Randnotizen, Benjamin – Marx

Da ich über das Wochenende nicht vor Ort bin, komme ich erst nächstens dazu, den angekündigten, versprochenen Text über Derridas Hegellektüre zu schreiben. Doch der unendliche Aufschub ist schließlich nicht nur ein romantisches Motiv, sondern steckt womöglich im „Wesen“ der Dekonstruktion.

Aber vorab ein Zitat von Benjamin aus dem „Passagenwerk“, das mir gestern in die Hände fiel:

„Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde nichts Wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“ (Benjamin, GS V 1, S. 574)

Auch hier tut sich, wenngleich in einem doch anderen Zusammenhang, diese Wittgensteinsche Differenz von Sagen und Zeigen auf. Jenes Zeigen, das den speziellen Ausdruck des Kunstwerkes ausmacht, indem seine Elemente in eine Ordnung gebracht werden. Das Passagenwerk wäre sicherlich eine spezifische Anordnung von Material, das in seiner besonderen Konstellation eine Rede freisetzt und den Blick nicht nur auf die Vergangenheit eines Paris als Hauptstadt des19. Jahrhunderts eröffnete, sondern damit in Korrespondenz eine Sicht auf die Warenwelt des Spätkapitalismus böte. Das reicht dann bis in die Jetztzeit hinein.

Um diese Dinge bei Benjamin zu verstehen, aber nicht nur deshalb, ist es unbedingt zuzuraten, aus Marx‘ „Kapital“ das Fetischismuskapitel zu lesen, am besten lese man für den Anfang den ganzen Ersten Abschnitt des Ersten Buches, und dies nicht nur aus Gründen der ökonomischen Orientierung, sondern zugleich aus dem kulturkritischen Aspekt heraus. Ich halte diese Passagen für eine der philosophisch zentralsten Stellen bei Marx.

Ach, und da wir gerade dabei sind, ja, weil wir gerade unsere kritische Phase haben, und da für diese Stadt die Verkehrspolitische Sprecherin der Berliner Grünen, Claudia Hämmerling, den Vorschlag unterbreitete, Hartz-IV-Empfänger zur Hundekotkontrolle einzusetzten, denn Berlin, das ist die Hauptstadt der scheißenden Hunde, da fällt uns passenderweise, es ist wirklich ein Zufall, beim Blättern im „Kapital“, dieses schöne Zitat von Marx in die Hände:

Zu diesem Zwecke, wie zur „Ausrottung der Faulenzerei, Ausschweifung und romantischen Freiheitsduselei“, ditto „zur Minderung der Armentaxe, Förderung des Geistes der Industrie und Herabdrückung des Arbeitspreises in den Manufakturen“, schlägt unser treuer Eckart des Kapitals (gemeint ist der anonyme Verfasser des „Essay on Trade and Commerce“, Hinweis v. Bersarin) das probate Mittel vor, solche Arbeiter, die der öffentlichen Wohltätigkeit anheimfallen, in einem Wort, Paupers, einzusperren in ein „ideales Arbeitshaus“ (an ideal Workhouse). „Ein solches Haus muß zu einem Hause des Schreckens (House of Terror) gemacht werden.“ In diesem „Hause des Schreckens“, diesem „Ideal von einem Workhouse“, soll gearbeitet werden „14 Stunden täglich mit Einbegriff jedoch der passenden Mahlzeiten, so daß volle 12 Arbeitsstunden übrigbleiben. (MEW 23, S. 292)

Hinterher wird es Frau Hämmerling dann nicht so gemeint haben. Vielleicht ist sie von bestimmten Medien tatsächlich falsch wiedergegeben worden. Ich weiß das nicht. Denn leider wird oft nur das herausgegriffen, was gerade gut in den Rahmen paßt. Symptomatisch jedoch ist dieser Gedanke allemal, egal wer ihn wie und zu welchem Zwecke aussprach. Die Medien fungieren hier teils nicht einmal mehr als kritisches Korrektiv, sondern dienen als Sprachverstärker, und gut fügen sich solche Dinge in den Maßnahmenkatalog ein. Diese Angelegenheiten finden sich aber in anderen Blogs, die in der Blogroll stehen, teils besser diskutiert und analysiert wieder als hier.

2 Gedanken zu „Randnotizen, Benjamin – Marx

  1. Wieder zurück von woanders her: Danke, dieTelepathie ist angekommen. Und ich verspürte bereits von unterwegs her, daß jemand lobte.

    (Derrida schrieb meines Wissens – im Rahmen der Sendungen und Posten, im Zusammenhang mit seinem Postkarten-Buch – über die Telepathie.)

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