Die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geist der Krise

Gesellschaftliches und ästhetische Immanenz

Tja, die metaphysischen Zeiten und die der Götter Griechenlands sind immer mal wieder vorbei; für tot sind diese Götter sowie diese Zeiten erklärt worden, und sie sind es doch nie ganz gewesen. Bei allen Versuchen, die die Philosophie bisher betrieb, die Metaphysik zu reformieren, (ihr) ihre Grenzen aufzuzeigen, sie in ihrem Fundament zu befestigen, sie zu destruieren, zu übersteigen, zu dekonstruieren, im Augenblick ihres Sturzes mit ihr solidarisch zu sein, so bleibt bei allem Umgang mit der Metaphysik doch immer ein unverfügbarer Rest. Um diesen Rückstand, jenes absolut Unverfügbare eben, ging es Adorno, als er jenen schönen Satz von der Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes in der „Negativen Dialektik“ schrieb.

Den nachmetaphysischen, entzauberten Gesellschaften mit ihren „Stahlgehäusen“ der Rationalität, dem „nachmetaphysischen Denken“ fehlt etwas: dies hat inzwischen auch Habermas bemerkt. Er, der eigentlich auf dem theologischen Auge eher Blinde, mußte dem Theologischen im Konzept einer unverfügbaren Lebenswelt nun einen Raum geben. Seine jüngsten Äußerungen etwa, so die Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels von 2001 „Glauben und Wissen“, aber auch seine Aufsatzsammlung „Zwischen Naturalismus und Religion“ zeigen den, wenn auch kritisch ausgeloteten Bedarf nach einem (religiösen) Korrektiv.

Aber nicht nur die Religion feiert seit dem Jahre 2001 mit dem Einflug des Islam in die westliche Gesellschaft ein Comeback, das staunen macht: Glaubten wir uns doch in einer postsäkularen Gesellschaft; nun wissen wir, daß dem nicht ganz so ist und daß durch die Aufklärung anscheinend gesichertes, abgestecktes Terrain schwankend geworden ist, nicht nur durch fundamentalistische Strömungen des politischen Islam weltweit, die bis nach Europa/Deutschland ragen, sondern auch durch einen religiösen Fundamentalismus aus den USA, welcher sich etwa durch Stichworte wie Kreationismus, Abtreibungsdebatte, kein Sex vor der Ehe usw. kennzeichnen läßt. [Daß der Islam dabei als die jüngste der drei monotheistischen Religionen zugleich auch die problematischste und (leider) wirkungsmächtigste ist, der es unbedingt und absolut zu begegnen gilt, will ich nicht verhehlen.]

Sondern auch eine Kategorie, welche mehr als eng an die Metaphysik und das Göttliche geknüpft ist, triumphiert nun und feiert im Theater sowie in der der Ästhetik ihre Auferstehung, und zwar das Tragische, genauer gesagt seine performative Entäußerung: die Tragödie. Hierzu gab es in der Berliner Zeitung vom 1.7.2009 einen Artikel, welcher einen kleinen Überblick gab: „Es darf wieder geweint werden. Im Buch und auf der Bühne: Die Auferstehung der Tragödie aus der Träne“

Sinnfällig für diese Renaissance des Tragischen mögen die diversen Aufführungen an verschiedenen Stadttheatern Deutschlands sein, schließlich ist der Begriff der Tragödie in seiner Praxis zunächst einmal an das Theater gekoppelt. Aber auch in den (politischen) Feuilletons, insbesondere von rechts her, raunt und schwirrt zuweilen ein tragischer Unterton, der den anbefohlenen nationalen Pathos und bald vielleicht (oder mittlerweile schon angestimmt?) auch die Durchhalteparole angesichts einer Weltwirtschaftskrise einmal wieder in den Salon bringen möchte. Als pars pro toto nur zwei Namen einer noch zu erfindenden Tragödie für das deutsche Sprechtheater: R. Mohr und M. Matussek im journalistischen Krisen-Bunker, mit fuchtelnder Geste Tagesbefehle und Parolen ausgebend: die tragische, schicksalhafte Ordre de Jour als Geschick, der es sich fügend zu beugen gilt, Traudel Jung an der Schreibmaschine. Im Hintergrund auf einem Stuhl stumm und sanft den Oberkörper vor- und zurückwippend Bruno Ganz. Was für ein Theaterstück gäbe das ab?, aufgeführt in einem angenehm möblierten Kellerraum des ehemaligen Pressehauses am Hamburger Speersort; die Farce in der Tragödie oder mit Thomas Bernhard gefragt, „Ist es eine Tragödie, ist es eine Komödie?“ Dieses Stück hieße dann vielleicht „Herr Mohr und Herr Matussek führen sich mal wieder auf“.

Natürlich, man könnte diese Schwadroneure des Banalen als reine Komödie inszenieren, wenn es eben nicht so ernst wäre, was da den Menschen von solchen Typen so nach und nach feuilletonistisch zum Futtern und Fressen gegeben wird. Schließlich liegen Komödie und Tragödie nicht so weit auseinander, dies wußte schon Kleist, als er in der (damals ungedruckten) Vorrede zu seinem Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ den Gerichtsschreiber Licht mit Kreon und den Dorfrichter Adam mit Ödipus verglich. So wird, in einer Nebenbemerkung Kleists, die Tragödie des Ödipus umfunktioniert in eine Komödie. (Siehe hierzu: Christoph Menke, „Die Gegenwart der Tragödie. Eine ästhetische Aufklärung“)

Wenn Mohr oder Matussek etwa anläßlich der WM 2006 angesichts all der Fahnen von der Wiedergeburt des neuen, unverkrampften Nationalen faseln, so ist das nicht einmal mehr nationalkonservativ, sondern nur noch peinlich, weil ohne jeden Reflexionsboden. Ich habe dabei nicht einmal etwas gegen Begriffe wie Nation, Mythos und Fahne (nein, diesmal nicht die Alkoholfahne), sie sind in einem bestimmten Rahmen sogar notwendig: die Flagge etwa als Symbolisierung, die Nation als geopolitische Grenzung von Großräumen. (Die Frage wäre jedoch, unter welchen Zeichen sie stehen.) Nation ist nicht per se Ideologie, sondern immer auch notwendiger Bestandteil von Identitätsbildungen, hier bin ich etwas anderer Meinung als mein Blog-Kollege Hartmut. Und kein Franzose, Engländer, Spanier oder Brasilianer käme wohl auf die Idee, für die deutsche oder eine andere Nationalmannschaft zu sein. Er ist schlicht und ergreifend für die eigene. Was aber den widerlichen Beiklang beim Begriff Nation erzeugt, das ist dieses anbefohlenen Nationalgefühl, die gepredigte kollektive Durchhalteparole zum Nationalstolz, eine Identitätsbildung, die nicht auf Erfahrung, sondern auf Regression setzt, das (tragische oder – nachträglich – als Tragödie inszenierte) Opfer, an dessen Bereitwilligkeit leer und dumpf appelliert wird, denn hier fängt es an, verdummend zu werden; das Wasser- sowie Schicksal-Predigen und heimlich den Wein saufen, welchen andere heranschaffen müssen. Da läßt es sich gut und leicht vom Tragischen reden. Doch nicht nur im politischen Feuilleton stehen die Zeichen auf Tragik.

Deutliche, hochinteressante, sicherlich auch kontrovers zu diskutierende Akzente im Rahmen der Philosophie bzw. der Ästhetik setzt hier (wieder einmal) das neue Buch von Karl Heinz Bohrer: „Das Tragische. Erscheinung, Pathos, Klage“. Gewährsmann bei diesem (philosophisch-ästhetischen) Begriff des Tragischen ist hier (sicherlich mit den nötigen Abwandlungen) Nietzsche, dem die Tragödie, in Absetzung etwa zu Hegels geschichtsphilosophisch-teleologisch aufgeladenem Tragödienbegriff, eine Angelegenheit der Intensitäten und Ekstasen, des Dionysisch-rauschhaften im Modus ästhetischer Erfahrung ist. Hat die klassische als auch die zeitgenössische Philosophie zumeist im Modus aufklärerischer Rationalität mit „Tragikvermeidung“ reagiert bzw. die Tragödie im Zusammenhang des moralischen Diskurses gesehen, so geht es Bohrer um die Tragik als Moment der Intensität (des Schreckens und der damit verbundenen Plötzlichkeit), als ein rein binnenästhetisches Phänomen, welches auch als solches rein ästhetisch ausgelotet werden soll, abgeschnitten vom moralischen bzw. psychologischen Aspekt der „Furcht-und-Mitleid-Relation des Aristoteles“ (Bohrer, S. 180). Mit W. Benjamin trifft sich Bohrer in seiner Konzeption des Tragischen sicherlich über das Motiv des Schockhaften der tragischen Plötzlichkeit, die das Moment des Alltäglichen durchbricht.

Vor allem geht es Bohrer um ein von geschichtsphilosophischen Aspekten bereinigtes Tragisches. Dies zeigt bereits die Überschrift der Einleitung: „Kunst, nicht Geschichtsphilosophie“. Dieser Gestus des Kehraus mit der Geschichtsphilosophie ist nicht allzu neu: man denke etwa an Odo Marquard und sein Buch mit dem paradigmatischen Titel „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“. Bohrers Zielvorgabe im Hinblick auf die Tragödie ist das rein Ästhetische, darin Adorno durchaus folgend, Bohrer schneidet es jedoch von dem utopische-geschichtsphilosophischen Moment ab, das bei Adorno in der Perspektive immer mitgedacht war, wo Kunst, so kann man etwas sehr verkürzt sagen, zugleich im Licht der Versöhnung aufscheint. Noch das schwärzeste und hermetischste Kunstwerk trägt gerade durch die Abwesenheit jeder auf Ausgleich und Harmonie gedachten Position dennoch ein Moment von (verdeckter) Versöhnung in sich. Seinerzeit hat diese Abwesenheit des Gesellschaftlichen und Utopischen bezüglich Bohrers Konzeption des ästhetischen Scheins Albrecht Wellmer in seinem Aufsatz „Wahrheit, Schein, Versöhnung. Adornos ästhetische Rettung der Modernität“ herausgestellt und daran anknüpfend Martin Seel in seinem Buch „Die Kunst der Entzweiung. Zum Begriff der ästhetischen Rationalität“. Ich will diese Verbindungen hier gar nicht weiter verfolgen, obwohl es sich auch bei Bohrers neuem Buch womöglich anbietet. Denn nicht nur, was das Denken des Sozialen angeht, sondern insbesondere hinsichtlich der aktuellen Ästhetik ist die Position Adornos nach wie vor bedeutsam. Die Konzeption des ästhetischen Scheins bei Bohrer ist ohne Adorno so nicht denkbar.

Hinsichtlich dieses Motivs der Plötzlichkeit und des die Rationalität des Alltäglichen überbordenden Moments in der ästhetischen Erfahrung schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung:

„Beim Tragischen hat man es mit einem ‚theatralischen Exzess der Emotion‘ zu tun, mit einem ‚Erscheinungs-Ereignis‘, das für Bohrer einem ‚ästhetischen Urknall‘ gleichkommt. Zur Erscheinung kommt dabei ‚etwas unser Gefühl Überwältigendes‘. Dass davon sinnvoll aber nur unter metaphysischen Prämissen gesprochen werden kann, verschweigt dieses Buch. Gleichwohl trifft es, eher ungewollt, eine momentane Tendenz im Theater: Das emotional Überwältigende, der Exzess der Emotionen, die Tänze der Leidenschaften sind es, die momentan gefeiert werden. Nicht von ungefähr sind es die Inszenierungen Jürgen Goschs und Christoph Schlingensiefs, die als Theaterhöhepunkte gelten.“

In seinen Ausführungen zur Ästhetik greift Bohrer immer wieder auf die in früheren Werken entwickelten Motive seines Denkens zurück. So gibt es im Buch über das Tragische durchaus einen Anknüpfungspunkt an Bohrers Habilitationsschrift „Ästhetik des Schreckens“ und vor allem an sein Buch zur Plötzlichkeit als zentrales Motiv der ästhetischen Moderne.

Nun, ich möchte hier keine Besprechung des neuen Buchs von Bohrer liefern. (Dies vielleicht in einem späteren Beitrag.) Es sei nur soviel hierzu gesagt: vieles an seinem Buch über das Tragische erscheint mir interessant, und es lohnt sich auf alle Fälle, hier weiterzudenken. Manches jedoch ist problematisch. Damit gilt es, sich auseinanderzusetzten bzw. diese Dinge im Sinne philosophischer Ästhetik weiterzutreiben und fruchtbar zu machen. Diese verschiedenen Ebenen bei Bohrer machen eben die Spannung an und in seiner Theorie aus: insbesondere seine Fokusierung auf die reine philosophische Ästhetik mit den komparatistischen Ausflügen in die Gebiete der Romanistik und der Germanistik haben mich an Bohrers Theorie fasziniert. (Seine politischen Ausführungen, etwas im Buch zum Provinzialismus oder zu den Fragen des Stils, lasse ich hier einmal außen vor und möchte sie abtrennen von seinen Äußerungen zur Ästhetik. Wenngleich manches, das Bohrer zum deutschen Provinzialismus äußert, nicht so ganz von der Hand zu weisen ist.)

Was Bohrer bewegt, ist das Ästhetische als solches, welches gereinigt ist von all den gesellschaftlichen Schlacken und Rückständen. Der These von der Souveränität des Ästhetischen hätte man sicherlich noch etwas abgewinnen können. Doch einer reinen Ästhetik um ihrer selbst Willen, entleert von jedem gesellschaftlichen Gehalt, ja diesen sogar bewußt austreibend, ist, bei allem Vorbehalt, den ich gegen ein aufgesetztes hineingepumptes Gesellschaftliches bzw. plump Politisches hege, sicherlich der Ausdruck unzureichender Reflexion auf den Gegenstandsbereich. Einem solchen Konzept begegne ich zunächst mit Vorbehalt. Denn gerade in dieser „objektlosen Innerlichkeit“ der l‘art pour l‘art einer philosophischen Ästhetik bzw. in diesem reinen Raum der Immanenz einer Ästhetik ohne sozialen Gegenstandsbereich steckt, entgegen Bohrers Intention, doch die Gesellschaft im ganzen, allerdings verborgen. Gerade in der Abwesenheit des gesellschaftlichen Gehaltes der von Bohrer entwickelten Konzeption vom Tragischen blitzt das immanent Gesellschaftliche dieser Kategorie eigentlich nur um so greller hervor. Ein Auskommen ohne Metaphysik und Geschichtsphilosophie bzw. Gesellschaftliches mag (als Situatives, dem Moment Geschuldetes) interessant erscheinen, aber es funktioniert nicht. Die Tragödie ist an die Metaphysik gebunden, und das Tragische ist sozial verankert.

4 Gedanken zu „Die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geist der Krise

  1. Zwei Namen in Deinem Beitrag sind für mich zum Weglaufen: Matussek und Bohrer.

  2. Matussek: ja, sicher: dämliches Feuilleton: Take the money and run. Bei Bohrer würde ich differenzieren. Seine politischen Aussagen sind eher mau. Was er zur Ästhetik schreibt, das ist gut, zumindest ist es zu diskutieren, nicht aber zu disqualifizieren.

  3. Bohrers Hornberger Schießen (in den edition suhrkamp stichworten es 1000) sind gut. Seine Aufforderung, uns wieder mit dem sich-opfern anzufreunden, sind es weniger. Ich werde noch antworten…

    lg

  4. Hinsichtlich des Opfers gehen wir konform. Die teils pathetischen Töne Bohrers sind auch mir suspekt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.