Sloterdijk – und kein Ende

Eigentlich ist ja alles gesagt und geschrieben, und es ist müßig, weil‘s sich im Kreise dreht. Auch sind die Namen der Protagonisten am Ende und im Resultat egal, weil es sich um die reine Bewegung der Theorie bzw. der After-Theorie handelt, und so verhält es sich auch mit dem Autorennamen Franz Sommerfeld, welcher in der Ausgabe der Berliner Zeitung vom 12.11. einen Text schrieb mit dem Titel. „Die neuen Sozialliberalen. Peter Sloterdijks Fragen nach den ethischen Grundlagen des Sozialstaats sollte man nicht mit überlebten Antworten abwürgen.“

Es sei zur Erheiterung für diejenigen unter meinen Lesern, welche der „Berliner Zeitung“ nicht teilhaft werden können, daraus ein wenig zitiert:

„Sloterdijk geht es vielmehr darum, die ethischen Grundlagen des modernen Steuerstaates zu hinterfragen: Wie hoch darf der Staatsanteil sein? Woran wird er gemessen? Was ist sozial gerecht? Muss man sich guter Bezahlung für gute Leistung genieren, weil eine Reihe von Investmentbankern jedes Maß verloren hat?

Diese Fragen des ewigen SPD-Wählers Sloterdijk werden viele der 6,3 Millionen FDP-Wähler ähnlich stellen; 17 Prozent der unter Dreißigjährigen haben bei der Bundestagswahl liberal gewählt. Ein genauerer Blick in die Untersuchungen zur Wahl zeigt zudem, dass hier keine Generation kaltherziger Neoliberaler heranwächst, sondern junge, durchaus sozial eingestellte Pragmatiker, wenig ideologisch gesteuert und natürlich ökologisch verantwortungsbewusst. Vielleicht lassen sie sich als ‚neue Sozialliberale‘ charakterisieren, auch wenn der Begriff geschichtlich besetzt ist. Zwischen den App-verliebten I-Phone-Fans und den Fortschrittsgläubigen der 1970er-Jahre gibt es mehr Parallelen, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Eine größere Nüchternheit ist allerdings in Fragen der Machbarkeit entstanden, nicht nur aus finanziellen Nöten.“

[…]

Mit dem Rückgang fester Arbeitsbeziehungen und der Entwicklung eines Marktes von freien Beschäftigten verändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und schließlich auch die Einstellungen. Wer unter schwierigen Verhältnissen auf seine Leistung stolz ist, hinterfragt den Sinn seiner Abgaben an den Staat naturgemäß eher.

[…]

Es gehe darum, schreibt Sloterdijk, den Leistungsträgern ‚als Gebern‘ Genugtuung zu verschaffen und den Bruch mit der staatlichen Mangelpflege einzuleiten.

[…]

Die Beschäftigung mit den tatsächlichen Verhältnissen ist der erste Schritt zu ihrer Veränderung. Dahinter gibt es kein Zurück. Wer versucht, mit alten Mustern Diskussionen abzuwürgen, der scheitert. Das haben Axel Honneth und Christoph Menke erfahren müssen, zwei der renommiertesten Kritiker Sloterdijks, als sie dessen Anstöße – wie der Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer spitz bemerkte – als faschistoid brandmarkten. Doch die so bewährte und beliebte ‚Antifa-Keule‘ versagte den Dienst. Der Geist der Zeit, schreibt Sloterdijk, sendet neue Signale. Es wäre fatal, sie nicht empfangen zu wollen.“

Sloterdijk hält also ein solches Plädoyer für die Abschaffung des Steuerstaates, weil er eine Kritik formulieren möchte, die ein fiskalpolitisches Umdenken anregen will. Dies mutet doch seltsam an und erinnert ein wenig an jenen von Heinrich Heine in seinem Aufsatz „Religion und Philosophie in Deutschland“ im Hinblick auf Kant genannten Freund aus Westfalen, der auf der Grohnderstraße zu Göttingen alle Laternen zerschlug und dort im Dunkeln eine Rede über die praktische Notwendigkeit der Straßenlaternen hielt. Nur daß es bei Sloterdijk dann beim bloßen Zerschlagen der Laternen geblieben ist.

Wenn es Sloterdijk darum ginge, eine ernsthafte Kritik zu führen, so hätte diese woanders ansetzten müssen. Gerade die bestens versorgte (steuerzahlende) gehobene Mitte der Gesellschaft kann Gegenstand von Kritik nur sein, indem diese gehobene Mitte, welche einen Niedriglohnsektor erst möglich machte, samt ihren Praktiken selbst in den Blick genommen wird.

Interessant natürlich auch die Wendung von den „alten Denkmustern“. Da die Ewig-Gestrigen, die obligatorischen Frankfurter, hier die Neue Mitte. Diese aus der Klamottenkiste von PR-Agenturen hervorgekramte Allerweltsformel „alte Denkmuster“ zeigt deutlich, wohin die Reise tatsächlich geht: Begriffe wie Gerechtigkeit gehören in den Augen jener Umverteiler vielleicht nicht völlig abgeschafft, es müssen in ihrer philosophischen Feinmechanik aber einige Schrauben und Windungen neu justiert werden, so daß sich am Ende eine qualitative Veränderung ums ganze ergibt. Es geschieht die Neukonstruktion von Realität nicht nur mittels Sprache, sondern auch auf der Ebene der Fakten.

Daß in Sommerfelds Text – nebenbei bemerkt – Begriffe wie sozialliberal und Sozialdemokratie im Zusammenhang mit solchem Denken benutzt und umgepolt werden können, zeigt den tiefen, sehr tiefen Fall der Sozialdemokratie aufs trefflichste an. (Ich mag nicht einmal mehr darüber spotten, weil es in der Tat nur noch eine Tragödie ist, die sich momentan auf dem Parteitag als Farce wiederholt.)

Im übrigen aber erledigen sich diese ganzen Dinge sehr zügig, wenn man, gut an Hegel geschult, die gebrauchten Begriffe daran mißt, was sie unter sich befassen und ihre Stellung zur Wirklichkeit ausmacht sowie das darlegt, was sich in ihnen sedimentiert. Dies fängt bei einem so feinen Begriff wie dem des „Leistungsträgers“ an. Bereits hier zeigt sich, wie die gesellschaftlichen Wertschätzungen verteilt sind: die einen leisten und die anderen arbeiten eben oder bemühen sich, an Arbeit zu gelangen. Für den kargen Lohn haben sie Dankesbezeugungen zu erbringen: „Danke, für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück.“ Zum Dank fürs Danken empfangen sie dann die Geschenke, welche ihnen huldvoll dagereicht werden. (Ich will aber gar nicht so sehr das Lob dieses kleinen Mannes, des Malochers oder des Nicht-Malochers singen, denn dieser ist, in seiner Weise freilich, nicht einen Deut besser als sein Gegenstück. Im Grunde empfängt er also genau das, was er verdient.)

11 Gedanken zu „Sloterdijk – und kein Ende

  1. Dieses Sommerfeldtsche Manifest fand sich auch in der FR, was nur wieder zeigt, wie Konzentration und Versprengung medialer Öffentlichkeiten gerade gleichzeitig eine seltsames gesellschaftliches Klima erzeugen.

    Berliner Zeitung und FR fusionieren ja nun teilweise redaktionell, ebenso, wie Gruner und Jahr Wirtschaftstitel aus Zentralredaktionen bedienen wird, und gleichzeitig kommentieren immer mehr Leute in immer mehr Blogs und Facebooks und Foren das, was immer weniger Leute vorgeben.

    Selbst die BILD schließt jetzt ja allerhand Lokal-Redaktionen, und die ganze Ostsee wird von Lübeck aus, glaube ich, bestückt in den paar Zeitungen, die es da noch gibt. Die öffentlich-rechtlichen Sender gründen stattdessen immer mehr Spartenkanaäle, die keiner guckt, um den Bildungsauftrag endgültig aus den Hauptprogrammen zu vertreiben, während die Privaten alle die gleichen Formen und Themen senden, am liebsten Recht, Ordnung und Unterschichten umerziehen – und parallel der große Hauptgewinn: „Wer wird Millionär“ und „Deutschland sucht den Superstar“.

    Bilde ich mir das ein, oder ist das strukturanalog zu dem, was diese ganzen Pappnasen proklamieren? Weil die Töpfe kleiner werden, wollen wir nix mehr abgeben, wir, die wir auf letzten, verbleibenden Posten sitzen?

    Habe hier auch noch einen ganz fiesen Text von dem Ulrich Greiner liegen, der sich implizit auf Sloterdijks Seite in der aktuellen DIE ZEIT schlägt, natürlich viel feinsinniger, aber gerade deshalb fast noch schlimmer. Das ist richtig Arbeit, den auseinander zu nehmen, hatte ich noch nicht die Geduld dazu, muss ich aber noch mal machen die Tage.

  2. Es ist strukturanalog.

    Man glaubt an manchen Stellen dieses Films zu träumen, aber es ist so, und es ist kein Film, und es ist im Grunde schlimmer als in der „Truman Show“. Insofern mein Plädoyer für Adorno und seine vehemente Medienkritik, und gerade an seinem Text „Über den Fetischcharakter in der Musik“ zeigen sich die Mechanismen in nuce.

    Ich habe die neue „Zeit“ noch gar nicht aufgeschlagen, aber diese Arbeit wird man wohl auf sich nehmen müssen. Ist jetzt nur noch die Frage, wer’s macht.

  3. Ich mach’s ja! ich wollte nur vorher noch mal die Begründung der Grundrechte in „Faktizität und Geltung“ nachschlagen, ich Schelm :-D – weil ich ja das Gefühl habe, dass keiner verstanden hat, warum Habermas Intersubjektivität und Dialog so wichtig waren. Es wird nur noch monologisch proklamiert, wie in irgendwelchen Naturrechtsvorstellungen, aber nicht mehr kommuniziert.

    Ist ein wenig die Gegenthese zu Adorno, glaube ich … oder eine Ergänzung. Wohl noch eher letzteres.

  4. Das ist tatsächlich der Sommerfeldt vom Kölner Stadtanzeiger, der früher in der DKP war und im MSB Spartakus. Was seine Entwicklung angeht offenbar so eine Art zahmer Horst Mahler.

    Es stimmt wirklich: Das Schlimme an diesen Texten ist ihre unglaubliche Dummheit, es werden sämtliche relevanten Fakten zum Thema ausgeblendet.

    Welche Funktion hat Sommerfeld denn mittlerweile genau? Chef der Berliner Zeitung? Dass solche Leute solche Funktionen übernehmen, ist bemerkenswert. Ich würde mich wirklich über anständige Konservative und Liberale freuen, die gesellschaftliche Modelle und Alternativen entwickeln, die nicht sozialdarwinistisch oder neofeudal sind. Teilweise fühlt man sich wirklich auf das Argumentationsniveau der späten zwanziger Jahre zurückversetzt.

  5. habe auch gerade den Greiner vor mir liegen – meine Fresse. Sogar Hofmannsthals gedicht (erinnerst Du Dich noch an das Spiel mit der Seite 56 oder so, momo? Da hatte ich gerade Grimms Interpretation von „Manche freilich müssen drunten sterben“ vor mir liegen. schreibe selber gerade ne ellenlange interpretation dieses Gedichts!) sogar hofmannsthals Gedicht wird in völlkig falschen Zusammenhängen zitiert.

    Es kann einem wirklich Angst und Bange werden.

    na, los, Momo! Wer von uns ist schneller? ;-)

  6. „Na, los, Momo! Wer von uns ist schneller? ;-)“

    Ich vermute Du ;-) – ich habe immer Probleme, schnell zu schreiben, wenn mir zu viel zu einem Thema einfällt, und bei dem Greiner ging mir das so. Da muss man ja richtig ins Eingemachte.

  7. @ genova68
    Habe ich auch gelesen: DKP, mein Gott. Und da trifft es wieder, dieses Titanic-/Hans Traxler-Wort: „Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.“

    @ Momorulez und Hartmut
    Ich denke auch, daß man bei Greiner ans Eingemachte heran muß und das, was da fabriziert wurde, detailiert analysieren sollte.

  8. hallo ihr beiden

    mit Verlaub: Muss man wirklich? Greiner fährt in einer restlos unoriginellen weise das arsenal des gut situierten Bildungsbürgers auf, um seine Ressentiments gegen die Muschiks auszuagieren. Von der sozio-ökonomischen realität in diesem Land, von dem, was Hartz IV eigentlich bedeutet (zwangsweises eindreschen in prekäre jobs) hat er ersichtlich überhaupt keine ahnung.

    ich meine: macht euch die abeit, ich lese und kommentiere es gerne – aber was ist zu dieser gespenstischen inszenierung, mit der wir seit einigen jahren wohl versorgt werden, denn noch zu sagen?

    lg

  9. Wenn das bis zu Leuten wie Greiner vorgedrungen ist, muss man das natürlich. Du glaubst ja gar nicht, wer den Quatsch so alles nachplappert. Die meisten Leuten lassen halt denken.

    Und dass er da keine Ahnung hat, das muss man ihm halt sagen.

  10. Pingback: Peterchens Mondfahrt! « mehr (Öko-)Sozialismus wagen :-)

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