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Das Folkwang Museum (Teil 2)

Nicht nur zeigte das Folkwang Museum in gelungener Weise diese Bilder der Moderne und der Nachkriegsmoderne. Sondern es wurde inmitten der Folkwang-Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“ eine Parallelinszenierung zu den Bildern bzw. ein soziales Environment geboten, das wohl für eine öffentliche Sammlung in dieser Kombination und Anordnung seinesgleichen sucht. Die Grenze zwischen Theater und interaktiver Performance, Bildender Kunst, Environment und theoretischer Reflexion auf die Selbstreferenz des Systems Kunst sowie auf die Bedingungen der Möglichkeit von Kunstrezeption überhaupt verflossen in diesem Projekt. Und insofern wurde damit auch der Sprung von der Klassischen Moderne in die Postmoderne bzw. der trennende Spalt zwischen beiden Lagern gut sichtbar gemacht. Diese Inszenierung eröffnete Horizonte der Reflexion auf Kunst und Gesellschaft.

Es begann für den Besucher nach dem Eintritt, unmittelbar und direkt: Sie waren da, auf Schritt und auf Tritt. Überall standen sie. Neben einem, hinter einem, vor einem. Noch im größten Gedränge vor den Werken der Klassischen Moderne. In ihren dunklen Uniformen, ihren weißen Hemden. Männer, Frauen, jung und mittelalt. Sie schauten, sie überwachten, sie musterten. Manchmal taten sie so, als ob sie nicht schauten, doch man wußte, sie beobachteten in ihrer Weise trotzdem und immer. Sie sprachen leise in sich hinein. Ihre Blicke waren streng, allenfalls im gedämpften Gespräch untereinander, unter ihresgleichen, gab es den Hauch von Vertrautheit.

„… denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern“? Nein, falsch: Echte Menschenblicke ruhten auf Dir, die sagten: Du mußt Dein Rezeptionsverhalten ändern, denn Du bist – in Deiner Art – verdächtig, prinzipiell und zu jeder Zeit. „Die Person mit dem blauen Hemd geht jetzt in den Raum 14!“ nuschelte es. Sie trugen Knöpfe in den Ohren, und sie besaßen an den Kragen kleine Mikrophone. Sie gingen zu zweit und manchmal auch allein. Ihre Blicke aber ruhten immer auf Dir, egal wo Du gerade standest. Fest, hart, sicher. Du, Kunstrezipient einer veralteten kulturellen Welt, bist hier nicht willkommen in Deinem letzten, kläglichen Versuch stiller Betrachtung. Wir verunsichern Dich, indem wir plötzlich neben Dir stehen, während Du Dich in den Kirchner oder den Kandinsky vertiefst. Wir sehen Dich an, wir lachen über Dich, ohne daß Du es merkst, wir verhöhnen Dich und Deinen bürgerlichen Kunstsinn. Wir sind die Avantgarde und das Proletariat, wir verkörpern ein geändertes Verhalten gegenüber den Kunstdingen. Wir zerstören Deine und die Aura der Werke in einem.

Daß insbesondere die gemütliche Gewohnheit kontemplativer bürgerlicher Kunstwahrnehmung gebrochen wurde, scheint mir einer der starken und zugleich wichtigen Aspekt dieser Inszenierung zu sein. Auch die vollständige Anonymisierung sämtlicher Akteure (nur die Namen der Maler der ausgestellten Bilder sind bekannt), so daß die Passage durch den Raum, das Geflecht der Blicke zu einem unheilvollen Seinsgeschick und -geschehen gerät – der Name des inszenierenden Künstlers oder des Künstlerkollektivs wurde nicht einmal genannt – deutet mir auf eine fundamentale Kritik der überkommenen (klein-)bürgerlichen, individualistischen Kunstwahrnehmung hin. Allenfalls als Bestandteil einer Masse und als ein beständig zu beobachtendes Wesen, das im Fokus vieler Augen offen lag, mochte das Individuum noch taugen.

Diese Performance zeigte sich derart ausgeklügelt, daß es damit noch im Außenbereich des Museums weiterging. Um hier etwas auszuholen: Meine Reisebegleitung ist eine Raucherin, ich toleriere solche willensschwachen menschlichen Dispositionen jedoch, weil auch ich einmal ein Raucher war. Obgleich diese Sucht den gesunden Volkskörper schädigt. Denn sicherlich ist das Rauchen für die Reproduktion der Gattung nicht so geeignet, aber da ich mich weder mit meiner Reisebegleitung noch mit sonst einer Frau zum Zwecke der Arterhaltung reproduzieren möchte, ist es mir im Grunde egal, und süße, kleine Kinderhände sind nur deshalb für mich nützlich, weil sie gut in den schmalen Spalt zwischen meinem Kühlschrank und der Spüle passen, um die dort herabgefallenen Brocken aus dem Abwasch hervorzufischen, an die ich ansonsten schwer herankomme. Auch zwischen Gasherd und Anrichte gestaltet sich der Zugriff schwierig, falls der Kochlöffel einmal einen Schwapps Risotto in der Spalte verschwinden läßt. Vielleicht heirate ich demnächst eine Asiatin. Ich glaube aber, ich schweife ab.

Jene Frau begab sich also zum Rauchen durch eine Glastür hinaus, die von einem Innenwächter bewacht wurde, der ihr aufmunternd-freundlich zunickte. Draußen dann konstatierte der Außenwächter maliziös, daß es hier ja gar keine Aschenbecher gäbe. Trotzdem: die Zigarette brannte und rauchte bereits, wie eine Zigarette eben brennt und raucht, die Reisebegleitung setze sich auf eine Treppe, um es gemütlich zu haben. Dieses Verhalten jedoch erwies sich als performanceregelwidrig und der als Wächter für den Außenbereich dafür gesondert ausgebildete Schauspieler fuhr die Reisebegleiterin auch sofort an, daß das Sitzen auf einer Außentreppe nun gar nicht gehe. Eine bessere Metapher des Performativen läßt sich für die Unbehaustheit des modernen Individuums im letzten Draußen des ubiquitären Innenraums nicht finden. Der Immanenzzusammenhang kennt kein Draußen oder Außerhalb mehr, das noch Schutz lieferte.

Ein ähnliches Spiel bot sich zum Abschluß des Besuchs beim Eintritt in das Museumsrestaurant „Vincent & Paul“. Bereits der Restaurantname ironisiert auf eine feine Weise den Kunstbetrieb, mag vielleicht auch eine versteckte Kritik an dem leicht gebrochenen Kitsch, den die Kunst von Gilbert & George vorführt, darstellen. Früher betrat man (zumindest im damals freien Teil Deutschlands, der sich BRD nannte) ein normales Restaurant ganz einfach und setzte sich an einen der freien Tische, Ausnahmen gab es lediglich in den Restaurants gehobener Klasse, wo telefonisch vorbestellt wurde.

Bei „Vincent & Paul“ aber geriet man an eine im Bereich des Eingangs postierte Schauspielerin, die den Besuchern verschiedene Fragen stellte. Dann enteilte sie, kam wieder, um neue Fragen zu stellen, und so gerieten die Besucher in einen kommunikativen Sog, der das Begehren nach Nahrung auf eine Weise aufschob, daß mir sofort die poststrukturale Psychoanalyse des Dr. Lacan in den Sinn kam. Einmal abgesehen davon, daß hier der Bezug zur griechischen Tragödie und Mythologie (Oidipus) auf eine durchaus geistreiche Weise in Assonanz gebracht wurde, haben die Macher dieser Inszenierung die unmittelbare Aisthesis der gehobenen gepflegten Nahrungsaufnahme mit ihrer Sublimierung, nämlich dem Genuß von Kunst, der hierdurch nochmals in die kritische Frage geriet, auf eine subtile Weise verbunden. Aisthesis und Ästhetik treiben hier im Spiel der Selbstreferenz sowie der Autopoiesis in eine ganze eigene Konstellation, die eben durch den Aspekt unendlich strömender Kommunikation das Theoretische auf ein unmittelbares Moment von (kommunikativer) Praxis verweist.

Mit diesem Schlußpunkt hat der Künstler (oder hat das Kollektiv) einen Kulminationspunkt geschaffen. Und was diese Performance einzigartig macht: es wurde Aspekte lebensweltlicher und systemweltlicher Kommunikation auf gelungene Weise in den Prozeß der Ästhetik integriert: In einer gesteigerten Kritik wurde die Lebenswelt und ihre zunehmende Kolonisation als Hort von Unsicherheit entlarvt und zugleich gegen eine Systemwelt ins Spiel gebracht, in die das unendliche Strömen einer Kommunikation einfloß. Fast schon läßt sich hier von einer vollständig entgrenzten Dialektik sprechen, die es vermochte, eine ästhetische Unschärfenrelation zu erzeugen, die zwischen den Feldern Beobachten, Beobachtet-Werden, Sprechen, Genießen pendelt. Gaben bisher vorhnehmlich Adorno, Derrida, Foucault oder Deleuze Gewährsmänner für (postmoderne) Kunstproduktion ab (in der Literatur dürfen dafür in bezug auf Derrida und Lacan die Romane von Thomas Hettche einstehen), so gerät nun die Theorie Habermas in den Fokus ästhetischer Praxis und Produktion.

Ein wenig fühlte ich mich bei dieser Inszenierung im Folkwang Museum auch an die seinerzeit in Berlin stattfindende Ausstellung „Embedded Art“ erinnert, wo der Besucher von einem – sozusagen – militärische Führer durch eine Ausstellung geleitetet wurde. Es gab dort jedoch, anders als in dieser Inszenierung, eine exakt kalkulierte Verweildauer vor den Werken. Über diese Ausstellung berichtete und schrieb ich hier und hier. Von der Subtilität her denke ich aber, daß das Folkwang-Konzept noch sehr viel komplexer und subversiver sich darbot.

Verborgene Leerstelle dieser Inszenierung und der Platz der A-Präsenz ist dabei sicherlich der (griechische) Chor der Investoren, der entgegen den Gepflogenheiten moderner Theaterproduktion mit griechischen Chören zu arbeiten, kein einziges Mal auftrat, das Geschehen in der Verborgenheit jedoch streng strukturierte: Sprachlose Performanz des Performativen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Your Security is my Security is our Security

  1. Nörgler schreibt:

    Das zeigt auf dieser Website abermals den Unterschied des gesellschaftlich verordneten Humors und dem, was wirklich witzig ist. Danke!

  2. bersarin schreibt:

    Danke! Ich bin jedoch, je mehr ich mich umsehe und lese, geneigt galliger und bitterer zu werden. Fast schon schwarz: und das wird irgendwann in einen Aufsatz mit folgendem Titel münden: „Der Kofferraum als geistig-moralische Lehranstalt“ (Ich melde diesen Titel schon einmal an. Inspiriert dazu haben mich einige Einträge drüben bei Momorulez, wo es um einen gewisse Art von Humor ging – war aber schon einige Zeit her.)

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