Clemens Meyer

Endlich einmal wieder darf ich in den Gefilden der schönen Literatur singen, lobpreisen, jubilieren, obwohl sich solches für einen Ästhetiker nicht geziemt, der in der Contenance geschult ist. Ja, der Grund für solche Exaltiertheiten liegt darin, daß es ein neues Buch von Clemens Meyer gibt. Jubeln und im Grunde noch gar nicht so recht wissen, was einen erwartet, paßt schlecht zusammen, aber es ist die Erwartung groß. Das dritte Buch, welches in der Regel als das schwierigste bezeichnet wird, muß sitzen: Man ist einerseits im Betrieb etabliert, aber noch nicht so, daß man auch einmal etwas Mißratenes abliefern darf. Viele Augen sind nicht mehr nur wohlwollend-gewogen, sondern der Blick gerät manchem skeptischer als sonst. Gerade am dritten Werk zeigt es sich, ob der Atem ausreicht oder ob es bloß schreibende Eintagsfliegen sind. Gerade dieses Buch muß gelingen.

Vor etwa eineinhalb Jahren erschienen Clemens Meyers Erzählungen „Die Nacht, die Lichter“ (ich berichtete hier darüber), nun kommt dieses neue Buch von ihm, auf das ich mich freue. Es scheint ein sehr spezielles Buch zu sein und nichts für empfindsame Gemüter. Abwarten also, was dieses dritte Buch bietet. Ich kann jedoch nicht verhehlen, daß ich die Prosa von Clemens Meyer ausgesprochen schätze, weshalb einige Vorschußlorbeeren verteilt werden. Es schreibt ein Literat, von dem noch Großes zu erwarten sein wird.

In der „Berliner Zeitung“ vom 17. März erschien zum neuen Buch ein Interview mit Clemens Meyer. Falsch im Ankündigungsteil schreibt der Redakteur allerdings, daß sein Debütroman 2007 erschienen sei. Es war 2006. Doch wie auch immer: Das Gespräch dort drehte sich im wesentlichen um sein neues Buch „Gewalten. Ein Tagebuch“, wo das Verhältnis von Persönlichem und Welt, früher schrieb man Gesellschaft, in die literarische Darstellung gebracht wird. Wieder einmal sind es Geschichten von unten, teils brutal aus dem devianten Milieu der extremen Sorte.

Erwies sich Clemens Meyer in seinem großartigen Debüt „Als wir träumten“ als Meister der großen Form, immerhin gelangen ihm, als Erstwurf beachtlich, 517 Seiten sehr gute Prosa aus der Sicht eines Wendeverlierers, so beherrschte er mit seinem Buch „Die Nacht, die Lichter“ auch die kleine Form der Erzählung gut. Von seinem dritten Buch schreibt die FAZ:

„Wer nichts übrig hat für den virilen Mythos vom Boxerherz, das sich nicht unterkriegen lässt, für Stories vom Einstecken, ohne aufzustecken, für Kämpfer, die, in die Ecke getrieben, mit dem Kopf durch die Wand wollen, der wird auch Meyers neuem, elf Runden währendem Ringen mit heiklem Stoff wenig abgewinnen können. Doch schon der Versuch sollte Respekt abnötigen. Denn welcher andere deutschsprachige Autor würde sich nacheinander folgende Themen vornehmen, um nur die Texte Nummer zwei bis fünf zu betrachten: Abu Ghraib und Guantánamo, den Amoklauf von Winnenden, den Tod eines Jugendfreundes im Hospiz und die Ermordung der achtjährigen Michelle in Anger-Crottendorf (jenem Leipziger Stadtteil, in dem Meyer lebt)? Clemens Meyer schlägt sich nicht mit Schwächeren, er will es wirklich wissen.“

Clemens Meyer ist, was die deutschsprachige Literatur angeht, die Entdeckung des Jahres 2006 und für mich die Sensation schlechthin gewesen, und ich warte gespannt auf jedes seiner Bücher. Selten habe ich ein Debüt so sehr gemocht, begierig mir einverleibt. Da ist jemand, der erzählen kann wie der Teufel. So muß man sehen, ob dies auch in seinem dritten Werk funktioniert, das aufgrund des Tagebuchcharakters, den es einschiebt, einen artifizielleren Charakter besitzt als seine ersten beiden Bücher.

Zum Schluß möchte ich zwei kurze Passagen aus dem Interview in der „Berliner Zeitung“ zitieren. Einmal zum Plagiat, da Meyer den Satz „Wir fahren wohin wir fahren“ zitathaft verwendet:

„Ja, allerdings ist der Satz geklaut. Er stammt aus Jurek Beckers ‚Jakob der Lügner‘, glaube ich. Das steht auch im Text. Einzelne Sätze darf man stehlen, ganze Passagen nicht. Das soll man nicht tun.“

So ist es, und auch in einem Kurzinterview in „Kulturzeit“ hat Meyer in seinem angenehmen, sächselnden Dialekt zum Plagiieren gute Dinge formuliert.

Weiterhin sagt er zu dem unsäglichen Berlin-Hype der Künstler bzw. der Künstlerdarsteller Treffendes.

A. Montag: „Junge, erfolgreiche Künstler ziehen nach Berlin. Wann packen Sie den Koffer?

Meyer: Ich bin oft in Berlin und mag die Stadt auch. Meine Freundin lebt dort. Aber ich werde in Leipzig bleiben. Hier ist meine Wohnung, mein Archiv. Meine Heimat. Hier habe ich meine Bücher geschrieben. Hier lebt meine Mutter, leben meine Freunde. Und Halle, wo ich geboren bin, ist ganz nah. Dort bin ich auch sehr oft. Und überhaupt: Man muss ja auch die Region stärken. Alle wollen nach Berlin? Allein deshalb muss ich hier bleiben.“

Auch dem ist nichts, rein gar nichts hinzuzufügen.

2 Gedanken zu „Clemens Meyer

  1. Zum letzten Teil: Und genau deshalb gehören Meyers Passagen mit Leipzig-Bezug zum besten was er geschrieben hat. Meyer und Leipzig und umgekehrt, das passt. Lasst uns Blogger das Loblied singen auf diesen großartigen Autor, auf dass er auch weiterhin intensiv wahrgenommen wird, und nicht nur drei Tage im März.
    J. Haag
    http://www.lit-os.de

  2. Ja, dieses Loblied auf Clemens Meyer ist völlig zu recht zu singen.

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