Zum Tode Irving Penns

Der Photograph Irving Penn ist am 7.10. im Alter von 92 Jahren gestorben. Was soll man da sagen? Er ist sehr alt geworden, er hat viele und wunderbare Photographien gefertigt. Vor allem aber zeichnete er sich durch seine Formstrenge aus. Er photographierte reduziert und doch entfaltete sich in seinen Bildern die Fülle: Details, Schatten, Kontraste, das Spiel von Schärfe und Unschärfe, Gesten, Inszenierungen; eine Perspektivität des Gegenstands, etwa durch Spitzlichter auf einer roten Rose vor grau-weißem Hintergrund. Manchmal auch entstand ein Photo wie aus den Anfängen der Photographie (Cecil Beaton, 1950 und Der Bonapartist, 1950). Penn fertigte Photographien, die man im klassischen Sinne als schön bezeichnen kann, so wie man einst nach der Schönheitslinie, nach der gelungenen Form forschte. Penn fand Schönheitslinie und gelungene Form in der Photographie, in seinen Objekten, im ästhetischen Ausdruck und der Art und Weise, diese Objekte bzw. Menschen darzustellen, ähnlich und doch zugleich ganz anders als sein Kollege Avedon.

 Bekanntheit und Ruhm erreichte Penn vor allem durch seine Modephotos, die hinreißend, kühl und elegant waren. 1943 schoß er sein erstes Titelblatt, ein Stilleben, für die Vogue. Seitdem photographierte er zahlreiche Titelblätter und Photostrecken für die großartige Vogue.

 Der Mensch stand, wenn man es einmal so klischeehaft sagen will, im Vordergrund, aber nicht der Mensch auf der Straße, in der Umgebung seines Alltags, sondern der im Studio, vor jenen grauen Hintergründen, die er nicht nur bei seinen Modemodellen und den Prominenten, sondern auch in Neuguinea, Marokko, Benin, Peru, bei den Bewohnern eines Landes, verwendete, um das Subjekt aus seinem Kontext zu lösen, wenn er es mit seiner Plattenkamera ablichtete. Was bleibt, ist der Ausdruck, unabhängig von seinem Kontext, von dem Ort, in dem das Individuum sistiert und situiert ist. Ein Blick, hinter einem Kragen hervorschauend, die stechenden Augen, natürlich in schwarz-weiß, der graue Hintergrund, eine ungewöhnliche Sichtweise, die Person wirkt in sich zurückgenommen, reduziert, so wie bei dem Portrait von Picasso aus dem Jahre 1957. Oder jenes Spiel aus Licht und Schatten, aus grau, weiß, schwarz, verschwommen noch der Vordergrund, die schwarze Figur, der Mantel, ein Dreieck bildend, aus dem links, scharfgestellt und fokusiert, das Gesicht von Marlene Dietrich herausragt: Klassisch, formvollendet, streng. Hier hat ein Photograph den Blick für die Inszenierung, die doch anmutig und natürlich wirkt, so als hätte er die Dietrich irgendwo auf dem Set in einem geglückten Augenblick, dem Zufall geschuldet, abgelichtet. Doch es ist dies alles absolut inszeniert und absichtsvoll komponiert. Es lohnte sich wohl, aufgrund dieses Verfahrens bei Penn einmal mit Kleist Aufsatz „Über das Marionettentheater“ gegenzulesen, um etwas über das Verhältnis von Anmut und Mechanischem zu erfahren.

 Erwähnt sei natürlich jene großartige Aufnahme von Max Ernst und Dorothea Tanning. Die Figuren sind getrennt und durch das Schwarz ihrer Kleidung sowie durch die Plazierung doch ineinander verwachsen; auseinander heraustretend und gleichzeitig miteinander verbunden; die Frau, fast hingestreckt, eigentlich eher gelehnt, auf einer stoffgrauen Erhebung, rechts in das Bild hineingehend durch das gewinkelte Bein sowie den Faltenwurf des Stoffes, die Knie, unter dem Rock hervorragend, nicht ganz parallel gestellt. Ihr Gesicht: aufragend, ein bißchen arrogant, eine schöne Frau. Lässig-skeptisch ist die Haltung von Max Ernst, beide den Betrachter der Photographie fixierend in einem eigenwilligen Stolz.

 Wer solches kompositorisch ausgestaltete Bild zu fertigen vermag, wer in seinem Leben nur eine einzige solche Photographie herstellen kann wie diese, der ist bereits im Olymp der Photographen, schon zu Lebzeiten. Die Photographien Penns bringen Menschen auf einen Punkt, der aber zugleich aus lauter Indifferenz und Vielheit besteht.

 Später ging er dann vermehrt über zu den Stilleben, etwa jene japanische Pfingstrose von 1968, die schlicht im Bild steht. Aber auch die Banalität einer Vielzahl eingesammelter Zigarettenstummel versammelte er zu einer Anordnung, die fast wie hyperrealistisch gemalt wirkt, im gleichen Atemzug eine kubistische Collage, ein Hauch von Klassischer Moderne im Jahre 1999, in Farbe photographiert. Hier ginge in schwarz-weiß sicherlich der Effekt verloren. (Street Findings, 1999).

 Seine Photographien entstammen einer anderen Epoche, einer anderen Zeit, aber wenn man sich manches an Gegenwartsphotographie ansieht, so wünscht man sich diese Formvollendung zurück, die doch zugleich gar nicht mehr möglich ist. Denn wir müssen ja weitergehen. Dem ästhetisch avanciertesten Material folgend, in der Fortschrittsspirale der Kunst immer eine Treppe höher aufsteigend. Irving Penn zumindest hat das Höchste erreicht, was in seiner Epoche zu erreichen war.

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