Tomorrow‘s just Another Day – Across the Border

Ich muß nun schuldhaft sagen, daß ich mich am Samstag in den Menschenpark begeben habe und den Feiernden beim Feiern photographierend zuschaute, wie man dies an den Bildern vom Sonntag erahnt. Ich meine, daß dies jeder einmal in seinem Leben machen sollte: sich in den Pulk der Frohgesinnten zu begeben. Dabeisein ist Pflicht und sei es nur einen Augenblick, um Jöthe etwas abzuwandeln. Ich fordere sogar jeden, der mit Ästhetik und Kunst sich beschäftigt, auf, diese Teilhabe aus ästhetischen Gründen zu betreiben. Ja, wir wollten uns immer (im Kunstwerk) aussetzen, wir wollten, daß das Kunstwerk das Fragmentarische zum Ausdruck bringt, uns selbst fragmentiert, uns an die Grenzen der Erfahrung bringt, ins Schwarz hinein, die Nacht des Nichts und in den Abgrund. Wir wollen die Extreme, jenseits des Marktes; vielleicht so wie dies Stuart Brisley in seinem provokanten selbstzerstörerischen Video „Arbeit macht frei“ betrieb bzw. vorführte. Es ist in der NGBK in Kreuzberg im Rahmen der Ausstellung „Goodbye London – Radical Art and Politics in the Seventies“ zu sehen.

Aber: Bitte Mitte, immer schön Abstand halten in der Welt der Kunst. Es scheint in der Wahrnehmung von Kunst so zu funktionieren wie in der Erfahrung des Erhabenem: Das Erhabene des stürmischen Ozeans stellt sich, so Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“, eben nur aus dem Abstand her als erhaben dar. Nein, so darf es nicht funktionieren. Heben Sie das Trennende einmal auf! Gehen Sie in die Welt der Fanmeilen, ins Gesamtkunstwerk Fußball, feiern Sie, liebe Leser, mit den Fußball- und Deutschlandbegeisterten! Dies eben ist das wahre Sich-Aussetzen des Ästhetikers. Ich selber habe es probiert. Hierbei geht es an die Grenze der äußersten Negativität. Die Fanmeile und der Autokorso sind selbstdestruktive ästhetisch-philosophische Praktiken, die die Linien überschreiten. Sozusagen angewandter Hegel: Der Herr – in der Hegelschen Anerkennungsdialektik der Phänomenologie – scheute selbst den Tod nicht. Gleichzeitig freilich ist dieser Akt des absoluten Sich-Aussetzens und der Aufhebung eine Komödie, so in der Lesart Batailles/Derridas. Es ist dieser Akt lediglich das Simulacrum des Todes, ohne im Tod zu sein. Ein Überborden der Dialektik des Todes. Ich wollte diesen Aspekt einmal im Rahmen meiner Hegel/Derrida-Lektüre intensiver ausführen. Ich denke, daß ich das auch noch mache, aber später, im Herbst vielleicht. Die Jahreszeit paßt gut zum Thema.

Morgen ist also wieder ein Fußballspiel der deutschen Mannschaft. Es wird spannend, der wahrsagende Tintenfisch aus Oberhausen hat krakelnd orakelnd auf Spanien gedeutet. Sollte die deutsche Mannschaft und mit ihr Deutschland morgen trotzdem Sieger sein, so begeben Sie sich unter die Feiernden. Angst ist nach Heidegger schließlich ein Existenzial.

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