Zweiter Platz

„Die ekstatische Zeitlichkeit lichtet das Da ursprünglich.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, S. 351

Heute möchte ich den zweiten Preis im Heidegger-Look-alike-Wettbewerb verteilen. Einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller schickte mir einen Text zu Martin Heidegger. Ich fasse dies als eine ziemliche Ehre auf, und ich will diesen Beitrag meinen Blog-Leserinnen und -Lesern natürlich nicht vorenthalten. Zwar geht es bei diesem Text nicht darum, Heidegger möglichst ähnlich zu werden, und deshalb verfehlt der Text die Wettbewerbsbedingungen um ein Geringes. Es handelt sich jedoch um eine furiose Heidegger-Beschimpfung. Deshalb präsentiere ich sie an dieser Stelle:

„Tatsächlich erinnert mich Stifter immer wieder an Heidegger, an diesem lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. Hat Stifter die hohe Literatur auf unverschämte Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verktischt. Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer aus seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat. Heidegger war ein Kitschkopf genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker, wie ich glaube, gerade recht für den deutschen Philosophieeintopf. Den Heidegger haben alle mit Heißhunger ausgelöffelt jahrzehntelang, wie keinen anderen und sich den deutschen Germanisten- und Philosophenmagen damit vollgeschlagen. Heidegger hat ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, die auf der deutschen Philosophie geweidet und darauf ihre koketten Fladen fallen gelassen hat. Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut, die Heideggerkuh ist zwar abgemagert, die Heideggermilch wird aber noch immer gemolken. Heidegger in seiner verfilzten Pumphose vor dem verlogenen Blockhaus in Todtnauberg ist mir ja nurmehr noch als Entlarvungsfoto übriggeblieben, der Denkspießer mit der schwarzen Schwarzwaldhaube auf dem Kopf, in welchem ja doch nur immer wieder der deutsche Schwachsinn aufgekocht worden ist. Wenn wir alt sind, haben wir ja schon sehr viele mörderische Moden mitgemacht, alle diese mörderischen Kunstmoden und Philosophiemoden und Gebrauchsartikelmoden. Heidegger ist der Kleinbürger der deutschen Philosophie, der der deutschen Philosophie seine kitschige Schlafhaube aufgesetzt hat, die kitschige schwarze Schlafhaube, die Heidegger ja immer getragen hat, bei jeder Gelegenheit. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter.“

Ich danke Thomas Bernhard für seine Zuschrift, für diese ausführlichen Zeilen und belohne ihn mit dem zweiten Preis. Es wurden zwar die Kriterien nicht ganz erfüllt, doch für den zweiten Platz reicht‘s allemal.

Auch freue ich mich, daß Thomas Bernhard regelmäßig diesen Blog liest und am Wettbewerb teilgenommen hat.

„Aistheis zu lesen bietet naturgemäß in der größtmöglichen Intensität den höchsten Erkenntnisgewinn, und es ist ein Leben ohne diesen Blog eigentlich für einen Geistesmenschen überhaupt nicht mehr vorstellbar, sagte ich mir, nachdem ich auf dem beschwerlichen Weg zum Steinhof hinauf größere Mengen Prednisolon eingenommen hatte, um der Erkrankung entgegenzuwirken und wenigstens für den Abend schmerzfrei und unbeschwert diese Zeilen schreiben zu können.“
Thomas Bernhard

32 Gedanken zu „Zweiter Platz

  1. Das ist der erste Text, den ich überhaupt von Bernhard lese. Stilistisch wirklich erbaulich, er scheint jedoch die Disziplinen Logik, Metaphysik und Ästhetik nach Gusto zu verheddern. War er denn philosophisch geschult? Obwohl, auch bei Adorno habe ich manches Mal den Eindruck, dass solche modalen Fehler vorkommen. Es wäre jedoch vermessen, Adorno philosophisches – oder wenigstens sozialwissenschaftliches und auch ein bisschen was über bildende Kunst und Musik – Wissen retrospektiv abzusprechen.

  2. Gewinner des Thomas-Bernhard-Writealike-Contest: Bersarin!

    Ähm, HW, sollte das Ironie sein, oder dürfen wir das ernst nehmen?

  3. Dass Adorno lediglich „ein bißchen was“ über Musik wußte, ist schon mal nicht wahr.

  4. Meine Aussage ist in jedem Fall wahr, da sie wahr gemeint ist und da hier eine subjektives Empfinden zur Debatte steht. Tatsächlich spreche ich Adorno die Kenntnis von Musik in dem Kontext in dem ich Musik als wertvoll betrachte weitgehend ab. Adorno hat versucht, Musik in „richtige“ und „falsche“ Musik einzuteilen, er hat außerdem versucht Musik in einen praktischen Kontext zu stellen, fernab jeder Andeutung, Erhabenheit, Verspieltheit, Kontemplation, Größe. Das nenne ich einen Kategorienfehler. Die Ästhetik und das ästhetische Werk hat vor allen Wissenschaften den Vorzug, nicht verifizierbar oder falsifizierbar zu sein (anders als die Logik), auch nicht durch gesellschaftliches Übereinkommen (das unterscheidet sie von der Ethik).

    Weiterhin hat Adorno speziell zum Thema Musik, zum Beispiel zur Funktion und zum Stellenwert der Jazzmusik (für ihn war ja Swing und Bop eine Soße), meiner Meinung nach einigen üblen Bullshit verzapft.

  5. @ Hanneswurst

    Bernhard selbst dürfte philosophisch gebildet sein, zudem bezieht er sich in seinen Büchern vielfach (auch inhaltlich) auf Philosophie, insbesondere Wittgenstein, Schopenhauer, Kant, Novalis tauchen häufig auf. Unabhängig davon aber stehen diese Philosophen (genauso Heidegger) als Platzhalter für bestimmte Denkbewegungen und literarische Umkreisungen. Das, was Bernhard über Heidegger schreibt, darf und kann nicht als Philosophie, sondern muß als Literatur verstanden werden. Es ist ein (Text-)Strom, den Reger im Naturhistorischen Museum zu Wien äußert. (Ich verrate auch die Quelle: „Alte Meister“) Insofern können an den Text keine philosophisch-logischen, sondern nur ästhetisch-literaturwissenschaftliche Maßstäbe angelegt werden. Es vermischen sich deswegen bei Bernhard die Dinge auch nicht im Sinne von Kategorienfehlern, sondern es geschieht im Modus des Literarischen. Diese Heidegger-Suada hat durchaus eine Funktion im Text. Es geht nicht darum Heidegger zu beschimpfen, als Selbstzweck sozusagen.

    Wahr Gemeintes (Für-Wahr-Halten) und tatsächlich Wahres (wahre Aussagen) stecken in verschiedenen Schuhpaaren.

    Was nun Adornos Kenntnisse zur Musik betrifft, so kann man nach subjektivem Empfinden sicherlich die Dinge so oder anders sehen. Aber um ein solches Empfinden und um bloßes Meinen geht es in der Philosophie und auch in der Ästhetik nicht; schließlich handelt es sich hier ja nicht um ein leckeres oder weniger leckeres Mittagessen, das dem einen schmeckt und dem anderen eben nicht. Wozu dieses bloße Meinen führt, zeigte bereits Hegel in seiner „Phänomenologie“. Und selbst Kant, als Vertreter des Geschmacksurteils und einer subjektiven Ästhetik, betonte, daß es eben auch auf ein Objekt gerichtet ist und nicht nur den subjektiv Urteilenden umfaßt. Objektiv besaß Adorno natürlich diese Kenntnis von Musik, auch wenn man die Konzeption seiner Ästhetik nicht teilt.

    Richtig ist, daß das Kunstwerk nach einer anderen Logik als der von Wissenschaften und Moral funktioniert. Trotzdem existieren auch beim Kunstwerk die Kategorien „richtig“ und „falsch“, und auch dort stellt sich Objektivität ein (Auch wenn‘s nicht jeder wahrhaben mag, weil er seinen Geschmack und sein subjektives Bewußtsein als Ausweis des Gelungenen hypostasiert.). Gerade in Adornos Vorlesungen zur Ästhetik, die seit Oktober erhältlich sind, kann man hier die Positionen Adornos (insbesondere zur Objektivität von Kunstwerken, aber auch zur subjektiven Seite der Werke) noch einmal in nuce gut zur Kenntnis nehmen; und Adorno zeigt dort und natürlich in der „Ästhetischen Theorie“ sowieso dieses Unverfügbare, das sich nicht eskamotieren läßt und ein Bestandteil des Kunstwerkes darstellt. Doch er ontologisiert es eben nicht.

    Denn dann kann man vor einem Werk nur noch stammelnd oder geschmäcklerisch stehen. Es gilt im Gegenteil sich diesem Unverfügbaren zu stellen; es in die Analyse zu nehmen. Adornos Ästhetik ist genau dieser Versuch, das Sprachlose beredt werden zu lassen, ohne dabei jedoch in das bloße L‘art pour l‘art oder in reine Gesellschaftstheorie abzugleiten oder das Sprachlose, Mannigfaltige des Kunstwerkes einfach nur dingfest zu machen, daß man es dann schwarz auf weiß nach Hause trage; schließlich handelt es sich bei Adorno nicht um eine Famulus-Wagner-Ästhetik; genausowenig aber um eine des blinden gärenden Gefühls so ein bißchen dies, ein bißchen das. Dabei ist Kunst in seiner Unausprechlichkeit und Mannigfaltigkeit autonom und fait social zugleich. Insofern ist der praktische Kontext, in den Adorno Musik (und das Kunstwerk) stellt ein extrem vermittelter. Musik löst sich aus dem (praktischen) Funktionszusammenhang, und sie vermag es zugleich doch nicht vollständig.

    Daß das Kunstwerk nicht verifizierbar oder falsifizierbar sei, bedeutet nicht, es als unbestimmbar (oder beliebig) abzutun, weil es so viele Felder in sich birgt. Ästhetik ist nur als objektive konzipierbar, als subjektive taugt sie nichts, weil man sich dort unter dem Niveau bewegt. Damit will ich nicht dem subjektiven Geschmacksurteil seinen Wert absprechen. Es hat nur nichts in der Ästhetik zu suchen. Tocotronic sind subjektiv zwar toll, insofern tauchen sie hin und wieder bei mir auf, ästhetisch-musikalisch aber ohne jede Bedeutung. Insofern gibt es also „richtige“ und eben auch „falsche“ Kunst. Der mittlere und spätere Dali (nicht der frühe!) sind schlicht falsche Kunst.

    Allerdings, lieber Hannes Wurst, vermute ich, daß ich mit meinen Ausführungen eher weitere Felder der Diskussion erzeugte, als daß ich klären konnte.

    @ Nörgler
    Ja, ich danke Dir für dieses schöne Lob (ich hoffe doch, es ist eines), in der Tat: ich bin ein ganz guter Bernhard; nur hoffentlich ihn nicht in seiner Krankheit imitierend.

  6. „Tocotronic sind subjektiv zwar toll, insofern tauchen sie hin und wieder bei mir auf, ästhetisch-musikalisch aber ohne jede Bedeutung.“

    Das beschreibt genau das Problem, das seinerzeit in meinem Blog über Adorno und Jazz diskutiert wurde. Ästhetisch-musikalisch ist Tocotronic sicherlich ohne Bedeutung, also was musikalischen Fortschritt angeht. Aber wenn man Musik nicht nur als reines musikalisches Gebilde in Notenform sieht, könnte man auch anders argumentieren. Kunst hat einen gesellschaftlichen Impetus und wirkt gesellschaftlich zurück und soll das auch, aber daran misst Adorno nicht ihren Wert. Ja, gut, aber ich kriege da immer Bauchschmerzen, so ungefähre.

    Du bist halt ein waschechter Adorianer, Bersarin.

  7. @bersarin:

    Als Subjektivist der intersubjektive Gültigkeit nur zulässt, wenn ein Ressourcenkonflikt diese erfordert („so frei wie möglich, so objektiv wie nötig“) stehe ich Ihren Ausführungen anerkennend gegenüber und würde Vieles auch richtig nennen. Allerdings entspricht einiges nicht meiner Vorstellung, so würde ich es generell falsch nennen, eine Kunst falsch zu nennen, auch wenn die als Beispiel genannten Dali Phasen auch mein ästhetisches Gefühl zumindest kalt lassen. Man könnte meiner Meinung nach höchstens zu bestimmten Werken noch auf ein „das ist keine Kunst“ insistieren, das allerdings ist daran gebunden, dass man auch eine erschöpfende Definition von Kunst hervorzubringen vermag. Meine persönliche Definition: „Kunst ist ein Akt der Kommunikation, der Informationen vermittelt, die anders nicht oder nur schwierig vermittelt werden können.“ Meine Definition schließt eine objektive Unterscheidung von Kunst und Nicht-Kunst aus, da die Rezeption der Information an ein Subjekt und seine einzigartige Phänomenologie gebunden ist. Möglich also, dass Elefanten auf Spinnenbeinen bei anderen Kunstfreunden ganz ungewohnte Gefühle hervorrufen.

  8. @ genova 68 und Hanneswurst

    Ich versuche, morgen etwas zu Euren Thesen zu schreiben.

  9. Selbstverständlich ist es ein Lob; ich schätze Bernhard über die Maßen.

    „Meine Definition schließt eine objektive Unterscheidung von Kunst und Nicht-Kunst aus“ – dann aber wäre die Kunst vom Kunsthandwerk nicht mehr unterscheidbar. Eine weitere Folge solcher Banausie aus dem Hanneswurstkessel der Kultur bestünde darin, dass „Hossa!“ so wahr ist wie Beethovens Opus 111. Und es läßt sich sehr wohl beweisen, daß die Beethoven-Aufführungen der Dirigenten Gielen, Kletzki, Leibowitz und Schuricht richtig, hingegen die von Böhm, Karajan et al falsch sind.

    Daß Deine „Definition“ alles mögliche ist, nur keine der Kunst, ist daran zu sehen, daß sie in ihrem schlecht abstrakten Formalismus ebensogut auf Morse- oder Rauchzeichen zutrifft, wie auch auf die Informationsübertragung von Synapsen, die Gebärdensprache von Gehörlosen oder die Blindenschrift.

    Wie wenig Dir die Ästhetische Theorie vertraut ist, welche Du in einer inflationären Überbewertung Deiner intellektuellen Möglichkeiten glaubst von oben her abmeiern zu können, entnehme ich weiterhin Deiner Vermutung, sie sei „fernab jeder Andeutung, Erhabenheit, Verspieltheit, Kontemplation, Größe.“ Auf einer deutlich vierstelligen Anzahl von Seiten geht es dem Musiker, Komponisten und Musikwissenschaftler Adorno auch immer wieder gerade darum.
    Und selbst wenn Adorno da einen Fehler gemacht hätte, wäre es jedenfalls keiner der „Kategorie“. Ich empfehle Dir daher die Rezeption der Kantischen Kategorientafel, aber bitte nicht allzu subjektiv.

    „Kunst hat einen gesellschaftlichen Impetus und wirkt gesellschaftlich zurück und soll das auch, aber daran misst Adorno nicht ihren Wert.“ Mal davon ab, daß eine Ästhetik, die den Namen verdient, aus wohlerwogenen Gründen niemals von einem „Wert“ der Kunst spräche, handelt es sich offenbar um einen mir bislang unbekannten Unsinn redenden Namensvetter des Frankfurter Gelehrten Theodor W. Adorno, denn der Adorno, den ich meine, wurde nicht müde, die Gesellschaftlichkeit von Kunst bis in deren innerste Verfasstheit hinein zu bestimmen.

    Die Bemerkung „Du bist halt ein waschechter Adorianer, Bersarin“ halte ich für leicht unverschämt, da das von Bersarin objektiv Entfaltete jenem erbarmungswürdig dürftigen Subjektivismus gleichgemacht werden soll, der hier meint, zu Fragen der Ästhetik sich äußern zu können.

  10. Sieh an, Nörgler,
    du kannst ja ganze Sätze schreiben. Ich halte dich dennoch für ein arrogantes Arschloch.

    Gruß
    genova

  11. Arrogant verdient genannt zu werden, wer über das Werk eines Autors urteilt, ohne es zu kennen.

    Wenn ich den Anspruch erhöbe, auf einem Kongreß der Brückenbaustatiker einen Fachvortrag zu halten – dann wäre ich arrogant.

  12. Nörgler,
    in aller Kürze:
    Ich finde dich – hier im Netz – unangenehm, weil du mit einer Art subtilem Vernichtungswillen unterwegs bist. Die Diskussion kürzlich bei Momoroulez über Marx und Stalin war so ein Fall. Du beleidigst mich ohne jede Begründung, darauf folgt eine intensive Diskussion mit anderen, bei der es mir ausschließlich ums Verstehen ging, um ein konstruktives Gespräch, nicht um Konfrontation, und dann kommst du nach ein paar hundert Beiträgen an und verhöhnst mich wegen meines Nichtwissens zu Kronstadt. Das ist ein zwischenmenschlich schlimmes Verhalten, das beispielsweise dieser Zettel ganz gut beherrscht. In dieser Liga spielst du offenbar.

    Micht stört nicht mein Nichtwissen, sondern dass ich mir Mühe gebe und Du verhöhnst (Alleine die Tatsache, Menschen nach ihrem Wissen zu bewerten, spricht Bände). Leute wie du tragen das Label „links“ vor sich her, um ihre charakterlichen Defizite zu verbergen. Auf sowas habe ich keinen Bock.

    Das hier ist das gleiche: Ich bringe einen Aspekt, zu dem man stehen kann, wie man will. Das aber als „erbarmungswürdig“ zu bezeichnen, ist übel, vor allem mit dieser komischen Begründung. Du kannst dir dein Pseudo-Erbarmen sparen.

    Du bist zumindest virtuell ein arrogantes Arschloch, auch ganz ohne Brückenstatikfachvortrag.

  13. Wie Du darauf kommst, ich hätte mit „links“ etwas zu tun, trüge gar das Label vor mir her, wissen die Götter. Ich bin im Diskursiven traditionalistischer Substanzmetaphysiker, und in Kunstfragen huldige ich einem radikalen L’art pour l’art-Ästhetizismus. „Links“ geht anders. Es sind nur Deine Probleme mit Linken, welche Dich umgekehrt in jedem Problem eine Linksverursachung erblicken lassen.

    Ich habe, so wahr mir Gott helfe, noch nie jemanden wegen schieren Nichtwissens kritisiert. Ich habe noch nie an jemanden eine aus mir frei geschöpfte, ihm äußerliche Meßlatte angelegt. Wohl aber messe ich andere an ihrem eigenen Anspruch, dem Anspruch, den sie selbst erheben. Die Meßlatte legt sich jeder selber auf. Ich konstatiere nur, wenn er untendrunter durchläuft.
    HW und Du erheben den Anspruch, auf dem Gebiet der Ästhetik gewaltige und weitreichende Urteile abzugeben. HW stellt sich sogar mit einer Kunstdefinition vor. Da hängt die Meßlatte dann knapp unter dem Himmel.
    Es ärgert mich auch, wenn ich dem HW etwas erläutern muß – nämlich seine Definition, die alles und damit nichts definiert –, auf das er bei nur geringem Nachdenken selbst hätte kommen müssen.

  14. Nörgler, verarsch dich doch selbst. Ich habe jetzt weder Lust noch Zeit, die entsprechenden Stellen rauszusuchen, aber natürlich hast du mich verhöhnt, und zwar mit deiner Messlatte, nicht mit meiner.

    Du misst mich an meinem Anspruch? Der da wäre? Ich habe hier oben ein paar Gedanken flott hingeschrieben, das wars. Die sind nachvollziehbar, es sind eher Fragen, es sind Versuche des Verstehens. Du antwortest mit dieser lächerlichen Verunglimpfung. Du bist vor allem eine traditionalistische Lallbacke. Vielleicht gehört das aber auch zum traditionalistischen Substanzmetaphysiker dazu, da bin ich überfragt.

    Ist mir auch wurscht jetzt. Ich bitte bei Bersarin für mein leicht flegelhaftes Benehmen hier um Entschuldigung, aber die Heuchelei dieses Hampelmanns ist das letzte.

    Ich habe übrigens mit Hannes Wursts Thesen nichts zu tun. Um die ging es mir nicht.

  15. @Nörgler:

    „dann aber wäre die Kunst vom Kunsthandwerk nicht mehr unterscheidbar“ – richtig, das ist meine Meinung. Jedenfalls nicht prinzipiell. Kunst ist nicht gleich Kunst, es gibt ein gewaltiges Spektrum der Kunst. Die Synapsen lasse ich nicht gelten, ich beziehe meine Definition auf intersubjektive Kommunikation und bin davon ausgegangen, dass dies klar ist (wenn Synapsen Selbsterkenntnis hätten, wäre es schon etwas anderes). Zwischen einem Protestfurz und Picassos Guernica besteht natürlich ein großer Unterschied. Das bedeutet aber nicht, dass der Protestfurz in einem bestimmten Kontext nicht die höhere Kunst sein könnte.

    Daraus folgt, dass in meiner Theorie (die wURSTsche Univeralästhetik) ästhetische Urteilte nicht verifizierbar oder falsifizierbar sind. Es gibt natürlich einen Kontext, in dem es Sinn macht, über die Qualität von Kunst hochoffiziell zu urteilen. Zum Beispiel wenn es darum geht, welche Künste der Staat fördern soll. Hier stellen sich ähnlich wie in der Ethik Fragestellungen aufgrund von Ressourcenknappheit. Manch einer mag auch argumentieren, dass die Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, zu knapp um sie an „schlechte“ Kunst zu verschwenden. Allerdings möchte ich nicht, dass diese Leute für mich vorsortieren, da kann ich mir ja gleich meine Ästhetik per IMDB Rating liefern lassen.

    Adorno hat sehr gerne auch in der Ästhetik herumsortiert. Dabei war er als Komponist ein ebensolcher Versager wie als Philosoph. Das schreibe ich eingedenk des Wissens, dass er ein exzellentes sprachliches Repertoire und eine feine gesellschaftliche Deutungsfähigkeit hatte. Leider hat er um diese wertvollen Erkenntnisse herum noch einige tausend Seiten Bullshit verfasst, weshalb es heute nicht mehr die große Aufgabe des Philosophen ist Adorno zu verstehen, sondern ihn zu überwinden.

  16. Laß es uns wissen, wenn Du den Vorgang der Überwindung abgeschlossen oder doch wenigstens begonnen hast. Wir sind gespannt auf die Resultate.

  17. Ich denke, daß man an vielen Punkten diese Diskussion nicht wird auflösen können, und es ist Versöhnung ja nicht immer möglich; sie gerät manchmal zu einer erpressten. (Und messianisches Licht fällt schon lange nicht mehr auf diese Welt; nicht einmal als der Schein eines Scheins.)

    Wie eine (sinnvolle) Überwindung/Überbietung Adornos aussehen soll, dies interessierte mich allerdings sehr. Eine Kritik von Theorie erfordert und setzt jedoch die (Intensive) Kenntnis derselben voraus.

    Als Adornit würde ich mich nicht bezeichnen. Ich gehe allerdings so vor, daß ich einem Autor, der mich interessiert, bis an das Äußerste, bis in die letzte Regung des Textes hinein folge und ihn nachzeichne, bis zu dem Punkt hin, wo es nicht mehr geht und – möglicherweise – etwas umschlägt; ich betreibe sozusagen hermeneutische Dekonstruktion. (Dies veranstalte ich genauso mit Heidegger oder Derrida.) Wer mich sieht wird sagen: das ist Heidegger, dies ist Adorno. Gut, das klingt jetzt etwas religiös, ich ziehe ja die Schrift der Stimme und dem Bild vor.

  18. – Zwischen einem Protestfurz und Picassos Guernica besteht natürlich ein großer Unterschied. Das bedeutet aber nicht, dass der Protestfurz in einem bestimmten Kontext nicht die höhere Kunst sein könnte.-

    ???

    Der Protestfurz bleibt dann ein wichtiger Protestfurz und wird nicht zur Kunst. Kunst hat mit Kommunikation nix zu tun. Kunst als Kommunikation ist totalitär, wie Goebbels, Göring, Stalin, Franco wussten, von denen man viel lernen kann über Kunst als Kommunikation und über Kunst als Kunst, die wussten, was das ist, darum haben sie die Künstler-Künstler ermordet, wo sie ihrer habhaft wurden. Macht aber nichts, die meisten von denen würden auch heute keine Schnitte Brot verdienen mit ihrer künstlerischen Kommunikationsverweigerung.
    An Guernica kann man lernen, wie ein Künstler, der den Titel verdient, aus appellativer politischer Kommunikation doch Kunst macht, weil er sich eben an künstlerischen Kriterien und ästhetischem Wahr und Falsch orientiert, auch politisch.
    Das Gegenteil war an den sowjetischen und im nazistischen ausgestellten
    Leistungen der Kommunikation in Barcelona zu besichtigen. Interessant ist, wie beliebt diese visuelle Kommunikation wieder ist, aber das ist eben die Verzweckungslogik unserer Ökonomie, in der man auch mal als Lampenschirm ausgestellt werden kann, oder, wie derzeit, als skulptierte „Körperwelt“, alles irgendwie Kommunikation als Kunst oder Kunst als Kommunikation, was weiss ich denn. Als Bild folgt das alles der kommunikativen Logik der Malerei mieser Typen wie Padua und Ziegler, die vor und nach der Zeit der Speerschen Eins-zu-Eins-Modelle auch bestens im Geschäft waren. Zum Glück sind jetzt auch die sechziger und siebziger Jahre mit dem ganzen adornitischen Kunst-Kriterien-Scheiss vorbei. Mein Gott.

  19. „Zum Glück sind jetzt auch die sechziger und siebziger Jahre mit dem ganzen adornitischen Kunst-Kriterien-Scheiss vorbei. Mein Gott.“

    Na ja, es kommen aber keine besseren, sondern meist härtere Zeiten. Nachdem Adorniten-Kunst-Kriterien-Scheiß kommt eben ein neuer, vielleicht in den Kriterien ein wenig pluraler, darum aber nicht besser.

    Immerhin gehören die Texte Adornos zum besten und gehaltvollsten, was in dieser Zeit über Kunst geschrieben wurde.

  20. @ – darum aber nicht besser.

    Immerhin gehören die Texte Adornos zum besten und gehaltvollsten, was in dieser Zeit über Kunst geschrieben wurde. –

    Ja, das meine ich ja die ganze Zeit. Gegen diejenigen, die ihm Ästhetik-Sortierung vorwerfen. Wenn ich Hanneswurst folge, dann ist alles egal und alles ist Kommunikation, die ich halt intersubjektiv verstehe oder nicht.

  21. @Albert: Mir fehlt eine Gegenangebot. Was ist Ihrer Meinung nach „Kunst“? Wer oder was bestimmt, was „richtige“ und was „falsche“ Kunst ist? „Kunst ist heute, was heute im Museum hängt.“ Das ist eine zwar prinzipiell armselige Definition, aber wenigstens ehrlich und Subjektivität zulassend. Als Ausschlusskriterium wird manchmal der Zweck des Werkes genommen, zum Beispiel dürfe Kunst keine Alltagsbedürfnisse befriedigen, sie müsse eine „Höhe“ und keinen bestimmten Zweck haben. Wodurch zum Beispiel die politischen Reden Ciceros durchs Raster fallen. Jetzt höre ich von Ihnen, Kunst sei keine Kommunikationsform. Was denn dann? Ihre negativen Kunstbestimmungen durch Beispiele aus totalitären Regimen lassen auch den Schluss zu, dass der Kunstbegriff eng mit Mode und vorherrschender Meinung verwandt ist. Was ich bejahe. Oder ist es ganz anders, und die „richtigen“ Kunstwerke sind allesamt schon im platonische Ideenhimmel versammelt, zum Beispiel die c-Moll Sonate von Leibowitz, während die anderen „Werke“ falsch sind, weil sie kein naturgetreues Abbild der Idee (des Abbilds der Idee) sind, wie zum Beispiel Karajans angeblich objektiv falsche Einspielung. Wo kommen denn die falschen Werke her, sind es Schimären oder gar Störfeuer des Teufels?

    @Bersarin: Sicherlich reicht meine Adorno Textkenntnis bei weitem nicht an Ihre heran, ich würde es auch gar nicht so weit kommen lassen. Es ist auch sicherlich nicht sinnvoll, Ihnen Adorno „auszureden“, ebenso gut könnte man versuchen, einem „Star Wars“ Experten, der „The Empire Strikes Back“ 1000 mal gesehen hat, auf die Niederungen des Films hinzuweisen. Wobei der Vergleich hinkt, denn „Star Wars“ ist ja tatsächlich ein Meisterwerk. Ich meine, dass eine Adorno-Pause hilft, Adorno zu überwinden. Außerdem könnte es hilfreich sein zu erfahren, dass viele längere Passagen (seine Stärken beweist Adorno meine Meinung nach sowieso eher in Aphorismen) nur dann wirklich ergiebig sind, wenn der Leser über die Maßen interpretiert. Also überinterpretiert. Die Überwindung ist meiner Meinung nach so wichtig, weil Adorno in seinen Texten stets bemüht ist, eine Art philosophische Übervaterfigur darzustellen. Ein solcher Vater wird stets den Blick auf die Realität verstellen und von seiner Vorrangstellung nicht lassen. Natürlich gebe ich zu, dass es mit Adornos Schriften ist wie mit der Kunst – in anderen Köpfen mögen sie wahre Wunder vollbringen.

  22. Die Wirkungen eines Kunstwerkes sind sicherlich vielfältig. Ich bin eher kein Wirkungsästhetiker (man ahnte dies bereits), sondern gehe vom Werk, von seinem Gemachtsein, von seiner Struktur aus.

    Das entbindet natürlich nicht davon, auch auf (möglicherweise sogar außerästhetische) Wirkungen zu achten. Doch vor allen Wirkungen kommt eben das, was wirkt und was diese erst hervorzurufen vermag. Bei allen Regungen, die einer bei Literatur, Musik, Bildern, Theater, Film haben mag und die ihren Platz sicherlich haben sollen und müssen, frage ich mich, was da im Werk selber eigentlich geschieht.

    Das ist natürlich alles ein wenig schematisch dargestellt. Um diese Dinge adäquat zu entfalten, braucht es natürlich eine Zeit und einen Textraum, weshalb dann manche meiner Beiträge zuweilen recht lang geraten.

  23. Nur, um nochmal darauf herumzureiten: Mit dem „adornitischen Kunst-Kriterien-Scheiss“ meint T. Albert die gegen Adorno gerichtete Denunziation, er habe Kriterien zur Kunstsortierung aufgestellt.

    Zu Karajan/Beethoven nur 2 Punkte von vielen: Karajans Beethoven-Dirigat ist falsch, weil er die Tempi falsch nimmt. Der Komponist wußte sehr gut, warum er metronomisierte. Dagegen verschleppt Karajan die Tempi, was zB dazu führt, dass Melodiebögen nicht mehr hörbar sind, weil ihre übermäßige Ausdehnung in der Zeit ihren Zusammenhang zerstört.

    Wir sehen, HW: Es gibt in der Kunst durchaus richtig und falsch. Anders ausgedrückt: Die ästhetische Logik ist eine andere als die diskursive; doch Logik ist sie gleichwohl.

  24. „weil Adorno in seinen Texten stets bemüht ist, eine Art philosophische Übervaterfigur darzustellen“ – die ollsten Klotten aus der untersten Schublade! Was reitet Dich, ausgerechnet auch noch in diesem Blog mit diesen ausgelutschten Tröten hausieren zu gehen?

  25. Ohne auf die Qualitäten der Karajan Interpretation überhaupt einzugehen: durch eine Fehlinterpretation der Tempi wird wohl aus „Kunst“ kaum „Nicht-Kunst“. Höchstens kann man davon reden, dass der Kunstgenuss für einige Hörer durch ein deren Meinung falsch gewähltes Tempo geschmälert wurde. Hier geht es ja darum, was überhaupt Kunst als Kategorie menschlicher Ausdrucksweise ist, und nicht darum, was nach Expertenmeinung 100% und was nur 80% Kunst ist. Abgesehen davon gehen mir die „Experten“ auf den Geist, die bei jeder zweiten Wagner-Aufführung den Dirigenten ausbuhen weil ihrer „Expertenmeinung“ nach die Götterdämmerung ein wenig langsam daherkam. Geeks, allesamt.

  26. Damit sollte ich tatsächlich aufhören. Es tut mir auch leid, weil Bersarin so viel aus Adorno ziehen kann. Das alleine reicht mir schon als Beweis dafür (auch wenn ich die gleichzeitig Nähe zu Heidegger erstaunlich finde) dass Adornos Spätwerk gar nicht so schlimm sein kann, wie ich immer dachte. Ich lese aber die Negative Dialektik aus Gesundheitsgründen nicht noch einmal, während ich die gedanklich ja gar nicht in anderen Sphären verankerten Minima Moralia immer wieder gerne hervorhole, dort habe ich so viele schöne Zitate unterstrichen.

  27. Nörgler kommt mir gerade zuvor.
    Wenn ich ehrlich sein soll, dann verstehe ich genau diese Diskussion über A. immer weniger, und sie ist ja eine Dauerdiskussion. Aber um was gehts dabei nochmal?
    Natürlich gibt es künstlerische Logik und die Logik eines Objekts. Und die bezieht sich auf andere gleichzeitige und vorangegangene Objekte.
    Jetzt weiss ich nach 30 Jahren Praxis immer noch nicht – oder wieder nicht mehr – was Kunst ist, ein bisschen klüger scheine ich alternd doch zu werden, aber ich weiss auch nicht, was Liebe ist und liebe ja doch.
    Adorno gibt auch nicht mal eben eine Instant-Antwort in der ÄT wie die, die manche Schlauberger auftischen, Kunst sei was im Museum ist. Die ist auch weder ehrlich noch subjektiv, die Zeiten der Museumsleute, die subjektiv ästhetische Kriterien an Objekten beurteilten, sind nämlich vorbei, und das waren genau die, die nicht jeden gerade marktgängigen Schrott in ihre Häuser holten, Schmalenbach oder Haftmann oder Rüdlinger. Momentan sieht man allenthalben diese desolaten Kuratorensammlungen, für die niemand subjektiv Verantwortung übernimmt.
    Weil Adorno die Instant-Antworten nicht gibt, ist er so wichtig, jedenfalls für mich philosophischen Laien. Die Fragen, die er stellt oder referiert, werden sogar immer wichtiger.
    Als künstlerische Arbeitshypothese ist der platonische Ideenhimmel übrigens nicht so blöd. Natürlich stellt man sich die Frage nach richtig und falsch und der Wahrheit im Kunstwerk oder einem Holztisch, an dem die Details nicht stimmen. Geek? Naja.
    Das Leben ist zu kurz, um sich mit Kommunikationsscheiss und unnötigen Bedeutungen als Kunst zu umgeben, was wir aber tun. Das habe ich an der islamisch-mathematischen Abteilung des Ideenhimmels gelernt oder an den Malern und Architekten, die auch Kunst machen wollten, d. h., die sie in ihrem Metier suchten, zB Kahn und Scarpa.
    Nörglers Beethoven-Frage hat uns immer unser Englisch-Lehrer nahegebracht, und dem bin ich mein Leben lang schon dankbar dafür. Der hatte aber auch, um wieder zur „Negativ-Definition“ zu kommen, seine Erfahrungen gesammelt und daher seinen Masstab. Für den konnte Karajan nicht wahr sein, nur laut. Klar, ein Super-Geek, der Mann.
    Kafka ist Kunst. Die Nazis haben die Kunst abgeschafft, aber ihre Mittel benutzt.

  28. @ nörgler
    Stimmt, ich habe T Albert falsch gelesen. Wunderte mich auch über seine Aussage.

    Mit der Logik der Kunst verhält es sich genau so. Es gibt die Gründe, die der Kritiker (oder auch Experte, wenn man mag) angibt, warum ein Werk mit Grund als gelungen oder mißlungen aufzufassen ist.

    @ Hanneswurst

    Es geht, wie schon gesagt, nicht um aus- oder einreden von etwas. Das ist unvermittelte Subjektivität oder schlechte Unmittelbarkeit. Ich will Ihnen Adorno auch nicht schmackhaft machen, da ich kein Koch bin. Es sind Ihre Ausführungen allerdings keine aus dem Adornoschen Text gezogenen immanenten Widerlegungen seiner Philosophie, sondern Behauptungen, in denen dann ein Meinen so gut wie ein anderes ist. Damit aber kommt man nicht weiter.

    Es geht mir vielmehr um die Sache selbst. Solche Dinge wird man nur lösen können, wenn man sich in die Texte hinein begibt. Ich betreibe dies in meinem Blog ja auch hin und wieder, mich in dem einen oder anderen Beitrag sehr dicht an den Text Adornos heranzubewegen. Daß man jedoch aus Adornos Theorie etwas herauszöge, einzig wenn man überinterpretiert, ist falsch. Die Texte Adornos sind sehr klar (wenn auch stellenweise schwierig), da braucht man nicht überzuinterpretieren; sie pointieren eine ganze Philosophietradition manchmal in einem einzigen Satz. (Das eben macht ihn so schwierig zu lesen.)

    Weshalb man sich dann andererseits an diesen Texten sehr gut entlangschreiben kann mittels der Gegenlektüre etwa von Kant, Hegel, Marx, Lukács oder gar dem heiligen Thomas. (Achtung: diese Sätze sind keine Idolatrie, sondern beschreiben, das, was der Fall ist; ich bin insofern nur ein kritisch-theoretischer Positivist.) Zunächst reichen also einfache hermeneutische Grundregeln aus, die dann freilich gebrochen werden müssen, um weiterzukommen. Weshalb ich eben hermeneutische Dekonstruktion betreibe. (Dieses Brechen muß dann aber subtil und hinreichend komplex erfolgen. Am besten ist, wenn man es kaum bemerkt.)

    Ich halte ansonsten die Diskussion über das Elitäre, das Sektentum, das Jünger veranstalten, die Übervaterfiguren usw. für verfehlt. Das ist Ping-pong-spielen. „Du bist aber übervaterabhängig“, „Das ist jetzt aber echt elitär von dir, du, sag ich mal so“.

    Solche Diskussionen verstellen den Blick: und zwar den auf einen Text.

  29. Vergessen:
    – Als Ausschlusskriterium wird manchmal der Zweck des Werkes genommen, zum Beispiel dürfe Kunst keine Alltagsbedürfnisse befriedigen, sie müsse eine „Höhe“ und keinen bestimmten Zweck haben. Wodurch zum Beispiel die politischen Reden Ciceros durchs Raster fallen. Jetzt höre ich von Ihnen, Kunst sei keine Kommunikationsform. Was denn dann? –

    Das mit den Alltagsbedürfnissen verstehe ich nicht, es gibt ja nur Alltagsbedürfnisse. Festtage transzendieren sie, fertig.
    Wenn die Erkenntnis in Form eines Kunstwerks in den Alltag einbricht, dann weiss man, dass es eins war. Danach lebt man seinen Alltag vielleicht anders oder er fühlt sich anders an, was weiss ich, irgendwas verschiebt sich und das hat mit ästhetischen Qualitäten zu tun.
    Wenn der Kommunikator Cicero Kunst geschrieben und gesprochen hat, dann liegt die ja nicht in seinen vergänglichen zu kommunizierenden vergänglichen Inhalten, sondern in der Form, vermute ich. Jeder Flachredner hätte dieselben Inhalte mitteilen können. Die sind der Anlass zu einer Form.

  30. @ T Albert
    „Weil Adorno die Instant-Antworten nicht gibt, ist er so wichtig, jedenfalls für mich philosophischen Laien. Die Fragen, die er stellt oder referiert, werden sogar immer wichtiger.“

    Nicht nur für die philosophischen Laien ist er wichtig, auch in den kommenden und gegenwärtigen Debatten zur Ästhetik bleibt Adorno ein prominenter Theoretiker, an dem man sich abarbeiten wird müssen. Etwa die Sprachähnlichkeit von Kunst, der Rätselcharakter des Kunstwerkes, das Moment des Mimetischen, dies sind ja noch lange keine abgegoltenen Begriffe; ich kann es nur immerzu wiederholen.

    Und solche Sätze treffen es dann auch wieder ganz gut:

    „Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß – nicht dessen eigene Unwahrheit – unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was einmal ein Kunstwerk war. Sie drängen auf Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten, dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden; das ist die subjektive Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests.“ ÄT S. 32

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