Man Ray

Im Grunde ist das ja langweilig und eine bürgerlich-feuilletonistische Attitüde, nur zu den Geburtstagen, nur zu den Todestagen eines Philosophen, eines Schriftstellers oder Bildenden Künstlers Einträge in einem Blog zu verfassen. Andererseits sind solche Daten eben exzeptionelle Momente, die einen Anlaß abgeben, sich mit dem, was gelungen ist, auseinanderzusetzten oder es dazustellen, dem Leser mitzuteilen, anzuempfehlen.

Meinen heutigen Gast, sozusagen, brauche ich nicht lang vorzustellen: es ist Man Ray, der am 27.8. seinen 120. Geburtstag hatte. Der Artikel auf Wikipedia gibt einen guten Überblick zum Leben und Werk von Man Ray. (Einige Details kann man sicher kritisieren, aber im ganzen ist der Text brauchbar, wenn man auf die schnelle etwas lesen möchte.)

Als Maler und Filmemacher ist Man Ray ein wenig in Vergessenheit geraten, und auch ich muß gestehen, daß mir seine Bilder nicht vertraut sind; sehr wohl jedoch sind es seine Photographien. Zuerst als Dadaist des New York Dada und später in seiner kreativsten Phase als Surrealist in Paris tätig, dürften viele seiner Photos geläufig sein, insbesondere das von Kiki de Montparnasse (Violon d’Ingres) in dieser Rückenansicht ziert den kollektiven Bildervorrat.

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Diese perfekte Rundung, auf denen die Öffnungen des Violoncello eingearbeitet waren: eine Hogarthsche Schönheitslinie, ein Klangkörper, ein Schönheitskörper, ein unendlicher Spaß und zu seiner Zeit eben eine Provokation, weil Unverbundenes zu einem einzigen Körper geriet. Nicht: eine Frau und daneben ein Violoncello, sondern: eine Frau als Violoncello, ein Violoncello als Frau. Innerhalb der vielfältigen surrealistischen Photographie zugleich ein eher stilles, ruhiges Bild: gab es doch sehr viel drastischere Photographien, die den dysfunktionalen Körper im Rahmen einer ganz anderen Ästhetik zum Ausdruck brachten, sei es Maurice Tabard, André Kertész, Raoul Ubac oder Hans Bellmer. (Solche schmalen, nichtssagenden Artikel wie in Wikipedia haben Ubac, Bellmer und Kertész wahrlich nicht verdient. Aber ich kann ja neben meinem Blog nicht auch noch Wikipedia mit Texten beliefern.) Und deswegen muß der Schock beim Betrachter damals umso tiefer gesessen haben.

In Man Rays Photographien vom Körper verbindet sich das Klassische mit dem Surrealen häufig in einer ganz eigenen Verdichtung. Dies läßt manche Photographie von ihm im Vergleich zu den Bildern anderer surrealistischer Photographen insofern eher konventionell aussehen, macht sie jedoch andererseits dadurch anschlußfähig an die Klassische Moderne der Photographie, weshalb das Etikett „Surrealismus“ für Man Ray eben nur die halbe Wahrheit ist. Manches Aktphoto weist eine starke Nähe zu Bildern von Edward Weston auf. Und zuweilen merkt man den Bildern an, daß Man Ray (auch) von der Modephotographie her kam.

Klassische Sicht und surrealer Effekt verbinden sich gleichfalls in der Photographie „Primat der Materie über das Denken“. Vermittels der von Man Ray entdeckten Solarisation – die Meinungen, wer dieses Verfahren entdeckte, sind allerdings geteilt – zerfließt der Körper, zerfließt, und in Verbindung mit dem Bildtitel gerät das ganze spannend. Diese Photographie ist klar strukturiert, und doch verschwimmt hier alles, und die schöne Form, der schöne Körper kommen aus den Fugen. Inwieweit das Denken trotzdem die Oberhand behält, wäre eine Frage für sich. In den Text- und Bild-Späßen der Surrealisten steckt immer auch ein gutes Stück Ernst. Und das eben unterschiedet den Surrealismus eines Breton, der sich als sehr politisch verstand, eben von dem ungleich sinnfreieren und unbekümmerteren Dada, der jedoch nicht minder politisch war.

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An den Spielen und Experimenten der wunderbaren surrealen Moderne beteiligte sich Man Ray vielfältig, etwa vermittels der Rayographie: Alltagsgegenstände geraten als Schattenriß in den Fokus der Kunst. Zugleich aber war Man Ray ein Chronist seiner Zeit, hielt sie beziehungsweise die Personage jener Jahre (insbesondere im bohèmehaften Paris jener wilden Jahre) in Portraits fest: fast keiner, den er nicht ablichtete: Sich selbst, Arnold Schönberg, Marcel Duchamp, André Breton, Paul Éluard, großartig auch die Portraits von James Joyce und Sinclair Lewis.

Erstmals habe ich Man Rays Bilder als Originalabzüge 1984 im Centre Pompidou in Paris gesehen, wo es eine außerordentliche Dauerausstellung zur Surrealistischen Photographie sowie einen ganz hervorragenden Katalog gab. Ja, das Paris der 20er, 30er Jahre; das Paris der 80er Jahre, wo ich diese Dinge imaginierte, denn vorhanden war von dieser Zeit nichts mehr. Nur zuweilen noch in einigen Seitenstraßen am Canal St. Martin kam eine Ahnung auf. Ja, Rom ist schöner und lebendiger als Paris, weil dort nicht alles hinter Plexiglas steht, aber es wird Paris für mich trotzdem und immer meine heimliche Hauptstadt des 20. Jahrhunderts bleiben.

2 Gedanken zu „Man Ray

  1. Pingback: Kunst | culturebites

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