„Klassenkampf von oben“

So hieß die Debatte in der „Zeit“ über die Thesen Sloterdijks, daß die Unteren mit Gaben abgespeist werden sollen, um die „Würde der Armut“ nicht zu gefährden. Wenn die Löhne für Arbeiterinnen und Arbeiter bei solchen wie Schlecker, Back & Frost et al. schon so großzügig ausfallen, da möchte man dann gar nicht mehr wissen, welch reichhaltige soziale Gaben von den Oberen Charaktermasken freiwillig dargeboten werden.

Eigentlich ist zu dieser Debatte in anderen Blogs alles bereits gesagt, und es ist witzlos, hierüber zu diskutieren. Aber ich möchte denen, die es in der Zeit der Ausgabe vom 21.1.2010 noch nicht gelesen haben, diese Sätze von Jens Jessen nahebringen:

„Indes kann man sich nur wundern, mit welcher Sicherheit die neuen Hartherzigen davon ausgehen, ihr Einkommen einzig der eigenen Leistung zu verdanken. Haben sie nicht auch von familiären Privilegien, womöglich über Generationen akkumuliertem Bildungsbesitz profitiert, wenn nicht gleich schnöde von ererbtem Vermögen? Und wenn dies nicht der Fall ist, wenn der Weg, wie Sloterdijk gerne betont, aus ‚bescheidenen Verhältnissen‘ nach oben führte, muss dann nicht erst recht dankbar des emanzipatorischen Flankenschutzes des Sozialstaates gedacht werden? Oder anders herum gefragt: Wie weit wären die Sloterdijks und Bohrers gekommen, wenn statt der sozialdemokratischen Bildungsoffensive private Suppenküchen und Kleiderspenden ihre Jugend begleitet hätten?

Es macht ein wenig misstrauisch, dass die Umverteilungsklage weniger vom wirklichen Establishment als von den intellektuellen Aufsteigern formuliert wird. Will man nicht direkt unterstellen, dass diese von jenem bezahlt werden, bleibt nur die Erinnerung an eine klassische Beobachtung Tocquevilles. Er vermutete, dass Dienstboten in Amerika deswegen schlechter behandelt werden als in Frankreich, weil die amerikanischen Herrschaften ihnen ohne schlechtes Gewissen gegenüberstehen, insofern sie selbst von Dienstboten abstammen.“

2 Gedanken zu „„Klassenkampf von oben“

  1. Ja, der hat mir auch gefallen. Vor allem aber trifft er ein allgemeines sozialpsychologisches Phänomen in bezug auf den Aufsteiger, der nicht souverän mit seinem wie auch immer verursachten Aufstieg umgehen kann.

    Ich muß jedoch zu meiner Schande gestehen, daß ich von Tocqueville noch keine Zeile gelesen habe.

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