Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie – eine Empfehlung

Da ich in meinem Posting vom Samstag auch einen Literaturtip für den oder die versprach, die eine Lösung für die Videofrage brächten, und den Tip noch gar nicht gegeben habe, so folgt hier der Nachtrag: Im Rausch all der Theorien und Texte sowie der vergangenen Zeiten und wunderbaren Jahre sei ein etwas älteres Buch aus den späten 80er Jahren anempfohlen, das ganz vorzüglich geschrieben und gar nicht veraltet ist, gibt dieses Buch doch einen spannend erzählten, instruktiven Einblick in eine philosophische Epoche, der auch den in der Philosophie nicht ganz so kundigen zufriedenstellen wird.

Es handelt sich um Rüdiger Safranskis Buch „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie“. Ja, diese Epoche war in der Tat eine wilde, gedankengeladene, brausende Zeit: Die letzten Regungen der Kantischen Philosophie, auf die all die nachfolgenden Szenarien aufbauten: die Jenaer Romantik mit Novalis und den Schlegels, der Deutsche Idealismus, die Goethezeit, Hegel natürlich, den Schopenhauer als seinen großen Gegenspieler betrachtete. Einen Scharlatan, einen geistigen Caliban schimpfte er ihn. Während Schopenhauer in leeren Räumen der Berliner Universität und vor leeren Bänken sprach, wollte dort, nur einige Räume getrennt, alle Welt Hegel sehen und hören, um dadurch zumindest ein bißchen an den Bewegungen des Weltgeistes und des absoluten Wissens teilhaben zu dürfen. Doch Schopenhauers Zeit sollte erst ein wenig später, nach seinem Tode kommen. Ja, es ereignete sich in diesen Jahren historisch, politisch und literarisch sehr viel. Und in gewissem Sinne sogar brachte diese Epoche mit dem Ende der Goethezeit und dem Tod Hegels philosophiegeschichtlich auch das Ende der großen Systemphilosophien.

Safranksi entfaltet in diesem Buch in einer anschaulichen Weise und ungemein spannend geschrieben sowohl die biographischen Aspekte als auch die philosophischen Landschaften dieser Epoche samt den philosophischen Hintergründen, die für das Schopenhauerschen Denken bestimmend waren. Teils liest sich dieses Buch wie ein Krimi. Vor allem aber macht es durch eine starke sprachliche Bildlichkeit Philosophie erfahrbar, und zwar in genau dem Sinne des Wortes, daß Philosophie nicht nur von Theorie, sondern auch von Erfahrungen und eigenen Problemlagen handelt, die an einen Körper, an biographische, teils auch zufällige Momente geknüpft sind.

Gerade wer der Philosophie nicht so kundig ist und, wenn er Kant, Hegel und Deutscher Idealismus hört, den Buchdeckel aus Angst und vorauseilendem Gehorsam zuklappt, der ist hier gut bedient und aufgehoben. Und vor allem eines sollte man bei diesem Buch nicht gering veranschlagen: Safranski kann schreiben, er ist ein brillanter Essayist.

Nein, man darf es nie so ganz leugnen und sollte es nicht verschweigen: Die Philosophie ist auf die lange Sicht und will man sie intensiv betreiben, ein mühsames Geschäft, und auch solche Bücher wie das von Safranski entbinden natürlich nicht von der Lektüre der Originaltexte, die teils schwierig sind und eine gewisse Hermetik ihr eigen nennen. Philosophie hat etwas von der Zuhältersprache, schrieb Walter Benjamin. Sie ist nicht exoterisch; der Uneingeweihte und Nicht-Initalisierte versteht sie erst einmal nicht gut. Doch Bücher wie das von Safranski helfen, sich dem Komplexen zu nähern, einen Horizont zu gewinnen und die Scheu vor Übermächtigem zu verlieren. Zumal, dies soll zum Ende hin nicht zurückbehalten werden, Schopenhauer selber ein großer Stilist und ein durchaus gut lesbarer Philosoph war. Schopenhauer schrieb, dies teilte er etwas mit Freud, sehr verständlich. Das ist jedoch nicht immer und grundsätzlich ein Kriterium für gute Philosophie, denn auch sein großer Gegenpol brachte eine der größten Philosophien hervor. Nur schrieb der – für manche zumindest – nicht so verständlich, und auch die Gedankengänge waren um einiges verschlungener. Doch die Philosophie Schopenhauers ist, insbesondere im Hinblick auf die Kunst als „eigentlich metaphysische Tätigkeit“, nach wie vor aktuell. Insofern sei dieses Buch als Einstieg nicht nur zu Schopenhauer wärmstens empfohlen.

Rüdiger Safranski, Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Eine Biographie, Carl Hanser Verlag, München 1987, ISBN: 978-3-446-14490-3, Leinen, 560 S. 29,90 EUR oder als Taschenbuch bei Fischer: ISBN: 978-3-596-14299-6, 14,95 EUR

4 Gedanken zu „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie – eine Empfehlung

  1. besten Dank dafür , dass Du an Schopenhauer erinnerst. Alte Liebe von mir…

    Übrigens – Stichwort Subjekt-Objekt-Spaltung – ja auch theoretisch wichtig. Fing damals unsere Debatte, die zu einem bis heute uneingelösten Versprechen geführt hat, nicht damit an?

    mfg

  2. Ja, ich meine mich auch vage zu erinnern: Das Subjekt, das in der Theorie auf seine Weise vorkommt. Stichwort: Beobachtung zweiter Ordnung bzw infiniter Regreß: der Beobachter, der den Beobachter usw.

    Schopenhauer: dito: auch heimliche junge Liebe von mir.

    lg

  3. ….und hier schräg gegenüber hasste er Hamburg ;-) – das Safranski-Buch war damals für mich auch ein Erweckungserlebnis, habe ich kurz vor Studienbeginn gelesen.

    Am eindrücklichsten erinner ich mich kurioserweise an den ständig schlecht gelaunten Goethe und seinen Extratisch mit Malstiften im Salon von Schopenhauers Mutter … das war doch in dem Buch? Und natürlich den Stuhl bei Fichtes „Das Ich, dass sich setzt“ ;-) …

  4. So verschieden die Wahrnehmungen: an Goethe und Johannas Salon erinnere ich mich nur noch dunkel. Aber an Fichte und den Stuhl: na klar!

    Ja, in der Tat: ein wunderbares Buch.

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