Ökologische Kommunikation und Alarmismus

Ich halte nicht viel von politischer Betroffenheit ohne Reflexion oder von solchen Welttagen, wie etwa heute, dem Tag des Ozeans. Es gibt derer so viele, daß die Aspekte zerfaselt werden. Weltkindertag, Weltbuchtag, Weltnichtrauchertag, Welttag der Stille, Weltsackkratztag. Doch da mir gerade ein ganz bestimmtes Buch in die Hände geraten ist, von dem Leserin und Leser sogleich erfahren werden, zunächst assoziativ einige Sätze zum Ozean, aus dem, so die Meinung eines antiken Philosophen, alles Leben kommt. Nun aber sprudelt da heraus unser täglich Energie in Potenz.

Ich möchte in diesem Rahmen gar nicht so sehr moralisieren oder im Detail anklagen, da die Angelegenheit über den individuellen Kontext eines Konzerns wie BP hinausreicht und ein grundsätzliches Problem der Art und Weise unserer Ökonomie umfaßt. Wo kapitalistisch gewirtschaftet wird, da fallen nun einmal monetäre oder soziale Späne. Menschenmüll, Tiermüll, Meeresmüll, Strandmüll. Es möge da keiner klagen. (Diese promethischen Überhebungen kann man in bezug auf das Verhältnis zur Natur bei Günther Anders oder Hans Jonas nachlesen, wenngleich letzterer sich in Ethik verzettelt.) Doch halte ich es im Hinblick auf die gesellschaftlichen Bezüge und Möglichkeiten von Darstellung sowie Repräsentation – über was nämlich wie kommuniziert wird – für sehr interessant und bezeichnend, daß jenes austretende Öl im Golf von Mexiko, was man mit Fug und Recht als die schwerwiegendste Umweltkatastrophe seit Tschernobyl bezeichnen kann, kaum eine Reaktion und keinerlei Protest hervorruft. Ein Tiefsee-Bohrloch, aus dem seit über einem Monat Öl austritt. Es gibt die übliche Bilder von verklebten Vögeln, toten Fischen, um ihre wirtschaftliche Existenz gebrachte Menschen. (Andererseits ließen sich die Bilder von Verzweifelten und ökonomisch Deprivierten aus Afrika, Asien, Südamerika zu jedem Tag, zu jeder Sekunde kommunizieren. Wie sagte es Karl Valentin: Schön, daß in die Zeitung immer genau das hineinpaßt, was sich in der Welt ereignet.) Solches (Bild-)Material hätte vor zwanzig Jahren eine Kampagne ausgelöst. Für das Entsetzen reichte in jener guten alten Zeit ein Öltanker, der zerbrach, oder ein notabgeschaltetes Atomkraftwerk aus. Als Shell die „Brent Spar“ versenkte, wurde zu einem massiven Tankboykott an Shellstationen aufgerufen. (Den Sinn einer solchen Aktion, die damals breite Resonanz fand, kann man lange diskutieren, da das Grundsätzliche, sprich gesellschaftlich Allgemeine, ausgeblendet wurde zugunsten des unmittelbaren Effekts.) Zumindest jedoch wurde in einer bestimmten gesellschaftlichen Phase der BRD ökologisch kommuniziert. Es hat sich heute die Kommunikation verschoben. Lassen wir nun aber den Soziologen Niklas Luhmann sprechen:

„Als Zwischenergebnis halten wir fest, so verwirrend es klingen mag: Die Gesellschaft kann sich ökologisch nur selbst gefährden. Damit ist nicht nur gemeint, daß sie selbst die Umwelt so verändert, daß dies für die Fortsetzung gesellschaftlicher Reproduktion auf heutigem evolutionärem Niveau Folgen hat. Entscheidend ist vor allem, daß die Gesellschaft Kommunikation nur durch Kommunikation gefährden kann, (Herv. Bersarin)wenn man von dem immer noch unwahrscheinlichen Fall einer radikalen Auslöschung menschlichen Lebens einmal absieht. Auch Zusammenhänge zwischen ihren eigenen Operationen und Umweltveränderungen als Problem für weitere Operationen müssen irgendwie und irgendwo thematisiert werden, und sei es nur anhand der Folgen, um im Kontext der gesellschaftlichen Kommunikation Resonanz zu finden. Damit wird es zur Schlüsselfrage, wie denn die Verarbeitung der Gesellschaft für Umweltinformationen strukturiert ist.“ (Hinweis: Mit Umwelt ist hier und bei Luhmann überhaupt nicht die bloß ökologische, sondern eine systemtheoretische, kybernetisch konnotierte System/Umwelt-Differenz gemeint.)

Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 68

6 Gedanken zu „Ökologische Kommunikation und Alarmismus

  1. Tja, bei zuvielen Möglichkeiten für Entsetzen schaltet der Mensch ab. Außerdem müssten man heute den Konsumenten erstmal klarmachen, dass sie, um BP zu boykottieren, Aral meiden müssen.

    In gewisser Hinsicht ist dieses Resignieren gar nicht schlecht, denn wenn man sich Brent Spar anguckt, war das, wie du ja andeutest, in erster Linie ein unpolitischer Versuch, Macht zu demonstrieren, in diesem Fall von Greenpeace. Die schafften es tatsächlich, dass kein Mensch mehr bei Shell tankte (außer Harrald Schmidt), was aber nur dazu führte, dass Unternehmenskommunikation neu ausgerichtet wurde. In der Folge ging es um angebliche gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, auch auf ökologischer Ebene, was ja nur Gefasel ist, faktisch wurde alles immer neoliberaler.

    Brent Spar als Einstieg in eine neue Unternehmenskommunkation, die nur noch mehr verschleiert, sonst nichts. Ökologisch hat es offenbar wenig gebracht.

    BP hatte es in den vergangenen Jahren ja prima geschafft, sich ein ökologisches Image zu geben (Beyond Petroleum), offenbar jahrelang völlig ungerechtgertigt. Dass eine solche Riesenkatastrophe wie die jetztige sich kommunikationstechnisch nicht mehr entschärfen lässt, liegt einzig an den Dimensionen des Ölteppichs.

  2. So ist es wohl. Vor allem muß es darum gehen, diese Mechanismen zu durchschauen, wie Unternehmen eine Lügenkommunikation aufbauen und sich sozusagen grün und fair „branden“ und „labeln“. Aber es sind dies alte Hüte.

    Ich wundere mich allerdings deshalb, weil wir es hier mit der schlimmsten ökologischen Katastrophe zu tun haben. (Tschernobyl einmal ausgenommen.)

    Andererseits bin ich zum Glück nur für die Ästhetik zuständig, insofern brauche ich da nicht beunruhigt zu sein, weil diese Dinge schließlich nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fallen. Mich erinnern diese Dinge lediglich ein wenig an Becketts „Endspiel“ als Ham den Clov fragt, was er draußen sehe.

  3. Eine Naturkatastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes: Im Golf von Mexiko strömt offenbar pro Stunde mehr Öl aus dem Bohrloch als anfänglich für einen gesamten Tag angenommen wurde. Damit wird alle fünf Tage so viel ausgestoßen wie insgesamt nach der Havarie der „Exxon Valdez“. Ich frage mich, warum die Politik noch nicht gehandelt hat und die bestehenden Förderanlagen erstmal stilllegt. Lernen die Politiker, denn nichts daraus.

  4. Die Verzweiflung in der Frage zeigt zwar einerseits einen richtigen Reflex an. Aber es greifen solche Fragen dennoch zu kurz, weil es sich eben um ein recht grundsätzliches Problem im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftens sowie um einen Widerstreit der Interessen unter den Bedingungen einer pluralen Moderne handelt. Genova hat das in seinem Beitrag ja genannt.

    Was auch soll die von der Wirtschaft geschmierte, nein natürlich inspirierte Politik, die solche Bohrungen zuließ, Großes tun?

    Solche Fragen wie die zu BP (wobei BP bloß ein Name und Platzhalter für eine bestimmte Art des Wirtschaftens ist) lassen sich nur klären, wenn man das gesellschaftlich Allgemeine angeht. Es gibt jedoch momentan keine ernstzunehmenden, größeren sozialen Bewegungen, die irgendwie Einfluß nehmen könnten. Insofern sind dann im Grunde all diese Diskussionen nur hilflos.

  5. Ich erinnere mich daran, dass der mediterrane Badeurlaub in den 70ern stets mit teerverschmierten Füssen verbunden war. Das Zeug ist hartnäckig, man konnte es nur mit Benzin von der Haut schrubben. Bizarr.

  6. Ja, das stimmt, ich erinnere mich: Der Teer an den Zehen, an den Sohlen. Es waren bei mir in den 70ern allerdings das Schwarze Meer und die Nordsee, um ein wenig privat zu plaudern.

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