Totalität des Subjekts?

Im Zusammenhang mit so mancher Debatte zu Sartre und zu der Selbstermächtigung des Subjekts, gerade gelesen, und das darf dann nicht vorenthalten werden, und zwar aus der Sartre-Biographie von Bernard-Henri Lévy:

„Ein Teil von mir versteht es durchaus, wenn Merleau-Ponty (und somit Deleuze) in der pathetisch gegen die Welt gewandten Aufrichtung des Subjekts (Herv. von Bersarin) die Quelle einer großen Gefahr erblickt: Und wenn sich, so sagt er [Sartre], gerade in diesem letzten Subjektivismus die wahre Quelle des Totalitarismus verbirgt? Wenn der große, der ursprüngliche Irrtum darin lag, die Welt des „An-sich“ von der des „Für-sich“ zu trennen und so dem „Für-sich“ alle Macht über ein „An-sich“ zu geben, das heute das Gesicht der Materie trägt, aber morgen schon und mit den gleichen Folgen das Gesicht anderer Gesichter tragen könnte – und somit das der anderen „Für-sich“ oder der anderen Bewußtseine, sofern sie Gesichter tragen? Wenn in diesem letzten Wahn, das cogito, in diesem Duell zwischen einem wieder souverän gewordenen Bewußtsein und einer durch diese Souveränität selbst amorph gemachten Welt – wenn gerade in dieser radikalen Trennung zweier Ordnungen, die dazu verdammt sind, nur in der Form des Schocks oder der Katastrophe aufeinanderzutreffen, Fanatismus, Intoleranz und die Versuchung „die Partei“ zum Absoluten zu erklären, wurzelten? Kurzum: Wenn Sartre somit ein Wegbereiter eines künftigen Totalitarismus wäre?“ (S. 255)

3 Gedanken zu „Totalität des Subjekts?

  1. Das müsstest Du aber schon noch weiter zitieren ;-) … wenn ich mich recht entsinne, gibt Lévy ja im letzten Schritt dann doch immer dem frühen, „libertären“ Sartre recht. Zudem man nun allerlei Totalitäres bei Sartre entdecken kann, aber das nun gerade nicht, meiner Ansicht nach, in dem beschriebenen Passus. Weil’s eben auch das Für-Andere-Sein ignoriert, und das dann zu Totalitarismen in Beziehung zu setzen, das ist viel spannender.

    Das ist aber ein tolles Buch, dass von Lévy. Zitier doch mal, was er über Heidegger schreibt ;-) … da ist nur auch immer vieles nicht ganz richtig in dem Buch. Und die Freiheit des Für-Sich-Seienden Sartres als Negation in Zeitlichkeit hat ja gar keine Macht über das An-sich, dieses kompakte Sein.

    Viel schöner ist übrigens dieses Diktum Derridas über Sartre, den Allesfalschversteher. Das krame ich mal raus, das ist ganz lustig.

  2. Na ja, zu Heidegger: ich zitiere doch immer nur, was mir gerade paßt ;-): Referenzrahmenbestätigung eben.

    Nach dem von mir Zitierten geht es um das Dazwischen von „An-sich“ und „Für-sich“, was Lévy hier in Bezug zu Merleau-Ponty das „Fleisch der Welt“ nennt, mithin die Beziehung zum Körper. Die dann darauf folgenden Passagen zum Subjekt teile ich nur bedingt. Lévy spricht hier sogar von einem Verschwinden des Subjekts (Menschen) bei Sartre, die Lévy etwa in Sartres Text über Mallarmé ausmacht. Allerdings reichen meine Sartre-Kenntnisse nicht hin, um das angemessen beurteilen zu können. Ich halte es für etwas an den Haaren herbeigezogen: „… eine verblüffende Antizipation der fruchtbarsten Inuitionen strukturalistischen Denkens und der Humanwissenschaften; die erste nicht unbedeutendste Dekonstruktion des Humanismus in der Nachfolge Heideggers …“ (S. 257) Ich müßte dem wohl nachgehen, habe aber leider dafür so recht nicht die Zeit.

    Habe gerade angefangen mit Lévy, das Buch gefällt mir teils schon sehr gut. Ich bin einmal gespannt.

    Das Zitat von Derrida würde mich allerdings sehr interessieren. Ich kannte es gar nicht. Habe vor etwas über 20 Jahren das Buch von Cohen-Solal zu Sartre gelesen. Ich glaube, es kam darin auch Derrida vor.

  3. Leider nur sehr am Rande – das ist sehr anekdotisch, das Buch von Cohen-Solal. Ich such das Derrida-Zitat aber mal raus und poste es drüben.

    Und das mit der Vorwegnahme mancher Intentionen des Strukturalismus bei allen methodischen Differenzen (teils ums Ganze) ist nicht nur doof, was Lévy da schreibt. Das Für-Sich-Seiende ist halt bestimmt durch ein Defizit an Sein und die permanente Nichtung seiner selbst auf dem Weg zum nächsten Entwurf und bildet, glaube ich tatsächlich gleichzeitig die Basis des Funktionierens Foucaultscher Macht als auch die Möglichkeit, diese zu übersteigen. Die Analyse des „Leibes“ oder „Körpers“ müsste ich selbst noch mal nachlesen, aber wie er in den konkreten Beziehungen zu Anderen in „Das Sein und das Nichts“ die Fleischwerdung des Anderen beim Lust-Vollzug beschreibt, das ist sensationell.

    Und das Lévy-Buch steckt wirklich voller Fehler, aber es ist ein ganz, ganz großes Buch. Da traut er sich was, und in so einem großen Bogen durch mehr als Jahrhundert Philosophie zu pflügen, das ist schon toll. Mich hat das sehr beeindruckt.

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