Christian Wulff

wurde erst in der neunten Stunde gewählt. Das ergibt eine lange Strecke, wenn man bedenkt, daß der Verurteilte in Kafkas Strafkolonie, dem jene Maschine das Gebot mit einer kunstvoll konstruierten Egge in den Leib schreibt, bereits in der sechsten Stunde jenes Gebot, welches er übertrat, entziffern kann und ihm in der Schrift etwas aufgeht:

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter, der Mann fängt bloss an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund als horche er.“ (F. Kafka, In der Strafkolonie, S. 36, Berlin 1975)

Bundespräsident Wulff will in seinem Bundespräsidentenpalast, sprich im Schloß Bellevue, im Bundespräsidentenzimmer eine Krabbel- und Spielecke für sein zweijähriges Kind einrichtet. Die Prenzlauerbergisierung und die Bugabooverseuchung Berlins schreitet unaufhaltsam voran bis in die höchsten Staatsämter. Herrschte früher die gediegene Strenge des Amtes, so dringt heute allüberall fröhlicher Kinderschall ans Ohr.

Wenn Sie, liebe Leser, womöglich in Prenzlauer Berg oder an einem anderen Ort, wo Kinder den Frieden und die Ruhe stören, am Samstag in Ruhe dieses entscheidende Fußballspiel sehen wollen, dann machen Sie es doch einfach wie dieser Mann in den USA:

„Ein Mann, der sich beim Fußball-WM-Spiel USA gegen Ghana von seiner weinenden Tochter gestört fühlte, hat das Kind totgeschlagen. Der 27-Jährige aus Texas habe gestanden, zweimal mit der Faust auf den Brustkorb der Zweijährigen gehauen zu haben, weil sie während des Spiels schrie, berichtete die Zeitung The Monitor. Die Mutter habe ihre Tochter nur noch tot vorgefunden als sie nach Hause kam.“ (aus: Berliner Zeitung, 30. Juni 2010, Vermischtes)

Fast eine Geschichte wie aus Hebels „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds“. Und im Zusammenhang mit diesem Zeitungsartikel möchte ich zugleich auf Thomas Bernhards kleines feines Buch „Der Stimmenimitator“ mit jenen kurzen, teils aberwitzigen Prosastücken aufmerksam machen und es warm an das trübe Leserherz legen. Diese Prosa ist im Duktus und vom Sujet her teilweise ganz ähnlich wie jener Zeitungsartikel. Etwas anders zwar vom Thema und weniger gewalttätig liest sich dieser Text Bernhards:

Moospruggers Irrtum

Der Professor Moosprugger sagte, er habe einen Kollegen vom Westbahnhof abgeholt, welcher ihm nur vom korrespondieren her und nicht persönlich bekannt gewesen sei. Er habe tatsächlich einen anderen erwartet, als den, welcher tatsächlich auf dem Westbahnhof angekommen sei. Als ich Moosprugger darauf aufmerksam gemacht hatte, daß immer ein Andere ankommt, als der, den wir erwartet haben, stand er auf und ging allein zu dem Zwecke weg, alle Kontakte, die er in seinem Leben geknüpft hatte, abzubrechen und aufzugeben.“ (Th. Bernhard, Der Stimmenimitator, S. 56, Frankfurt 1978)

2 Gedanken zu „Christian Wulff

  1. manchmal sind ihre texte wie origami-faltungen: ein schönes gebilde, von dem man nicht recht weiß, wie es zusammenhält.
    just beginnt im gegenüberliegenden haus ein kind zu schreien … und schon ist es wieder still – dass gerade kein fussball läuft beruhigt wohl irgendwie, wie auch die gewissheit, dass die meisten eltern über ein größeres methodenrepertoire zur bändigung des eigenen schreihalses verfügen.

    worum gings nochmal? kafka ist nicht mehr kafkaesk genug und charms charme verblasst angesichts der wirklichkeit?
    hoffentlich ist schnell august, wegen des bohrlochs,
    mit bestem gruß,
    lyra.

  2. Ich fasse das als Lob auf, worüber ich mich natürlich freue. Genau so sind die Texte konzipiert. Kein Ort, nirgends, um einen Buchtitel von Christa Wolf zu zitieren.

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