Es ist nicht alles Kunst, wo Kunst draufsteht. Oder: ein kurzes Zwischenspiel zur Postmoderne

Norbert Bolz, die Ästhetik und die Moderne 

Um einmal wieder ein unsystematisches Zwischenspiel zur Postmoderne zu geben und einen Autor sprechen zu lassen, den man wohl zu ihren – leider schlechten – Vertretern wird rechnen können, was die Theorie zu den neuen Medien (na ja, so neu nun auch nicht mehr, nichts altert schneller als das Neue, die Moderne und das Postmoderne), die Kunst sowie politische Philosophie (früher sagte man dazu Gesellschaftstheorie) betrifft. Er schrieb seine Dissertation zu Adorno, assistierte bei Jakob Taubes, sein neustes Buch ist ein Plädoyer für die Ungleichheit: ja, ich meine Norbert Bolz:

„Man sucht heute im System der Vernunft ein Fenster zum Mythos. So unternimmt eine ruinierte Moderne den Versuch, den Grundvorgang zu widerrufen, dem sie ihre Existenz verdankt: die Entzauberung der Welt und die Zerstörung ihrer Aura. Die Entfremdung der aufgeklärten Welt soll durch Strategien ihrer Re-auratisierung erträglich gemacht werden; sie soll den rationalistisch entzauberten Menschen den Trost einer ästhetischen Ersatzverzauberung bringen.

Dieser Bedarf ist so groß, daß er der Kunst ermöglicht, ihr eigenes Ende zu überleben. Man muß hier aber wohl von einem Pyrrhussieg der Kunst über den Satz vom Ende der Kunst sprechen. Jetzt ist Kunst unsterblich als Surrogat ihrer selbst. Der ästhetische Code unterscheidet heute nur noch: Das ist/ist nicht Kunst. Damit wird aber jedes Kunstwerk eine Definition der Kunst. Mit anderen Worten: Der Code der Kunst schließt es aus, daß irgend etwas als kunstunfähig ausgeschlossen wird. Natürlich: Es gibt ‚nicht Kunst‘, aber es gibt nichts, was nicht zu Kunst erklärt werden könnte. Jeff Koons etwa erklärt den Kitsch als das ehedem andere der Kunst zur Kunst.

Ich meine deshalb: Die Idee der Postmoderne ist eine ästhetische Aufheiterung über die Landschaft der westlichen Welt nach dem Ende der Geschichte im emphatischen Sinn. Sie nimmt nämlich nicht nur Abschied vom Avantgardismuszwang der Moderne, sondern leistet zugleich eine ästhetische Umwertung der bedrückenden Diagnosen, die Soziologen und Anthropologen unter den Titel Posthistorie gestellt haben. Die entropische, also von Natur überformte Geschichte zeigt eine neue Schönheit: als Ruine.“ (S. 23)

Nein, diese Zeilen sind nicht aus der Jetztzeit genommen. Wer damals schon Ohren hatte zum Hören, der konnte hören und lesen, bis einem zumindest jenes vor Ärger verging. Der Text stammt aus dem Jahre 1996, und zwar aus dem Buch „Ruinen des Denkens Denken in Ruinen“ (hrsg. v. N. Bolz und W. v. Rejien, bei Suhrkamp, das fehlende Satzzeichen ist keiner Unaufmerksamkeit meinerseits geschuldet, sondern Bestandteil des Titels. Wie‘s scheint, ist auch die Interpunktion im Hause Suhrkamp ruinös). Der Text spiegelt eine im Grunde schon damals vorhandene Debatte wider, die mit wechselnden Protagonisten bis ins Heute hineinragt. Sloterdijk fügt sich da gut ein.

Und hier haben Denker wie Habermas (und nicht nur er) sicherlich recht, als sie vor einer solchen Postmoderne gewarnt haben, die zurückrollen möchte in das voraufklärerische Zeitalter: eine „Dialektik der Aufklärung“, welche keine Dialektik mehr ist, weil der kritische Part dieser Schrift abgeschnitten wurde zugunsten des Affirmativen: der Mythos als Gegeninstanz, die Revitalisierung einer reduktiv wahrgenommenen Lebensphilosophie.

Dabei sind manche der Feststellungen von Bolz nicht einmal falsch, wenngleich trivial und zum Allgemeingut herabgesunken: so etwa, daß die Entzauberung der Welt einige unangenehme Nebeneffekte mit sich brachte (was ja bereits Lukács sowie Adorno/Horkheimer erkannten) und eben jenes schon von Max Weber konstatierte Gefängnis und Stahlgehäuse der Rationalität erzeugte, wo das Andere ausgesperrt bleibt. Doch die Thesen, welche Bolz aus den Feststellungen ableitet, sind schlicht falsch.

Was die Kompensationsleistung im Hinblick auf eine ruinöse Moderne betrifft, so springt hier nicht nur die Kunst ein, um die kalte Rationalität zu mildern, sondern das System selbst erzeugt an zahlreichen Stellen und in ganz heterogenen Bereichen seine Selbsterhaltungen und Affirmationskonzepte in den unterschiedlichsten Ausdrucksformen: von der Philosophie, die das Andere in binärer Opposition kultiviert, über die Esoterik, die seit den 70ern bis heute hin an Bedeutung gewann, nachdem die Religion den Resonanzraum nicht mehr auszufüllen vermochte: eine Esoterik, die den Platz für wohlige Gefühle und Begriffsirrsinn schafft, bis hin zu all den Produktion der Kulturindustrie, von Pop über Film sowie der Kunst als Konsumware. Das alles und noch viel mehr trägt zur Kompensation bei. Diese Widersprüche einer Moderne werden bei Bolz aber nicht mehr ins Denken aufgenommen und als ihr Bestandteil ausgemacht, sondern in der Reflexion überspielt und in eine (ästhetisch) aufgeheiterte Landschaft überführt.

Die Wendung der Re-auratisierung, aber auch Kunst und Ästhetik werden ins Affirmative gewendet und damit (bewußt) ihres kritischen Gehaltes beraubt. Sie fungieren bei Bolz als (metaphysische) Trostpflaster in der ansonsten entzauberten Welt. Die komplexe Bewegung einer ästhetischen Theorie, die sich in das Werk hineinbegibt, die Strukturen, den Gehalt, das Formprinzip, die Widersprüche freilegt und zeigt, warum ein Werk mit Grund als ästhetisch gelungen, stimmig und angemessen bezeichnet werden kann, wird eingezogen zugunsten des bloßen Geschmacks oder eines rein sinnlichen Elements: So kann dann auch Jeff Koons auftauchen.

So erweist Kunst sich in solchem Denken als fungibel. Die Öffnung der Formen, die Pluralisierung der Verfahrensweisen im Umgang mit dem ästhetischen Material wird zum Aufhänger genommen, um Kitsch und Beliebigkeit das Wort zu reden. Kunst geht dabei über in den bloßen Geschmack, wird, wie bei Koons (zumindest was etwa seine Ballonskulpturen und die Kitschobjekte betrifft) und vielen mehr zum gefälligen Objekt, vom Designgegenstand eigentlich kaum zu unterscheiden. Nicht mehr binnenästhetische Kriterien bzw. die Verfaßtheit des Kunstwerkes entscheiden über seine objektive Bedeutung, sondern die binäre Binnendifferenzierung bleibt beim gefallen/mißfallen stehen. In solchem Rahmen bedarf es dann eigentlich auch nicht mehr der Kritik und des Kommentars. Entlarvungen, daß der Kaiser eigentlich nackt ist, sind im Kunstbetrieb eher unerwünscht oder geraten selbst zum Happening. Das einzige, womit in der Tat noch ernst gemacht wird, ist, daß nichts mehr ernst genommen wird.

Allerdings sind diese Thesen Bolz‘ eben dem Duktus seiner Theorie geschuldet. Und hier liegen dann – bei aller Unterschiedlichkeit freilich in den Theoriekonzepten – wiederum die Berührungen von Bolz, Bohrer und eben auch Habermas: Wenn man die utopische, messianische Sphäre der Adornoschen Theorie abschneidet, wenn die geschichtsphilosophische Perspektive getilgt wird zugunsten eines reinen Immanenzzusammenhangs, der sich lediglich in dem zu bewegen vermag, was sowieso schon ist, dann wird es schwierig, noch eine Ausgangstür oder zumindest die Imago derselben zu finden. Bei Habermas führt dies dazu, daß Ästhetik kaum bei ihm vorkommt, was ich andererseits jedoch bewundere, weil hier einer wenigstens schweigt, wenn er von einer Sache meint, wenig zu verstehen.

Zudem: was Bolz hier als ein postmodernes Phänomen ausgibt, die Differenzierung Kunst/Nicht-Kunst, ist eine durchaus moderne Angelegenheit, die bald 100 Jahre alt ist und etwa mit Duchamp als dem prominentesten Vertreter ihren stärksten und bekanntesten Ausdruck fand. Man denke etwa an den Flaschentrockner (1913) oder das Urinoir (1917). Die Postmoderne samt den ästhetischen Fragestellungen reicht also sehr, sehr weit zurück.

Die These, daß die westliche Welt in die Nachgeschichte bzw. in den posthistorischen Zustand eingetreten ist, in dem die Geschichte zu ihrem Ende kam, dürfte wohl als erledigt gelten und zudem selber einem teleologischen Geschichtskonzept verhaftet sein.

Was bleibt, ist der Aspekt des Ruinösen.

10 Gedanken zu „Es ist nicht alles Kunst, wo Kunst draufsteht. Oder: ein kurzes Zwischenspiel zur Postmoderne

  1. Re-auratisierung? = Benjamin

    (Ansonsten darf aber im Kommentarteil durchaus in ganzen, gerne auch vollständigen Sätzen geschrieben werden.)

  2. och weisste: „viele Worte große Wirren“ Sengcan († 606) Xinxinming. Bei mir musst du mit wenig zufrieden sein.

  3. Was die Wenigsten wissen ist, dass Beethoven diese Pretiosen aus dem Schmuckkästlein fernöstlicher Weisheit sich zu eigen machte, und für sich als „Viele Noten, große Wirren“ formulierte. In seiner Hingabe an Meister Sengcan soll er dies sogar bisweilen in der Form „Viele Noten, gloße Willen“ ausgesprochen haben, was zu dem Mißverständnis führte, er habe „Viere Noten, große Wirren“ gemeint, was dann aber niemand mehr verstand.
    Doch Beethoven wäre nicht der Große gewesen, der er war, hätte er nicht jenen Satz in die Maxime seiner kompositorischen Praxis erhoben. So zeigen die Zahlen der Symphonien 1 bis 9 bekanntlich keine Abfolge an, sondern benennen die Anzahl der Takte, aus welchen die jeweilige Symphonie besteht: Die Erste 1 Takt, die Zweite 2 Takte und so fort. Lediglich die Neunte lief ihm aus dem Ruder und sprengt mit neun Takten jede vernünftige kompositorische Dimension.
    Eine interessante und musikwissenschaftlich immer wieder verteidigte These besagt, daß Beethoven auch eine Nullte Symphonie komponiert habe, die aus gar keinem Takt besteht. Eine Partitur dieses Werks konnte jedoch bislang nicht aufgefunden werden.

  4. @ Nörgler
    Ich danke artig für diesen Text. Dies ist Sprachmusik wie ich sie liebe, wie ich sie schätze.
    (Hätte allerdings auch von mir sein können, wenn ich nur musikalischer wäre. Aber wie sang es schon Georg Kreisler im „Musikkritiker“: „Weil ich unmusikalisch bin.“ So hat’s also nicht sollen sein.)

    Und weil ich mich über diesen Text so sehr gefreut habe, greife ich Deine Anregung im Kommentar vom 26.11. zu Adorno gerne auf. Präzisieres dazu findet sich dann in meinem heutigen Blogbeitrag, der in einer halben Stunde erscheinen bzw. gut heideggerianisch parusieren wird.)

  5. „Zudem: was Bolz hier als ein postmodernes Phänomen ausgibt, die Differenzierung Kunst/Nicht-Kunst, ist eine durchaus moderne Angelegenheit, die bald 100 Jahre alt ist und etwa mit Duchamp als dem prominentesten Vertreter ihren stärksten und bekanntesten Ausdruck fand. Man denke etwa an den Flaschentrockner (1913) oder das Urinoir (1917). Die Postmoderne samt den ästhetischen Fragestellungen reicht also sehr, sehr weit zurück.“

    Ja, das ist ja mein Problem mit diesen Autoren. Ich weiss nicht, wovon die reden. Sie quasseln auch ohne jede Kunstgeschichte, die sie offensichtlich gar nicht brauchen, ihr Zeug daher und unsereins wundert sich, was postmodern sein soll an diesen ganzen genuin modernen, in der Modernen gestellten und durch sie ermöglichten Fragestellungen, die zudem auch noch in der Modernen längst beantwortet, kritisiert und in andere Richtungen entwickelt wurden. Bolz ist dabei nicht nur einer der unverschämtesten Slogan-Schreiber, sondern auch einer der ahnungslosesten, der gleichwohl wie die SVP sein Zeug per Wiederholung zur Wahrheit gerinnen lässt; sein Publikum liest schliesslich auch keine Kunstgeschichte. Ich halte den für einen Geistes-Gangster und sein Unternehmen ist tatsächlich ein Abbruchunternehmen.

  6. Wie gesagt, die Ausdruck der Postmoderne ist leider insofern ein verunglückter, weil er mit dem Verve der Erneuerung daherkommt, aber vielfach doch nur den alten Wein, die alten Fragen in neuen Schläuchen liefert. Selbst Kategorien wie Kitsch oder Ornament sind nichts Postmodernes, sondern gehören dem Rahmen der Moderne an.

    Bei einem genaueren Blick in die Kunst- oder Literaturgeschichte stellt der Betrachter oder Leser schnell fest, daß manches, was als postmodern-innovativ deklariert wird, in einer langen Tradition steht.

    Bolz als Abbruchunternehmer gefällt mir gut. Vielleicht gibt’s auf ihn ja auch eine (theoretische) Abwrackprämie.

  7. @“eine Esoterik, die den Platz für wohlige Gefühle und Begriffsirrsinn schafft —- Das ist schonmal ein ganz falsches Verständnis von Esoterik (nicht von Dir, Bersarin, sondern von denen, die sich heute Esoteriker nennen): Ursprünglich beinhaltete das esoterische Gedankengut die Vorstellung, dass die materielle Welt eine Täuschung sei und die einzig wirkliche Realität sich in einer Welt des Geistes finden lasse, wobei „Geist“ nicht Intellekt oder Verstand meint, sondern am Ehesten gemeint ist, wenn es um nicht sterbliche Wesen ohne Körper geht. Demzufolge wäre das Leben in unserer bekannten Welt das Ergebnis des Sturzes der Seele aus einer ewigen geistigen Lichtwelt (Bezug zu Capra und Solchen: Bei Lichtgeschwindigkeit gibt es keine Zeit, Licht ist ewig) in die vergängliche Körperwelt, der man durch meditative oder asketische Praktiken wieder entkommen müsste. Die Vertreibung aus dem Paradies und der Sturz Luzifers sind in dieser Lesart Erfahrungen, die jede Seele vor ihrer Inkarnation in einen Körper gemacht hätte, und ALLE Religionen Verplattungen von Einweihungslehren, sich daraus wieder zu befreihen und im Geiste wiedergeboren zu werden. Das ist eine moderne Fortsetzung antiker Gnosis, gegen die Platos Höhlengleichnis eine Verysoftversion ist. In diesem Denken sind auch politische Emanzipationsprozesse bedeutungslos, denn Freiheit könne es nur als Befreiung von der materiellen Welt geben, Freiheit in der körperlich-materiellen Welt sei das „Gespenst der Freiheit“. Gegenüber dieser Hardcore-Mystik, die in verschiedenen Varianten Blavatsky, Steiner, Spalding oder Bo-Yin-Ra vertreten hatten ist das, was sich heute „Esoterik“ nennt der allerletzte Tingeltangel.

  8. Danke für diese Hinweise. Ich muß allerdings zugeben, daß ich mich in diesem Bereich, insbesondere der Gnosis, nicht gut auskenne.

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