schlechteste aller denkbaren sei.“ (S. 667)

Schopenhauers Wirkung auf die Literatur kulminiert dann sicherlich noch einmal bei Samuel Beckett – insbesondere an seinem großartigen Essay zu Proust ließe sich das gut zeigen – sowie bei Thomas Bernhard, vor allem über jenes Motiv, daß ein einziger Gedanke zu Tage gefördert bzw. in eine ästhetische oder musikalische Anordnung gebracht werde. Bernhards beständiges Umkreisen dieses Gedankens mittels einer hochmusikalischen, sich überschlagenden Sprache.

Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ sollte dieser einzige Gedanke sein. „Was durch dasselbe [eben dieses Buch, Bersarin] mitgetheilt werden soll, ist ein einziger Gedanke“ (S. 7). Aufgefächert wurde dieser eine Gedanke in eine theoretische Philosophie (innerhalb der Welt der Vorstellung und hier ganz Kant verhaftet), in die Ethik sowie die Ästhetik.

Vieles mag an Schopenhauer heute nicht mehr recht tragen, und eine Metaphysik des Willens funktioniert so kaum, auch wenn sie wie bei ihm ohne dieses Jenseits auskommt. (Seine Prägung durch die indische Philosophie lasse ich außen vor, obwohl sie für Schopenhauer eine Erweckung und zentral war.) Interessant scheint aber immer noch seine Konzeption einer (nicht-diskursiven) Ethik des Mitleids, die eben nicht über theoretische Modi der Reflexion und diskursive Verständigung oder über Metaebenen funktioniert. Für eine solche Ethik, die im Grunde lediglich eine Variante theoretischer Philosophie abgibt, hatte Schopenhauer nur Spott übrig.

Diese Mitleidsethik ist insbesondere im Hinblick darauf interessant, daß sie aufgrund der Willenskonzeption nicht nur für Menschen gilt, sondern gleichfalls Tiere unter sich befaßt, was für eine philosophische Position des 19. Jahrhunderts nachgerade ungewöhnlich ist. Tugendhat greift Schopenhauers Mitleidsethik in seinen „Vorlesungen über Ethik“ auf. Etwas simplifiziert könnte man dieses Konzept Schopenhauers im nachmetaphysischen Zeitalter auf den Begriff der Empathie bringen, und es ergeben sich hierbei sicherlich einige Berührungspunkte zur Kritischen Theorie nicht nur Adornos, sondern auch Max Horkheimers, der immerhin einen Aufsatz zu Schopenhauers Mitleidsethik schrieb. Diesen Bezügen, insbesondere über die „Dialektik der Aufklärung“, müßte auf der Ebene individualistischer Ethik im Rahmen von Praktiken nachgedacht werden.

Mit Adorno ist Schopenhauer vor allem über die Kunst zutiefst und vielfältig verbunden. Es gibt kaum eine Philosophie des 19. Jahrhunderts, in welcher die Kunst und dabei vor allem die Musik einen derart hohen Stellenwert besitzt. Dies klingt bis ins 20. Jahrhundert samt seinen unterschiedlichen ästhetischen Bewegungen nach.

Ästhetik ist der philosophische Blick in die Welt, weil er vom Willen losgebunden ist“, schreibt Rüdiger Safranski in seiner großartigen Schopenhauer-Biographie (ich lege sie jedem ans Herz.) Eine solche Passage läßt sich auch gesellschaftstheoretisch und -kritisch verlängern, wenngleich man das Konservativ-Reaktionäre in Schopenhauers Philosophie und seine schräge Vernutzung, ähnlich wie bei Nietzsche, nicht wird ausschalten können. Dennoch: Die Anordnung Hegel–Marx–Schopenhauer–Adorno sollte zuweilen in Bewegung gehalten und in immer neue Denkbilder gebracht werden.

Schopenhauer, der zunächst verkannte Philosoph – der Antipode Hegels, einig womöglich nur in der holistischen Konzeption von Philosophie –, Schopenhauer, dessen Wirkung erst sehr viel später einsetzte: Im Berlin des Jahres 1820 legte er seine Vorlesungen zeitgleich zu denen Hegel: ein provokativer Vergleich, der für Schopenhauer allerdings schlecht ausging. Während Hegels Hörsaal überfüllt war, saßen bei Schopenhauer gerade einmal ein paar Menschen, die ihm zuhörten. Glücklicher geriet die Lage für Schopenhauer im Jahre 1831, als er vor der Cholera aus Berlin nach Frankfurt floh. Sein Antipode Hegel verstarb.

Drum besser wär‘s, daß nichts entstünde“, so ließe sich im Sinne Schopenhauers mit Goethe sicherlich schreiben. Der Wille käme zur Ruhe, verglühte, erlösche. Und so ist auch das letzte Wort seines einzigen Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“: „Nichts“.

Aber es ist im Leben der Tod allgegenwärtig, und so gehörte auch Schopenhauer zu jenen Schülern Montaignes, die beizeiten seinen Rat befolgten: „Philosophieren heißt sterben lernen.“ Er tat alles, um in dieser letzten Kunst zu reüssieren. Am 21. September 1860 verstarb bzw. entschlief Arthur Schopenhauer friedlich an einer Lungenentzündung. Schließen wir mit einem Zitat, das ich in meiner Jugend sehr apart fand, und mit dem auch Ludger Lütkehaus seine Schopenhauer-Würdigung in der „Zeit“ beschloß:

Sitzen ist besser als stehen, und liegen ist besser als sitzen: Besser als liegen ist schlafen, und besser als schlafen ist todt seyn.“

26 Gedanken zu „„Glück ist im Schöpfungsplan nicht vorgesehen“

  1. Ein herzlichen Dankf für diesen Text! Dennoch: Sind die Bezüge zu „indischen Philosophie“ nicht zu wichtig, als dass man sie gerade im Falle der Ästhetik nur im Vorbeigehen streifen könnte?

    „„Ästhetik ist der philosophische Blick in die Welt, weil er vom Willen losgebunden ist“, schreibt Rüdiger Safranski in seiner großartigen Schopenhauer-Biographie“

    Dieses Buch ist ja tatsächlich so was von großartig, das habe ich schon oft Leuten als Philosophie-Einführung empfohlen. Aber wie jemand gleichzeitig zum Gründervater eines Vitalismus und der Lebensphilsophie werden kann (indem man das Konzept des Willens eben so liest und wie im von Dir dargestellten Sinne mit Nietzsche positiv wendet) und umgekehrt die Verneinung des Willens als in der Kunst am Wirken sieht, so ist das ist ja nicht mal eben so in die historische Ecke zu stellen. Mögen auch wenige die Askese (oder eben das Austreten aus dem Zyklus der Wiedergeburten) noch proklamieren: Künstlerische Entwürfe, die auf Immanenz und formale wie auch materiale Eigendynamik eben dieser, also der Formen und Materialien setzen, auch, um Kritik an falschen gesellschaftlichen Zuständen zu üben, sind ja nicht verschwunden. Und das mit guten Gründen.

    Und wenn man zudem, jetzt mal ganz vulgär und verfälschend drauflos holzend, wie Adorno Wille und totalisierte Zweckrationalität im Grunde genommen gleich setzt, gibt es dafür ja gute Gründe, sich da verneinend zu verhalten.

    Ich hacke da so drauf rum, weil man vielleicht manchen Diskussion rund um Pop oder auch nicht sich so mal aus anderen Perspektiven nähern kann. Aber auch, weil in einer Randbemerkung beim Che sich auf einmal, zu meiner Freude, auf Taoismus berief, was nun weder Buddhismus noch Upanishaden ist, aber eben doch eine Haltung, die für eurozentristische Arroganz eine gewisse Sprengkraft besitzt.

    Magste da nicht noch mal was zu schreiben?

  2. Karl Kraus, der Schopenhauer über die Maßen schätzte, sah in ihm den Verteidiger der Sprache. Ohne Kraus hätte ich Schopenhauer wohl nie gelesen.

    Das blind wirkende Prinzip, das die Welt durchzieht; das vernünftig (Hegel; kann man ihm aber so nicht anhängen) und unvernünftig (Schopenhauer) ineins ist – was mag das wohl sein? Um eine These von mir, die ich unlängst hier äußerte, in ihrer Umkehrung nochmals zu formulieren: Marx mit Geburtsdatum Schopenhauer hätte wie Schopenhauer gedacht. Marx mit Geburtsdatum Hegel hätte wie Hegel gedacht.
    Bei Schopenhauer schlägt die Eule der Minerva schon mit den Flügeln (ganz heftiger Flügelschlag: Goethe/Faust), bei Hegel hebt sie ab. Richtig durchgestartet ist sie dann bei Marx.

  3. Ihren Beitrag über Schpenhauer wollte ich schon den ganzen Tag über lesen. Ich hätte eine kleine Bitte. Würden Sie Zum Aufsatz Max Horkheimers über Schopenhauers Mitleidsethik eine Quellenangabe mit Titel machen können?

  4. @ Bücherblogger

    Es handelt sich um den Aufsatz „Zur Aktualität Schopenhauers“. Er findet sich in dem Band „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“. Ich meine mich zu erinnern, daß ich seinerzeit noch einen weiteren Aufsatz gelesen habe.

  5. @ Momorulez
    Es ist schön, einmal wieder einen Kommentar von Dir zu lesen. Du hast mich hier jedoch vor eine schwierige Aufgabe gestellt.

    Ja, da gebe ich Dir vollkommen recht: die indische Philosophie sowie ihr Einfluß auf Schopenhauer ist viel zu wichtig, als daß man sie in der Klammer verschwinden läßt. Aber ich kenne mich in diesem Gebiet leider überhaupt nicht aus, so daß ich nichts Substantielles dazu hätte schreiben können. Es ist mir fast ein wenig unangenehm, dies zugeben zu müssen.

    Vielleicht habe ich den Zen-Buddhismus jedoch ein wenig mit und durch Hegel abgedeckt ;-)

    Zu Safranski gehen wir völlig d‘accord. Auch ich empfehle und verschenke dieses Buch andauernd. Zur Einführung ist das ein sehr gutes Buch. Sein Buch zur Romantik möchte ich an dieser Stelle gleichfalls dem allgemeingebildeten, an der Philosophie interessierten Publikum anraten.

    Ja, der Pop (gegen den ich ja zuweilen etwas wettere, dessen Erfahrungsräume mir jedoch druchaus bewußt sind, aber die kannst Du sehr viel besser darstellen als ich) und das Tarot. Ich habe mich mit letzterem einmal eingelassen, philosophisch-hochmütig, weil ich in den seligen Studienzeiten von einer Frau etwas wollte, die sich mit Tarot, I Ging (hierbei fallen mir immer die „Neubauten“ ein: „Fütter mein Ego“) beschäftigte. Die Sache ist mir ein wenig auf die Füße gefallen, weil diese Frau von den Dingen etwas verstand; sie hat sich lange mit diesen Aspekten beschäftigt. Mit der Frau ist es am Ende nichts geworden, zumindest nichts für die Ewigkeit, aber von meiner Arroganz war ich ein wenig geheilt. Ich versuche mittlerweile, mir alles das, was mir begegnet sozusagen phänomenologisch anzuschauen.

    Die Diskussion beim Che drüben habe ich verfolgt.

    Ich fürchte aber, daß ich zu diesen Punkten nicht so viel schreiben kann, weil mein Blick doch sehr von der europäischen Philosophie her kommt. Den Grenzgang zwischen Allgemeinem und einem Besonderen (vielleicht sogar Privatem), das mehr ist als die gesellschaftlich geforderte Ratio, finde ich einigen Texten französischer Philosophie, vor allem beim hochverehrten Roland Barthes und bei Derrida. Ich betreibe hier wohl eine gewisse Imitatio. Mein Interesse am anderen Blick ist durch dieses Verhaftetsein in der europäisch-amerikanischen Philosophie freilich nicht ausgelöscht – ganz im Gegenteil. Ich denke aber, daß Du bei dieser Sache sehr viel kompetenter bist, weshalb ich die Bitte eher an Dich stellen muß.

    Sehr vorsichtig und hyperkritisch bin ich allerdings bei der Esoterik, bei den Phänomenen, die eigentlich schon vollständig gesellschaftlich vermittelt und absorbiert sind, um die Menschen einzig noch funktionstüchtig zu machen. Da liege ich sehr, sehr dicht an der Position Netbitchs dran. Aber womöglich ist es auch dort wie beim Pop: es gibt das Schwachmatische und es gibt Momente der Erfahrung.

    @ Nörgler
    Auf die Sprache legte Schopenhauer großen Wert, und er machte es seinem Verleger Brockhaus nicht gerade leicht. Auch sonst verzieh er manche Schludrigkeit und Ungenauigkeit nicht. Ich bin zu Schopenhauer eher über Thomas Bernhard und Horkheimer gekommen. Auch ich habe anfangs gedacht: das brauchst du nicht.

    Dieses verkürzte Zitat Hegels aus der Rechtsphilosophie ist, derart aus dem Hegelschen Zusammenhang herausgestellt und verwendet, in der Tat problematisch, zumindest hätte es einer weiteren Erklärung von mir bedurft, weil es gerade in dieser Passage den Anschein erweckt, als sei Hegel lediglich der Hausphilosoph Preußens.

    Das ist immer dieses Problem in Blogs: Man spielt ein Motiv kurz an, es müßte im Verlauf gewandelt auftauchen und dann nimmt das Blog-Denken eine ganz neue Wendung, beschäftigt sich mit einem anderen Thema. Und nichts taucht mehr auf, die Angelegenheit bleibt Fragment.

    Das Bild von der Eule der Minverva in ihren Bewegungen ist sehr schön gewählt, es könnte fast ein Aphorismus von Nietzsche sein. Ich selber versuche zu denken, wo sich jene Eule momentan aufhält.

    Nachtrag: ich sehe mich demnächst also doch einmal wieder dabei, das „Kapital“ in die Hand zu nehmen, und nicht nur dies: es muß auch gelesen werden. Vor allem in Hinblick auf Benjamin noch einmal, zumindest stellenweise.

  6. hab ich nicht so wirklich, und das weißt du auch, kein fishing-for-compliments! ;-) egal, ich musste weggezogen werden von diskussionen, die mir – so bewusst wie arrogant zitiert! – „nicht dabei helfen, ich selbst zu sein“, und das ist dir gelungen. (finster!)

    lg

  7. Ich wundere mich über die ungewohnte Aufmerksamkeit für Schopenhauer, bisher habe ich in diesem und auch in anderen mit Philosophie befassten Blogs wenig Verwendung von Schopenhauer gefunden. Ich schiebe das darauf, dass außer den ergiebigen Teilen in Schopenhauers Werk auch viel Verqueres zu finden ist (neben der sehr schönen Erkenntnis der Möglichkeit zur Kontemplation in der Musik – vor Erfindung des Jazz! – zum Beispiel auch viele unnötige Parallelen von Musik und Natur, bis hin zu den tiefen Frequenzen die ihre Entsprechung in Mineralien und anderen geologischen Strukturen finden). Vielleicht liegt es auch daran, dass Schopenhauer lange Zeit der Lieblingsphilosoph des deutschen Bürgertums war, ein Zitat von Marx oder Derrida kommt besser an, irgendwie hängt Schopenhauer etwas Altbackenes, Spießiges an – oder irre ich? Umso mehr freue ich mich über diese (normales Blogformat und -niveau sprengende) Würdigung.

  8. Ich feiere gerade einen Auswärtssieg; ich nehme die Aufforderung jenseits der „Eso“-Deutung aber gerne zurück und an und kümmer mich darum! Weil so was wie die Upanishaden ja noch noch mal eine Nummer größer ist als Lebenshilfe durch das Tarot. Ich habe da aber auch nur geringe Grundkenntnisse.

    I Ging ist noch mal was anderes, das ist schon gewaltig. Wirklich. Aber ich setze das auf meine „To Do“-Liste!

  9. @ hanneswurst

    Richtig ist, daß Schopenhauer einer Konjunktur unterworfen ist. Aber das geht bei allen „Klassikern“ so. Irgendwann wird es Schelling sein, dann wieder Kierkegaard.

    Natürlich gibt es bei Schopenhauer abenteuerliche Stellen und Beobachtungen, die eher skurril anmuten. Aber dann lies einmal bei Kant oder Goethe. Zudem muß man solche Stellen mit einem hermeneutisch-dekonstruktiven Bewußtsein lesen.

    Innerhalb der Philosophie dürfte Schopenhauers Aktualität zum einen im Bereich der Ethik liegen, also die Aspekte, welche ich im Text kurz angespielt habe, zum anderen galt er Horkheimer und Adorno in der DA als einer der schwarzen Schriftsteller des Bürgertums, an denen bzw. in deren Texten sich die Dialektik der Aufklärung manifestierte. Schopenhauers Prägung der künstlerischen Moderne hat Hartmut auf „Kritik und Kunst“ bereits genannt. Hier und im Bereich der Ethik sehe ich die philosophischen Stärken Schopenhauers.

    Danke auch für Dein Lob.

    @ momorulez

    Ja, das wäre sehr schön. Glückwunsch zum Sieg von St. Pauli. Ich habe es heute morgen im Radio gehört. Ich interessiere ich ja überhaupt nicht für Fußball, aber durch Deinen Blog fange ich an, in der Zeitung die Sportberichte über St. Pauli zu lesen. Ich weiß nicht, was mich da reitet.

    Das Tarot fand ich damals aus ästhetisch-spielerischen Gründen sehr interessant. Gleichsam ein Dandy, der auch einmal Freude daran hat in den philosophischen Keller oder auf Abwege zu gehen. Ich hatte wirklich viel Spaß mit diesem Tarot. Oder war es mit der Frau? Eher letzteres.

    Ich setzte mich seinerzeit in Frankreich („seinerzeit in Frankreich“: diese Formulierung klingt irgendwie nach deutscher Besatzung) allerdings auch gerne in katholische Gottesdienste und hörte dort zu. Das gab für mich ein wunderbares Theaterspiel ab: Eine für einen Heiden fremde Welt.

    Ich freue mich auf Deinen Text. (Auch zu Fricke noch?)

  10. Bei Fricke ist ein wenig das Problem, daß da eine so starke inhaltliche Ähnlichkeit zu dem, worüber ich eh immer schreibe, besteht, daß ich noch nicht den richtigen Aufhänger fand :-( … und Tarot ist im Grunde deshalb schon prima, weil man sich, zumindest bei der Waite-Version, mit Bildern beschäftigt, anstatt sie einfach nur anzuschauen und ihnen Informationen zu entnehmen.

    Aber daß ich Dich zur Lektüre des Sportteils inspiriert habe, das freut mich ja ;-) …

  11. Ja, das mit Fricke habe ich mir schon irgendwie gedacht. Vielleicht mach‘ ich das dann mal irgendwann (oder demnächst?). Das liefe dann allerdings unter der Spur „Mut zur Lücke“.

    Dein Blog hat mich zu einigem inspiriert. Er gehört zu denen, die ich regelmäßig lese.

  12. Oh, Danke! Liest sich jetzt doof, aber Inspirieren finde ich ja viel wichtiger als um Zustimmung ringen. Manch Streit, manch Kontroverse starte ich auch einfach, weil dadurch Denken in Bewegung gerät; ein ja vielleicht ein klein wenig hegelianischer Gedanke und trotzdem zu Schopenhauer passend. In der Hinsicht, gerade, was das Sperrige und Wütende betrifft, das sich so gar nicht beeindrucken läßt z.B. vom Erfolg Hegels, das fand ich immer vorbildlich.

    So Blogs, die sich vor allem sehr dicht an einem bestimmten, fühligen politischen Konsens orientieren, was ich bei Fragen wie Hartz IV ja auch mache, finde ich immer öde.

    An Deinem Blog liebe ich ja das so wundervoll Unzeitgemäße, was ich wirklich als Kompliment meine – daß Du daraus Aktualität gewinnst. Oft eher indirekt. Finde ich super.

  13. Halten wir da mal fest, daß auch der Satz der Identität von Momorulez als sehr unzeitgemäß empfunden wird, nur eben nicht „wundervoll“.

  14. Der Fluch, der auf mir lastet, ist der Zeitenfluch.

    Aber auf SR steht das, über die Zeiten, noch. Das ist nicht vergessen. Das Principium Identitatis wird mir schon nicht davonlaufen.

  15. Pingback: Schopenhauer-Missbrauch und -Gebrauch « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  16. Pingback: Selbstbewusstsein « Kritik und Kunst Blog

  17. Hinweis zum Satz der Identität:

    Es geht hier um einen Aufsatz in dem Blog shifting reality. Zum Aufsatz auf SR setze ich hier einen Link, weil ich diesen Text für äußerst lesenswert halte und ihm daher eine großen Leserkreis wünsche. Auch die Diskussion ist lesenswert: Philosophie in nuce wie man sie sich öfter wünscht.

    Ich nehme diesen Blog, auf dem jedoch kaum noch etwas erscheint, auch in die Blogroll auf. Allein wegen dieses Textes ist er es wert. Ich hätte das schon lange machen müssen, habe es aber in meinem „Ich, Ich, Ich“ schlicht vergessen.

  18. Ich habe es mir selbst eingehandelt, aber diese Verlinkung, Blogroll gar, erhöht den Druck, mich dem so bald als möglich nochmals zuzuwenden.

  19. Ja, unbedingt, denn dies ist einer der instruktivsten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

    Auf mich hingegen erhöht es den Druck, eine Lektüre aufzunehmen, die lange zurück liegt, die aber im Hinblick auf den späten Benjamin (und nicht nur deswegen) unerläßlich ist.

    Auch für Deinen Beitrag zum Wertbegriff danke ich Dir. Derart klar und bündig hätte ich es nicht formulieren können.

  20. Pingback: Philosophische Schnipsel « Schopenhauers buddhistische Roots

  21. So einen geistigen Hochunsinn habe ich seit meinen 68iger Jahren nicht mehr gelesen!

    Ah, noch etwas. noch nie eine Lungenentzündung gehabt, wie? Da entschläft man nicht friedlich, man hustet sich buchstäblich zu Tode!

  22. Tja, Greise haben in Blogs nun einmal nichts verloren. Es erfreut mich jedoch, daß Du des Lesens mächtig bist. Immerhin. Betreffs der Medizin verwechselst Du den Keuchhusten mit der Lungenentzündung. Der Reflex Lunge = Husten ist ein Doofreflex. Während meiner Lungenentzündung gab es kein Quentchen Husten.

  23. Pingback: Schopenhauers buddhistische Roots - Philosophische Schnipsel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.