Zur Musik bei Walter Benjamin sowie: Sammler und Interieur

Zuweilen gibt es Sätze, die so geartet sind, daß man sie unmittelbar gar nicht kommentieren kann und mag. Sätze, die ein Leser erst einmal auf sich wirken lassen muß. Dies betrifft sowohl ihren Inhalt als auch die Form. Einen solchen (längeren) Satz von Benjamin zitiere ich zum Schluß dieses Eintrags. Wenn ich einen Text wie den von Benjamin lese, dann weiß ich wieder den Grund, warum ich bereits in frühen Jahren schon zur Kritischen Theorie kam.

Zuvor jedoch ein Umweg: Gestern habe ich in der „Berliner Zeitung“ eine Besprechung zum Verhältnis Walter Benjamins zur Musik gelesen, wozu es in der „Akademie der Künste“ eine Veranstaltungen gab: Klang und Musik im Werk Walter Benjamins. Auch einige andere interessante Veranstaltungen liefen dieses Wochenende in Berlin, die ich verpaßte, weil ich fort war: Von „48 Stunden Neukölln“ über die Tagung mit Zizek und Badiou an der Volksbühne zur Zukunft des Kommunismus, die gewiß Interessantes und Amüsantes bereitgehalten hat.

Was nun das Musikalische bei Benjamin betrifft, so existiert dies zwar in der Schrift selbst – im Sound seiner Texte sozusagen – und in den Passagen, die aphoristische Wahrnehmungen betreffen, so in der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“, nicht jedoch, wie etwa bei Adorno, in der dezidierten Analyse von und in der Auseinandersetzung mit Musik. Benjamin ist kein Musiktheoretiker; er hatte, wie auch Karl Kraus, mit dieser nicht sehr viel im Sinn, besaß kaum musikalisches Verständnis. Es gibt von Benjamin keinen Text, der sich explizit mit Musik befaßt.

Im Kunstwerkaufsatz etwa, der sich mit der damals als avanciert geltenden Filmkunst, der Photographie und der Malerei beschäftigte, kommt die Musik weder als Mittel einer zerstreuten noch einer kontemplativen Rezeption vor. Genausowenig taucht sie im Zusammenhang mit dem Verlust der Aura durch die Schallplatte und das Radio auf, den antiauratischen Medien schlechthin. Dabei kann man Benjamin in manchen seiner Sätze fast schon als einen Theoretiker des Pop begreifen. Zumindest ist er in der Bewegung seines Denkens (teils) popaffin. Seine Konzeption, wie ein Kunstwerk zu rezipieren sei, geriet sehr viel weniger bürgerlich als die Theorie Adornos. (Ich lasse eine Kritik beider Positionen beiseite.) Die Aufführung im Konzertsaal war für den bürgerlichen Rezipienten wie Thomas Mann oder Adorno unverzichtbar, die Schallplatte oder das Radio galten nicht einmal als Schwundstufen der Musikwahrnehmung, sondern beinhalteten ihre Verzerrung, bedeuteten den Tod lebendig erfahrener Musik.

Es wäre diese Veranstaltung in der „Akademie der Künste“, die auch musikalische Darbietungen enthielt, sicherlich lehrreich gewesen. Aber da, wo man nicht ist, kann man nun einmal nicht sein.

Nun aber zu dem etwas längeren Zitat, um das man einen  Kommentar gruppieren könnte, damit sich der Gehalt dieser Passagen zeigt, das ich jedoch so für sich stehen lassen möchte. Allein die Wendung „die Verklärung der Dinge“ ist eine Preziose, erst recht das, was da in dem Satz zum Ausdruck kommt. In einem ansprechenderen Gewand kann diese Form politischer Ökonomie nicht daherkommen. (In Benjamins Studien zu Baudelaire werden die folgenden Aspekte dann genauer ausgeführt):

„Das Interieur ist die Zufluchtsstätte der Kunst. Der Sammler ist der wahre Insasse des Interieurs. Er macht die Verklärung der Dinge zu seiner Sache. Ihm fällt die Sisyphosaufgabe zu, durch seinen Besitz an den Dingen den Warencharakter von ihnen abzustreifen. Aber er verleiht ihnen nur den Liebhaberwert statt des Gebrauchswerts. Der Sammler träumt sich nicht nur in eine ferne oder vergangene Welt sondern zugleich in eine bessere, in der zwar die Menschen ebensowenig mit dem versehen sind, was sie brauchen, wie in der alltäglichen, aber die Dinge von der Form frei sind, nützlich zu sein.

Das Interieur ist nicht nur das Universum sondern auch das Etui des Privatmanns. Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont. Man ersinnt Überzüge und Schoner, Futterals und Etuis in Fülle, in denen die Spuren der alltäglichsten Gebrauchsgegenstände sich abdrücken. Auch die Spuren des Wohnenden drücken sich im Interieur ab. Es entsteht die Detektivgeschichte, die diesen Spuren nachgeht. Die ‚Philosophie des Mobiliars‘ sowie seine Detektivnovellen erweisen Poe als den ersten Physiognomen des Interieurs. Die Verbrecher der ersten Detektivromane sind weder Gentlemen noch Apachen sondern bürgerliche Privatleute.“ (W. Benjamin, Passagenwerk V 1, S. 53)

Ein Gedanke zu „Zur Musik bei Walter Benjamin sowie: Sammler und Interieur

  1. mir ist, als träumte ich von solchen Träumen, und suchte die Lösung bei Benjamin, als ich davon höre, dass er Deratiges schreib. Erster Versuch: „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.