Nichts als Geschichten

Ein wunderbares Buch(-Projekt) habe ich in meinem Beitrag „Da-sein“ kurz angekündigt, was es nun vorzustellen und zu besprechen gilt. Kürzlich erschien dazu in der „Zeit“ eine Rezension. Auch die „Berliner Zeitung“ lobte dieses Buch vor einigen Monaten in hohen Tönen. Zu recht taten beide Zeitungen dies.

Das monumentale Buch kommt aus dem Berliner Galiani Verlag, der 2009 gegründet wurde. Es handelt sich bei dem Verlag um ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch. Der eine oder andere wird sicherlich von diesem Buch bereits gehört habe, und auch ich lege es meinen Lesern an das weite, vielgereiste Herz. Das Buch ist groß, es wiegt schwer, es ist im Folio-Format angelegt und es heißt Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren. Der Schweizer Journalist und Schriftsteller Georg Brunold gibt es heraus, er war bis zum Jahre 2003 (lt. Wikipedia) stellvertretender Chefredakteur der Schweizer Kulturzeitschrift du.

Dieses Projekt ist eines, das wohl seinesgleichen sucht, versammelt das Buch doch in einer nie dagewesenen Sammlung vielfältige Berichte zu mehr oder weniger großen Ereignissen oder Begebenheiten aus 2500 Jahren menschlicher Geschichte. Man tritt eine Reise in der Zeit an, etwa so wie man beim „Atlas der abgelegenen Inseln“ eine im Raum macht, sich von Fleck zu Fleck bewegt, so liest sich der Leser hier durch die Geschichte, greift sich dieses oder jenes heraus.

Eigentlich kann man das Buch kaum, zumindest aber schwer beschreiben oder rezensieren, weil es sehr Heterogenes versammelt. Und so machen alle Rezensenten wahrscheinlich das gleiche: Eine kleine Reise durch das Inhaltsverzeichnis, das, wie es der Rezensent der „Berliner Zeitung“ schrieb, selber schon eine Lektüre wert ist und eine große Vorfreude auf das Buch erzeugt. Wir lesen zum Beginn einen Bericht von Herodot um 450 v. Chr zum alltäglichen Leben in Ägypten oder um 429 v. Chr. Thukydides „Perikles spricht zu den Athenern“, von Tacitus 64 n. Chr. „Nero läßt Rom niederbrennen“, Plinius d. J. „Der Ausbruch des Vesuvs“ (ich dachte freilich immer, daß bei fremdländischen Namen kein Genitiv-s steht, doch ganz gleich), 820 Einhard „Karls herausragende Statur“, 1077 Lampert von Hersfeld „Heinrich IV barfuß in Canossa“, 1352 Ibn Battuta „Timbuktu. In der Stadt von Kankan Musa“, 1492 Christoph Kolumbus „Um zwei Uhr morgens kam Land in Sicht“, 1665 Daniel Defoe „Die Pest in London“, 1727 Jonathan Swift „Ein kurzer Überblick über die Lage Irlands“, 1780 Guillaume Raynal „Die Negersklaven in der Neuen Welt“, 1812 Stendal „Das Große Feuer von Moskau“, 1848 Gottfried Keller „Ein wunderlicher 1. Mai“, 1879 Robert Louis Stevenson „New York, New York“, 1917 John Reed „Sturm auf den Winterpalast“, 1933 Georges Simenon „Hitler im Fahrstuhl“, 1938 Fitzroy Maclean „Vor Stalins Richtern“, 1945 Primo Levi „Pipettenkrieg – Auschwitz, Januar 1945“, 1963 Norman Mailer „Hat Oswald es getan?“. Und so geht das immer weiter bis ins Jahr 2000, etwa mit Hans Magnus Enzensbergers Essay „Ach Deutschland!“. Interessant erscheint mir dabei, daß das Buch zum Jahr 2001 abbricht.

Was dieses Buch versammelt, so kann man als vereinende Klammer dieser so unterschiedlichen Texte formulieren, sind vielfältige Reportagen und ein Blick auf die Welt. Die Reportage, das ist jene große Kunst, welche sich zwischen Literatur und Journalismus bewegt und die ein hohes Maß an Subjektivität erfordert, um vom Objektiven gekonnt und mit Schwung berichten zu können. Über die Kunst der Reportage schreibt Georg Brunold im Schluß, der immerhin rund 80 Seiten umfaßt, und liefert eine „Bibliothek des Reporters. Ein Werkzeugkasten in 30 Lieferungen und 227 Teilen“. Das ist instruktiv zu lesen, allein schon aufgrund der vielfältigen Literaturangaben, die Brunold nennt.

Die Reportage umfaßt jedoch nicht nur den Text, sondern enthält genauso die klassische Photostrecke mit 12 Bildreportagen. Das ist nicht viel, auch wirken die Photos auf diesem weißen Papier nicht besonders brillant. Doch beides, umfangreichen Text und ästhetisch ansprechendes Bild, kann man nun einmal nicht haben, und ein gestrichenes Kunstdruckpapier machte das Buch nicht nur zu dick, sondern der Preis müßte so gebildet werden, daß das Buch unverkäuflich wäre. Deshalb möchte ich über die Qualität der Photos nicht mäkeln.

Trotzdem, eine Schwachstelle bleibt: die Photostrecken reißen ihr Thema nur an, sie entfalten es aber nicht. So hätte man sich bei den Photographien von Leo Rubinfien, der die Spuren von Terrorismus einfängt, die sich – weltweit um den Globus – in die Gesichter von Menschen eingraben, einige Bilder mehr gewünscht. Dieses Projekt hätte, genauso wie das über die nach Europa flüchtenden Menschen, sehr viel ausführlicher ausfallen müssen, um das Dringliche ins Bild zu rücken. Vielleicht mag dieser Mangel aber den Anreiz für einen zweiten Band abgeben, der dann die großen Bildreportagen zeigt. Daß die Photographien ein wenig das Dasein der Stiefmutter fristen, zeigt sich auch daran, daß sie wie eingekleckert zwischen die guten Text wirken. Dennoch: es lohnt sich die Lektüre bzw. der Kauf.

Es ist diese Buch allerdings nicht ganz billig, aber gute Bücher haben nun einmal ihren Preis – dieses Faktum kann man gegen jene Geiz-und-umsonst-ist-geil-Mentalität gar nicht oft genug in die Wiederholungsschleife stellen. Und gute Bücher sind nicht für lau zu haben, weil sie nämlich in ihrer Produktion kostenintensiv sind. Trotz des hohen Preises muß dieses Buch jedoch empfohlen werden.

Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren, von Georg Brunold (Hg.), Galiani Verlag, Berlin 2009, 85,­– Euro

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