Offenbarungen

Selten schreibe ich Privates, um nicht dekonspiriert zu werden, da bereits die geringsten Details verräterisch sein können, gar Auskunft geben über das Ganze. Verwische die Spuren im Dickicht der Städte: dies war immer schon mein Lebensmotto. Und dereinst, wenn dieser Blog gelöscht gewesen sein wird, dann bleibt nichts weiter übrig als Leere. Geliebte Leere. Die Landschaft, welche Clov sieht, ist mir die liebste von allen. Teile davon liefert die Welt jeden Tag frei Haus. Doch wollte ich nicht anklagen, sondern diesem Blog ein wenig auch den Schein des Human touch, des Privaten verpassen. Also:

Dieses Wochenende saß ich mit zwei Freundinnen und einem Freund in einem vietnamesischen Restaurant, irgendwo in einer anderen Stadt in der Festung Europa, weit fort vom Hier des Hundekots. Wir unterhielten uns über dies und das – ich gebe das Gesprochene aus Datenschutzgründen und um die Anonymität zu wahren, nicht wieder – bis schließlich das Gespräch auf die „Buddenbrooks“ kam, worauf eine der Freundinnen, die vieles von Thomas Mann kannte, mir offenbarte, daß sie diesen Roman nicht gelesen habe. Ich äußerte mit einer von vietnamesischem Riesling getränkten Stimme, die angesichts solcher Kontradiktionen dazu neigt, rauh zu klingen, ein gewisses Erstaunen, ja sogar Entsetzen, das keineswegs nur gespielt war, relativierte die bewegte Erschütterung jedoch gleich, beschwichtigend fast, um die schöne Stimmung nicht durch überhebliche oder gar grobe Worte zu verletzten, denn böse, hochfahrend und ungerecht kann ich zuweilen werden, wenn man nicht das liest, was ich für gut und richtig halte. Ein wahrhafter Großinquisitor, wie ihn El Greco so wunderbar in samtrot darstellte, der mit herrischer Geste gerne einmal ein Buch zerreißt. Es änderten diese Dinge jedoch nichts am Sachverhalt: Sie hatte dieses Buch, für das Th. Mann 28 Jahre später den Literaturnobelpreis erhielt, nun einmal nicht gelesen. Daran gab es nichts zu rütteln. Wie mit solch einer Wahrheit umgehen? „Sei glöcklich, du gutes Kind“ läßt sich da schwerlich rufen.

Aber just in dem Moment wispern mir schon die inneren Rieslingstimmen zu: „Was haderst und zürnst du? Du hast den ‚Wallenstein‘ nicht gelesen, und den ‚Don Carlos‘, ‚Gargantua und Pantagruel‘ steht seit bald 28 Jahren ungelesen im Buchregal, von Werfel nahmst du nicht eine Zeile wahr, bist bei Musil nach der Hälfte des Buches gescheitert, die ‚Jahrestage‘ stehen angefangen im Regal, sie stauben, und beim Photographieren hast Du immerzu den Farbfilm vergessen; du elender, überheblicher, elitärer Schwarz/weiß-Photograph! Da willst du dich über andere erheben, weil sie ‚Buddenbrooks‘ nicht gelesen haben?“

Aber da lachte ich dann: „Ha, ha, beim Digitalen gibt’s gar keinen Farbfilm.“

Ein schwacher Scherz nur, ein hilfloses Ablenken der Rieslingstimmen vom Sachverhalt, um das Unangenehme der Situation zu kaschieren.

Nein,“ sagte eine dieser Stimmen, „aber im Analogen, und du, werter Freund, photographierst seit über 30 Jahren.“

Oh, wirklich?“

Ja, doch wir sprechen von der ungelesenen Literatur, nicht von der Photographie.“

Und so zählten die Kopfstimmen in ihrem monotonen Singsang leise alle die Bücher auf, welche ich nicht gelesen habe, und, wie um noch einen schweren Schlag draufzugeben, nannte sie die Philosophen, welche ich versäumte zu studieren oder unzureichend nur las und die nun am Wegesrand der Geistesgeschichte ohne mein Zutun blieben.

Dagegen war schwer anzukommen, und so saß ich innerlich zerknirscht da, schüttete das dritte Glas vietnamesischen Riesling in mich hinein. Aber da stehen auf der Haben-Seite doch Proust und Joyce, Beckett, Faulkner, Dos Passos, Benn und Brecht, Flaubert, Flann O‘Brien; und Kafka, Thomas Mann, Thomas Bernhard, Joseph Roth, ach so viele: und ach, all diese Namen halfen nicht, alles nichts, verworfen, verweht, vergeblich. Hinab in den Orkus ob meiner widerlichen Überheblichkeit, die mir jene Freundin niemals mehr vergessen wird. Unruhig war später der nächtlich-morgendliche Schlaf, weil auf den Wein durchaus einige Biere in einer Bar folgten. In mir nicht gut bekannten Bars trinke man nur Bier, keinen Wein (außer man kennt den Wein). Diese Regel gilt auch um den Preis von Kopfschmerzen. Wer der Konsequenzlogik folgt und beim einmal Getrunkenen bleibt, fährt auch nicht besser, wenn der Wein in der Bar schlecht geraten ist. Doch lenke ich schon wieder ab. Es sollte dies kein Exkurs zum gepflegten Trinken werden. Darüber ein andermal mehr.

Aber ganz gleich, was die Stimmen so reden: Es gibt doch einen Kanon, nämlich die Bücher, welche wichtig und die, welche weniger wichtig sind, gewissermaßen Pflicht und Kür: Thomas Mann: Pflicht, Ludwig Hohl: Kür. Camus: Pflicht, Vian: Kür.

Nun ist es jedoch das Wesen der Literatur, daß sie sich nicht per Ordre befehlen läßt; keiner kann sie herbeizwingen, herbeisingen, predigen.

Tja, was tun?: Die Frage Lenins ins Ästhetische und in die Theorien zur Bildung gewendet. Da schweigen auch die inneren Rieslingstimmen betreten und betroffen.

10 Gedanken zu „Offenbarungen

  1. (…) würde jetzt gerne

    mich auslassen über Pflicht und Kür –
    und habe bei aller digitalen Müdigkeit ja doch Zeit:
    jenes analoge Medium.

    Danke. Bis später.

  2. Pingback: Theo, spann den Wagen an … « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  3. Das macht nichts. Ganz im Gegenteil. Und Du weißt doch: Männer wie ich machen bei attraktiven Frauen immer und immerzu gerne den Erklärbären. Das trifft sich doch gut.

    Aber Scherz beiseite. Die Frage ist nicht, was eine/r liest, sondern wie, auf welche Weise, mit welcher Intensität in der Textwahrnehmung. Zudem ist es die Frage, wer liest. Eine Frau oder ein Mann, die Literaturwissenschaft studiert haben, müssen die Buddenbrooks kennen. So wie Musikstudentinnen oder -studenten etwas mit dem Begriff Sonatenhauptsatzform und Physiker:innnen mit den Sätzen der Thermodynamik etwas anfangen sollten. Wer aus purem Vergnügen liest, der kann lesen, was er will.

    Ansonsten: Willkommen hier im Blog als Leserin.

  4. Offenbarung: ein sehr gutes Blog. Schöne Kategorien, interessante Texte. Und ein Autor mit Fotoapparat! Ilike, wie wir Neuantideutschen sagen! (Nein, einen Facebook-Account habe ich auch nicht)

    P.S. fand es nicht über Eigengoogeln, sondern über eine Frage nach Geschmack, habe mich aber, als ich mir wegen dieses Blogs heute einen RSS-Reader angelegt hatte, gefreut, dass mein Blogmotto referenziert ist.

    P.P.S. Lese dann mal den „Zauberberg“ weiter. Oder ist das ein Fehlschluss?

  5. Nein, nein, nein, Zauberberg: das ist kein Fehlschluß. Ich habe ihn bereits zum zweiten Mal gelesen, halte ihn auch für besser als „Buddenbrooks“. (Den Nobelpreis hat Mann trotzdem für „Buddenbrooks“ bekommen.)

    Ja, ich photographiere exzessiv. Die Kombination Bild-Text als Reportage klappt noch nicht so gut. Das Verhältnis von beiden ist schwierig, aber ich arbeite daran.

    Was den Text zum Geschmack betrifft, so hielt ich dazu zwei Vorträge. Einen in Leipzig an der HGB im Arbeitskreis Kritische Theorie und einen leicht überarbeiteten, erweiterten in Weimar in der ACC Galerie im Rahmen einer Serie zu den fünf Sinnen, die von der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel, Revolution“ betrieben wurde. Die Texte sind in dem Band „Kunst Spektakel und Revolution“ Vol. 3 erschienen. Die Ankündigung findet sich hier:

    http://spektakel.blogsport.de/

    Um ein wenig Werbung zu machen. (Ist aber auch ein guter Textband, sonst würde ich ihn nicht empfehlen, sondern mit Schweigen übergehen. Ich mache hierfür insofern nicht aus lauter Eitelkeit Werbung.) Ich schreibe zu diesem Band übermorgen eine kleine Ankündigung als Blogbeitrag. Variationen meines Textes stehen aber ebenso hier im Blog.

    Grundlegend empfehle ich zum Thema Geschmack den kleinen Text von Christoph Menke „Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“ erschienen zuerst in „Texte zur Kunst“, und dann auch in dem sehr lesenswerten Band „Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“ hrsg. von Ch. Menke und Juliane Rebentisch, Kadmos Verlag)

    Ansonsten auch lesenswert im Lexikon „Ästhetische Grundbegriffe“ der Artikel „Geschmack“.

  6. (Wie) kann ich “Kunst Spektakel und Revolution” abonnieren? Fand keine Möglichkeit. Danke auch für die anderen Tipps, jetzt gehen sie nicht mehr verloren.

  7. Einfach auf den Link oben gehen und dann weiter über das Kontaktformular. Diesen HInweis lieferte: das freundliche Serviceteam von Aisthesis.

    Ach, ja, in meine Blogrolle habe ich Dich auch aufgenommen, weil ich Deine Art im Blog zu schreiben mag.

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