„Von Schwelle zu Schwelle“

Viel nimmt sich dieser Blog vor, plant und reißt dieses und jenes Projekt an, ohne es dann zum Ende zu bringen. Nietzsche, Postmoderne, Adorno und die Musik … . Ja, von jedem etwas und immer nur in Stücken dargeboten, die dann erst im Abstand folgen, nach langer Zeit sich mehr oder weniger zusammensetzen. Die Texte geraten da zuweilen oberflächlich, verfransen, dissoziieren, sind zu kurz gefaßt, treiben auseinander, ohne daß eine Einheit des Textes sich herstellte. Aber dies mag vielleicht das Wesen eines Blogs sein: Unsystematisch denken.

Dieses Jahr über möchte „Aisthesis“ einen Philosophen, Schriftsteller, Literatur- und Medientheoretiker in den kritischen Blick nehmen und würdigen, der sich den Kategorisierungen entwindet, der in seiner Theorie schwer festzumachen ist, dem Adorno manches verdankte, die sich gegenseitig in ihrem Denken befruchteten, sich um der Sache willen stritten; befreundet war er mit so gegensätzlichen Denkern wie Brecht und Scholem, ein brillanter Essayist, der erst aus Deutschland, dann aus Frankreich emigrieren mußte, gehetzt, der zur Passage hin nach Amerika, in der beschwerlichen Passage von Frankreich nach Spanien seinen Tod fand, von Schwelle zu Schwelle, weil er nicht mehr weiter wußte und konnte. Ja, es dreht sich dieses Jahr hier sehr viel um Walter Benjamin, der sich am 26. September (das Datum ist nicht ganz gewiß) im Spanischen Port Bou das Leben nahm: Sich das Leben nehmen, eine eigentlich merkwürdige doppeldeutige Wendung. Nach solch einem Akt des Nehmens müßte etwas Großes herauskommen, aber es bleibt weniger als das Nichts übrig.

Wo genau die Reise dieses Jahr über in dem Benjamin-Projekt hingeht, das kann ich eigentlich noch gar nicht so genau formulieren. Ich hoffe, daß ich einige Dinge schaffen werde; versprechen mag ich jedoch nichts. Wieder einmal wird es eher unsystematisch denn geordnet werden. Sicherlich berücksichtige ich auch die vielfältige Sekundärliteratur, so etwa das in der „Berliner Zeitung“ vom 13.1.2010 besprochene Buch von Jean-Michel Palmier zu Walter Benjamin, das wohl ein Standardwerk darstellt, wenn man dem Rezensenten Dirk Pilz folgt. Schon der Untertitel klingt vielversprechend: „Lumpensammler, Engel, bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin“ Ja, das liest sich erst einmal interessant: all die bekannten Figuren der Benjaminschen Texte versammeln sich da. Es fehlt da eigentlich nur noch die Mummerehlen aus der „Berliner Kindheit“, die eine Figur des (konstitutiven) Mißverstehens darstellt, aus dem Erkenntnis erwächst.

„In einem alten Kinderverse kommt die Muhme Rehlen vor. Weil mir nun ‚Muhme‘ nichts sagte, wurde dies Geschöpf für mich zu einem Geist: der Mummerehlen. Das Mißverstehen verstellte mir die Welt. Jedoch auf eine gute Art; es wies die Wege, die in ihr Inneres führten. Ein jeder Anstoß war ihm recht.“ (GS IV/1, S. 260 f.)

Der Blick des Kindes auf die Welt, welcher in der – an Proust orientierten – rückblickenden Reflexion der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ wieder evoziert und in eine – freilich reflektierte – Prosa eingeholt wird, dient als Medium; in der Unmittelbarkeit geht dem Kind in seinen Wahrnehmungen etwas Nichtsprachliches auf, es erfährt die Dinge in der Offenheit, bringt sie in sich hinein. Erst die rückwärtsgewandte, zeitlich sich viel später einstellende essayistisch-aphoristische Reflexion vermag es, das, was an sich bereits ist, in Sprache freizulegen: Einzelnes, das die absolute Singularität beansprucht (und damit eben nicht aussagbar ist), an dem dennoch etwas aufgeht, und das zugleich auf ein Allgemeines deutet. Diese dialektische Methode Benjamins, die dann Adorno in den „Minima Moralia“ und in den „Meditationen zur Metaphysik“ kompositorisch ausbaute, ist nicht nur im Hinblick auf eine Hermeneutik der Lebenswelt interessant, sondern impliziert genauso Erkenntnistheoretisches; in der „Berliner Kindheit“ verdichtet sich eine Figur der Benjaminschen Theorie literarisch: „Die Gabe, Ähnlichkeiten zu erkennen …“ (S. 261), wobei hierzu eben genau dieses „Verhören“ und das Mißverstehen ein konstituierendes Moment abgeben.

In den 20er Jahren entfaltete Benjamin diese Figuren der Erkenntnis in den verschiedenen Ausprägungen noch philosophisch: so in den Aufsätzen, die von den Herausgebern der „Gesammelten Schriften“ (welche gar nicht hoch genug gelobt werden können) zu den „Metaphysisch-geschichtsphilosophischen Studien“ zusammengefaßt wurden, etwa politisch-theologisch im Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“ oder in seinen zentralen Texten „Lehre vom Ähnlichen“, „Erfahrung und Armut“ sowie „Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“, wo eine Theorie der Mimesis und der Sprachmagie entwickelt wurde, die sich zu einer Theorie des Namens erweiterte, um einer Sprache als bloßer Mitteilung und Kommunikation die Absage zu erteilen. Ich schlage den Bogen nun assoziativ noch ein wenig weiter (für die drei oder vier Leser, die mir überhaupt noch folgen mögen, weil diese Dinge bei Benjamin in der Tat schwere Theoriekost sind), und möchte zu Celans Meridian-Rede gleiten, denn auch dort kommt ein ganz ähnliches Motiv vor, und zwar wenn es um den Gegensatz von Kunst und Dichtung geht, denn wo von der Kunst, der bei Celan etwas Mechanisches anhaftet, die Rede ist, da gibt es, so Celan, immer jemanden, der nicht richtig hinhört. (GW 3, S. 188) (1) Aus diesem Mißverstehen erwächst das Gegenwort, das in die Dichtung münden kann. Und auch zum Schluß seiner Rede taucht dieses Motiv dann noch einmal auf: das falsche Hinhören, welches (als Utopie) Neues eröffnen kann, wenn etwa das „Commode“ als das „Kommende“ gelesen wird. Dieses Kommende, für das der Weg freizumachen ist, spielt auch bei Benjamin, insbesondere in den späteren Schriften, eine zentrale Rolle, wenn es um die „Aufsprengung der historischen Kontinuität“ geht: „Wo das Denken in einer von Spannung gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild“ (GS V/1, S. 595). Bei einer solchen „Dialektik im Stillstand“ und im Hinblick auf Celan sowie den Topos der „Sprachmagie“ werden sicher auch Rolf Tiedemanns und Winfried Mennighaus‘ Texte zu Benjamin betrachtet werden müssen. Und so wird es nicht ausbleiben, daß neben der Ästhetik dann auch die Aspekte eines Benjaminschen Historischen Materialismus analysiert werden.

Auf alle Fälle stellen wir in dieser eher losen Serie Benjamins Schriften zur Photographie vor, entfalten seine Theorie vom dialektischen Bild und geben die Texte zum Paris des 19. Jhds wieder. Der Kunstwerkaufsatz kommt ganz gewiß vor, auch die letzte Publikation von Benjamin „Über den Begriff der Geschichte“, die ja in Zusammenhang mit dem oben Ausgeführten steht, sowie seine Fragmente zum Fortschrittsbegriff müssen gelesen werden; vielleicht nehme ich zudem die Korrespondenz zwischen Adorno und Benjamin in den Blick.

Wieder ein Projekt mehr, ächzt jetzt der Leser. Ja, es wird immer viel zu viel angekündigt in diesem Blog. Aber das muß so sein. Ob solche Ankündigungen zu halten sind, zeigt sich dann ja.

Zum Schluß dieses Auftaktes ein paar Worte noch zu Walter Benjamin, ins Allgemeine gesprochen. Denn was womöglich zur Gegenwart einen Bezug aufweist und manchen, der denkt und Philosophie veranstaltet, auch heute noch umtreibt: Benjamin war ein Wissenschaftler, der sich im herkömmlichen traditionellen Wissenschaftsbetrieb schwertat, so könnte man es zunächst sehen; einer, der dort niemals richtig ankam, sich nicht zurecht fand, keine dauerhafte Stelle an irgend einer Universität erhielt, dessen Habilitation grandios scheiterte. Man kann es jedoch auch umgekehrt formulieren, daß es in einer derart versteinerten Wissenschaft, in einer solch erdrückenden Atmosphäre des zur Schau getragenen Gravitätischen für einen Essayisten und Theoretiker wie Walter Benjamin, der feingliedrig, ästhetisch, ins Weite und Ungedeckte sich treiben lassend dachte, geistig und physisch ganz unmöglich sein mußte, dort einen Platz zu finden; daß es also weniger gegen Benjamin, sondern vielmehr gegen diesen herrschenden Lehrbetrieb und seine Art, Wissenschaft zu betreiben, spricht. Und auch heute gilt es ja noch vielfach an den Universitäten: Wer setzt sich schon gerne einen Hecht in den Karpfenteich. Schon früh in den ersten Studienjahren in Freiburg/Br. stellten sich die ersten Vorbehalte gegen den akademischen Betrieb ein:

„Die Wissenschaft ist eine Kuh
Sie macht: muh
Ich sitz im Hörsaal und höre zu.“
(Gesammelte Briefe I., S. 48)

„Die Hochschule ist eben der Ort nicht, zu studieren.“ (Briefe I, S. 242)

Diese zwei Benjamin-Zitate entnehme ich der chronologisch aufgebauten Biographie von Willem van Reijen und Herman van Doorn, Aufenthalte und Passagen. Leben und Werk Walter Benjamins. Sie behandelt die einzelnen Jahre im Leben Benjamins, mit 1912 beginnend, und ist mit Photographien ausgestattet, der Schwerpunkt liegt aber auf der Theorie Benjamins, einzelne Werke werden darin im jeweiligen Jahr ihrer Entstehung lokalisiert und kurz zusammengefaßt. Das ist recht instruktiv und als Überblick zu den einzelnen Texten hilfreich. Die Photographien gerieten jedoch großenteils viel zu klein, so daß wenig zu sehen ist und man sich fragt, ob diese Bilder zu irgend etwas beitragen sollen. Auch die einzelnen Etappen und Aufenthalte in der Vita Benjamins stellen sich etwas stockend, hölzern und holprig dar. Insofern empfehle ich für alle die, welche bei Benjamin noch nicht so richtig kundig sind, die sehr gute Biographie aus der bekannten Rowohlt-Reihe vom Literaturwissenschaftler Bernd Witte. Sie ist maßgeblich.

Die Philosophie Benjamins treibt in viele Richtungen aus, dies macht sein Denken interessant und erschwert zugleich die Darstellung, da die in Theorie gebannten Bilder, die man sich von ihm macht, im gleichen Augenblick durch einen anderen Text kaleidoskopisch wieder zerfallen. Manchmal sogar kann dies in ein und demselben Text geschehen. Die „wolkigen Stellen“, die Benjamin in Kafkas Prosa ausmachte, sind auch in seinen Texten enthalten.

Spannend bleibt bei Benjamin, daß sich in seinem Denken so gegensätzliche Pole wie Theologie und Materialismus, Mythos und Logos, Mimesis und Ratio, Religiöses und entzauberte Moderne miteinander paaren und duchdringen. Ich möchte also  versuchen, einiges von diesem Vielfältigen unsystematisch ins Bild zu bekommen, um einen etwas in Vergessenheit geratenen, dennoch für das 20. Jhd. ungemein bedeutenden Philosophen dem Leser nahezubringen bzw. Diskussionen zu eröffnen. Auch kann man mit Benjamin womöglich eine Kritische Theorie fortschreiben, die Medien wie  Film und Photographie gerecht wird. Schauen wir mal, was sich hier alles bewerkstelligen läßt.

Enden wir mit einem Zitat und einem Lied von F.S.K.

„Auf meinen Knien,
geheim in diesem Tanzlokal,
im Kopf die Wirrkopfmelodien,
zum hundersten Mal,
von Walter Benjamin,
das ist nicht normal,
und du bist mein Ruin“

Ja, dieser Rausch, der Spleen, dieses Adrenalin, diese Droge Benjamin: Sie wuchert und wirkt hoffentlich auch in den kommenden (und nicht bloß kommoden) Texten, die hier demnächst folgen.

_________

(1) Es ist die Lucile aus „Dantons Tod“, die das eigenwillige Gegenwort spricht. Celan entfaltet hieran virtuos eine Konzeption von Dichtung als Gegenwort und Atemwende, (wie auch einer seiner Gedichtbände heißt), er entwickelt ein Poetik des Datums und der Singularität, denn jedem Gedicht ist sein 20. Jänner eingeschrieben; wir schreiben uns von einem solchen Datum her, wir müssen dieser Daten eingedenk bleiben.

8 Gedanken zu „„Von Schwelle zu Schwelle“

  1. Um dem Thema ‚Benjamin und der Wissenschaftsbetrieb‘ ganz gerecht zu werden, sollte man wohl noch anmerken, daß er mittlerweile dort zumindest insoweit angekommen ist, als daß er nun einen vielzitierten style icon darstellt, mit dem die distinguierte Akademikerwelt gerne ihre drögen Texte dekoriert. Leider sind viele von Benjamins Texten für diese Art von Zweckentfremdung nicht ganz ungeeignet.

    Von Palmiers 1.300-Seiten-Pamphlet über Walter Benjamin gibt es übrigens einen lesenswerten Auszug bei Perlentaucher. Man erfährt darin einiges zur Diskussion mit Adorno ums ‚dialektische Bild‘ aus den 30ern und kleine Details, wie das, daß Scholem den Adorno für einen „sublimen Plagiator“ Benjamins „mit einer ungewöhnlichen Chuzpe“ hielt.

    Hier: http://www.perlentaucher.de/artikel/5743.html

    Beste Grüße
    JR

  2. Ja, genau dieses Herauspicken macht es mit Benjamin so schwer; nicht viel anders verhält es sich bei Nietzsche; ihm erging es noch schlimmer, woran er selber allerdings nicht ganz unschuldig war.

    Benjamins Text gestaltet sich vielschichtig, auch er birgt diese „wolkigen Stellen“, und ich denke, daß man mit dem materialistischen Text zugleich den theologischen wird lesen müssen. Beide stehen ja auch in engem Zusammenhang. Ich hoffe, es hier im Blog zu schaffen, insbesondere auf den Sprachaufsatz einzugehen. In diesem Aufsatz habe ich jedoch mit den theologischen Komponenten meine Probleme und halte bei der Theorie einer reinen Sprache Kritik für angebracht.

    Danke für den Hinweis zum Verhältnis Adorno/Benjamin und auch für den Link. Ich lese momentan die Passagen aus dem Palmier-Buch. Insbesondere Adornos Kritik, die er an Benjamins Konzeption vom dialektischen Bild im Passagenwerk übt, dieses sei zu sehr im Psychologischen, in der Immanenz des Bewußtseins verhaftet, ist zu teilen. „Der Fetischcharakter der Ware ist keine Tatsache des Bewußtseins, sondern dialektisch in dem eminenten Sinne, daß er Bewußtsein produziert.“ (Adorno)

    Als Überblick sind diese Passagen im Palmier-Buch (als Zusammenfassung sozusagen) durchaus instruktiv. Ich kann jedoch zum Buch im Moment noch gar nicht so viel schreiben, weil ich hier wirklich noch am Anfang bin. Bisher erscheint es mir eher deskriptiv zu sein.

    Freilich wird man hierzu noch einmal den Briefwechsel Adorno/Benjamin sowie die entsprechenden Texte aus dem Umfeld des Passagenwerkes genau lesen müssen, da es sich nun einmal so verhält, daß keine Zusammenfassung die Originaltexte ersetzt. Insofern ist der Vorbehalt gegen einführende Sekundärliteratur berechtigt. Wie pflegte es mein Professor für Soziologie im Hinblick auf Marx, Lukács und die Kritische Theorie zu formulieren: Wer die Primärtexte nicht versteht, der wird auch die sekundären nicht begreifen. Insofern sei es dann doch besser, gleich die Originaltexte zu lesen.

    Ja, die Vorhaltungen Scholems hatte ich fast vergessen, sie sind mir lediglich im Hinterkopf noch präsent. Aber diese ganzen Vorwürfe „Y hat den X nachgemacht“, „Y hat von X geklaut“ halte ich für unproduktiv. Geistiges „Eigentum“ ist schließlich mobil. Theorien schreiben sich weiter, bzw. sie werden weitergeschrieben. Originalität ist eine Illusion, wenn man auf ihr pocht. Da halte ich es doch sehr mit Brecht, der formulierte, daß man in den Fragen des geistigen Eigentums nicht so pingelig sein solle.

    Ich grüße Sie und danke nochmals für Ihren Text.

  3. Scholems tatsächlich recht nutzloser Anwurf gegen Adorno, er würde Walter Benjamins Ideen plagiieren, verweist eigtl. trotzdem ganz schön auf die tatsächliche Substanz von Adornos Philosophie bzw. der der kritischen Theorie überhaupt: Es geht ihr um bestimmte Negation des Gegebenen. Ein Bekannter von mir, der eher der frz. Philosophie anhängt, brachte es mal so auf den Punkt: Adorno bzw. die kritische Theorie habe ja „gar nichts Eigenes“; Horkheimer und Adorno würden also sozusagen nur mit den Ideen anderer Leute arbeiten. Ich denke, das würden die beiden gar nicht unbedingt abstreiten, ihre Eigenleistung liegt ja tatsächlich zu großen Teilen in der Kritik der vorgängigen Philosophie, allen voran die Kants und Hegels. Der Rest ist Freud und Marx, könnte man simplifizierend hinzufügen, wenn es da nicht noch Ideen wie die des Nichtidentischen gäbe, die die angebliche ‚Unoriginalität‘ Adornos relativieren.

    Darüber, was genau ein dialektisches Bild ist, schweigen sich Adorno und Benjamin leider etwas aus. Ausdrücke wie „von Spannung gesättigten Konstellation im Stillstand“ verraten nicht, wer der Träger solcher Bilder ist und wie sich in ihnen diese Bilder ablegen. Erscheint das dialektische Bild nur in der Vorstellung bestimmter Menschen, von Künstlern vielleicht, oder ist es selbst nur im allerallgemeinsten Sinne eine bestimmte Art kollektiv-imaginativer Vorstellung, die mit dem Geruchs-, Geschmacks- und Gehörsinn nichts zu tun hat? Oder steckt es vielleicht nur in bestimmten Kunstwerken? Wie unterscheidet sich ein dialektisches Bild von einem undialektischen? Das bleibt, soweit ich bisher zum Thema dialektisches Bild bei Adorno und Benjamin etwas gefunden habe, weithin im Unklaren. Schade eigentlich.

  4. @ JR
    Nun haben Sie mich alten Benjamin-Adorno-Junkie bezüglich des dialektischen Bildes ziemlich angefixt. Das sind Fragen, die in der Tat geklärt werden müssen. Ich hoffe, daß ich zur Konzeption des dialektischen Bildes demnächst etwas schreiben kann. In der kürze hier und jetzt ist mir das nicht möglich, denn wie Sie es zu recht schreiben, liegen diese Dinge doch im vagen. Sie bedürfen der Analyse, und ich bin mir momentan noch nicht ganz klar darüber, wie das anzusetzen sei.

    Ich weiß gar nicht so sehr, ob die Kategorie des Neuen in der Philosophie brauchbar ist. Vielleicht aber trifft das Bild vom Kaleidoskop bzw. das von den spiralförmigen Kreisen die Angelegenheit. Immer wieder werden in der Philosophie Themen und Momente aufgegriffen und in einen spezifischen Rahmen gebracht, die bereits einmal behandelt wurden. Es veralten Philosophen wie Aristoteles und Thomas von Aquin nicht, weil in den immer wieder gestellten Fragen, je nach dem geschichtlichen Stand, die Antworten anders ausfallen, die Text anders gelesen werden. Vielleicht kann es auch deshalb gar kein Veralten der Theorie geben, weil Wahrheit an einen Zeitkern gebunden ist, wie es Benjamin schreibt, der als solcher in immer neue Anordnungen gebracht werden muß.

    Wie verhält es sich mit der Theorie Adornos?

    Als „Neues“ stellt sich bei Adorno dar, daß dem historischen Subjekt Proletariat keine geschichtliche Funktion mehr zukommt, wie dies zuletzt noch bei Lukács in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (ein Buch, das Adorno durchaus schätzte) konzipiert war. Es läßt sich nicht mehr umstandslos auf ein besseres Bewußtsein rekurrieren. Insofern kommt bei Adorno die Figur der bestimmten Negation zum Tragen. Dies ist konsequent, denn der sozusagen positive Teil der Hegelschen Philosophie und erst recht die (kollektive) Praxis vertagten sich. In den Schriften der 30er, 40er Jahre, vornehmlich in der „Dialektik der Aufklärung“ und den „Minima Moralia“, wird das Aporetische dann in verschiedenen Weisen entfaltet. Tatsächlich fruchtbar gerät diese Aporie dann in der „Negativen Dialektik“. Ich vermute aber, daß ich Ihnen damit nicht allzu viel Neues mitteile.

    Wie schon gesagt: ich sträube mich ja ein wenig gegen die Kategorien des Neuen und des Eigenen. Aber die Vermittlungsleistungen, die Adorno dann in der „Ästhetischen Theorie“ vollbringt, sind eigentlich nur noch vergleichbar mit dem großen Wurf der Hegelschen Philosophie im ganzen und dem Text von Marx. Und dies geschieht in einem einzigen Buch, das nicht einmal als vollständig bezeichnet werden kann, sondern Fragment geblieben ist.

    Es klingt nun hochtrabend und hochfahrende, dies weiß ich wohl, doch egal: die Ästhetik Adornos ist, ob man ihre vielschichtigen, vielfältigen Sätze nun teilt oder nicht, ein Maßstab für das 20. Jhd., was Fragen zur Kunst betrifft. Ich kenne keine gründlichere, gelungen komponierte, ausgefeiltere Ästhetik; fast bin ich geneigt, einen Preis auszuschreiben, wer hier überbieten kann und mir eine bessere Theorie nennt. Allenfalls Derrida mag noch in dieser Liga spielen, wenngleich er eben keine Ästhetik geschrieben hat, was ja an der Konzeption der Derridaschen Theorie liegt. Insofern entstand bei Adorno etwas, das vielleicht, wenn man Ihrem Bekannten folgt, der der französischen Philosophie anhängt, nichts Neues war, aber dennoch eine Wendung ums Ganze ergab, mithin also einen qualitativen Umschlag. Nach Adorno ließen sich Ästhetik und Kunsttheorie nicht mehr auf die Weise betreiben, wie es vorher noch möglich war.

    Sicher läßt sich auch Heidegger anführen. Aber dort muß man schon sehr viele Hebel umlegen und entsprechende Umpolungen vornehmen, damit da kein volkstümelnder Trachtenkram bei herauskommt und die van Goghschen Bauernschuhe für die Ideologie des Chtonischen mißgedeutet werden.

    Wir könnten hier lange fortfahren.

    Auf diese schriftliche Weise möchte ich mich zudem bei Ihnen für Ihre sehr guten Kommentare bedanken. Zudem haben Sie mich nun endgültig in den Benjamin hineingetrieben, der schon so lange zurückliegt: fast verschüttet. Da wird‘s dann wohl dieses Jahr ein Benjamin-Adorno-Blog.

  5. Das mit der „Ästhetischen Theorie“ sehe ich seit vielen Jahren genau so. Sie sollte eine Art Bibel für jeden „Kunstschaffenden“ sein. Wie ich finde, unabhängig davon, ob die (Hegelsche) Dialektik letztlich akzeptiert wird oder nicht, was ich inzwischen nicht mehr tu. Ein brasilianischer Freund, „Adorno-Professor“, sagte mir vor 20 Jahren, als er in Deutschland über Adorno promovierte, er hätte bei Adorno denken gelernt. Dem stimme ich immer noch uneingeschränkt zu.

  6. Unbedingt muß die theologische Konnotation vermieden werden, denn im Unterschied zur Bibel ist der Text Adornos nicht sakrosankt, er läßt sich weiterschreiben, umschreiben, in eine andere Konstellation bringen, durchstreichen, überschreiben. Dies ist für die Anhänger einer Religion bei religiösen Texten nicht oder nur sehr bedingt möglich, dies wird dort nur um den Preis geschehen, daß dann eine andere Religion entstünde. Die Exegese hat im religiösen Text ihre Grenzen.

    Ich möchte, bei aller Anerkennung von Adornos Schriften, um ihn herum jedoch keine Orthodoxie aufbauen. Deshalb ist der Begriff „Bibel“ ein falscher, den ich so nicht teile. Mag man sich auch noch so an die Texte Adornos anschmiegen; dies ergäbe jedoch eine falsche Mimesis.

  7. kein einspruch, deshalb „eine art bibel“. hätte auch handbuch, standardwerk etc sein können, wäre mir aber zu schwach. weder theologie noch orthodoxie, würde auch gar nicht funktionieren, weil weder gebote noch thesen drinstehen oder einfach ableitbar sind.

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