Kunst und Geschmack (1)

Wer im Internet Bücher zum Thema Geschmack sucht, etwa bei „Buchhandel.de“, und diesen Begriff als Stichwort eingibt, der findet an oberer Stelle zunächst eine Vielzahl von Büchern, die sich vornehmlich der Kochkunst widmen. „Geschmack der Heimat“, „Geschmack pur“, „Geschmack verbindet. Zeitgemäße österreichische Küche mit Sojasauce“. Aber auch Bücher wie „Geschmack in der Unternehmenskultur“ oder „Abwechselung im Geschmack Raumbildung und Pflanzenverwendung beim Stadtparkentwurf“ gibt es. Vereinzelt tauchen sogar Titel auf, die der Ästhetik näherkommen.

Geschmack, so könnte man zunächst meinen, ist eine extrem subjektive Angelegenheit. Kochgeschmack, Musikgeschmack, Geschmack in der Bekleidung, Geschmack beim Sex, Geschmack bei der Objektwahl (all you need is love, so könnte man zunächst meinen, doch ist das nur eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung), sehr guter Geschmack und ein 190er SL, Geschmack und Konservatismus, Geschmack und Kunst, Geschmack des Geschmacks. Man hat ihn oder man hat ihn nicht. Selbst ein schlechter Geschmack kann sich zuweilen in guten Geschmack verkehren, was etwa am Phänomen des Trash oder in Susan Sonntags Aufsatz zur Camp-Ästhetik sich zeigt.

Eine Definition vom Geschmack zu liefern, dürfte kaum möglich sein, zu vielfältig ist dieser Begriff konnotiert, und die Spanne reicht vom unmittelbaren Sinnengeschmack bis hin zum komplexen Reflexionsgeschmack artifizieller Ästhetiken. Auch eine umfassende historisch-systematische Sichtung des Begriffs sprengte den Rahmen eines Blogs: Wer es im Groben nachlesen möchte, der kann das Lexikon „Ästhetische Grundbegriffe“ sichten.

Ich könnte sicherlich die verschiedenen Positionen von den Französischen Salons des 18. Jahrhunderts über die empirische Philosophie Großbritanniens bis hin zum Deutschen Rationalismus in der Konstellation Leibniz, Wolff, Baumgarten darstellen, das bedürfte allerdings eines eigenen Seminars. Ich möchte hier aber vielmehr einige mir interessant oder besser wesentlich erscheinende Aspekt herausgreifen und den Geschmack als ästhetisch relevante Kategorie zwar nicht unbedingt verteidigen, es sollte jedoch geprüft werden, ob Geschmack sich für eine kritische Ästhetik, zumindest in einer kleinen Dosierung doch fruchtbar machen läßt. Denn womöglich überlebt das Kunstwerk einzig noch in einer autonomen Ästhetik.

Die Bedeutung, welche der Geschmack noch im 20. Jahrhundert besaß, läßt sich erahnen, wenn man sieht, daß Hans-Georg Gadamer ihn in „Wahrheit und Methode“ neben der Bildung, dem sensus communis (also dem Gemeinsinn) und der Urteilskraft unter die Humanistischen Leitbegriffe einreiht. Ob wir diesen Weg eines Humanismus der Bildung (im Sinne von Heranbildung und im Zusammenhang mit einem autonomen Subjekt gedacht; der Philosoph Herbert Schnädelbach sagte immer: Bildung, das ist mehr als Hölderlin und Blockflöte), ob wir diesen Weg also heute noch beschreiten können oder inwiefern sich hier nicht vielmehr ein überkommenes Bildungsideal anzeigt, mag sich vielleicht im weiteren zeigen.

Um zunächst einen zentralen Aspekt der Begriffe Geschmack und Ästhetik bzw. ästhetische Kritik aufzuzeigen, zitiere ich aus dem Text eines äußerst zweifelhaften Philosophen, nämlich Alfred Baeumler. [Die Disclaimer bitte selber in die Kommentarfunktion eintragen, die besten Texte, die am wirkungsvollsten disclaimen (ich disclaime, du disclaimst, er/sie/es disclaimt, wir disclaimen) werden mit einer Prämie bedacht. Für die jüngeren Leserinnen und Leser: Baeumler war aktiver Faschist, ein Täter] Und zwar aus Baeumlers 1923 erschienenem Buch „Das Irrationalismusproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft“ Es menschelt in diesem Buch zuweilen sehr, doch es ist in der Analyse stellenweise hilfreich, sieht man einmal von ex post facto unfreiwillig komischen Stellen ab, wie der, daß das Deutsche Denken im Gegensatz zu den Positionen französischer Philosophien des 18. Jhdts vorm Irrationalismus gefeit sei. [„In Deutschland konnte der Irrationalismus niemals gefährlich werden, da Leibniz ihn von Anfang an in sein Denken aufgenommen und den Nachfolgern rationale Mittel zu seiner Bewältigung in die Hand gegeben hatte.“ (S. 57)]

Nun jedoch zu jenem instruktiven Zitat Baeumlers, das einen guten Auftakt abgibt, weil es eine wesentlichen Aspekt bzw. eine grundlegende Struktur des Geschmacks benennt:

„Das Problem der Kritik ist zugleich mit dem Geschmack geboren. Der Geschmack ist nur der subjektive Ausdruck des gleichen Tatbestandes, dessen objektiver die Kritik ist. Voraussetzung des kritischen Geistes ist die Selbständigkeit und Freiheit des Subjekts. Solange man absolute Maßstäbe anerkennt, gibt es keine Kritik; ebensowenig aber ist eine Kritik da möglich, wo man in der einzelnen Erfahrung ein letztes Kriterium erblickt. Wo Maßstäbe gelten, braucht man die Kritik noch nicht; wo die Erfahrung allein verehrt wird, braucht man sie nicht mehr. Das Verhältnis ist in der ästhetischen Sphäre leicht einzusehen: gibt es ästhetische Begriffe im Sinne von Normen, so braucht es weder Geschmack noch Kritik, nur eine bloße Anwendung der Regeln. Gilt dagegen der Geschmack eines jeden unbedingt, so ist alle Objektivität geschwunden, es herrscht die Erfahrung und die Sammlung der Stimmen. Dann ist die Ästhetik keine philosophische Disziplin mehr, sondern verfällt der Statistik. Nur wenn die individuelle Reaktion auf das Schöne als letzte Instanz, als Erfahrung, anerkannt wird, kann es einen kritischer Entscheidung bedürftigen Streit über das Schöne geben. Aber nur wenn zugleich die Erfahrung nicht als alleinige Instanz gilt, ist eine Entscheidung dieses Streits denkbar. Diese Entscheidung müßte Objektivität haben, ohne doch rational zu sein. Das Problem des ästhetischen Geschmacks weist also auf eine neue, eigentümliche Art von ‚Geltung‘, ‚Begriff‘ oder ‚Gegenstand‘ hin, auf eine neue Methode, objektiv zu erkennen“ (S. 6 f.)

Im nächsten Part, sozusagen als Ausfluß dieses Zitates, stelle ich die Position aus Christoph Menkes Aufsatz „Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“ dar, im Septemberheft 2009 der Texte zur Kunst erschienen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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