Sigmar Polke

Soll ich heute, an diesem besonderen Tag, wo alles fiebert und Vorfreude verströmt, eine Deutschlandfahne zeigen oder gar malen? Jasper Johnes ging seinerzeit bezüglich der USA mit ästhetischem Beispiel voran. Die Flagge im Modus der Repräsentation gerät zur Kunst. (Den Unterschied zwischen Fahne und Flagge lassen wir einmal beiseite.) Aber vielleicht kann man das ja machen: eine Deutschlandfahne: ach was: man muß es sogar tun und dann noch etwas Text in das Bild hineinschreiben. Zum Beispiel diesen: „Höhere Wesen befahlen: oberes Drittel schwarz malen.“

Heute ist der Maler Sigmar Polke gestorben. Ein Maler, der durch seinen Humor und seine vielschichtige Kunst auffiel. Vor allem aber, daß er sich nicht so leicht zuordnen ließ. War es bloßer Quatsch, eine Fortschreibung des Dada, oder Ironie: ein Spiel zwischen Scherz, Ernst und tiefer Bedeutung? Von allem wohl etwas. Seine Bilder sind vielfältig: von den Rasterbildern über die Abstraktion der 60er Jahre und Thermo-Bilder, die sich farblich ändern, bis zur Pop-Art. Polke spielte zudem mit dem Material als Träger von Farbe und Form. Flanell als Untergrund: das hat etwas. Polke kombinierte die Medien, mischte Photographie und Malerei, nutzte das Medium Zeitung. Er reiste, er photographierte, und er war ein zurückgezogener Mensch, was ihn mir mehr als sympathisch macht. Jemand, der sich nicht spreizt und der dennoch auf einer Vernissage mit Witz und Präsenz da war.

Führte er den Kunstbetrieb bloß vor und erzielte mit seinen Bildern trotzdem Rekordpreise, oder gab es da, neben all den Scherzen und Zitaten, durchaus einen metaphysischen Ernst? Zumindest herrschte die Gebrochenheit, denn das Ganze, die große Geste waren umstandslos nicht mehr ohne weiteres zu haben. Polkes Bilder als selbstbezügliches und -genügsames Spiel abzutun, greift zu kurz. Als Reizbegriff tritt dann auch gleich die hinterlistige Postmoderne hervor, mit der sich trefflich abwatschen läßt. Nichts Ernst nehmen, auch den eigenen Betrieb nicht. Böse, böse.

Als Signum von Polkes Vielschichtigkeit und seinem gebrochenen Spiel mag das Bild „Moderne Kunst“ von 1968 dienen; es spielt mit den Formen sowie den Möglichkeiten und Grenzen des Ausdrucks, es ironisiert und ist durch seinen Zitatcharakter zugleich eine selbstreferenzielle Auseinandersetzung mit dem System Kunst. Es macht sich lustig, so daß keiner mehr mit jenem bedeutungsschweren heiligen Schauer vor den Ikonen der abstrakten Moderne (oder der Kunst überhaupt) steht, und er nimmt diese Kunst dabei doch beim Wort.

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Die Slogans fallen einem zu Polke ein: Beuys-Schüler und vor allem: „Kapitalistischer Realismus“, einen Begriff, den Gerhard Richter zum Titel einer Ausstellung wählte und der so zum Programm wurde. Polke führte diesen Begriff fort. Ich halte diesen Begriff für einen geradezu zentralen, und man muß ihn weiterhin mit malerischem oder photographischem Leben füllen, ihn erweitern.

Sicherlich hätte, gleichsam um das Auflockern zu üben, seinerzeit in die Ausstellung „GegenwartEwigkeit. Spuren des Transzendenten in der Kunst unserer Zeit“, die 1990 im „Martin-Gropius-Bau“ stattfand, jenes Bild „Höhere Wesen …“ von Polke hineingehört. Denn neben all den malerischen Späßen war es ihm mit der Kunst dennoch Ernst. Insofern träfe gerade bei diesem Bild der Begriff der Transzendenz die Angelegenheit gut. Ein Grenzgänger, der die Kunst in ihrer Brüchigkeit zum Thema machte, der diese Gebrochenheit von Kunst und Welt heiter aushielt und dennoch auf seine (ästhetische) Weise (ästhetisch) opponierte.

Sigmar Polke ist mit bereits 69 Jahren in der Nacht zum Freitag gestorben.

2 Gedanken zu „Sigmar Polke

  1. Ich sage einfach Danke. Dem Zufall dem Schicksal oder welcher Fügung auch immer. Hier in ihrem Blog gelandet zu sein. Ich werde still und lese und staune und staune. Edits von hoher Substanz und Gedanken wie ich sie selten las & sie mir dennoch wünschte. Ein Kleinod in der schnellen Welt. Eigen & wohl meinen Geist zu nähren. Herzlich by©lz

  2. Keine Ursache. Das schöne am Internet: das Treiben, der Trieb, die Versenkung, das Schweifen, das Neue.

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