Friedrich Schiller – zum 250. Geburtstag

Tja, was soll man zu Schillers Geburtstag schreiben? Vielleicht mit Wolfgang Neuss beginnen?: „In der Schule ham wir immer Schiller aufsagen gemußt: Schiller, Schiller, Schiller, Schiller, Schiller, Schiller …“

Aber für all die hohlen Phrasen, die als ästhetischen Mehrwert den Distinktionsgewinn zum Ergebnis haben, und für die hohen Töne, für den nationalen Pathos, da kann er nichts, der Lieblingsdichter der Deutschen, genauso wenig wie Hölderlin. Womit also bei Schiller beginnen? Gut, ein paar kurze Worte zur Ästhetik also, was ja durchaus naheliegt.

Vielfältig hat sich Schiller an der Ästhetik abgearbeitet, nicht nur auf die poetische Weise, sondern genauso im Rahmen der Theorie, setzte sich, wie so mancher seiner Zeitgenossen, mit der wie ein Meteor einschlagenden dritten Kantischen Kritik auseinander. Allerdings: im Gegensatz zu Kleist verzweifelte er an jenem Kantischen Dualismus, der mit den beiden ersten Kritiken gegeben war, nicht. Vielmehr formulierte er in verschiedenen philosophischen Texten, so in den Kalliasbriefen, in der Schrift „Anmut und Würde“ bis hin zur „Ästhetischen Erziehung“ eine Theorie des Schönen aus, das sich nicht rein am Subjekt orientierte, sondern ein objektives Moment in Stellung brachte. Insbesondere war jene „Ästhetische Erziehung“ in aufklärerischer Absicht geschrieben und durchaus als Reaktion auf die (blutige) Französische Revolution zu verstehen, die es am Ende, zumindest aus Schillers Sicht, nicht vermochte, die Gewalt zu mildern und das Humane zu befördern.

Zeitlich und auch thematisch angesiedelt zwischen Kant und Hegel, nicht mehr einer eher aufs Subjekt bezogenen Ästhetik zuneigend, aber zum Objektiven einer Hegelschen Bewegung im Rahmen der bestimmten Negation noch nicht hinreichend, inmitten der Romantik, die allerdings in den ästhetischen Positionen ihrer Zeit die wohl avancierteste Ausformulierung ästhetischer Fragen darstellte und sich am ehesten mit der Moderne kompatibel erweisen sollte. (Man vergleiche hierzu etwa die instruktiven Ausführungen Karl Heinz Bohrers in „Die Kritik der Romantik“ oder „Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität“.)

Jedoch: in einem bestimmten Sinne kann man sagen, daß auch Schiller im Ansatz (zumindest mit einem verkürzten Bein) in die Moderne fällt, zeigt sich doch schon bei ihm jene grundlegende Erfahrung der Zerissenheit, die das Signum der Moderne abgeben sollte, wenngleich Schillers Ideal an einem Phantasma des Antiken orientiert war, für das man den Namen Weimarer Klassik erfand. Doch genauso sollte sich Schiller als modernitätskompatibel erweisen, was den Aspekt einer gesunden Skepsis gegen jede Form von Überbietungs- und Souveränitätsästhetik anbelangt; insbesondere was die Überästhetisierung und die Ästhetisierung der politischen Sphäre betrifft: das Reich des schönen Scheins, der ästhetische Staat fügt sich in Grenzen:

„In dem ästhetischen Staate ist alles – auch das dienende Werkzeug ein freier Bürger, der mit dem edelsten gleiche Rechte hat, und der Verstand, der die duldende Masse unter seine Zwecke gewalttätig beugt, muß sie hier um ihre Beistimmung fragen. Hier also, in dem Reiche des ästhetischen Scheins, wird das Ideal der Gleichheit erfüllt, welches der Schwärmer so gern auch dem Wesen nach realisiert sehen möchte; und wenn es wahr ist, daß der schöne Ton in der Nähe des Thrones am frühesten und am vollkommensten reift, so müßte man auch hier die gütige Schickung erkennen, die den Menschen oft nur deswegen in der Wirklichkeit einzuschränken scheint, um ihn in eine idealische Welt zu treiben.

Existiert aber auch ein solcher Staat des schönen Scheins, und wo ist er zu finden? Dem Bedürfnis nach existiert er in jeder feingestimmten Seele, der Tat nach möchte man ihn wohl nur, wie die reine Kirche und die reine Republik, in einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden, wo nicht die geistlose Nachahmung fremder Sitten, sondern eigne schöne Natur das Betragen lenkt, wo der Mensch durch die verwickeltsten Verhältnisse mit kühner Einfalt und ruhiger Unschuld geht und weder nötig hat, fremde Freiheit zu kränken, um die seinige zu behaupten, noch seine Würde wegzuwerfen, um Anmut zu zeigen.“

Den letzten Satz kann man, trotz seines Pathos, das bei Schiller zuweilen ein wenig aufdringlich mitschwingt, nur doppelt hervorheben.

Bereits in diesem Zitat tritt deutlich hervor, daß die Ausbildung ästhetischer Subjektivität, daß die Ausdifferenzierung der Ästhetik als eines eigenständigen Bereichs mit der Herstellung des bürgerlichen Selbstbewußtseins korrespondiert, wie ich dies schon in meinem Text zu Adornos Musikaufsatz vom letzten Samstag andeutete. Es ist genau jener kleine Kreis, wie ihn etwa Goethe in seiner Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, schilderte, in dem solche Ausbildungen möglich sind und in dem sich ein Verhalten gegenseitiger Anerkennung einstellt, das gepaart ist mit verschiedenen Formen der Poetisierung von Welt, gipfelnd eben in jenem Märchen. Diese „Unterhaltungen …“ sind selber wiederum eine ästhetische Reaktion auf die Französische Revolution, und sie beginnen ja auch ganz konkret mit dieser. Und obwohl der Begriff der ästhetischen Erziehung hier nicht fällt, so mag diese Novelle sicherlich ein Muster für jene Erziehung abgeben. Hinzuweisen sei natürlich darauf, daß beide Werke etwa zeitgleich 1794 bzw. 1795 erschienen.

Gleichzeitig ist das ästhetische Reich aber nicht von dieser Welt. Ein wenig schwingt hier sicherlich jenes Motiv der Zwei-Welten-Lehre mit, eben das Gebot des Satzes „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“. Es siedelt in diesem Text insofern schon ein gutes Stück (notwendiger) Idealismus. Und erst ein Heine konnte den Himmel dann den Tauben und den Spatzen überlassen, weil nun neue und bessere Lieder gesungen werden mußten.

Dennoch: das Konzept, welches Schiller in diesen Briefen entfaltet, ist sicherlich nicht zu den philosophischen Akten zu legen, sondern lohnt sich weitergedacht zu werden; vielleicht weniger in ästhetischer, aber doch in anthropologischer bzw. ethischer Hinsicht läßt sich aus diesem Text heraus manches Motiv und mancher Gedanke, wie etwa der des Spieltriebs und der Freiheit, fruchtbar machen.

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