Tommasso Ausili – Immanenzzusammenhang

Heute möchte ich auf den Photographen Tommasso Ausili aufmerksam machen. In der Sendung Kulturzeit vom 18.5.2010 gab es einen Bericht über seine drastischen Schlachthausphotographien, gleichfalls beim NDR Kulturjournal. Dort läßt sich per Video-Stream auch der Bericht dazu ansehen. (Die mehr als bescheuerte Anmoderation muß man einfach überhören.) Beim World Press Photo Award gewann Ausili einen dritten Platz in der Kategorie „Stories“. Die Bilderserie läßt sich dort betrachten.

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Die Photos habe ich der Homepage von World Press Photo entnommen. Die Copyrights liegen, wie ich vermute, bei Tommasso Ausili.

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Nun ist es nicht zwingend ein Merkmal von Qualität, wenn Bilder drastisch sind oder Brutales zeigen, schon gar nicht, wenn sie sich politisch für einen bestimmten Zweck instrumentalisieren lassen. Insofern lehnte es Ausili ganz richtig ab, daß seine Photos von einer Tierschutzorganisation für Anti-Werbung benutzt werden. Denn in diesen Photos geht es um etwas viel Grundsätzlicheres als eine unmittelbare Parteinahme.

Zunächst zeigt sich da die Kreatur und zunächst sind da wir: als Betrachter dieser Photographien, als Gleichgültige, als Fleischesser oder als Vegetarier – Ausili schreibt hierzu nichts vor, er ißt selber Fleisch. Diese Bilder dokumentieren etwas, daß grausamer, aber meist unhinterfragter Bestandteil unseres Lebens ist. Sie führen Alltägliches vor, das uns jedoch fremd geworden ist. Kaum einer, der noch eine Hausschlachtung mitgemacht hat.

Auf einen ersten Blick mag der Betrachter geschockt sein, wenn er in einem ersten Moment diese Bilder unmittelbar anschaut. Nach einer Weile jedoch zeigen sie auch komisch-absurde Züge an den Photographien; so etwa, wenn der Schlachter das Tier umarmt, in beiden Händen ein Messer haltend. Es stellt sich dabei aber zugleich Irritation ein: denn das, was da nackt und bloß hängt, ist ein Lebewesen gewesen. Genauso geschieht das bei den drei Schafen, welche auf ihre toten Artgenossen blicken. Eine absurde Szenerie. Was sehen diese Tiere? Dieses Bild ist fast schon cartoonhaft, und in einer Illustrierten gezeichnet, lachten wir darüber. Doch im tiefen Grunde ist es einfach nur ein sehr trauriges Bild.

Jenes tote Schwein, das gekrümmt auf dem dunklen Boden des Schlachthofes liegt, an der weißen Kachelwand steht das gespritzte Blut. Ich bin von der Ästhetik, fast schon der Anmut dieses Todes fasziniert, und es ruft innerlich: ‚Ja, genau so ist es; das ist es.‘ Ich ästhetisiere diesen Tod, in schwarz, weiß und rot, es paßt alles genau zusammen. Zugleich stellt das Entsetzten sich ein. Über das Bild, über die Haltung. Wie weit lassen sich Dinge in Kunst transformieren? Gibt es ein Bilderverbot für solches, gibt es ein Bilderverbot für den (dokumentierten, industriellen) Tod?

Adorno kritisierte bei Schönbergs „Ein Überlebender von Warschau“ genau diese Ästhetisierung angesichts dieses unermesslichen Leids, wofür der Begriff Auschwitz steht. Denn noch das tiefste Schwarz des Kunstwerkes zwingt ein Genußmoment ab. Adorno zeigt, daß in einer solchen Transformierung ins Ästhetische ein problematisches Moment steckt, das sich jedoch nicht aufheben läßt. Dessen zumindest innezuwerden und in eine ästhetisch-philosophische Sprache zu übersetzten, ist einer der Aufgaben von ästhetischer Theorie, und insofern ist sie implizit immer kritische Theorie, oder sie ist keine Ästhetik. Noch in solchen Momenten ist selbst die hermetischste Kunst zutiefst gesellschaftlich. Diese Dinge sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man Adornos (allerdings später modifiziertes) Diktum zum Gedicht nach Auschwitz als verfehlt beurteilt.

Nun möchte ich diese industrielle, perverse Tötung von Tieren nicht mit den Verbrechen in Deutschland in eins setzen. Es eröffnet sich in den Photographien von Ausili jedoch ein universales Moment: Ist es doch genau diese Mitleidslosigkeit mit der geschundenen Kreatur, die Unfähigkeit eines Subjekts, einen Wechsel in der Perspektive vorzunehmen, die – unter anderem – diese Verhärtungen erzeugen: daß da nichts mehr wahrgenommen wird. Adorno reflektiert darauf in seinen Meditationen zur Metaphysik“: Daß einem nicht mehr aufgeht, daß der Blick stumpf bleibt.

„Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen. Theoretisch zu widerrufen wäre die Integration des physischen Todes in die Kultur, doch nicht dem ontologisch reinen Wesen Tod zuliebe, sondern um dessentwillen, was der Gestank der Kadaver ausdrückt und worüber deren Transfiguration zum Leichnam betrügt. Ein Hotelbesitzer, der Adam hieß, schlug vor den Augen des Kindes, das ihn gern hatte, mit einem Knüppel Ratten tot, die auf dem Hof aus Löchern herausquollen; nach seinem Bilde hat das Kind sich das des ersten Menschen geschaffen. Daß das vergessen wird; daß man nicht mehr versteht, was man einmal vorm Wagen des Hundefängers empfand, ist der Triumph der Kultur und deren Mißlingen.“

Negative Dialektik, S. 359

Hierin, in diesem Blick allein mag dem Materialismus noch eine Rettung widerfahren. Solches eben nötigt wiederum zur materialistischen Philosophie. Ich empfehle diesen ganzen zweiten Abschnitt aus den „Meditationen zur Metaphysik“ zur Lektüre, besser noch: die gesamten Meditationen. Ich müßte die Lektüre hier einmal wieder fortsetzen.

Die Ursachen für diesen Mangel an Empathie sind freilich mannigfaltig. Diese Gründe lassen sich dann gut bei Adorno, aber auch bei Max Horkheimer, der in manchen Punkten durchaus an die Mitleidsethik Schopenhauers anknüpft, nachlesen.

Ausili fand in diesem Bild des toten Schweins genau den richtigen Moment. Dieses Hingemetzelte, das friedlich daliegt, als ob da ein Wesen schliefe. Ich weiß nicht, ob Ausili hier irgend etwas drapierte oder ob das Tier genau so dalag wie abgebildet. Zugleich befinden sich diese Photographien aber nahe an der bloßen Sensation. Denn sie taugen natürlich auch für die Photostrecke in einem Magazin, sobald das Thema Tiertötung, Schlachthof, Fleischfresser medial dran ist und, nun ja, verwurstet wird. Insofern hinterlassen diese Bilder einen zwiespältigen Eindruck bei mir.

Nachtrag: je länger ich mir diese Photographien betrachte, desto mehr gibt es an Lektüre und Text. Jedoch kann ich hier keine zwanzig Seiten schreiben. Allein die erste Photographie oben erlaubt einen gehörigen Ausflug in die Mythologie.

9 Gedanken zu „Tommasso Ausili – Immanenzzusammenhang

  1. Ihre Anschauung dieser Bilder kann ich nur nachvollziehen, wenn ich die Bilder als Fabeln deute. Da sich mir diese Deutung durch den Kontext „Schlachthof“ jedoch nicht erschließt sehe ich hier keinen Adorno, keinen Schönberg, keine Mythologie – nichts von alledem.

  2. Was ist ein Kontext? Der Schlachthof ist hier womöglich relativ und eigentlich arbiträr, wenn es um die tiefer sitzenden Schichten eines Bildes geht.

    Der Kontext ist zufällig. Wenn einer sagte, das letzte dieser Bilder sei nach einem brutale Raubüberfall auf einem Bauernhof aufgenommen, so wäre der Kontext nun ein anderer. Was dann? Ich könnte Ihnen zu diesen Bildern eine Vielzahl von Kontexten erzeugen. Es geht in der Photographie nicht (nur) um den Realismus des Kontextes, sondern um das Überschießende, das sich in Bildern zeigt. Photos sind mehrfach codiert. Deshalb sollte die Lektüre einer Photographie sich nicht nur auf die Ebene des Faktischen beschränken. C.D. Friedrichs „Mönch am Meer“ ist mehr als ein Mönche, der gerade am Meer steht. Robert Capas erschossener spanischer Soldat ist mehr als nur ein erschossener spanischer Soldat im Bürgerkrieg. (Es taucht ja zuweilen immer einmal wieder die Anschuldigung auf, daß dieses Bild inszeniert sei.)

  3. Ich bin mir nicht sicher. Die Schlachthoffotos kommen mir dokumentarisch vor. Das Element der Fabel kommt mir in den Sinn, weil es nahe liegt, im Gedanken Menschen an die Stelle der Tiere zu projizieren, was jedoch unsinnig wäre und bei einem ebenfalls dokumentarischen Foto von einer Fliege auf einem Kuhfladen auch nicht assoziiert würde.

    Da ich hier also eine (fotografisch, handwerklich gelungene) Dokumentation und keine Kunst sehe, kann ich an Ihre subtilen Interpretationen nicht anknüpfen. Den Fisch im Weltraum fand ich in dieser Hinsicht ergiebiger.

  4. Wer beim ersten Bild nicht innerhalb einer Nanosekunde den Minotauros sieht, tja .. hm.

  5. So ist es.

    Nun, und bei einer Fliege auf dem Kuhfladen würde ich womöglich an die Erinyen denken, und zwar in der Version von Sartres Theaterstück mit dem Titel „Die Fliegen“, womit wir uns schon wieder in der griechischen Mythologie befinden.

    Nein, Photos sind mehrfach codiert. Dieses erste Bild setzt doch eine Vielzahl an Lektüren (oder Interpretationen) frei. Ein Mann ohne Haupt, ein Stierkopf. Man muß nicht einmal ein Anhänger oder Kenner der Freudschen oder Lacanschen Psychoanalyse sein, um hier etwas Überschießendes zu sehen. Natürlich: auf der Ebene des Faktischen sind es zunächst die Bilder von einem Schlachthof.

    Sicherlich ist auch der Rahmen entscheidend, in dem eine Photographie gezeigt wird. Im „Stern“ hat das eine andere Qualität als in einem Ausstellungsraum oder in einem Bildband. Diese Photos sind zunächst in der Kategorie „Stories“ zu sehen gewesen, dies läßt einige Raum.

  6. „Wer beim ersten Bild nicht innerhalb einer Nanosekunde den Minotauros sieht, tja .. hm.“

    Ja.
    Und hat der unschuldige Minotaurus nicht seinerseits eine Opferstätte betrieben?

    Es gibt, wie ich finde, nur zwei Künstler, die mit sowas physisch arbeiten können, ohne nur zu verdoppeln, Marina Abramovic und Hermann Nitsch, und natürlich geht es um die Anwesenheit des Mythos in uns und unseren Gewalttaten. Wobei Nitsch gegen Abramovic ein ästhetisierender Lateinlehrer ist, sie hingegen nicht unterscheidet zwischen Blut im Leben und Blut im Kunstwerk. – Kann ich nicht so gut ausdrücken. Wer mal Abramovic gesehen hat, versteht vielleicht, was ich meine, auf welche Ebene mein politisches Denken sofort gehoben wird, weil sie die Gegenwart meint, die sich von den Vergangenheiten so wenig unterscheiden. Sie kann das, ich find sowas ja meistens eher nicht gut und die Bildenden Künste dafür ungeeignet.

    Ob Photos Kunst sind, ist doch wurscht. Sie wirken. Aber das ist ein anderes Thema, es wirkt ja alles.
    (Mir sind Photos gesprochener, funktionaler Sprache zu ähnlich, als dass sie, wie gute Kunstwerke, aus den Kommunikationszusammenhängen ausbrechen oder sie verwandeln könnten.)

  7. Ich freue mich, hier einmal wieder von Dir zu lesen

    Ich kenne von Abramovic zu wenig. Bekannt ist mir „Balkan Baroque“; allerdings, so muß ich zugeben, nur medial vermittelt, was für die Wirkung naturgemäß eine vollständige Einbuße ist. Da ich aber mit einer (manchmal leider zu großen) Einbildungsgabe bzw. mit einer Imaginationsfähigkeit ausgestattet bin, kann ich in etwa mir vorstellen, was Du meinst.

    Sagen wir es einmal so: ganz wurscht ist es nicht, ob Photos Kunst sind. Es gibt welche, die behaupten es von sich und da würde ich dann doch widersprechen, weil die Meßlatte zu hoch gehängt wurde.

    Bei der guten Photographie, welche in der uns umspülenden Flut von Fotos jedoch selten ist, kann dieses Ausbrechen in den wenigen geglückten Momenten schon geschehen. Die Ähnlichkeit zur gesprochenen und funktionalen Sprache ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Einerseits.

  8. Dieser Satz gefällt mir ausnehmend gut, und ich wünschte mir, in einem ähnlichen Sinne zu photographieren.

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