Ein Nachtrag zu Squat Tempelhof und dem „Tagesspiegel“

Ich habe an den Kommentarteil des Tagesspiegel am 21.6.09 zu seiner Bilderserie über Squat Tempelhof folgenden Text gesendet, eine Photographie von Hans-Christian Ströbele betreffend, die ähnlich auch in meinem Betrag vom 21.6. zu sehen ist:

„Sie schreiben im Bild-Teil als Bildunterschrift zu einem der Bilder:
‚Hans-Christian Ströbele von den Grünen ist auf der Seite der Demonstranten. Er stellt sich der Polizei in den Weg, um den Protestlern den Zugang zum Zaun zu erleichtern – vergeblich. – Foto: Heerde‘

Im Zusammenhang mit dieser Photographie ist Ihr Text schlicht unwahr, um nicht zu sagen gelogen. Hans-Christian Ströbele verschaffte sich als Mitglied des Deutschen Bundestages Zugang zu einer Gruppe von (vormals friedlich demonstrierenden) Gefangen. Er zeigt hier der Polizei seinen Ausweis vor, um rechtmäßig die Kette passieren zu dürfen. Einen Durchbruch durch die Polizeikette hatte Herr Ströbele zu keiner Zeit in dieser Situation in Erwägung gezogen. Ich bin überhaupt kein Freund der Grünen, aber dieser Politiker nötigt mir mit seiner Haltung sehr Respekt ab.

Schade, daß der Tagesspiegel sich mit dieser Bildunterschrift auf dem Niveau der Bild-„Zeitung“ bewegt. Er sollte sie schleunigst korrigieren.“

Die Peinlichkeit, meinen Beitrag zu veröffentlichen, hat sich der „Tagesspiegel“ erspart. Doch immerhin hat er die Bildlegende korrigiert. Es steht dort nun:

„Hans-Christian Ströbele von den Grünen ist auf der Seite der Demonstranten. – Foto: Heerde“

Ein wenig eigenlöblerisch dieser Beitrag, ich weiß, ich weiß … Doch ich wollte es nur einmal gesagt haben. Wie heißt es so schön: „Tue Gutes und sprich darüber“. Das habe ich hiermit getan.

Es zeigt solches Verhalten des Tagesspiegel bzw. des zuständigen Bildredakteurs zudem wieder einmal, wie eine Photographie vom Kontext abhängt und wie sich mit einem Photo manipulieren oder eine Stimmung erzeugen läßt, die in eine bestimmte Richtung gehen soll, ohne daß man auf irgendeine Weise eine Bildbearbeitung oder gar -manipulation vornimmt. (Anders etwa als mit jenem Photo von Jürgen Trittin in der Bild-„Zeitung“, das ihn im Kreise Göttinger Autonomer zeigte. Um hier einen bestimmten Zusammenhang zu assoziieren, mußten von Bild erst einmal ein paar Parameter im Photo verändert werden.) Beim „Tagesspiegel“ reichte bereits ein kurzer Text aus.

Aber auch eine Photographie als solche, ohne Worte, ist offen, weil das Abgebildete Gegenstand von Interpretation und Lektüre, kulturellen Codes und Zusammenhängen ist. Darin mag auch die Schwierigkeit gegründet sein, die (Dokumentar-)Photographie für die Soziologie fruchtbar zu machen. Insofern zeigt sich an diesen Schwierigkeiten und Möglichkeiten der Manipulation bzw. der lügnerischen Einflußnahme  sehr deutlich, wie wichtig Bildwissenschaft ist, um Bilder überhaupt erst lesen zu können. Aber nicht nur das. Es zeigt auch, wie wichtig es ist, die medialen Dinge, die man uns so vorsetzt, beständig zu hinterfragen.  „Prüfe alles und glaube erst einmal nichts!“, muß momentan das Motte der Medienlektüre sein, zumal es eben kaum noch kritische Medien gibt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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