Die wilden Fünfziger

Gestern habe ich Pech gehabt mit meinem Thema, mit meinem Text, und Hartmut ist auf „Kritik und Kunst“ mit seinem Beitrag schneller vor Ort gewesen. Ich habe zu den Photographien von Stefan Hunstein, die bei Spiegel Online gezeigt werden, eine kleine Kritik verfassen wollen, als ich gestern morgen den Spiegel-Artikel frisch sichtete. Ich kam nicht zum Schreiben, nun hole ich es nach und gebe den Kommentar, welchen ich bei „Kritik und Kunst“ schrieb, wieder, wandle ihn ein wenig ab, ergänze hier und da.

Auf SpOn werden zehn von dem Photographen Stefan Hunstein nachträglich handcolorierte Postkarten aus den 50er Jahren mit Motiven dieser Epoche gezeigt, über die wir heute ein wenig schmunzeln und die wir für nichts- oder auch vielsagende Dokumente zur Zeit nehmen. Es gibt auf den Karten Alltagsszenen sowie einige Sehenswürdigkeiten zu betrachten. Der Künstler hat mit Farbe nachgearbeitet, den Himmel jeweils freigestellt, so daß er weiß bleibt, statt blau oder regenwolkengrau.

Ich halte diese Bilder von Stefan Hunstein ästhetisch jedoch für eher mißlungen, denn sie wirken aufdringlich, und zwar in einer schlechten, unproduktiven Weise. Zu deutlich möchten sie eine Botschaft herauspressen, zu kraß die Betonungen, zu grell die Farben. Dies mißfällt dem Kritiker. Hätte es ein Amateuer gemacht, so schriebe ich vielleicht: gar nicht sooo schlecht; da zeigt sich ein Wille, ein Zug bahnt sich, den man in die richtige Richtung treiben muß. Für einen Profi, für ein Buch und eine Ausstellung ist das jedoch zu wenig. Allenfalls fungieren diese Bilder als zugespitzte Dokumente zur Zeit. Freilich kann sich der Betrachter einer bestimmten Wirkung nicht entziehen, wenn er auf diese Photographien schaut. Doch wenn etwas wirkt, heißt dies nicht, daß es dabei zugleich ästhetisch gelungen ist. Das Bonbonfarbene und der Geist dieser Zeit gehen keine wirkliche Verbindung ein.

Ich möchte hier freilich nur über diese zehn Photos von Hunstein urteilen, die auf SpOn zu sehen gibt. Seine Photographien etwa von Interieurs (soweit ich dies im Internet recherchierte) sind da schon von anderer Machart, obwohl auch dort das Verfremdete, das Hineinbringen von künstlichen Farben ein kleiner Tick des Guten zu viel ist. Der Fluch von Photoshop für den Photographen holt hier den Künstler ein. Ich selber muß mich genauso vor diesem Verhängnis falscher Verfremdung hüten, die uns mit der Technik gegeben ist

Schön als Erinnerung jedoch, die schwarzen Taxen wiederzusehen, die ich, ganz an Proust geschult, liebte und liebe. Allenfalls mögen es solche geringfügigen Details sein, an denen man sich delektieren kann. Aber das reicht nicht aus für eine gelungene Photographie. Insgesamt sind diese zehn Photographien affirmativ. Sie fügen zum Bestehenden nur die Farbe hinzu. Mehr aber auch nicht. Die Drastik der Farbe erzeugt die gesteigerte Wirkung. In gewissem Sinne pointiert sie diese Zeit, in der die Photographien entstanden, zwar, aber decken diese komponierten Photographien etwas Wesentliches dieser Zeit auf?

Sicher, das Photo vom Scharoun-Bau ist nicht so schlecht und ragt über die anderen Bilder um ein geringes Quantum hinaus, weil es in seinem Ambiente vollkommen artifiziell wirkt, ähnlich einer Modelleisenbahnlandschaft mit Plastikhäusern und Plastikmenschen. Hier mag die Verfremdung durch Reduktion einen Überschuß produziert haben. Wobei es schon stimmt, daß alle diese Photographien ein wenig nach einer Modelleisenbahnlandschaft aussehen und damit eine Modellwelt widerspiegeln, wie man sie auf einer Eisenbahnplatte findet: rein, klar, kalt, funktionstüchtig. Mit Becketts „Endspiel“ gesprochen: eine Welt, in der sich alles an seinem rechten Platz findet: also im Grunde ein Messianismus mit verkehrten Vorzeichen. Auf eine schöne Weise findet sich ein ähnliches Bild von einer perversen (biographischen) heimwerkergebastelten Modellbaulandschaft in Paul Austers Roman „Die Musik des Zufalls“ (S. 96 f.).

Aber diese Verfremdung von Welt in den Photographien Hunsteins schießt über das Ziel hinaus und ist zu grob geraten. Allenfalls das Bild von der Philharmonie wirkt und ist dabei ästhetisch bedeutsam.

Sicherlich spielt in der verspäteten, nachträglichen Fertigung von Photographien aus dem Nachkriegsdeutschland ein Aspekt von Zeit eine Rolle. Es gibt als Vorrat an Bildern nur das, was einst geschossen wurde, sei es von der ästhetischen und technischen Qualität nun gut oder schlecht geraten. Die Photographie ist, trotz ihrer Reproduzierbarkeit, trivialerweise ans Hier und Jetzt gebunden, an den Augenblick, wo sie entsteht. Im Jahre 2010 kann ich keine Nachkriegsphotographien mehr schießen. Der Photograph muß vorhandenes Material also dekomponieren und anschließend in eine neue Anordnung zusammenfügen. Insofern ist der Effekt der Verfremdung unumgänglich, und er ist keinesfalls abzulehnen. Klar: jeder macht dies auf seine Weise. Ich hätte mir die Postkarten auf einen Qualitätsscanner gelegt, gescannt, was das Zeug hält, und dann sanft, sehr sanft in Photoshop nachbearbeitet. Keinesfalls wäre dann Popart goes into Germanys Fifties herausgekommen.

Wie schon gesagt: Die Photographien sind ja nicht vollständig mißglückt, sie taugen aber nicht zum Kunstwerk und reichen keinesfalls für ein Buch, für eine Ausstellung aus. Weniger wäre hier mehr gewesen. Der ansonsten interessante Künstler hat sich um einen guten Effekt, eine gute Idee selber beraubt. Womöglich jedoch sind die übrigen Bilder besser als die gezeigten, ich weiß das nicht. Was ich auf der Hompage des Verlages HatjeCantz gesehen habe, überzeugte mich allerdings genausowenig. Es wäre in diesem Falle in der Tat besser gewesen, eine extra für diesen Anlaß gefertige komplexe Eisenbahnplattenlandschaft mit jenen wunderbaren Miniaturfiguren von Preiser sowie einigen Faller-Häusern in Detailansichten abzuphotographieren.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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