Engel der Geschichte

Ich möchte heute und hier, unkommentiert, zwei Text nebeneinander stellen und zusammen- oder gegeneinander lesen:

„Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber. Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken. Meine Hoffnung ist der letzte Atem. Meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“
(Heiner Müller, Werke 1, S. 212)

Und so heißt es auch im Lenz von Bücher, daß man den Himmel als Abgrund unter sich hat, wenn man auf dem Kopf geht.

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm,“
(Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, GS I/2, S. 697 f.)

8 Gedanken zu „Engel der Geschichte

  1. kurzer interpretationsversuch:
    offensichtlich kannte müller den benjaminschen engel (vielleicht sogar auch den büchnerschen) und das gemälde von klee, benutzte das bild beider, drehte es um 180 grad, um es zu beantworten. aus dem für menschen und engel unaufhaltsamen und bis zum himmel trümmer auftürmendem fortschrittssturm wird so der vom himmelfliehenden erlöserengel iniziierte aufstand (der massen?). der schicksalsengel schlägt sich hier auf die seite der beschickten und will mit ihnen dagegenhalten. erinnert an die von marx beanspruchte 180 grad drehung der hegelschen philosophie.

  2. Bei Büchner ist es der Lenz, welcher auf dem Kopf gehen möchte, Celan greift dieses Bild in seiner Büchnerpreisrede auf.

    Ich bin ja eigentlich so gar kein Fan von irgendwelchen Engelgeschichte, weil das so arg verhunzt und verkitscht wurde. Insofern muß diese Figur des Engels philosophisch-literarisch bzw. theologisch gelesen werden. Wie bei Rilke auch, wo es aber schon grenzwertig ist in den „Duineser Elegien“.

    Deine Sicht auf Müller teile ich nicht, ich halte sie für falsch. Dieser Engel schlägt sich auf keine Seite mehr. Er steht, wie in der Hamletmaschine, auf beiden Seiten der Barrikade. Er teilt (zeitlich vorher) den Rausch aus, das Vergessen. Dieses Vergessen ist jedoch keineswegs ein heilsames. Die Revolution, welche stattfindet, ist geschichtsphilosophisch nur noch eine Farce, wenngleich eine blutige. Das Blut der Geschichte ist untilgbar. Es gibt keine Sicht auf Versöhnung, die Utopie ist nicht einmal mehr schwarz verhängt.

  3. „Meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand“ sagt was anderes. Vielleicht nicht Revolution, Versöhnung, Utopie. Aber das Gegenteil von Aufgabe, nämlich Aufstand, Auferstehung der Toten. Ein negativer Christus? „Ich bin der der sein wird“. Ein Racheengel? „mein Himmel der Abgrund von morgen“. Es bleibt dunkel, kein Happy End winkt. Aber im Gegensatz zum Engel der Geschichte, der ein Getriebener, ein Erleidender ist, will der Müllersche ein Akteur sein, etwas bewegen. Das ist seine Hoffnung, seine Motivation.

  4. Ich habe den Text Heiner Müllers soeben mehrmals gelesen und dabei die Worte anders betont, kann mir so vorstellen, wie du ihn „empfindest“, viel düsterer als ich anfangs. Rezeption ist subjektiv gefärbt. Texte sind daher ambivalent. Dennoch bleibt meiner Meinung nach ein wesentlicher Unterschied zum Benjaminschen Text, der sich, wie ich jetzt glaube, am besten in dem Satz „mein Gesang der Schrei“ ausdrückt.

  5. Der Engel der Verzweiflung ist das Substrat des Engels der Geschichte.
    Im Schatten, den die Flügel des Engels der Geschichte werfen, haust die Zukunft
    und diese ist der Schrecken. Auf dem Kopf gehen, heisst, die Füsse im Himmel haben, heisst die Füsse da haben, wo das Licht herkommt.
    So fallen die Schatten auf die Erde. Schatten des Kopfs, Schatten der Füsse, flügelgleich.
    In diesen Schatten haust der Engel der Verzweiflung. Nicht nur auf, auch unter der Erde,
    im Sarg, den er öffnet mit dem Messer.
    Der Engel der Verzweiflung ist das Messer, das den Sarg öffnet, um in den Schatten des
    Kofpgehers zu treten, um dem Engel der Geschichte die Lider wegzuschneiden,
    so dass dieser die Augen nicht mehr schliessen kann vor den Trümmern der katastrophischen Vergangenheit.
    Der Engel der Verzweiflung erfüllt auf die schrecklichste Weise das Postulat Nietzsches: werde der du bist.
    Er weiss von sich: Ich bin der sein wird.
    Schlacht, Schrei, Abgrund, Aufstand, letzter Atem: konsequente Entfaltung des Engels der Geschichte zu allen in ihm angelegten Schrecknissen.

  6. Es gefallen mir alle diese Interpretationen nicht recht, und so bereue ich es ein wenig, daß ich diese Texte ohne einen weiteren kommentierenden Text überhaupt derart unvermittelt nebeneinander gestellt habe. Zumal die Figur des Engels immer etwas Heikles hat, das nahe am Kunstgewerblichen gebaut ist und Engelsforscher sowie allerlei Merkwürdigkeiten evoziert. Sowieso schwingt mir in Müllers Text ein Stück zu viel des Pathos. (Wenngleich dieser nach Bohrer eine wiederzuerweckende Kategorie sei.)

    Andererseits soll natürlich jeder das Recht haben, auszudrücken, was ausgedrückt werden muß.

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