Ist Hirnfraß bei „Zeit“-Redakteuren meßbar?

Genova68 von dem schönen Blog „Exportabel“ hat mich auf einen Artikel in der „Zeit“ dieser Woche zur sogenannten Neuen Musik bzw. zur Zwölftonmusik hingewiesen: „Zu Schräg fürs Gehirn“ lautet die Überschrift des von Christoph Drösser verfaßten Artikels. Dieser Text paßt, gleichsam als Negativfolie, eigentlich recht gut zu den Ausführungen Adornos zur Ästhetik in seinen Vorlesungen, wenn es etwa um das Banausentum und den sogenannten Kunstgenuß als eine vermeintlich ästhetische Kategorie geht.

Doch zum Zeit-Artikel: 

Es geht gegen die Zwölftonmusik, warum es sozusagen neurologische bedingt ist, daß das kaum einer hört. Weiterhin taucht in diesem Artikel eigentlich alles an Motiven aus dem Ressentimenthaushalt des Kleinbürgers auf, der sich einmal in die Kunst hineinbegibt, um so recht nach Herzenslust unterhalten zu werden, aber eigentlich nicht recht weiß, was er da in der Kunst eigentlich soll. Es seien einige Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben: 

„Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?“

 Was soll man da sagen? „It‘s the economie, stupid.“ Aber nicht nur dies, sondern viel wesentlicher: Weil die Musik eine Zeitkunst und keine Raumkunst ist. Um bei einem Konzert von Schönberg dabeigewesen zu sein, muß man die Zeit absitzen, (wir nennen solches Verhalten „zuhören“), ob man will oder nicht. Das macht nicht jeder. Deshalb nur halbbesetzte Konzertsäale. Um bei einer sperrigen Ausstellung zur bildenden Kunst dabeigewesen zu sein und dies hinterher auf einer Party oder wo auch immer („Bin im Guggenheim gewesen“, der Fetischcharakter der Kunstware) groß kundzutun, reicht ein zehnminütiger Durchlauf aus. Insofern erfreut sich die bildende Kunst sicher größerer Beliebtheit als schwergängiges Tanztheater, sperriges Regietheater oder eben nicht einfach nur zu konsumierende Musik. (Adorno hat über solche Art des Konzertbesuches und auch zur Aufführung von Barockmusik auf Originalinstrumenten einiges Treffendes geschrieben.) Zudem wüßte ich gerne, was die Anzahl der Besucher in einem Konzert oder Museum über die Qualität eines Werkes aussagen soll. Die Zustimmung zur CDU/FDP-Koalition sagt doch auch nichts über die Qualität ihrer Politik aus, und die 99,8 Prozent, welche die SED erhielt, sagte nichts über ihre tatsächliche Beliebtheit im Volke aus. 

Einige Zeilen später gesteht der Artikel den Unterschied zwischen Raum- und Zeitkunst dann auch ein. Muß aber zu naturwissenschaftlichen Erklärungen und zur Floskel der Gefälligkeit des Kunstwerkes Zuflucht nehmen. 

„Sloboda zieht den Vergleich zur bildenden Kunst: In einem Museum habe der Besucher die freie Entscheidung, welches Bild er sich wie lange anschaue, er könne mit Freunden darüber diskutieren oder zwischendurch einen Kaffee trinken, um seine Eindrücke zu verarbeiten. ‚Aber wenn Sie in einen Konzertsaal gehen, ist das wie im Gefängnis.‘ Der Zuhörer sei über Stunden an seinen Sitz gefesselt, regungslos und stumm, während andere über das Programm bestimmten. ‚Das moderne Publikum findet das zunehmend unakzeptabel.‘

 Soso, das spricht also gegen Zwölftonmusik. Das stumme Gefesseltsein an den Sitz und kein Coffee to go dabei, wenn der Kontapunkt sich verzweigen tut. (Wenigsten war Odysseus in der „Dialektik der Aufklärung“ noch an den Mast gefesselt.) Dies ist genau das Banausentum im Verhältnis zum Kunstwerk, gegen das Adorno (und nicht nur der) beständig angeschrieben hat. Es geht Kunstlauschern wie Drösser nicht mehr um das ästhetische Objekt als solches in der ihm eigenen Qualität, es geht nicht um die Sache, die da im Konzert wahrgenommen wird, sondern das Kunstwerk wird auf (psychologische) Reaktionsweisen, auf Lust-Unlust-Verhalten hin abgebildet und bezogen. Am Ende hängt es sozusagen am Arsch, nämlich am Sitzfleisch, das einer mitbringt. 

„Gerade dieses ‚Lustprinzip‘ aber war vielen Neutönern ein Dorn im Auge, insbesondere dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich auch als Musiktheoretiker einen Namen gemacht hat. Ihm war alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst, er wetterte (unqualifiziert) gegen die Emotionalität der Jazzmusik und erwartete von der Musik ständige ‚Innovation‘.

Solchen Kriterien mögen die modernen Klänge mühelos entsprechen. Aber sind sie im Umkehrschluss prinzipiell lustfrei, eine rein intellektuelle Spielerei? Wer sich erst einmal in sie hineingehört hat, der kann von ihnen durchaus emotional berührt werden. ‚Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-)Serie wiedererkenne‘, sagt Eckart Altenmüller. ‚Aber das liegt daran, dass ich über Jahrzehnte Neue Musik geübt habe. Von meiner Sekretärin würde ich das nicht unbedingt erwarten.‘ Die Sekretärin bestätigt das uneingeschränkt.“

Ja, ich habe auf sie schon gewartet, geradezu sehnsüchtig: Die Sekretärin. Die Unvermeidliche, die Frau, der Mensch aus dem Volke, der sich einig weiß mit seinem Herrn. Ich wußte bereits zum Beginn, daß sie bei Drösser (neben dem allerdings sehr witzigen Hape Kerkeling) irgendwo und irgendwann auftauchen wird.

Bereits der Ausdruck vom „wiedererkennen“ in diesem Zitat zeigt, in welche Richtung die Sache geht. Es ist Kunst rein auf den Genuß und die Gefälligkeit abgestellt. Daß es zwischen den Kunstwerken, auch den sogenannten sperrigen, durchaus qualitative Unterschiede gibt, daß es ästhetisch Gelungenes und Mißlungenes gibt und daß sich das nicht an der Verständlichkeit eines Werkes bemißt: Basale Einsichten in die Ästhetik sind Drösser (und wohl auch Eckart Alltenmüller) leider verschlossen geblieben. Kunst wird hier zum Einrichtungsgegenstand, wie ein gefälliges Ledersofa, reduzierbar auf einen billigen Gebrauchswert.

Ansonsten zeugt diese Passage über Adorno von einer Unkenntnis gegenüber seiner Philosophie, daß es fast schon traurig zu nennen ist. Sicherlich ist Adorno nicht sakrosankt, und man kann über seine Sicht des Jazz diskutieren. Auch haben sich ästhetische Kategorien wie das „avancierteste Material“ im Laufe der Zeit gewandelt, die Fortschrittsspirale der Kunst ist eine andere geworden als zu Adornos Zeiten. Aber ein Satz wie „Ihm war alles Schöne und Gefällige verhaßt“, was soll man dazu sagen. Man würde dies keinem Schüler durchgehen lassen. Ich weiß nicht, weshalb in der „Zeit“ ein solcher Blödsinn erscheint, warum kein Chefredakteur da ist, der Drösser hilfreich zur Seite gestellt ist. Ich mopse mich doch auch nicht hin und behaupte, von keinerlei Kenntnis getrübt, daß die binomischen Formeln Ausdruck frühkapitalistischer Herrschaftsverhältnisse sind und sonst nichts. Ich weiß nicht, warum sich Redakteure, die der Philosophie unkundig sind und in der „Zeit“ bisher nicht durch philosophische Beiträge aufgefallen sind, sondern ein völlig anderes Fachgebiet haben, sich mit Dingen abgeben, von denen sie nichts verstehen. Und ich weiß nicht, warum niemand da ist, um solchem Unfug Einhalt zu gebieten.

Dieser Artikel zumindest zeugt von einer tiefen Verständnislosigkeit gegenüber Kunst und Ästhetik. Das mühevolle Sich-hineinbegeben in das ästhetische Material, welches in der Tat allerdings Zeit kostet? Bei Drösser Fehlanzeige. Das Kunstwerk als Ausdruck komplexer (auch gesellschaftlicher) Zusammenhänge? Kein Wort davon. Aber wozu auch, es fehlt hier schlicht am Vokalbular, und schließlich soll es ja Genuß bereiten wie eine Kürbiscremesuppe oder ein Huhn an Curryreis auf Chicorée. Interessant ist der Text allerdings als Ausdruck des Amusischen. Zugleich ist er aber auch ein gutes Stück Ideologie: Das ist ja genau der Positivismus gegen den Adorno immer und zu recht opponiert hat. Hirnströmemessen bei Kunstwerken, Reiz-Reaktions-Schemata als rezeptionsästhetischer Ausweis über die Binnenstruktur und über die Qualität eines Werkes. Gute Güte, wie tief muß man hier ästhetisch auf den Hund gekommen sein. Ich wette darauf, daß Herr Drösser uns irgendwann in der „Zeit“ ein allen Menschen innewohnendes Gen vorstellt, das im Individuum von Geburt an eine Phobie gegen Sozialismus und Gerechtigkeit erzeugt. Vielleicht ist diese Abneigung sogar in Hirnströmen messbar beim Anhören bestimmter Reizbegriffe: Gewerkschaften, Karl Marx, Mindestlohn, Rosa Luxemburg, Gregor Gysi. Arrrg, arrrg macht da der Ausschlag des Meßinstruments beim Probanden. Und so haben wir dann endlich, endlich den Grund gefunden, warum es nie geklappt hat mit einer gerecht eingerichteten Gesellschaft. Ist halt erblich.

Herr Drösser, wie wird die nächste Überschrift im Wissen-Teil der „Zeit“ lauten: „Sozialismus? Zu gerecht für unser Empfinden“, „Mindestlohn? Zu schlecht fürs Portemonnaie.“?

Lieber Christoph Drösser: „Gehe zurück nach der Badstaße, gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000,­- Mark ein.“ Und vor allem: Versuche nicht Gegenstandsbereiche zu koppeln, die nicht umstandslos zu koppeln sind, gehe in eine Bibliothek, besorge dir Bücher zur philosophischen Ästhetik. Oder besser noch: Laß es lieber sein, und bitte bleib in deinem Metier. Mach die Kolumne „Stimmt‘s?“ weiter, das sind kleine Texte, wo man eigentlich nicht viel falsch machen kann, aber versuche dich nicht in Dingen, die dich nichts angehen und die für dich nie bestimmt waren.

23 Gedanken zu „Ist Hirnfraß bei „Zeit“-Redakteuren meßbar?

  1. Was ich inhaltlich zu Herrn Drössers Artikel zu sagen habe, habe ich bereits auf der Website der ZEIT getan. Hier nur die Anmerkung auf Ihre Bitte hin, der Autor möge doch in Zukunft bei seinem Metier bleiben: zu spät! Herr Drösser hat bereit ein Buch mit dem schönen Titel „Hast Du Töne? Warum wir alle musikalisch sind“ geschrieben. Es ist zu vermuten, daß er dort die einschlägigen Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften a la Spitzer ausbreitet…

  2. Ich danke Ihnen für diesen Hinweis. Ihrem Beitrag auf der Website der „Zeit“ ist nichts hinzuzufügen. Genau so ist es. Insbesondere was Sie hinsichtlich der Bildungschancen schreiben, hat mir gut gefallen.

  3. Da alles Denken durchs Hirn muß, glaubt der Hirnforscher, zu allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst kompetent sich äußern zu können. Das ist so, als würde der Toilettenschüssel-Fabrikant Expertise der Restaurantkritik beanspruchen, weil alles, was der Koch herstellt, am Ende durchs Klo muß.

  4. Ich wurde beauftragt, stellvertretend für Herrn Genova68, der keine Zeit hat, zu kommentieren.

    „[…] aber versuche dich nicht in Dingen, die dich nichts angehen und die für dich nie bestimmt waren.“

    Oh. Ich sollte den Blogartikel der so endet wohl doch besser nicht kommentieren. Also muss Herr Genova68 ran, wenn er die Zeit hat.

    Aber vielleicht kann ich zum Thema Kognition doch etwas beisteuern. Wenn die sogenannten Neurowissenschaftler anrücken, bekomme ich auch immer einen ganz starken Druck im Mastdarm. Eher werde ich eine Auster züchten die jodeln kann, als dass ein Neurowissenschaftler zu demonstrieren vermag, warum ich einen Druck im Mastdarm spüre wenn er versucht herauszubekommen was passiert wenn ich einen Neurowissenschaftler über Philosophie reden höre. In Herrn Drössers Artikel kam die sog. Neurowissenschaft jedoch dankenswerterweise kaum zu Wort. Zwar wurde erwähnt, dass bestimmte akustische Ereignisse bestimmte Potentiale im Gehirn verursachen (das geht ja gerade noch), ansonsten stand eher die Entwicklungs- und Sozialpsychologie Pate.

    Was mir in Drössers Artikel ganz klar zu kurz kommt ist der eigentliche Unterschied zwischen Musik und bildender Kunst. Da bin ich ganz bei Schopenhauer, aber Drösser bespricht die Nähe von Emotionalität und Musik nicht, und kann diese deshalb auch nicht mit den intellektuellen Zugangsmöglichkeiten der bildenden Künste kontrastieren. Also vielleicht doch zu viel mit Neurowissenschaftlern gequatscht, die können den Unterschied zwischen Feierabend und Arbeitsschutz ja auch nicht herausfinden.

    Über Adorno weiß Drösser vielleicht nicht viel. Immerhin weiß er, dass Adorno keine Ahnung von Jazz hatte.

  5. @ Nörgler
    Prägnanter und besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

    @ Hanneswurst und genova68
    Ich habe nichts gegen die Neurowissenschaften und auch nichts gegen Herrn Drösser, da ich ihn nicht kenne. Auch die Aussage, daß bestimmte Töne bestimmte Dinge im Gehirn erzeugen, ist einleuchtend, was ich allerdings auch ohne diese Wissenschaft vage vermutet habe. Der Erkenntnisgewinn von Naturwissenschaftlern ist für einen Geisteswissenschaftler oftmals eher unergibig, oft auch trivial. Schlimm wird es dann allerdings, wenn sich Gebiete überschneiden, wie etwa in der Soziologie und Forscher mit ihren Sätzen bloß die Realität verdoppeln und das aussagen, was sowieso der Fall ist. 13 % der Bevölkerung sind soundso eingestellte, Kinder aus der Mittelschicht können besser xy oder ähnliche Aussagen sind wissenschaftlicher Murks. Hierzu möchte ich dann Adornos Einleitung zum Positivismusstreit sehr ans Herz legen.

    Die Folgerungen, und darum eben geht es mir, die bei Drösser gezogen werden, sind jedoch schlicht Blödsinn. Darüber eben ärgere ich mich (Um es höflich zu sagen. Den ideologischen Aspekt, der in dieser Methode von Drösser et al. steckt, lasse ich mal beiseite. Darüber wäre ein gesonderter Essay zu schreiben.)

    Daß Adorno keine Ahnung vom Jazz hat, kann man so nicht stehen lassen, da dies implizierte, er hätte keine Ahnung von der Musiktheorie. Adorno bewegt sich mit seiner Musikästhetik allerdings in einem bestimmten Feld; er arbeitet mit sehr starken Thesen, was in der Musik geht und was nach dem heutigen oder dem damaligen Stand nicht mehr geht. Über diese Thesen müßte man diskutieren. Daran wäre der Jazz zu messen.

    Ich bin aber kein Experte für Musik, um hier eine strukturale Analyse von bestimmten Musikstücken durchführen zu können. Ich vermute, daß hier der Nörgler um vieles kompetenter ist.

  6. Ich plädiere einfach mal für eine Lektüre und Kommentierung des mythischen Jazz-Aufsatzes über mehrere Blogs hinweg.

    Von mir aus den über den „Fetischcharakter Musik und die Regression des Hörens“ gleich mit. Ich finde ja den Jazz-Aufsatz besser als manches, nicht alles, im „Kulturindustrie“-Kapitel der DdA sich findet und vor allem richtiger als vieles, was manch Adornit daraus macht, wenn er Disco kommentiert :-D – sorry, Nörgler, für Deinen Clo-Spruch oben hätte ich Dich ja wieder knutschen können.

    Heute komme ich da auch nicht mehr zu, aber ich fang die Tage mal an.

  7. @momorulez
    Ja, der Toilettenapercu ist wirklich sehr gut. Ich wundere mich insofern, daß er nicht von mir kommt. ;-)

    Würde mich freuen, etwas von Dir über Adorno zu lesen. „Über den Fetischcharakter in der Musik“ ist natürlich eine gute Ergänzung. Wobei ich eben sagen muß, daß ich kein Musiktheoretiker bin. Es stecken in diesem Aufsatz jedoch zahlreiche Ansätze zu einer materialen Ästhetik, und es geht dort in die Richtung der Musiksoziologie.

  8. Fände das auch wirklich spannend, wenn man sowas mal parallel machen würde in verschiedenen Blogs. Weil je nach Perspektive da ganz unterschiedliche Sachen bei rauskommen können.

  9. Also, dann sollte man das doch einmal machen oder zumindest probieren. Wäre halt nur die Frage, wie man es macht.

    Wie gesagt, die Idee ist gut. Vielleicht kriegen wir’s ja hin.

  10. Ich muß nun doch noch einmal, konkretisierend sozusagen, nachfragen. Welchen Aufsatz nehmen wir jetzt: „Zeitlose Mode. Zum Jazz“ aus den Prismen oder „Über Jazz“ aus GS 19. Ich würde mich ja auf „Über den Fetischcharakter in der Musik …“ kaprizieren wollen, aus GS 14 (schön, wenn man mit den GS nur so um sich werfen kann). Ist wohl etwa 20 Jahre her, daß ich den AUfsatz gelesen habe. Bin mal gespannt. Ich werde vor Donnerstag aber nicht anfangen können, weil morgen der Zahnarzt auf mich wartet und einen etwas mühevollen Eingriff vornimmt.

    Und wie heißt es doch zum Wiederfinden so schön. „Lerne Ordnung, liebe sie, Ordnung spart Dir Zeit und Müh.“ ;-) Das sind die von Helmut Schmidt und anderen so sehr gepriesenen Primärtugenden.

  11. Primär? War das nicht sekundär?

    Ich habe mir soeben den „Über Jazz“-Aufsatz gerade noch mal zu Gemüte geführt, den Adorno 1936 unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler in der Zeitschrift für Sozialforschung veröffentlicht hat – laut Textnachweis ZfS Bd. V, Paris 1936, S. 235 ff. und mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages.

    Muss ich jetzt erst mal kompostieren, was er da schreibt. Weil’s auch gar nicht so einfach ist, herauszufinden, über was er da eigentlich schreibt – Ragtime und Charleston wird explizit erwähnt, Duke Ellington auch, aber ansonsten ist da der Bezug so klar nicht. Muss jetzt erst mal recherchieren, was er mit „Hot-Music“ meint. Und wer oder was der „Exzentric“ im Variété der Vorkriegszeit, merke: 1. Weltkrieg, war. Wahrscheinlich so einer wie der aus „Cabaret“ – „Welcome et bienvenue, welcome …“.

    Ich kann den nur zitieren anhand eines Sammelbandes „Kritische Kommunikationsforschung. Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung. Mit einer Einleitung von Oskar Negt“ aus der „Reihe Hanser Kommunikationsforschung“; der Band ist von 1973 und enthält auch Aufsätze von Walter Benjamin, Horkheimer, Marcuses berühmtes „Über den affirmativen Charakter der Kultur“, aber auch den „Fetischcharakter des Hörens“.

    Halt so ein typisches Ding, das man sich als Student für 10 Mark („12/’91“ steht drin als Notiz vom Buchhändler und „vergr.“, was wohl „vergriffen“ heißt) noch in irgendeinem Antiquariat zugelegt hat ;-) … ach, war das schön!

  12. Ja, das waren die sekundären.

    Ich habe „Zeitlose Mode“ aus den Prismen hier. Das würde ich lesen. Ist der Artikel von 1936 aus der ZfS der böse, wo er soviel von Negermusik schreibt und sich still bei den Nazis andient? Oder ist das wieder ein anderer?

  13. Richtig, richtig, wie konnte ich vergessen, es waren die Primärtugenden. Ich wollte die auch erst so nennen. Aber weil ich eine Tendenz zum Unordentlichen in mir trage, habe ich sie wohl in einem Akt Freudscher Verschiebung oder Fehlleistung als sekundär eingestuft, um nicht allzu schlecht dazustehen.

    Der sogenannte böse Aufsatz ist (u.a) „Abschied vom Jazz“ (GS 18, S. 795). Adorno spricht da vom Negerjazz. Hier sollte man aber die Zeit zugute halten; wenn ich bedenke, daß noch in den 60ern in der BRD wie selbstverständlich von Negern die Rede war. Es geht in diesem Aufsatz um die Verordnung von 1933 im Rundfunk „Negerjazz“ (Adorno selbst setzt diesen Begriff in einfache Anführungszeichen) nicht mehr zu übertragen oder zu spielen, die Adorno zum Anlaß nimmt, über Jazz zu schreiben.

    Stimmt, solche Bücher, solche Zeiten waren schön.

    Den Fetischcharakter werde ich nach der Gesamtausgabe zitieren. Zu Studienzeiten gekauft, vom Munde abgespart, die vereinzelten Bände.

  14. Jetzt steige ich durch primär und sekundär aber gerade nicht mehr durch :-D …

    Das „N-Wort“ ist ja tatsächlich üblich damals gewesen. In Übersetzungen von diesen großartigen Texten über schwarze Literatur Sartres, schwarze Literatur, die sich ja damals auch selbst „Nègritude“ nannte, war mal so eine Bewegung zur Selbstbesinnung, taucht das auch bis heute unkommentiert auf.

    Das kann man Adorno tatsächlich nicht anlasten.

    Dieses „Sich den Nazis Andienen“ im „Abschied vom Jazz“-Aufsatz, das kenne ich nicht. Muss ich mir mal besorgen.

    Aber der von ’36, der hat’s schon auch in sich, im Positiven wie im Negativen. Den nehm ich mir dann vor.

    Aber das Sujet zu bestimmen, über das er da schreibt, das ist wirklich schwierig, weil er auch auf diverse Schlager-Adaptionen, aber auch solche im Kontext „klassischer Musik“ eingeht, die wirklich kein Schwein mehr kennt, und selbst zu Rumba und Tango sind bei ihm die Übergänge des Jazz mehr als nur fließend.

    Mit einem Miles Davis oder einem Chet Baker oder einem Charly Parker hat er sich aber wahrscheinlich nie auseinander gesetzt, vermute ich … das ist eher Dixieland, der frühe Swing, Louis Armstrong und sowas (und noch davor, Ragtime eben), und da hat er einiges doch tiefsinnig beobachtet, OBWOHL er die dazugehörigen, kulturellen Formationen gar nicht kannte.

    Und er verschweigt offenkundig Recherchen, der Schuft.

  15. Bin schon interessiert an Deiner Lektüre, vor allem deshalb, weil Jazz nun nicht gerade mein spezielles Gebiet ist.

    Ach ja, danke auch noch mal für Deine guten Wünsche zum Zahnarztbesuch. Dazu fällt mir dann auch Walter Benjamin ein: die allegorische Bedeutung der Ruine in seinem Trauerspielaufsatz.

  16. Die Sache mit den Primär- und den Sekundärtugenden habe ich dekonstruktiv durcheinander gewirbelt, was einem Akt vorauseilender Zahnarztphobie geschuldet sein mag. Es sind also Sekundärtugenden, ich hielt sie für primär. Gottseidank ist der Sinn für Ordnung aber nur sekundäre Tugend. Soviel, sogut.

    (Den verdorbenen Zahn muß man mit der Wurzel herausreißen, so heißt es an irgend einer Stelle im „Doktor Faustus“.)

  17. Pingback: Kurze Vorbemerkung zu „Adorno und der Jazz“ « Exportabel

  18. Mich würde interessieren, an welcher Stelle Adorno etwas zur Aufführung von Barockmusik auf Originalinstrumenten geschrieben hat?

  19. An welcher Stelle, in welchem Werk müßte ich recherchieren. Ich weiß lediglich aus dem Kopf, daß er über das Unangemessene dieser Inszenierungsweise schrieb, weil eine solche Spielpraxis insinuiert, es gäbe einen irgendwie authentischen Zugang zur Epoche Bachs und die Zuhörer könnten sich auf diese Weise besser „einfühlen“. Ein weiteres Stichwort dazu sei das der Kulturindustrie. Wir sprechen heute von Eventkultur im Musikbetrieb: Schneller, höher, weiter.

    Die Aufführungspraxis ist bei Adorno jedoch an einen Zeitkern gebunden. (Aber natürlich sowieso an die Partitur.). Vielleicht schrieb er es bei „Bach gegen seine Liebhaber verteidigt“? Ich müßte nachsehen gehen.

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