Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert

Über diese Sätze wäre einmal nachzudenken, um sie, in Vermittlung mit der Literatur, der Ästhetik, in eine philosophische Theorie des Bürgers zu überführen: 

„Flaubert ist dagegen voll von Widersprüchen, und seine widerspruchsvolle Beziehung zur Romantik entspricht einem ebenso widerspruchsvollen Verhältnis zum Bürgertum. Sein Haß gegen den Bourgeois ist, wie oft bemerkt wurde, die Quelle seiner Inspiration und der Ursprung seines Naturalismus. Er läßt das bürgerliche Prinzip in seinem Verfolgungswahn zu einer metaphysischen Substanz werden, zu einer Art von ‚Ding an sich‘, das unergründlich, unerschöpflich ist. ‚Der Bourgeois ist für mich etwas Undefinierbares‘, schreibt er an einen Freund – ein Wort, in dem neben dem Begriff des Unbestimmten auch der des Unendlichen mitklingt. Die Entdeckung, daß die Bourgeoisie selber romantisch, ja gewissermaßen das romantische Element schlechthin geworden ist, daß die Verse der Romantiker von niemandem mit so viel Gefühl deklamiert werden wie von ihr, und daß die Emma Bovarys die letzten Repräsentanten des romantischen Lebensideals sind, hat viel dazu beigetragen, Flaubert von seinem Romantizismus abzubringen. Flaubert ist aber im tiefsten Wesen selber ein Bourgeois, und er weiß es.“ (Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, S. 829 f.) 

Bohrer hat ja ein seinem Buch zur Romantik ganz zu recht die These formuliert, daß mit der Romantik der eigentliche Beginn der (literarischen) Moderne ansetzt, nicht unbedingt manifest, aber doch in Latenz. Auch gesellschaftlich, in der fortschreitenden Emanzipation des Bürgertums als treibende geschichtliche Kraft, kann die Moderne im 19. Jahrhundert beginnen. Die technischen Einschnitte, welche ja auch für die Kunst außerordentliche Bedeutung haben, man denke an die Bilder Blechens und Turners, stellen etwas Ungeheures dar und erzeugen Potenzierungen.  

Das bürgerliche Prinzip als metaphysische Substanz: dies ist wirklich gut gedacht und gut formuliert. Aber dieses Ding an sich läßt sich, ganz anders als das Kantische (1), durchaus in sich selbst bestimmen; im 20. Jahrhundert betreibt dies dezidiert Benjamin in seinem Passagenwerk und damit zusammenhängend in seinen Studien zu Baudelaire und dem Paris des Second Empire (2). Ein Paris der Moderne, ein Paris des Bürgers, aber auch eines mit seinem menschlichen Kehricht wird aufgetan als (nicht nur höllischer) Ursprungsort und mit Verlängerungen in das Jetzt hinein. Adorno kritisierte diesen Materialismus Benjamins in seinen Briefen an Benjamin scharf. Er sah diese Zusammenschlüsse von Gesellschaftlichem und Ästhetischem, die Benjamin in seinem Baudelaire-Buch tätigte, als zu kurz gegriffen an; gewissermaßen ein (brechtscher) Vulgärmaterialismus. (Davon wäre jedoch ein andermal zu handeln.)

Spannend zum Schluß bleibt zu lesen, ob es der Verfolgungswahn Flauberts oder der des bürgerlichen Prinzips selber ist. Die letztere Lesart bleibt mir die sympathischere. 

Und so möchten wir abschließend, gleichsam in einer Übersprungshandlung (Behaviour out of context), aber doch geprägt von der ersten Lesart, zu Sartre überleiten und mit ihm und seinen Ausführungen zu Flaubert beschließen: 

„… was kann man heute von einem Menschen wissen? Eine Antwort auf diese Frage schien mir nur durch die Untersuchung eines konkreten Falles möglich: Was wissen wir – zum Beispiel – von Gustave Flaubert? Diese Frage beantworten heißt, die Informationen, die wir über ihn haben, zu totalisieren. Nichts beweist zunächst, ob eine solche Totalisierung möglich und ob die Wahrheit einer Person nicht plural ist; (…) Laufen wir nicht Gefahr, auf Schichten heterogener und unreduzierbarer Bedeutungen zu stoßen? Dieses Buch versucht zu beweisen, daß die Unreduzierbarkeit nur scheinbar ist und daß jede Information in ihrem Kontext zum Teil eines Ganzen wird, das nicht aufhört, sich hervorzubringen, und zugleich seine eigentliche Homogenität mit allen andern Teilen offenbart. 

Ein Mensch ist nämlich niemals ein Individuum; man sollte ihn besser ein einzelnes Allgemeines nennen: von seiner Epoche totalisiert und eben dadurch allgemein geworden, retotalisiert er sie, indem er sich in ihr als Einzelheit wiederhervorbringt. Da er durch die einzelne Allgemeinheit der menschlichen Geschichte allgemein und durch die allgemeinmachende Einzelheit seiner Entwürfe einzeln ist, muß er zugleich von beiden Enden her untersucht werden.“ (Jean-Paul Sartre, Der Idiot der Familie, S. 7)

Flaubert ist sicherlich eine schillernde Figur in bezug auf das Bürgertum, und wer es hierzu dann ein wenig gallig-heiter möchte, der lese als Quintessenz „Bouvard und Pécuchet“. Sehr dicht sind wir hier schon an Beckett dran. Dieser Roman begibt sich in die Abgründe nicht nur der Gelehrsamkeit: einen Bildungsroman mit umgekehrten Vorzeichen schrieb Flaubert und konzipierte einen gedoppelten Odysseus, der von seiner Reise an (fast) genau dieselbe Stelle zurückkehrt – erfahrungslos, angereichert mit Ballast und Scheitern. Zudem fragmentiert und mitten im Geschehen interruptierend. Zum schöner Scheitern, zum gelingenden Scheitern eines Beckett ist es da wie gesagt nicht mehr weit, Scheitern als Chance, um mit Schlingensief zu sprechen, Scheitern als ästhetische-moralische Kategorie, Scheitern als Aufgabe des Bürgertums:

 „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ (Samuel Beckett, Worstward Ho)
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(1) Die Dialektik von der Grenze, die unüberbrückbar gesetzt wird, und der These, daß eine Grenze zu setzten bereits deren Überschreitung intendiert, soll beiseite gestellt werden. Auch die Gedanken Adornos in seinen „Meditationen zur Metaphysik“, daß, gegen Hegel gewendet, dieses Ding an sich als rettender Block in bestimmtem Sinne aufrechtzuerhalten sei. Obwohl allerdings diese Angelegenheit sehr gut in den philosophischen Teil einer Theorie der Bürgerlichkeit hineinpaßte.

(2) Ich möchte hier der Gerechtigkeit halber auch noch Siegfried Kracauers soziologisch-biographisches Buch „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ nennen. Die Biographie als bürgerliche Kunstform des 20. Jahrhunderts.

7 Gedanken zu „Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert

  1. Bei dem Versuch, bürgerliche Subjektivität auf die Moderne zu münzen, würde ich etwas Vorsicht walten lassen. In der Dialektik der Aufklärung wurde ja genau der Gegenbeweis angetreten; wo Tauschrationalität ist, dort keimt bereits der bürgerliche Geist. Der künstliche Charakter Odysseus ist der Typ hierfür.

    Das Sartre-Zitat zum Verhältnis von Totalität, Allgemeinheit und Subjekt ist sehr präzise; ich wußte gar nicht, daß er ein ernstzunehmender Dialektiker war.

    Grüße,
    JR

  2. Danke für Ihren Hinweis. Ich habe einen kleinen Text für Sie vorbereitet gehabt. Der ist leider woanders geblieben. Insofern erfolgt erst morgen eine Antwort.

    Vorweg nur: das bürgerliche Prinzip und den Bürger als historisches Subjekt, das zur Autonomie strebt, setze ich natürlich nicht identisch.

  3. Das bürgerliche Prinzip früher als im 19. Jhd beginnen zu lassen, etwa in der Weise wie dies Adorno/Horkheimer konzipierten, ist konsequent und richtig, wenn es darum geht, in der Makroperspektive eine historische Linie zu zeigen, die auf dem Nenner vom Tausch- und Identitätsprinzip liegt und die eine Erklärung für das liefert, was sich in der Gegenwart Adornos und bis heute hin zeigt. In der mikrologischen Sicht wird man allerdings Differenzierungen vornehmen müssen, etwa wenn es um die Konstitution des Bürgers als geschichtlichem Akteur geht. Hier setzt man das 19. Jhd, bzw. das späte 18. Jhd. an. Dort konstituiert sich der Bürger wirtschaftlich und politisch als historische Figur. Das bürgerliche Prinzip reicht allerdings in der Tat sehr viel weiter zurück. (So wie es überhaupt nicht ganz einfach ist, zu welchem Zeitpunkt man die Moderne ansetzt, da es sich um eine kontinuierliche Entwicklung handelt.)

    Die Sätze von Sartre zum Beginn des Flaubert-Buches bieten eine interessante Perspektive, in der sich Gesellschaftliches und Individuelles durchdringen; ich frage mich jedoch, ob dieser unaufhebbare Rest des „individuum est ineffabile“ am Ende nicht doch aufgelöst wird, um dem gesellschaftlich Allgemeinem eine höhere Dignität zuzusprechen.

  4. Ich würde sagen, wenn man es typisieren will, der Unterschied zwischen modernem und vormodernem bürgerlichem Subjekt besteht „bloß“ im Grad der Autonomie und Freiheit, die es gegenüber Natur und Gesellschaft erlangt hat. Dieser Unterschied ist aber kein allein quantitativer, sondern bereits ein qualitativer. Der römische ‚civis‘ ist in wesentlicher Hinsicht kein ‚bourgeois‘, auch wenn beide aus dem Privateigentum hervorgehen.

    Dass dem Typus des Unternehmers, sprich des Kapitalisten, in der Moderne eine besondere historische Funktion zukommt, schreiben nicht nur Horkheimer und Adorno an verschiedenen Stellen. Wenn man ihn ins Verhältnis zu einer Theorie der Subjektentwicklung setzt, handelt es sich bei ihm aber m.E. zunächst einmal nur um eine bestimmte Ausprägung des modernen Subjekts. Ob der Unternehmertypus dabei moderne Subjektivität idealtypisch verkörpert, ist nicht so einfach zu sagen. Künstlerfiguren wie Flaubert gelten ja eigentlich gemeinhin als idealtypische Repräsentanten moderner Subjektivtät. Und der eignet sich nur sehr bedingt als ‚Unternehmer‘.

  5. Bitte entschuldigen Sie, daß ich Ihnen noch nicht antworten konnte. Aber es ist meien Zeit momentan etwas knapp, und die Antworten zu Adorno gingen mir dann doch schneller von der Hand, obwohl diese Dinge zeitlich nach Ihnen kamen. Das ist freilich nicht gerecht. Aber wer sagt auch, daß es im Leben gerecht zugeht.

  6. Macht nichts, es gibt ja keine Antwortpflicht auf blogs, die man unbedingt einhalten müsste. Außerdem wird das bürgerliche Subjekt so bald nicht verschwinden, dass man befürchten müsste, dieses Phänomen ginge einem durch die Lappen, wenn man nicht gleich darüber schriebe.

  7. Nein, dieses Subjekt wird nicht sofort verschwinden; zumindest nicht so schnell wie ein Gesicht im Sand.

    In der Tat besteht dieser Unterschied zwischen dem vormodernen und dem modernen bürgerlichen Subjekt, und der Unterschied ist ein qualitativer; insbesondere wenn man die Veränderungen, die sich im 19. Jhd. abspielten, betrachtet. Ich selber kapriziere mich hinsichtlich des Begriffs vom Bürgerlichen auf das 19. Jhd. Das Subjekt der Moderne, dessen Konstitution ich zum frühen bis mittleren 19. Jhd ansetzen möchte, ist ein vielfältiges. Nimmt man dieses Bürger-Subjekt, so teilt es sich in ein ökonomisches, ein politisches, ein kulturelles (Bildungsbürgertum). Es sind dies natürlich idealtypische Konstruktionen und deshalb Abstraktionen. Ganz rein kommen solche Begriffe, wie sich dies bei Weber ja nicht anders verhält, in dem, was man Wirklichkeit zu nennen pflegt, nicht vor. Es überschneiden sich dort die Aspekte. Der Unternehmertypus verkörpert sicherlich nur eine Form der bürgerlichen Subjektivität, und es wurde nicht jeder Bürger zum Unternehmer resp. zum Kapitalisten. Was mich insbesondere am Bürger des 19. Jhds interessiert, ist der Versuch dieses Bürgers (als Citoyen) am Politischen zu partizipieren sowie die Konstitution des Bürgers über die Ästhetik und über die Kunst. Hier greift ganz gut die für das 18. Jhd. relevante ästhetische Kategorie des Geschmacks sowie die Konzeption der Autonomieästhetik.

    Sowieso halte ich die Zeit um die 80er Jahre des 18. Jhds (Französische Revolution, Kants drei Kritiken, (KdU 1790)) bis zum Ende des Ersten Weltkriegs für eine Epoche, wo einschneidende (technische) Umbrüche stattfanden, die einen qualitativen Umschlag ausmachten, der bis heute wirkt. Nimmt man, neben den politischen Umstößen, die Kriegs- und Telekommunikationstechniken, so fand ein weiterer qualitativer Umschlag nach dem Ersten Weltkrieg statt. Aber dies ist natürlich nur grob konstatiert, sozusagen aus der Adlerperspektive. Die Details müßten die Historiker klären.

    Ja, der (mythologische) Odysseus trägt bereits Züge des Bürgers in sich, aber es muß bei solchen Deutungen zugleich eine Vorsicht walten, weil es sich um eine ex-post-facto-Interpretation handelt. Die Winkelmannschen, Schillerschen. Heideggerschen Griechen waren womöglich ganz anders als es sich jene dachten. Insofern sind Urteile, die derart weit in die Vergangenheit ragen, mit einem spekulativen Moment behaftet.

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