Tonspur zum Sonntag

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Ein schönes Lied, es erinnert an Vergangenes, an eine Zeit, als Text und Leben noch zusammenpaßten. An heiße Nächte in Bars, als Derrida noch lebte, Adorno aber schon lange tot war, als Foucault seinen zehnten Todestag beging, als Gespräche unendlich waren, als wir auf dem Fahrrad zu ihr fuhren, als wir uns in der Bar küßten, daß die Menschen indigniert guckten, als die Hitze des Sommers unermeßlich war, fast wie heute, als sie mit dem Küssen anfing, als ihre Freundin mir sagt, „Das macht sie immer nach dem vierten Bier“, als die Gerüstebauer morgens um sieben den Krach machten, als ab dem darauffolgenden Morgen regelmäßig um sieben die Dachziegel durch ein Fallrohr in den Container schossen, als wir im Fragment existieren, als der Geruch ihres schönen Parfums an mir haften blieb, während sie bereits fort war, als ich schon lange keine Lust mehr auf all den Politikscheiß hatte, als im Tutorium ein blondes Girl auftauchte, als sie nach Südamerika ging, als sie mich betrog, als ich sie betrog: es gibt nichts besseres als Simultanbetrug und betrogene Betrüger.

Nun: Wenn man nichts Gescheites zu schreiben weiß, dann müllt man seinen eigenen Blog eben mit Photos und Musik zu. So für einfach so. Aber betrachten Sie, liebe Leser, dies lediglich als ästhetische Negativität, wie ein interessantes Buch von Karl Heinz Bohrer heißt. Ein kluger Kopf, der seine Fähigkeiten leider in die falsche Richtung vertan hat. Adornos ästhetische Theorie, jedoch bereinigt um die Geschichtsphilosophie und das Gesellschaftliche, funktioniert nicht. Adorno selbst hatte bereits auf die Problematik, die eine solche Exstirpation mit sich bringt, hingewiesen. Nicht einmal die durch Nietzsche inspirierte und auf Adorno applizierte Kategorie des (ästhetischen) Augenblicks als ästhetische Erfahrung vermag da noch Rettung zu bieten.

Ach ja, heute abend gibt es Fußball: Der Abfall der Niederlande von Spanien wird bitterlich gerächt. Ansonsten gibt es, wenn ich in Oberhausen bin, ein leckeres Tintenfischrisotto.

Halt stand rotes Madrid, halt stand schwarzes Madrid

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Tonspur zum Sonntag

  1. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    „als Text und Leben noch zusammenpaßten“: das muss eine interessante Zeit gewesen sein. War das Ihre wilde Zeit oder ging‘s da schon etwas abgekühlter vor sich? Idealisieren Sie das nicht auch ein wenig? Würden Sie mir verraten, was Sie da gelesen haben?

    Das mit der Liebe und dem Betrug, das haben Sie sehr schön geschrieben, so poetisch.

    Ich werde jetzt endgültig den Rechner abschalten und mein Buch genießen. Und das Wetter. Obwohl das eigentlich schon wieder jenseits der Genussschwelle liegt. Möglicherweise ist das gar nicht das Wetter, sondern ein russisches Atomkraftwerk, das nicht den Regeln entsprechend funktioniert. Meine Mitbewohnerin – die aus Moskau kommt – und ich wir haben viel Spaß miteinander, der dann unweigerlich aufhört, wenn ich etwas zu russischen Atomkraftwerken sage, die im ehemaligen Osten nicht den allerbesten Ruf genossen.

    Zu den Tipps mit den Kameras werde ich mich noch äußern, vielen Dank erst einmal!

    Die Musik von White Lies gefällt mir übrigens ausgezeichnet, sehr viel besser als dieser Iggy Pop.

    Schönen Urlaub
    Aléa

  2. bersarin schreibt:

    Liebe Aléa,

    ja, es ist definitiv zu heiß, Ihre These zu den russischen Atomkraftwerken deckt sich mit meinen Beobachtungen ;-)

    Diese „wunderbaren Jahre“ waren in der Tat meine wilde Zeit. Wild im Sinne von ausschweifend, aber auch mit der höchsten Lese- und Geistesintensität. „Wild“ befaßt als Begriff ja vieles unter sich. Im Vergleich mit dem „einstmals“ ist die Jetztzeit nicht mehr so wild, sondern ruhig, was seine Berechtigung hat. In diesen wilden Jahren der Philosophie und der Ästhetik enthalten sind auch die zehn Jahre meines Studiums. In heutigen bachelorverseuchten Zeiten wäre ich ein unmöglicher Mensch, der nicht den Kriterien der Effizienz genügt.

    Eher untertreibe ich diese wilde Zeit, denn ich war damals ein Intellektueller mit einem Hang zur Geselligkeit, die heute nicht mehr derart gegeben ist: Rauchen, trinken, ab und zu Partys, auf denen nach der 48ten Flasche Wein manch wunderliches Zeug abgesondert wurde. Verkrachte Künstlerexistenzen und abenteuerliche Herzen. Diese Geselligkeit betraf jedoch eher Frauen. Männliche Kommilitonen interessierten mich nicht.

    Andererseits steckt in den Ausführungen sicher auch ein Maß an Idealisierung, weil ich die Tücken, die Routine ausblendete. Zum Problem des Erinnerns müßte man Prousts Text noch einmal befragen.

    Was las ich zu dieser Zeit, also im Jahre 1994? Gerne beantworte ich diese Frage nicht, weil die Antwort wie Hochstapelei aussähe und als ob ich ein name droping absolvierte. Doch alles Zieren nützt nichts, denn womöglich steht die Eitelkeit höher als die Scham darüber, ein Angeber zu sein. Da ich diese Bücher jedoch gelesen und studiert habe, wäre es andererseits unsinnig, sie zu verschweigen. Belletristik, rein assoziativ, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit sowie Verbindlichkeit – und ich zähle nur das auf, was ich inhaltlich nicht vergessen habe, weil es für die damalige Zeit bedeutsam war und in bestimmten (philosophisch-ästhetischen) Kontexten stand: Bachmann, Grünbein, Auster, DeLilo, Handke, Bulgakow, Faulkner, natürlich immer wieder dazwischengeworfen ein Text von Thomas Bernhard, Beckett und Kafka.

    In der Philosophie war 1994 ein Derrida- und zum Teil auch ein Lacan-Jahr, hinzu kam ein wenig Emmanuel Lévinas sowie immer wieder eingestreut, sozusagen als Unterfutter, Nietzsche. Das mit Abstand bedeutendste Buch aus jener Zeit war für mich Jacques Derrida „Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits“, erste und zweite Lieferung. Ansonsten gab es zur Lektüre: Kants „Kritik der reinen Vernunft“ als Projekt einer privaten Arbeitsgruppe, das sich über Jahre hinzog. Gleichfalls in diesem Rahmen der Kontinuität: Hegels „Phänomenologie des Geistes“ sowie die „Wissenschaft der Logik“. Habermas „Faktizität und Geltung“ (mit blonder Frau, zu zweit), zudem: Versuch, dieser blonden Frau Adornos „Dialektik der Aufklärung“ und Niklas Luhmanns „Soziale Systeme“ nahezubringen, als Gegenleistung erhielt ich die Rechtssoziologie Niklas Luhmanns; Arbeitsgruppe zu Heideggers „Sein und Zeit“, zu zweit mit dunkelhaariger Frau, auf rein intellektueller Basis.

    Ich hoffe, dies hat Ihnen einen kleinen Überblick gegeben. Die philosophische Spur meiner Existenz: Kant, Hegel, Marx, Nietzsche, Adorno, Benjamin, Derrida (zeitweise auch Foucault und Luhmann), und jeden mit dem anderen gegenlesen.

    Den Schriftsteller, welchen ich über all die Jahre am meisten schätze, sage ich Ihnen nicht, Sie müssen ihn erraten.

    Ich sende Ihnen die besten Grüße

    Bersarin

    PS: In den Urlaub geht es ab Donnerstag. Ich werde dazu eine meiner üblichen Ankündigungen schreiben. Dank auch für Ihre guten Wünsche.

  3. Aléa Torik schreibt:

    Guten Abend,
    ich kann Ihnen in dieser Ausführlichkeit gar nicht angemessen antworten. Aber ich kann etwas anderes, ich kann raten. Die Antwort lautet: Boris Vian. Wenn Sie es noch genauer haben möchten: jener Titel, den alle schätzen „Der Schaum der Tage“. Leugnen Sie nicht. Sie müssen sich nicht schämen, das ist ein gutes Buch, auch wenn der Mann in Deutschland, glaube ich, nicht richtig Fuß fassen konnte.
    Aléa Torik

  4. bersarin schreibt:

    Liebe Aléa,

    dies ist unfair von Ihnen, ich dachte immer, es wäre das Privileg des Philosophierenden, jenes über die andere zu wissen, was sie selber noch gar nicht weiß. Und nun sehe ich einmal, wie es andersherum geht. Denn natürlich habe ich von Ihnen einen ganz anderen Namen erwartet. Doch wie sagte es schon Foucault: „Ich stehe nicht da, wo ihr mich sucht, sondern dort, von wo aus ich euch lachend ansehe.“

    Diese Überraschung ist Ihnen geglückt.

    Denn Sie haben vollkommen recht und leugnen hilft nicht. Boris Vian und insbesondere der „Schaum der Tage“ sind heimliche Favoriten. In meiner Oberstufenzeit haben ein Freund und ich alles von ihm gelesen, was wir in die Finger bekommen konnten. Die Erzählungen,die Romane. „Wir werden auf eure Gräber spucken“ war unser Lebensmotto als die wilden Jahre beganen. Wir haben Jean Sol-Partre-Ähnlichkeitswettbewerbe veranstaltet. Unsere Partys versuchten wir 1983, 1984, 1985 so auszurichten wie bei „Drehwurm, Swing und Plankton“, allerdings mit Punk-Musik. (Nur: mit den Frauen ging das nicht so ganz auf wie bei Vian: unsere Surprise-Partys.) Die Bücher Vians stehen alle bei mir in der Bibliothek, und zwar in der wunderbaren alten Ausgabe von „2001“ (nicht die neue Ausgabe, wo alles zusammengepappt ist) mit den tollen Covern von Art Spiegelman.

    Völlig zu unrecht wird Vian in Deutschland kaum gelesen. Dagegen sollte etwas getan werden. (Den großen Raymond Queneau möchte ich aber der Ordnung halber auch noch hinzufügen.)

    Ja, ich bin zuweilen sehr ausführlich. Ärgere mich hinterher auch selber darüber.

    Herzliche Grüße

    Bersarin

  5. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    nicht schlecht, oder?

    Ich habe Ihr Blog vor einigen Wochen zusammen mit dem von Jean Stubenzweig in meine Blogroll aufgenommen (in diesem Artikel: http://www.aleatorik.eu/2010/05/16/der-salon-sucre/ ) da habe ich mich natürlich vorher ein wenig bei Ihnen umgeschaut und mich am Sonntag an Ihren Artikel zu Vian erinnert. „Der Schaum der Tage“ habe ich auch gelesen, das hat aber offenbar nicht den Eindruck hinterlassen wie bei Ihnen. Ich kann mich immerhin erinnern, dass ich es sehr ungewöhnlich fand.

    Ob ein Autor viel oder wenig gelesen wird, habe ich in letzter Zeit den Eindruck, hängt nicht mit seiner Qualität zusammen, sondern eher mit Zufällen oder Verlagsentscheidungen und bei Ausländern, der Arbeit von Literaturscouts zusammen. Ich habe von zwei Jahren entdeckt, dass in Deutschland viel Isabel Allende gelesen wird, und der Erfolg dieser Frau in Deutschland ist einzig und allein der Arbeit eines Scouts zu verdanken, wie auch der von Carlos Ruiz Zafón. Denn gut ist das nur, wenn man ganz bestimmte Maßstäbe anlegt. Oder vielmehr, wenn man diese nicht anlegt.

    Jetzt etwas anderes, das dürfen Sie nicht in den falschen Hals bekommen, aber ich gehöre zu den Menschen, die offen sagen, was Ihnen auf der Zunge herum liegt. Ich meine es nicht böse. Den Jean Sol-Padre Ähnlichkeitswettbewerb: den haben Sie doch hoffentlich nicht gewonnen, oder?! Alles andere als der letzte Platz ist doch peinlich.

    Von Raymond Queneau kenne ich nur „Zazie dans le métro“, aber ich weiß, dass es da noch ganz andere Sachen zu entdecken gibt.
    Ich war in meinem Kommentar etwas wortkarg, weil mir gerade einfach alles zu viel war. Aber das Gefühl hätte sich auch eingestellt, wenn es weniger gewesen wäre. Heute weiß ich kaum noch, was das viele gewesen ist. An dem Tag bestand alles nur aus Schreiben und irgendwann reichte es dann.

    Im Grunde mag ich es sehr, wenn es zu einem Gespräch kommt und das geht nur in längeren Texten und Beiträgen, wie Sie sie ja auch bei mir hinterlassen. Zum Beispiel zum Thema Fotografie, ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie mir gleich eine Verkaufsberatung angedeihen lassen. Ich habe mich darüber gefreut, aber ich war und bin etwas überfordert. Ich dachte an ein Modell, an dem ein kleiner Knopf befestigt ist, auf den man dann, wenn man etwas ablichten möchte, einfach draufdrückt. Sowas in der Art. Ist dieses Modell noch nicht erfunden worden?

    Herzlich
    Aléa Torik

  6. bersarin schreibt:

    Liebe Aléa,

    ja, nicht schlecht, chapeau. (Und auch ich habe natürlich in Ihrem Blog ein wenig gelesen.)

    Zum Ähnlichkeitswettbewerb: Es ging eher um den Pathos der Existenzphilosophie, wer kann das besser, wer ist der am schwärzesten Gekleidete, wer besitzt die feineren Rollkragenpullover? Nicht so sehr ging es um das Aussehen. Um Sie aber zu beruhigen: es gibt bis auf die Intellektualität und den messerscharfen Geist keine Ähnlichkeit zwischen Sartre und mir, auch von der körperlichen Größe her besteht da, glücklicherweise, keine Analogie.

    Natürlich wollte ich Ihnen beim Photoapparat keine Verkaufsberatung liefern, das tut mir leid, wenn ich Verwirrung erzeugte. Vergessen Sie meinen Text einfach, wenn man denn so einfach einen Text von mir vergessen kann. Andererseits ist es aber nicht so einfach wie sie es schildern. Ein Briefkasten funktioniert so: da ist eine Öffnung, da tut man einen Brief hinein. Kameras arbeiten anders. Für gute Bilder muß man eine Beziehung zur Kamera aufbauen. Mit irgendeinem Apparat werden Sie lediglich irgendwelche Fotos machen, vielleicht sind ein paar gute Zufallsbilder dabei. Vielleicht vertagen wir die Geschichte mit der Kamera aber ein wenig, und sie sagen mir demnächst einfach ein paar Details, was sie mit der Kamera wollen, was nicht (falls Sie überhaupt wollen). Ein wenig habe ich bei Ihnen ja schon hermeneutisch herausgelesen, obwohl ich im Grunde meines Herzens tiefer Antihermeneutiker bin.

    Nein, sie waren nicht wortkarg, das geht schon in Ordnung. Seien Sie froh, daß Sie diese Zeit zum Schreiben haben. Ich selber muß sie mir leider mühsam abpressen, weil ich …, aber ach, das führt zu weit, diese Dinge in extenso auszubreiten.

    Herzliche Grüße

    Bersarin

  7. bersarin schreibt:

    Kurzer Nachtrag noch zur Literatur:

    Was Sie über die Agenten und Scouts schreiben, will ich Ihnen gerne glauben. Allende hat mich nie wirklich interessiert. Ich würde die auch nicht bei Literatur einordnen, das ist Unterhaltung – und das ist noch das beste, was man von ihren Büchern sagen kann.

  8. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    ja gerne, wir treffen uns wenn Sie wieder zurück sind. Sie erzählen mir etwas zur Kamera und ich erzähle Ihnen etwas zu dem Romanmanuskript, an dem ich gerade arbeite. Ihr Urteil würde mich interessieren, wenn Sie, als Antihermeneutiker, sich dem gegenüber nicht sperren wollen.
    Aléa Torik

  9. bersarin schreibt:

    Liebe Aléa,

    ja, sehr gerne. Gerade wir lesesüchtigen Anithermeneutiker sind für solche Vorschläge und Unternehmungen äußerst offen, und so sperre ich mich nicht. Gestehe auch freimütig, daß ich auf Ihr Romanmanuskript neugierig bin. Ich werde in etwa zwei Wochen zurück in Berlin sein, und ich schreibe Ihnen dann.

    Bis dahin herzliche Grüße

    Bersarin

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