Über eine nach wie vor anhaltende Aktualität Kritischer Theorie der Adornoscher Prägung (1)

Sentimental Journey oder:
Die Wiederbelebung der guten alten Debatten

Zu Jürgen Habermas „Theorie des kommunikativen Handelns“ („Die Kritik der instrumentellen Vernunft“, S. 489 – 534)

Grob gesagt und hinreichend verkürzt kann man den Problemzusammenhang, den Habermas bezüglich kritischer (post-)marxistischer Philosophie* der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in diesem Kapitel aufzeigen will, wie folgt skizzieren: Wollte der marxistische Philosoph Georg Lukács, etwa in seinem Werk „Geschichte und Klassenbewußtsein“**, noch eine Kritik der Verdinglichung unter Weiterentwicklung der Marxschen Kritik des Warenfetischismus und mit Rekurs auf ein historisches Subjekt, nämlich des Proletariats, betreiben, das Möglichkeiten des Eingriffs und der Veränderung bot, so ist dieser Ansatz mit dem Fehlschlagen proletarischer Revolution und den „Integrationsleistungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften“ (TdkH, S. 489) verbaut. Auch eine „Anknüpfung an den objektiven Idealismus Hegels“ (S. 489) ist für Adorno problematisch geworden, weil die Bewegung Hegelscher Dialektik am Ende auf Affirmation in der Vermittlung hinausläuft. Diese Vermittlung ist in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr umstandslos zu haben. Es ist eine vorgetäuschte Versöhnung. Überspitzt gesagt, ist, contre Hegel, das Wirkliche lange nicht mehr vernünftig und das Ganze keinesfalls das Wahre. (In seinem Werk „Minima Moralia“ wird Adorno dann den zum geflügelten Wort aufgestiegenen Satz prägen, daß das Ganze das Unwahre sei. Wenn man diesen meinen mehrteiligen Essay zu Habermas bis zum Ende gelesen hat, dann wird man wissen, wie dieser Satz aus dem Denken Adornos heraus zu verstehen ist.)

Kritische Theorie der Adornoschen Prägung steht angesichts dieser gesellschaftlich und philosophisch bedingten Hürden vor einer schwierigen Situation. So kann Kritische Theorie, nach Habermas, ihre Potentiale in einer aporetischen Situation eigentlich nur noch als Aporie zur Entfaltung bringen, da es für die Vernunft in der Geschichte kaum noch Spielräume gibt. Vernunft wird damit zur universal instrumentellen, wenn die Vermittlungsleistungen mißlingen, so daß Vernunft nur noch im bloßen Funktionszusammenhang steht. Die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer kann als der Ausdruck dieser philosophischen Aporie, die sich gleichzeitig zu einer gesellschaftlichen transformiert, gewertet werden.

Die historische Situation der 40er Jahre stellte sich für die beiden Exilanten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wie folgt dar: Einerseits gab es die sowjetische Entwicklung als gigantische Bürokratisierung und Mordmaschine (Brecht tat gut daran in die USA zu emigrieren, und er wußte zum Glück sehr genau, warum er dies tat. Adorno spricht von der Sowjetunion zu recht als gigantischem Arbeitslager), andererseits existierte der Faschismus als (reale) Möglichkeit der kapitalistischen Gesellschaften, auf Krisensituationen zu reagieren (ob diese Faschismustheorie stichhaltig ist, lasse ich einmal dahingestellt). Dazwischen angesiedelt ist der Kapitalismus anglo-amerikanischer Prägung samt seiner Massenkultur, dessen Integrationskraft ohne größere offene Repression das Bewußtsein einer breiten Bevölkerung zu binden vermag. (S. 490) Wieweit letzteres heute nach wie vor aktuell ist, dies mag jeder selbst beurteilen.

Verhängnisvoll für kritisches Denken ist dabei, so Habermas, der undurchdringliche Totalitätszusammenhang, den die kapitalistischen Gesellschaften seit den 20er Jahren des letzten Jhds erzeugten. Die wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte, aus denen nach Marx noch ein subjektives Potential zur Veränderung hätte erwachsen können, verschmelzen derart mit den Produktionsverhältnisssen und büßen ihre systemsprengende Kraft ein, so daß sich diese bis ins Detail durchrationalisierte Welt zu einer vollständigen Totalität zusammenzieht. (S. 491) Für diesen Zustand gebrauchen Adorno/Horkheimer den Begriff des universellen Verblendungszusammenhangs. (Unter diesen fallen jedoch nicht nur die Verdinglichungstendenz durch die Wissenschaften, sondern genauso die Mechanismen der das Bewußtsein komplett besetzenden „Kulturindustrie“. Den Geburtstag einer bekannten Ente feierten ja kürzlich sogar einige Feuilletons. Zur Kulturindustrie aber später mehr.) Diese wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte werden von der Kritischen Theorie, sei dies nun Adorno, Marcuse oder mit Abstrichen auch Bloch, als Positivismus zusammengefaßt bzw. als „positivistisch verengtes Wissenschaftsverständnis“ (S. 491) bezeichnet. Aus dieser affirmativen Tendenz der Wissenschaft ist Adornos vehemente Kritik am Positivismus zu verstehen, die ihren Höhepunkt dann im „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ fand. Hierzu empfehle ich sehr den gleichnamigen Luchterhand-Band, der allerdings vergriffen ist. Das Buch zeigt sehr genau die Positionen der Kombattaten anhand ihrer Texte, die man dann freilich lesen muß, was nicht immer ganz leicht ist.

Ja, es sind dies alles alte Dinge und Diskussionen, die weit weit in der Vergangenheit liegen und jetzt ein wenig herüberwehen. Etwas sentimental: All die hitzigen Diskussionen in den Seminaren und Arbeitsgruppen. All die Gespräche mit einer hübschen, damals jungen mehr als blonden Frau zu den späten Abend- und in die Nachtstunden hinein, welche zum Morgen wurden und die im Bordeaux-Wein-Suff inmitten des Qualms der Zigaretten endeten, denn damals waren Rauchen und Trinken noch nicht so schädlich wie heute. Und vor allem gab es noch keine auf Effizienz getrimmten Studiengänge, sondern ich hatte das Glück zu weitgehend autonomer Bildung, wo es auch möglich war, sich das eine oder das andere Mal auf theoretische Abwege zu begeben.

Angesichts heutiger Verhältnisse sind diese Aspekte Kritischen Denkens bzw. des (Post-)Marxismus keineswegs veraltet. Schon gar nicht ist es das Denken Adornos, wie man es uns aus bestimmten Kreisen immer wieder einmal weißmachen will: daß man mit Hegel, Marx, Adorno philosophisch nicht mehr weiterkäme. Solche Annahmen sind bereits der Ausdruck verdinglichten, instrumentellen Denkens in der Philosophie: als ob die Texte Aristoteles‘, Kants, Hegels veralten könnten und nun nicht mehr gültig seien.*** Hierin, in der Entschärfung des kritischen Gehalts der Adornoschen Theorie liegt ja auch einer der ganz großen Vorwürfe gegen Habermas: daß er nämlich mit seinem Denken sowie seiner sprach- und kommunikationstheoretischen Wendung der Kritischen Theorie ihren endgültigen Todesstoß verpaßte. Allerdings bin ich hier mittlerweile milder gestimmt als früher und würde Habermas nun gegen eine Extremform dieser Kritik in Schutz nehmen wollen.

Doch zu Habermas‘ Paradigmenwechsel innerhalb der Kritischen Theorie und zu der Kritik daran später mehr. Zunächst möchte ich fortfahren und die Ausführungen Habermas‘ darlegen. Um an der Theorie der Verdinglichung trotzdem festhalten zu können, ohne aber weiterhin auf die Hegelschen oder Lukácsschen Prämissen zurückgreifen zu können, müssen andere Theorie-Konzepte gefunden werden, sind doch die Subjekte ohne Widerstand leisten zu können (oder zu wollen) in „den Sog der gesellschaftlichen Rationalisierung hineingerissen worden“ (S. 492) Hierfür gilt es nach Adorno Erklärungen zu finden. Detailliert werden diese in der „Dialektik der Aufklärung“ gegeben, insbesondere in den Kapiteln „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“ und in „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“. Bereits diese Titel sprechen für sich. Die spezifischen Gedankengänge dieser Kapitel lasse ich hier jedoch außen vor.

Insgesamt kann man sämtliche Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“ (im Folgenden als DA gekürzt) als den Versuch bezeichnen, einen Ansatz auszubreiten, um über die Bedingungen der Möglichkeit von Verdinglichung unter (spät-)kapitalistischen Bedingungen zu reflektieren, die sich wuchernd ausbreitet und die in alle Daseinsbereiche, noch in die subjektivste Regung menschlicher Gesellschaft eindringt. Dadurch wird Verdinglichung der (philosophischen, aber auch der alltäglichen) (Selbst-)Reflexion immer unzugänglicher. Vor allem stehen Adorno/Horkheimer, im Rahmen der Marxistischen Theorie, vor der Situation, daß sie das Ausbleiben der proletarischen Revolution und überhaupt eines geschichtlichen Kollektivsubjektes Proletariat, das die Verhältnisse aufhebt, nicht nur erklären müssen, sondern in ihrer Theorie ohne diese Komponente auskommen müssen. Dabei geht es ihnen um eine (auch sozialpsychologische) Erklärung dafür, warum die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften stabil bleiben, anstatt an ihren immanenten Widersprüchen zu kollabieren oder zu implodieren:

„Die Theorie soll erklären, warum der Kapitalismus gleichzeitig die Produktivkräfte steigert und die Kräfte des subjektiven Widerstands stillstellt. Lukács hatte die Gültigkeit einer Logik unterstellt, derzufolge der Prozeß der Verdinglichung des Bewußtseins zur Selbstaufhebung im proletarischen Klassenbewußtsein führen mußte.“ (S. 497)

Dieser dialektische Weg der Selbstaufhebung im besseren (Klassen-)Bewußtsein ist verbaut. Mittels einiger Umwege über Adornos „Negative Dialektik“ und über die Positivismus- bzw. Wissenschaftskritik Horkheimers in seinem Aufsatz „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ versucht Habermas nun, die Aporien aufzuzeigen, in die Kritische Theorie gerät, wenn sie einzig noch unter dem Diktat instrumenteller Vernunft reflektieren kann, ohne daß es eine Möglichkeit des Auswegs gäbe. Auf die Hegelsche dialektische (und idealistische) Figur der Aufhebung und die (dialektische) Bewegungen innerhalb einer holistischen Philosophie können beide – als Begründungsfigur ihrer Theorie aus den oben genannten Gründen nicht mehr zählen. Der absolute Weltgeist, die Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem oder – materialsitisch gewendet – das historische Subjekt Proletariat sind abhanden gekommen. Das Bewußtsein des Arbeiters hat dem des Kapitalisten nichts mehr voraus, im Gegenteil. Das Kapitel in der DA über die Kulturindustrie zeigt deutlich auf, weshalb dies so ist.

Objektive Vernunft in der Geschichte ist also problematisch geworden; was übrig bleibt, ist die subjektive, so Habermas. Insofern ist der Satz, daß das Ganze das Wahre ist, nicht mehr umstandslos zu haben. Dieser Einschnitt mag bereits philosophiegeschichtlich dadurch angedeutet sein, wenn man feststellen muß, daß eigentlich Hegel der letzte große Systemdenker in der Philosophie war. Kurz danach und mit dem Ende der Goethezeit zerfiel die Philosophie in ihre Einzeldisziplinen, da gab es Logiker, Metaphysiker, Ontologen, Ethiker, ästhetische Theoretiker und vieles mehr, jedoch alles ohne das geistige Band einer ordnenden, übergeordneten Systemphilosophie, und mit der Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften und insbesondere der Soziologie als eigenständige Gattung, die auf Philosophie nur noch am Rande angewiesen sind, vollzog sich der Bruch vollständig. Keiner mochte mehr so recht die Magd der Philosophie sein, und kaum einer wagte noch Philosophie als System zu konstruieren.

Insbesondere dem bei Hegel thematisierten Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem mußte Adorno kritisch zu Leibe rücken (er tut dies insbesondere in seiner „Negativen Dialektik“), um eine Rettung des Besonderen bzw. des Nichtidentischen, also den Teilen, die nicht in der bloßen dialektischen Vermittlungsbewegung aufgehen, vorzunehmen. Wesentlicher Kritikpunkt dabei ist, daß innerhalb dieser dialektischen Bewegung bei Hegel eine Subsumption stattfindet, die bereits Ausdruck verdinglichten Denkens ist. (S. 500) Habermas schreibt hier, und dieser von ihm aufgeführte Punkt ist ganz zentral für die weitere Adorno-Kritik und die Auseinandersetzung mit der Philosophie Adornos in den 80er Jahren:

„Die dialektische Versöhnung von Allgemeinem und Besonderem bleib, nach Hegels eigenen Begriffen, metaphysisch, weil sie dem Nichtidentischen am Besonderen sein Recht nicht läßt. (…) Allein, wie soll sich die Idee der Versöhnung, in deren Licht Adorno die Verfehlungen der idealistischen Dialektik doch nur sichtbar machen kann, explizieren lassen, wenn sich die Negative Dialektik als der einzig mögliche, eben diskursiv nicht begehbare Weg der Rekonstruktion (Hervorhebung von Bersarin) anbietet? An dieser Schwierigkeit, über ihre eigenen normativen Grundlagen Rechenschaft zu geben, hat die Kritische Theorie von Anbeginn laboriert; seitdem Horkheimer und Adorno Anfang der 40er Jahre die Wendung zur Kritik der instrumentellen Vernunft vollzogen haben, macht sie sich drastisch bemerkbar.“ (S. 500)

Die Arbeiten von Albrecht Wellmer, Herbert Schnädelbach, Martin Seel, Anke Thyen und teils auch Rüdiger Bubner sowie Karl Heinz Bohrer (diese beiden im Hinblick auf das Ästhetische bei Adorno) und in den 70er Jahren bereits Peter Bürger, um nur einige wenige, ganz unterschiedliche Autoren zu nennen, beschäftigten sich damit, diese Rekonstruktionen vorzunehmen sowie Strategien der Diskursivierung aufzuzeigen und Formen einer erweiterten (durchaus diskursiven) Rationalität herauszuarbeiten, die in der „Negativen Dialektik“ steckt. Das große Projekt der 80er Jahre in bezug auf Adorno war es, das Nichtidentische in unterschiedlichsten Konstellationen nun zum Sprechen zu bringen und beredt werden zu lassen, und zudem mit der Ästhetischen Theorie Adornos zu vermitteln bzw. im Sinne eines erweiterten Rationalitätsbegriffs auch der ästhetischen Rationalität einen Platz zu verschaffen. Die großen Debatten der Ästhetik sind auch heute noch ohne die Philosophie Adornos eigentlich gar nicht denkbar. Freilich haben sich einige Bedingungen geändert.

Habermas hat hier mit seiner Adorno-Kritik Entwicklungen und Denken angestoßen. Dies muß man anerkennen, bei allem Vorbehalt, den man ansonsten gegen sein Projekt einer sprachphilosophisch bzw. kommunikationstheoretisch gewendeten kritischen Theorie, die die Aporien vermeiden will, vorbringen mag. 

Im 2. Teil dieses Essays werde ich genauer auf diese Aporien, in die sich nach Habermas die Kritische Theorie Adornos zu verstricken scheint, eingehen und die Lösungen, die Habermas anbietet, aufzeigen. 

* Ich nenne in diesem Essay aus Gründen der Vereinfachung lediglich Adorno und teils auch Horkheimer als Vertreter der Kritischen Theorie. Daß hierzu eine Vielzahl an Personen (etwa W. Benjamin) in dieser Zeit der 30er und 40er Jahre aus dem Umkreis des ehemaligen Institus für Sozialforschung in Frankfurt/M zählte, unterschlage ich hier. Die Geschichte Kritischer Theorie bzw. der Frankfurter Schule ist in dem guten, instruktiven Buch von Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule, nachzulesen.

** Etwas simplifiziert, aber doch sehr pointiert kann man, wie Herbert Schnädelbach es tat, sagen, daß die drei großen philosophischen Werke der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, nämlich Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ (1921), Georg Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (1923) und Heideggers „Sein und Zeit“ (1927) die drei großen Richtungen der Philosophie in Deutschland vorgaben. Diese Dreiteilung setzte sich, mit der bekannten 12-jährigen Unterbrechung (die sich für Heidegger allerdings nicht so sehr ergab) in den 50er Jahren fort.

 *** Einer der Hegelkongresse der 80er hieß „Kant oder Hegel?“. Allein diese völlig bekloppte Titelfindung ist Ausdruck eines vollständig undialektischen und damit instrumentellen Denkens. Na ja,eine Platte von Marius Müller-Westernhagen hieß damals ja auch „Sekt oder Selters“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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80 Antworten zu Über eine nach wie vor anhaltende Aktualität Kritischer Theorie der Adornoscher Prägung (1)

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  2. Jochen schreibt:

    @Bersarin: „Im 2. Teil dieses Essays werde ich genauer auf diese Aporien, in die sich nach Habermas die Kritische Theorie Adornos zu verstricken scheint, eingehen“

    Den 2. Teil gibt es leider wohl nicht oder nicht mehr?, jedenfalls habe ich ihn in Ihrem Blog noch nicht finden können. Eine Übersicht und mit auch anderen Positionen als Habermas über ein Aufzeigen wie die Kritische Theorie in Aporien gerät, möchte ich unter folgendem Link vermitteln: http://www.wissenschaftskritik.de/die-10-beliebtesten-dogmen-der-kritischen-theorie/

  3. Bersarin schreibt:

    Wahrscheinlich schrieb ich diesen 2. Teil dann nicht mehr. Ich müßte suchen.

    Wenn ich den Begriff „Dogmen“ lese, dann habe ich eigentlich schon keine Lust mehr, auf der Seite „Wissenschaftskritik“ zu lesen. Wer irgendwie auch nur zehn Seiten der „Negativen Dialektik“ gelesen hat, der wird sehen, daß die Kritische Theorie der Adornoschen und der Horkheimerischen Prägung sowie Adornos Position im Positivismusstreit kein Dogmatismus, sondern sie weist auf die Schwachstellen eines falsch verstandenen Szientismus und eines Denkens, daß versucht, alles handhabbar und beherrschbar zu machen, dabei jegliche Relation aus dem Augen verlierend.

  4. Jochen schreibt:

    Danke für die Antwort. Und schade falls der Teil nicht exisitert.

    Nun ja, man könnte sich wirklich an der Überschrift mit dem Begriff „Dogmen“ ärgern.
    Aber der Rhetorik mal verziehen, werden dort schlagende Widersprüche zusammengafasst.
    Wie, vorallem schon im zweiten. Abschnitt „2. Wissen ist per se Ideologie“.

  5. Bersarin schreibt:

    Über die (vermeintlichen) Widersprüche der Kritischen Theorie läßt sich lange debattieren. Zunächst kann man sagen, daß es sich um reale Widersprüche der Gesellschaft handelt, die sich dann ebenfalls in der Theorie sedimentieren. (Adornos Text sind diese Widersprüche bewußt.) Zudem muß man bei Adorno zwischen einer makrologischen Betrachtung (der Adlerperspektive sozusagen) unterscheiden, wie er sie vor dem Hintergrund von Faschismus, Stalinismus, einem entfesselten Kapitalismus sowie einer Wissenschaft, der es an Selbstreflexion mangelt, in der „Dialektik der Aufklärung“ entfaltete, und der Arbeit des Details, so in dem lesenswerten, aber leider vergriffenen Buch zum Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Aus diesen Positionen Adornos lassen sich sehr gut Ansätze einer Qualitativen Sozialforschung herauslesen, die mehr will, als Gesellschaft bloß abbildend zu messen und das was ist, in Verdoppelung nur wiedergibt und in schlechter Weise spiegelt. Solche Arbeit zeigt, daß Wissen nicht per se Ideologie ist. Vielmehr geht es darum, die ideologischen Apsekte, die jeglichem Wissen innewohnen, in den Blick der Kritik zu bekommen, ohne dabei aber auf eine Art Mannheimscher freischwebender Intelligenz zurückgreifen zu müssen, die sich zum Geschehen neutral oder aber in Ataraxie verhält.

  6. El_Mocho schreibt:

    @ Jochen: Sehr schöner Text. Da hat sich jemand wirklich Mühe gemacht, die hochtrabenden Phrasen von Adorno und Horkheimer auf ihren dünnen Gehalt zurück zu führen.

    „Philosophen, die den Sozialhilfesatz nie gekannt haben, und die ihn bestimmt nicht zu hoch finden würden, würden sie ihn kennen, leisten sich die elitäre Kritik, dass jede Kompensation an den Geschädigten der Konkurrenz eine Beschneidung ihrer Freiheit und Selbstverantwortung sei.“

  7. Bersarin schreibt:

    Wenn Du, Dir, El Mocho die Zeit nähmen würdest, die Texte Adornos zu lesen, wäre bereits viel gewonnen. Vielleicht schenkt Dir jemand ein Lesestipendium.

    Der Satz zur Sozialhilfe ist ebenfalls eine dieser dümmlichen Insinuationen, der völlig Unverbundenes in Beziehung setzt. Adorno ging es in seiner Theorie kaum um die Höhe der Sozialhilfe in der BRD. Sehr wohl aber darum, daß Menschen in einer Gesellschaft zu Bittstellern und Bettlern degradiert werden. Manchen scheint diese Degradierung mehr als willkommen zu sein. So auch dem Verfasser solcher Sätze, ansonsten würde er über die Abschaffung einer solchen Gesellschaft nachdenken.

  8. alterbolschewik schreibt:

    Ogottogott – schon nach zehn Zeilen weiß man, daß hier mal wieder der plumpe bayrische Kritikhammer der weiland „Marxistischen Gruppe“, jetzt „Gegenstandpunkt“ ausgepackt wird. Allein schon der Stil desavouiert das Machwerk. Bis zum zweiten „Dogma“ habe ich’s nicht geschafft…

  9. Bersarin schreibt:

    Oh, daß El Mocho Mitglied der MG ist hätte ich nicht gedacht! Aber eine mich durchaus amüsierende Vorstellung. Ich sehe ihn bereits in den Sitzungen und in den Coachings vor mir, wie er geschult wird. Ich fand die MG während meines Studiums zwar oft arg. Aber es waren in den späten 80ern und den frühen 90ern die Linken, die bei weitem am besten vorbereitet waren. Auch wenn es ein wenig absurd anmutet, einem Philosophen seinen Rehbraten vorzuhalten. Soll er denn Hirse essen oder Pol-Pottkieker-Eintopf?

    Danke aber für den Hinweis. Das hätte auch ich erkennen können. Aber als Bewohner des Grandhotels Abgrund wird man zuweilen ein wenig kurzsichtig in diesen Dingen.

  10. El_Mocho schreibt:

    Ich habe in meinem Leben schon viel zu viel Zeit mit dem Lesen von Adornoscher Begriffspoesie verbracht.

    Im übrigen hätte man ja auch mal inhaltlich auf die Kritik eingehen können, aber das vermeidest du wie üblich strengstens.

    „Wenn es so wäre, wie sie behaupten, dass das Denken unabhängig von seinem Inhalt und Ergebnis schon seiner Form nach fälschlicherweise die Existenz der Dinge leugnet –

    „Der Schein von Identität wohnt jedoch dem Denken selber seiner puren Form nach inne.“ (III, 17) –,

    dann wäre das Konstruieren von Scheinwelten auch nicht durch das Bewusstsein der Differenz von Gedanke und Gegenstand zu beseitigen. Dann wäre aber auch gar nicht einsichtig, inwiefern der Frankfurter Geist „weiß, wie wenig er ans Gedachte heranreicht“ (I11, 26) und dass es überhaupt eine Differenz zwischen Denken und Gegenstand gibt. Woher sollte du Denken dann wissen, dass das Gedachte mehr ist als das, was er, der Gedanke, davon weiß?“

    Das ist zumindest mal ein Argument, über das man reden könnte, oder?

    Aber wahrscheinlich sind wieder alle, die die Größe Adornos nicht sehen, Idioten mit denen man sich nicht auseinandersetzen muss.

  11. Bersarin schreibt:

    Es ist schade, daß man Dir diese mit Lesen verbrachte Zeit der Schriften Adorno so gar nicht anmerkt. Es kommen von Dir nämlich andauernd irgendwelche Pauschalisierungen oder von anderswo abgeschriebene Passagen, die jegliche Auseinandersetzung vermissen lassen. Mit solchen Pauschalurteilen jedoch läßt es sich nicht inhaltlich auseinandersetzen. Wer Philosophen den Sozialhilfesatz vorrechnet, muß dann auch damit rechnen, daß auf genau dieser Ebene abgerechnet wird.

    Zunächst einmal sollte die Seite „Wissenschaftskritik“ eine Zitierweise benutzen, die üblich ist oder aber erläutern, wie sie zitiert. III, 17 ist keine Angabe. Welches Werk soll das sein? Kannst Du es mir nennen, El Mocho? Zum Glück weiß ich es: Es steht dieses Zitat in der „Negativen Dialektik“. Diese ist jedoch Band 6 und nicht Band III der Gesamtausgabe. (Wenigstens ist die Seitenzahl richtig genannt.)

    Bevor ich mich an die Analyse dieses Adorno-Satzes mache, möchte ich jedoch, daß Du nicht Fremdes wörtlich wiedergibst, sondern die Problemlage, um die es hier geht, in Deinen eigenen Worten zusammenfaßt und darstellst. Tust Du es nicht, so müßte ich ansonsten einfach nur mit der kompletten Passage in der ND antworten, die mit dem Satz beginnt: „Dem Markt entgeht keine Theorie mehr: eine jede wird als mögliche …“ und die mit dem Satz endet: „Die Totalität des Widerspruchs ist nichts als die Unwahrheit der totalen Identifikation, so wie sie in dieser sich manifestiert. Widerspruch ist Nichtidentität im Bann des Gesetzes, das auch das Nichtidentische affiziert.“

    Läse man diese Passage aus der „Negativen Dialektik“ übrigens vollständig und zitierte sie, wie die MG es tut, nicht bloß als inkriminierenden Slogan, käme man wohl von allein auf die Idee, was Adornos Satz in diesem Zusammenhang und nicht in dem von der MG konstruieren besagen könnte. So als Lesehinweis.

    Auseinandersetzung kann nur auf Augenhöhe stattfinden, wenn die eigene Position genannt wird, anstatt daß die Kritik anderer bloß zitiert wird, El Mocho.

  12. Falsifikat schreibt:

    Las ich doch noch kürzlich diese treffend sinvollen Worte:

    „“Wissenschaft wird von Menschen gemacht.“ Mit diesem schlichten Satz beginnt die Autobiographie von Werner Heisenberg. Sie erschien 1969 und wird, wie seine übrigen Schriften, leider kaum zur Kenntnis genommen. Anders als die antisemitischen Texte seines Zeitgenossen Martin Heidegger. An dieser Tatsache krankt die deutsche Kultur. Weil sie mehr Heisenberg und weniger Heidegger (und noch weniger Habermas) braucht, weil sie eigentlich mehr auf die fantasievolle Kreativität des Physikers und Nobelpreisträgers und weniger auf die aufgedunsene Seinsvergessenheit des Philosophen angewiesen ist. Aber das kümmert die Intellektuellen der Feuilletons nicht. Sie ignorieren weiter die großen Naturforscher, und es bleibt mir ein Rätsel, warum unsere Gesellschaft die Feststellung Heisenbergs weder wahrnimmt noch wahrhaben will.“

    dort –> http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/4007958/Wissenschaft-wird-von-Menschen-gemacht/,

    so finde selbst ich, als beständiger Freund der seriösen Wssenschaft der gern literarische Ausflüge begeht, schon hier auf Ihrem Blog (entsrprechend einem feuilletonistischen Stil, soweit ich das sagen kann) in diesem Artikel treffende Zusammenfassungen über Habermas Auffassungen: „Diese wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte werden von der Kritischen Theorie, sei dies nun Adorno, Marcuse oder mit Abstrichen auch Bloch, als Positivismus zusammengefaßt bzw. als „positivistisch verengtes Wissenschaftsverständnis“ (S. 491) bezeichnet.“

    Da stimme ich dann zu – (es darf mehr Habermas sein). So wie vermeintlich oft an gegebenen Stellen gedacht, ist nämlich seriöse Wissenschaft gar nicht.

    Wie der kluge Mann Ernst-Peter Fischer beweist: “ […] Ich sehe das völlig anders. Ich denke, die zentrale Aufgabe unserer Zeit besteht darin, endlich den Satz von Heisenberg ernst zu nehmen und sich um Wissenschaftler so zu kümmern, wie sich unsere Medien um Literaten, Künstler, Fußballer und Quizmaster kümmern, von denen viele im Fernsehen auftreten und eigentlich nichts zu sagen haben.“

    Wünsche eine gute Nacht.

  13. Bersarin schreibt:

    Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Aber das stimmt zugleich nur bedingt, denn nicht jeder Mensch in jeder Kultur macht die gleiche Wissenschaft. Was die Griechen wußten, kannten die Germanen nicht. Das Denken der indigenen Völker in dem von uns Amerika genannten Kontinent unterschied sich sehr von dem der Renaissance. Insofern können Menschen nur in bestimmten Referenzrahmen und Kulturkreisen eine Rolle spielen. Nicht aber als Fetisch Mensch, samt kreativer Tätigkeit. Bewußtseinsstrukturen unterliegen Gesellschaftsstrukturen und dennoch führen Bewußtsein und Besinnung immer wieder über diese hinaus.

    Die deutsche Kultur ist so fraglich wie jegliche Annahme, daß irgendwo bereits Kultur sei, nur weil es Museen, Gedichte, Theater, Wissenschaft oder Kino gäbe.

    Der Fall Heidegger ist nicht ganz so einfach. Bezüglich der Antisemitismusvorwürfe, die wie bei G. Diez und anderen in billiger Weise absolut und eindimensional gesetzt werden, steuere ich ebenso dagegen wie bei den Heideggerianern mit Sein- und Daseins-Sound. Adornos Kritik in der „Negativen Dialektik“ oder etwas polemischer – aber das ist heute für die meisten der zarten Seelen nichts – im „Jargon der Eigentlichkeit“ bringt insbesondere Heideggers Mangel an geschichtlichem Denken gut auf den Punkt und zeigt inwiefern die Begrifflichkeit Heideggers teils aus klappernden Invarianten besteht. Ob Heideggers Philosophie allerdings durch und durch faschistisch sei, bezweifele ich. Es gibt dort allerdings zahlreiche fragwürdige Stellen. Der Fall Heidegger ist komplexer als es zunächst den Anschein hat.

    Übrigens stand Heidegger mit Heisenberg im Austauschund las dessen Texte.

  14. Christoph schreibt:

    @Falsifikat, zu Ernst-Peter Fischers Text oder allgemeiner zu ihm selbst, da würde ich empfehlen lieber etwas kritischer heranzugehen, für einen ganz so kritischen Wissenschaftler, für den er sich dennoch des öfteren sieht, halte ich ihn eher nicht (ohnehin geben sich gern viele Naturwissenschaftler eine gesamtumfassende kritische Haltung zur Gesellschaft, aber nicht alle erfüllen sie wahrhaftig). Wenn er z. B. an anderer Stelle meint, Adornos vielzitierten Satz könnte man mit solchen plumpen Verzerrungen abwatschen. Siehe hier: Sein Argument, „Die Autoren können nachweisen, dass man selbst als Schwergelähmter ein lebenswertes Leben führen kann, wenn man sich auf seinen Zustand einlässt.“
    http://scienceblogs.de/wissenschaftsfeuilleton/2014/05/22/unsinn-1/ (Der gute Herr macht daraus sogar schon eine Serie… es gibt ein zweiten Teil.)

  15. Bersarin schreibt:

    @ Christoph
    Was in diesem Link von Falsifikat betrifft, so ist das der übliche Schmarrn. Wer nicht einmal zu so basaler Arbeit fähig ist, den Begriff „radikal“ richtig herzuleiten: Zeitverschwendung, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist schon lustig, wenn Naturwissenschaftler über die Philosophie schreiben. Das ist so, als wenn sich Automechaniker über die Chirurgie äußern, bloß weil sie ebenso wie der Chirurg sich mit dem Innenleben von Dingen (hier: Autos) befassen.

    Für den Belustigungslink auf scienceblogs danke ich. Schön schräge Satire.

  16. Falsifikat schreibt:

    Ja, das Werk „Jargon der Eigentlichkeit“ würde mich bestimmt über die historische Situation dazu aufklären können. Darüber hinaus wirkt es aber wohl nicht viel aktuell hilfreicher als die „Theorie der Halbbildung“ von ihm, und letztere ist sogar von dem Nachlassverwalter per se, nämlich Detlef Claussen als überholt erklärt worden. Manche Prägungen von Adorno verblassen eben oder besser gesagt, von der Realität abgelöst. Gut, eigentlich weiß man ja schon, dass der deutsche Universitätsbetrieb der Kritischen Theorie alle Zähne gezogen hat und sie auch in politischen Kreisen mehr Toolbox als Denkbewegung ist. Aber manchmal melde ich mich dann gern -auch etwas nebensächlich- zu solchen beanspruchten „Aktualitäten“, weil dann im Zuge des Rückgriffs auf alte sozialpsychologische Theorien oft wieder ein Phänomen mit hochgeschwemmt wird, mit dem ich wirklich eigentlich immer seltener rechne und komische Beißreflex entwickle: der Verklausulierung des Nationalsozialismus zum großen Unbekannten, dem undefiniert Barbarischen, Grauenhaften und Unbennenbaren. Wer immer noch Faschismus sagt statt Nationalsozialismus und lieber Irrationalität als Auschwitz, wer behauptet, die Deutschen hätten den Holocaust verdrängt, der sollte aber ganz dringend ein paar Jährchen Auseinandersetzung mit dem Thema nachholen.

    Bei einer letzten großen Konferenz in Berlin (http://kritischetheorie.org/die-konferenz/), ging es in Claussens Vortrag ja auch darum, er sprach u.a. davon, daß Kritische Theorie sich vom Eurozentrismus verabschieden müsse, daß sie theoretische Impulse aufnehmen müsse und die Anstrengung unternehmen, sich dem Gegenstand zu stellen.

    @Christoph, Das Leiden an den Verhältnissen ist nicht für alle gleich – und man kann es nicht einfach zum vagen Joker für das Somatische machen, für das was im Begriff nicht aufgeht, um sich dann umso mehr aufs inhaltsleere Rumphilosophieren verlegen zu können.

  17. Bersarin schreibt:

    Detlev Claussen ist nicht der Verwalter des Adornoschen Nachlasses. Dieser wird vom Adorno Archiv „verwaltet“.

    Die „Theorie der Halbbildung“ ist in diesem Sinne keine Theorie, sondern ein Essay, der sich mit dem Begriff der Bildung befaßt und zeigt, inwieweit das Bürgertum sich von einem emphatisch verstandenen Bildungsbegriff entfernt hat. Was wiederum dazu führte, daß in einem emphatischen Sinne kaum noch vom Bürger gesprochen werden kann.

    Die „Aktualität der Kritischen Theorie“ bemißt sich daran, wieweit sie den Phänomenen der Gesellschaft gewachsen ist – auch außerhalb des Europäischen Kontextes. Insbesondere in einem Zeitalter universeller Affirmation, in dem selbst bei vermeintlich kritischen Geistern Philosophie eher als Lebenshilfe und damit als Surrogat dient oder zum schnuckeliges Trostpflasterchen fürs gute Leben heruntergebrochen wird, um allemal funktionstüchtig zu bleiben, ist Kritik angesagt.

    Was den außereuropäischen oder aber westlichen Kontext anbelangt, so müssen dies jedoch die Protagonisten dort bewerkstelligen und sich zu Wort melden. Eine Verlagerung des Blickes ist sicherlich nicht falsch. An dieser Stelle berührt sich eine emphatisch verstandene Kritische Theorie mit bestimmten Positionen aus Frankreich: so z.B. mit J. Derridas Kritik am Ethno- und Eurozentrismus.

    Was nun den Nationalsozialismus sowie Kunst und Philosophie nach Auschwitz angelangt, so stehen wir hier sicherlich nicht mehr in der Position Adornos, der als Emigrant und später dann als Rückkehrer in eine zutiefst konservative bzw. klammheimlich immer noch faschistische BRD einen etwas anderen Blick hatte, als wir heute. Das bedeutet freilich nicht, daß deshalb die Überlegungen Adorno sinnlos seien. Wer sich mit der Kunst der 50er, 60er, 70er Jahre in der BRD befaßt, wird um diese Fragen nicht herumkommen. Eine „Ästhetik des Schwarzen“, insbesondere in der Malerei, scheint mir nicht ganz verkehrt, wenn ich auf bestimmte Bilder schaue. Adornos Ästhetik bleibt sicherlich von dem Faktum Auschwitz (als Metapher, nicht als negative Theologie und als Mantra) tief gezeichnet. Dennoch lassen sich aus seiner „Ästhetischen Theorie“ immer wieder Denkmodelle und Begriffe fruchtbar machen, die auch heute noch tragen. So z.B. die Wendung von der „Verfransung der Künste“, die Adorno angesichts einer zunehmenden Einebnung von Gattungen in der Kunst der Spätmoderne feststellt. Gleiches gilt für den Begriff des Fragments und des Rätselcharakters sowie der Eigenlogik des Ästhetischen, an der Adorno immer festhielt. Auch eine solche Theorie der Kunst ist Bestandteil Kritischer Theorie heute.

  18. Falsifikat schreibt:

    Ok. Essay nicht Theorie, dennoch nach Claussen überholt.
    Mit ‚Nachlassverwalter per se‘ meinte ich nicht den formalen/offiziellen Sinn, eher Claussen als einen der vielen aber herausragenden Vortragenden die das tun, was sie eben schon seit 40 Jahren tun: den Nachlaß der Kritischen Theorie verwalten.

  19. Bersarin schreibt:

    In diesem Punkt würde ich dem ansonsten von mir hoch geschätzten Detlev Claussen widersprechen. Kannst Du mir einen Text nennen, wo er diese These aufstellt? Das würde ich gerne gegenlesen und mich der Angelegenheit widmen.

  20. Falsifikat schreibt:

    Ich vermute mal dass er das auch irgendwo niedergeschrieben hat, aber eine Quelle zu einer schriftlichen Form davon habe jetzt ich nicht. Allerdings in einem Mitschnitt aus einer Audiodatei hörte ich Claussen selbst darüber referieren…hier der Link: http://audioarchiv.blogsport.de/2013/11/08/kunst-und-gesellschaftskritik-in-zeiten-der-kulturindustrie-ii/

  21. Falsifikat schreibt:

    Übrigens betont Claussen in dem Vortrag auch öffter, dass der Begriff „Kulturindustrie“ ursprünglich von Adorno/Horkheimer ironisch gemeint sei, das sehen wiederum manche anderen Anhänger der KT ganz anders (z.B. Roger Behrens).
    Die Stelle über das Essay beginnt in etwa: 29 Minute

  22. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für den Link, ich werde mir den Vortrag beizeiten anhören.

    Kulturindustrie mag von Adorno/Horkheimer durchaus ironisch gemeint sein – zumal Kultur und Industrie zwei Begriffe sind, die in einem gewissen Spannungsverhältnis stehen, bedenkt man, daß im Sinne der bürgerlichen Ästhetik des Authentischen Kunstwerke eben nicht industriell gefertigt sein sollen. Dennoch ist es beiden mit diesem Begriff bitterer Ernst. Das gleichnamige Kapitel in der „Dialektik der Aufklärung“ gehört zu den bis heute hin und nach wie vor aktuellen. Kultur, die zum Fetisch geraten ist und in der nach Standardisierungen vielfach Kunst(gewerbe) produziert wird. Bis heute hin. Und das setzt sich insbesondere auf Rezipientenseite fort. Von all dem Empfindungsgedöhns angefangen, daß Kunst auslösen soll, damit es ans bequeme Gefühl geht. Wie es so in den säkularen Zeiten ist: Kunst als quasi-religiöse Erbauungskultur. (Was freilich nicht neu ist. Das gab es ja bereits, wenn auch in anderer Weise im beginnenden 19. Jhd.) Weshalb ein Kunstwerk mit Grund gelungen genannt werden kann, vermag heute eigentlich kaum jemand zu sagen.

  23. Falsifikat schreibt:

    Noch als Info. die dritte Audiodatei (die 45 minütige) auf der Seite, dort ungefähr ab der 25, Minute redet er auch nochmal ganz anschaulisch über Halbblidung.
    ——–
    „Es ist schon lustig, wenn Naturwissenschaftler über die Philosophie schreiben. Das ist so, als wenn sich Automechaniker über die Chirurgie äußern, bloß weil sie ebenso wie der Chirurg sich mit dem Innenleben von Dingen (hier: Autos) befassen.“

    Das scheitert bestimmt leider oft, wie andersherum aber auch.
    Solche Texte inspirieren mich immer, dann mal ein Text zu schreiben in dem der Konflikt zwischen Geistes- und Naturwissenschaft ausführlich erläutert wird…aber das müsste ich schon mit einer bekannten Floskel als Überschrift betiteln: „Too long; didn’t read“
    Dennoch, da gibt es gleich zwei die mir spontan einfallen. C.P. Snow “The Two Cultures” von 1959 und von 1996 John Brockman’s “The Third Culture”, über jene die versuchen beides zu verbinden. Letzterer betreibt und kuratiert heute http://www.edge.org und ruft jedes Jahr einer Reihe von Leuten in seinem Addressbuch zur Beantwortung einer Frage auf, was dann in Buchform veröffentlicht wird.

    Finden tut man sie hier:
    http://edge.org/annual-question/
    (ganz runter scrollen für die alten Ausgaben)

  24. Bersarin schreibt:

    Ja, da gibt es viel Scheitern. Wichtig ist vor allem die Kenntnis der Materie, über die eine oder einer spricht. Geistes- und Naturwissenschaften zu separieren, führt sicherlich in die Irre. Zumal beide Weisen des Wissens auf einer bestimmten Formation von Gesellschaft fußen. Kein Philosoph, der ernsthaft bei Sinnen ist, käme auf die Idee, Naturwissenschaft abzuwerten. Spätestens beim chirurgischen Eingriff am Herzen erfreut er sich der umfassenden Kenntnisse der Ausführenden. Weshalb also diesen Bereich schmälern? Die aufgetane Opposition bleibt eine künstliche. Wer sich dann aber über den Bereich äußert, der nicht die eigenen Baustelle ist, sollte dies durchaus mit einem Mindestmaß an Kenntnis tun. Besagter Ernst Peter Fischer ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie es nicht geht und wie die Vermittlung nicht nur scheitert, sondern bereits bei den ersten Sätzen in der Gülle des Vorurteils sowie der Denkfaulheit versinkt. Eigentlich traurig, wie sich Menschen freiwillig derart ins Läppische begeben.

    Meine These geht ja immer dahin: Bevor eine/r über eine Sache schreibe und urteile, lese er oder sie darüber und befasse sich damit.

  25. Christoph schreibt:

    „Das Leiden an den Verhältnissen ist nicht für alle gleich…“ (Falsifikat). Natürlich nicht!
    Leiden kann nur der, sagte Claussen in dem Vortrag der verlinkt ist, der die objektiven Verhältnisse auch wahrnimmt, und von daher stimmt es, viele spüren von dem Leiden kein bisschen was (diese haben auch ihre Wahrnehmungskraft über Objektives und Subjektives verloren) …

    Dass man darüber in den wissenschaftsjournalistischen Beiträgen und Zeitschriften nur so abstrakt drumherum dies oft voreilig abklärt, liegt wohl auch an der Sache selbst: das ist verständlich gegenüber dem Wissenschaftsjournalismus, dass man hier und da nur anekdotenhaft über was reden kann und im allgemeinen, ist der journalistische Ton auch von seiner Spracher her bevorzugt dafür gemacht…

    Schon Karl Kraus bemerkte das treffend, dass man den Beitrag der Medien zur Aufklärung kritisch sehen muss und, dass dem Journalismus die Senibilität für die Bildung fehlt. Dessen Sprache ist die der Roheit und der Verküzung, vorallem dann, wenn sie einen Hang, sagen wir mal, zur Halbwahrheit oder Täuschung haben.
    Notgedrungen muss sie eine Sprache des Plakativen sein, der es nur noch um Aufmerksamkeitsakkumulierung gehen muss und kann.

  26. ziggev schreibt:

    Ein sehr schönes Gespräch zwischen einem Physiker und einem Philosophen ist von hier aus mitzuverfolgen.

    Und … tatsächlich, der Physiker berichtet von einem Gespräch mit einem Philosophen, um dann mehr populärwissenschaftlich (und recht heiter) fortzufahren. Könnte man wohl auch Wissenschaftsjournalismus nennen. Wenn man dann aber die vom Philosophen erbetene, schriftliche Antwort durchliest auf die Frage, welches denn – etwas genauer erklärt – das Problem sei, das dem Philosoph so arges Kopfzerbrechen bereitete, dann kann man dem Physiker und seiner Kurzversion wirklich keine Vorwürfe machen.

    (Abgesehen von einem etwas marottenhaften Umgang mit der Kommasetzung im Zusammenhang mit der Infinitivgruppe (früher „erweiteter Infinitiv“ – und heute in vielen, manche sagen zuvielen Fällen fakultativ) und der leidigen „Getrenntschreibung“ in allen Fällen – also auch da, wo sie nicht mehr gilt.) …

    Um es kurz zu machen: es gibt keinen ‚Konflikt‘. Der Witz ist der, dass es den Philosophen einfach nur seine Schultern zucken lässt, wenn er erfährt, dass nichts sich schneller fortbewegen kann als Licht in einem Vakuum; er setzt Begriffe zueinander in Beziehung (u. meines Erachtens darf man hier schon fragen, inwiefern es sich dabei um ‚Definitionen‘ handelt). – Das ist wiederum nicht der Job des (Natur-) Wissenschaftlers. Grundlegende Begriffe werden nicht explizit gemacht. Dies würde bedeuten, sie auf Bekanntes zurückzuführen. Die Wissenschaft träte auf der Stelle.

    Es gibt natürlich Philosophen, die am liebsten im weißen Kittel ihre Vorlesungen u. Seminare halten würden; das wäre der umgekehrte Irrtum. Wiederum umgekehrt wäre vielleicht auf solche wie K. Lorenz aufmerksam zu machen; oder es wäre vielleicht der großartige Adolf Portmann zu nennen, der u.a. sehr vorsichtig darauf aufmerksam macht, dass unsere Vorstellung von der Entstehung des Lebens eigentlich bereits das ist, war wir unter Leben verstehen: dass in einem bestimmten Milieu Moleküle sich kombinieren, trennen und sich rekombinieren.

    Für den Philosophen sind Begriffe das, worüber sie arbeiten. Arbeiten Philosophen mit Begriffen? Really? Wissen die denn, was Begriffe sind?

    Zitat (der Philosoph: „Der Antworten sind überreichlich viele. Sie reichen vom Metaphorischen („Gedankenbausteine“) über das Technische („Fregesche Sinne von Prädikaten“) bis hin in den Bereich, in dem beides trüb ineinander plätschert („Mengen von Individuen möglicher Welten“). Manche meinen, sie seien konkrete, neuronal realisierte, mentale Repräsentationen und jedes denkende Subjekt habe demnach seine ganz eigenen. Andere halten sie für abstrakte Entitäten, die als ein und dieselben von verschiedenen Subjekten erfaßt werden können.“

    Hier eine Antwort (Definition) zu verlangen, wäre etwa so, wie wenn ich einen Wissenschaftler fragen würde, was „Natur“ sei. Portmann die lobenswerte Ausnahme. Ich finde auch man sollte sich schon etwas auskennen, wenn fachfremd losgelegt werden soll. Oder Stichwort „Empirismus“. Hier sollte man sich schon mal bis Carnap durchgearbeitet haben, um mitreden zu wollen.

    Wenn ich an den sog. „Empirismusstreit“ denke, dann scheint immer gemeint zu werden, der Naturwissenschaftler stünde weißbekittelt in seinem Labor und würde immerzu auf seine Petrischalen zeigen und ausrufen: „Da! Natur ! Da! Natur !! D…“

    Ach, ganz vergessen zu erwähnen, worüber die beiden sich so gut verständigt haben: Vagheit von Begriffen. Kemmerling (der Philosoph) endet dann etwas resigniert mit Wittgenstein (PU): „In den Philosophischen Untersuchungen hingegen präsentiert Wittgenstein, etwa ab Abschnitt 65, Betrachtungen über tadellose Begriffe, deren ‚Umfang … nicht durch eine Grenze abgeschlossen ist‘, über Wörter, die ihren guten Sinn haben, obwohl ‚wir nicht für alle Möglichkeiten [ihrer] Verwendung mit Regeln ausgerüstet sind‘, über den Nutzen des Unscharfen, über leerlaufende Exaktheit und anderes mehr.“

    Es ist schon etwas deprimierend; um über unbestimmte Begriffe zu diskutieren, stehen uns lediglich unbestimmte Begriffe zur Verfügung.

  27. Lars schreibt:

    Zum Chirurgen sag ich nur der „süße Schmerz“, der in der Falsifikat steckenden wahrheitsgetreu aber nicht unbedingt vor getragen ist, ist tragisch und nimmt sein lauf in der anschaulichen Satyricon der Dinge mit Würde.

  28. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Nun kann man zunächst denken, nichts sei so plural und vielschichtig wie die Philosophie: all die Philosophien, die betrieben werden. Jedoch gibt es Wege, die gehen in die Irre, andere wieder sind affirmativ aufgeladen oder aber sie enden bei des Kaisers neuen Kleidern. Richtig ist, daß die Philosophie wesentlich von den Begriffen handelt, und inwiefern Subjekt und Objekt zueinander stehen. Das geht – wir wissen das nicht erst seit dem linguistic turn – wesentlich über die Sprache.

    Was nun aber Philosophie sei, in einem Satz zu explizieren, geht an der Sache vorbei. Zentral ist sicherlich, daß Philosophinnen und Philosophen mit Begriffen arbeiten und daß sie eine gewisse Kenntnis von der Geschichte ihres Faches mitbringen, damit sie den Nordpol nicht zum zweiten Mal entdecken. Was Philosophie in einem emphatisch verstandenen Sinne sein kann, läßt sich in Adornos „Negativer Dialektik“ oder in „Der Essay als Form“ ablesen. Philosophie, die ihrem Begriff gerecht werden will, ist mehr als die Abbildung des Bestehenden oder die bloße Begriffszergliederung als Selbstzweck, nur um Begriffe zu zergliedern. Zugleich entzieht sich ihr Verfahren der Definition. Und auch ihre Begriffe lassen sich nicht strikt definieren – wer das einmal versucht hat, wird schnell die Grenzen dieses Verfahrens bemerken. Die Begriffe der Philosophie entstehen in der Anordnung mit anderen Begriffen, im Grunde also in einer konstellativen Verfahrensweise. Den Begriff Dialektik kann man nur unzureichend definieren. Wenn man sich aber an die Hegelsche Philosophie macht und z.B. seine „Phänomenologie“ sich durchliest, so entsteht ein Bild, eine Vorstellung, eine Idee und eine Ahnung, die ins Wissen sich vermitteln kann, was Dialektik sei.

  29. Bersarin schreibt:

    @ Lars
    Würde es Dir etwas ausmachen, in Sätzen zu schreiben, die für jeden verständlich und die jenseits des Dadaismus sind? Ich gehe mal davon aus, daß Du hier nicht den Derrida geben willst. Der aber schreibt schwierig verständlich, weil es die Sache gebot, in der sein Text sich gründete. Das kann ich in Deinem Kommentar im Moment nicht herauslesen. Wenngleich der Verweis auf Fellinis oder Petronius‘ „Satyrikon“ sicherlich nicht eines gewissen Witzes entbehrt.

  30. Falsifikat schreibt:

    Nochmal zur Diskrepanz des Naturwissenschaflichen und Geisteswissenschaftlichen und mein Eindruck.

    Ich leite mal so ein:

    Beispielsweises ist mir „das mit der Mathematik“ in der Gesellschaft oft peinlich, ich gehöre ja nicht zu den Leuten die sich „mit der „mathematischen Legasthenie“ -oder wie man das nennt- rühmen. Das hat man ja oft, diesen Effekt, diese Attitüde, den kritisiere ich auch häufig, das wenn du irgendwo in Gesellschaft bist, kannst du dich leicht hinstellen und sagen, „in Mathe war ich immer die totale Null“ und alle so, „ ja ich auch! / hey, super, bist aber trotzdem ein toller Typ“. Wenn du aber in derselben Gesellschaft sagst, dass du Th. Mann und Fontane für die entsetzlichsten Langweiler die die Literaturgeschichte ausgespuckt hat hältst und von denen auch wirklich nicht viel gelesen hast und sogar den Zauberberg nur angelesen und dann weggelegt, weil es so unerträglich wurde, dann gucken die dich an als hättest du sie nicht mehr alle. Das ist irgendwie ein ganz interessantes Ding. Also kurz gesagt, Goethe muss man gelesen haben, aber Mathe muss man nicht kennen…

    Jetzt sag mir mal einer was mir Goethe irgendwie bringt oder was Goethe mir mehr bringt wie Mathe. Eher nichts und genau das ist der Distinktionsgewinn den man da bei erringt. Mathe das ist etwas, das muss die einfache Frau, die Arbeiterin, die an der Kasse steht unbedingt besitzen. Rechnen muss nur der, der kein Geld hat, grob gesagt. Mathematik kann man so kulturell ganz leicht abwerten und Goethe kapiert nicht jeder, da muss man schon einen geistigen Adel mit bringen, sozusagen (der den dann auch nicht garantiert kapiert).

    Was dann auch andererseits auffällt, dass dieses Distinktionsmerkmal des Bildungsbürgertum (nun: die große Bücherwand, und alle gelesen haben und ein paar Zitate daraus kennen vielleicht), ja hauptsächlich was mit Disziplin zu tun hat, wenn man diese ganze Disziplin her nehmen würde, um sich der mathematisch-naturwissenschafltichen Welt zu nähern, also denselben Aufwand treiben würde, dann würde man doch reihenweise spektakuläre Forschungsergebnisse mache — wohlmöglich hätten wir sogar schon den Weltraumaufzug etc. pp.-,weil da sind doch so unglaublich viele Leute die in, ich sag mal, „Ingenieur-Kategorien“ denken können. Das finde ich irgendwie seltsam.

    Ich will jetzt gar nicht zu sehr abwertend der Geisteswissenschaft gegenüber klingen, das ist auch ne ganz tolle Sache. Es muss einfach Leute geben die ein gutes Kommentar zum gesellschafltichen Geschen geben können, mit Referenz auf die abendländische Geschichte und ihren Ideengeschichten ( nun ja, das können leider die wenigsten Geisteswissenschaftler). Also das sind dann so Leuchtturmpersönlichkeiten, auf die noch eine gewisse Menge schaut, was weiß ich, Fritz J. Raddatz, Frank Schirmmacher, so was eben. Die Intellektuellen! Die glaube ich wären aber auch so Intellektuelle, ich glaube nicht, dass es dafür Geisteswissenschaften braucht. Zumal ich somit, ehrlich gesagt, auch immer den Begriff der Wissenschaftlichkeit bei Geisteswissenschaften in Frage stelle.

    Ich will den Geisteswissenschaftlern bestimmt auch nicht die Existenz absprechen, ganz im Gegenteil, ich finde toll dass es die gibt und letztendlich, wie gesagt, es führt zu guten Kommentaren. Und bei der Wissenschaftlichkeit bin ich mir auch nicht sicher. Solange sie ja historisch bleibt, historisch sich mit den Phänomenen auseinandersetzt, hat sie auch einen Wissenschaftlichkeitsanspruch. Dann bedienen sie sich nämlich auch der Werkzeuge der richtigen Wissenschaft. Ok, und das tun ja dann wiederum auch gar nicht so wenige.

  31. Bersarin schreibt:

    Wem die Mathematik peinlich ist und wer sich rühmt, ihrer nicht mächtig zu sein, den möchte ich nicht gerne als Geisteswissenschaftler bezeichnen, und kein ernstzunehmender Geisteswissenschaftler macht so etwas. Solches Denken stellt sich selber ein Armutszeugnis aus. (Selbst Heideggers Satz „Die Wissenschaft denkt nicht“ muß in einem anderen Kontext gelesen werden. Heidegger ist nicht wissenschaftsfeindlich, sondern wissenschaftskritisch, weil er die Naturwissenschaften auf ihre Bedingungen befragt und in den Blick bringt, inwiefern sie eine bestimmte Weise des Denkens inthronisieren, sofern dieses Denken sich absolut setzt.) Und umgekehrt ist es ebenfalls ein Armutszeugnis für den Mathematiker, der meint moderne Kunst zu machen, das könne jeder und was es noch an Voruteilen, gegen Kunst oder Philosophie gibt. (Wobei Philosophie eben keine bloße Geisteswissenschaft ist, Philosophie ist eine Metawissenschaft, die auf der Grenze sich bewegt.)

    Ich schaue niemanden schief an, wenn sie oder er den „Zauberberg“ weglegten, weil die Leser sich langweilten. Wenn jemand aber etwas nicht gelesen hat und dann urteilt, daß das Buch objektiv langweilig sei, dann kann es allerdings geschehen, daß ich den, der da spricht, an seinen eigenen Ansprüchen messe.

    Deine Entgegnungen sind ansonsten ein wenig pauschal gefaßt. Das mag es alles geben. Aber das sind Dinge, die doch am Niveau einer solchen Diskussion über die zwei Kulturen vorbeigehen. Distinktionsgewinn ist, wenn man es so will, alles. Auch Fußball oder Hooliganismus. Es kommt immer darauf an, wie ich eine Sache verwende. Ich will mich mit meinem Wissen nicht gegen andere abgrenzen, sondern ich freue mich vielmehr, wenn viele Wissen besitzen oder ich etwas davon weitergeben kann. Wer jedoch in Vorurteilsstrukturen behaftet ist, der kommt meist nicht weit, und es gibt Situationen, da ist es dann notwendig, dies demjenigen klarzumachen.

  32. ziggev schreibt:

    Falsifikat,

    willst Du den Distinktionsgewinnler qua angeblicher geisteswissenschaftlicher Unterbegabung?`Bitte: Mit ca 23 stellte ich fest, dass ich sogut wie nichts gelesen hatte, auch nicht Karl May; schulisch: Der Fremde, Der Tod in Venedig, dann doch freiwillig und neugierig (denn ich war dafacto faul, keine Koketterie) Hyperion, ein bisschen Platon. Sonst: Indianerromane (nicht Karl May!), Lem und Sience Fiction aus der Ecke. Musste aber was dran sein (immerhin stammte ich aus einem vergleichweise bildungsbürgerlichen Haushalt), an dieser Literaturangelegenheit.

    Es blieb also nicht mehr viel Zeit in meinem Leben, um mit dem Lesen ernst zu machen. Die Überlegung war nun die folgende: Wenn du jetzt anfängst zu lesen, dann nimmst du immer die Sachen, die bereits seit (mindestens) ein paar Jahrhunderten von den Leuten, die als klug und auf diesem Gebiet als Autoritäten gelten, gelobt oder am besten hochgelobt werden. Wenn schon, denn schon; fast als ein Experiment. Wenn´s nicht hinhaut, dann gut, du hast wenigstens keine Zeit verschwendet; wenn´s aber klappt, dann könnte aber vielleicht doch noch was draus werden. „es waren schöne Momente dabei“ – wie man im Jazz nach ner Session gerne sagt – oder, eben auch aus meinem Unverständnis heraus, spannende Stunden, so lief das dann die nächsten sieben Jahre. Mit 30 erst begriff ich, dass die Literatur eine eigenständige Kunstform ist, also tatsächlich eine Kunstform (Proust).

    Rückblickend bedaure ich es, nicht eher mit dem Lesen angefangen zu haben. Denn ich müsste jetzt z.B. den Zauberberg nocheinmal lesen, Goethes Dichtung und Wahrheit (das „müsste“ kann hier aber weg, derweil das dritte Mal) Joyce und dergleichen mehr, von dem ich selbstredend nichts verstanden hatte. Doch ermutigt durch das Proust-Erlebnis kamen dann – vor der unvermeidlichen Proust-Zweitlektüre – Thykidides, Virginia Woolf, Aristophanes, der Doctor Faustus oder Sachen, die Arno Schmidt empfohlen hatte, dran.

    Jetzt merke ich, ich kokettiere doch ein wenig, und es stimmt schon das mit der Disziplin; dieselbe wird aber doch nicht weniger von der Mathematik gefordert, oder nicht! Außerdem haben wir ja noch Enzensberger, oder A. Schmidt, den Vermessungsingenieur; ich denke auch an Lem.

    Seit der zweiten Proust Lektüre ca. 10 Jahre später fehlt mir allerdings ein wenig die Kraft und der Mut, die Muße. Und das Geld; kenne aber jemanden, der Haushaltsauflösungen macht und mir hin und wieder etwas was zusteckt.

    Im Nachhinein kann ich also sagen: ich hatte bis zu meinem 30. Lebensjahr von Literatur sowas von Nullahnung! Die folgenden 10 Jahre waren aber dann – ich hoffe, meine Ausdrucksweise wird entschuldigt – einfach genial. Vor der Proust-Zweitlektüre, auf die ich zwar sogar stolz bin, kann ich aber nur warnen!

    @ Bersarin, der Professor, der bei uns Wissenschaftstheorie machte, Carnap selbstverständlich (für ihn), bog seltsamerweise immer, wenn ich in den 90ern zu irgendwelchen Kunst-Events ging, zu Ausstellungen z.B. der Studenten der HfBK, um die Ecke, es war verhext!

  33. Falsifikat schreibt:

    Ich sprach ja vorallem meinen Eindruck auf diese mir meist so erscheinende starke Aura der Geisteswissenschaften an und halt den in der bildungsbürgerlichen Gesellschaft von Menschen bevorzugten Hype, den sie gegenüber den mathematisch-naturwissenschaftlichen Spähren geniesen.

  34. Bersarin schreibt:

    @ Falsifikat
    Da zeigt sich wieder einmal die Schädlichkeit der Empirie, wenn sie als einziges Kriterium genommen und das Hier und Jetzt derselben absolut gesetzt wird.

  35. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Man kann gar nicht genug lesen, und zu spät ist es dazu nie. Das Leseverhalten ist ganz unterschiedlich gepolt: Vom Schmökern bis hin zum analytisch-sinnlichen Lesen, wie ich es gerne betreibe, wenn sich die „Lust am Text“ (R. Barthes), der Eros des Lesens, mit Wissen und Analysieren verbindet. Bezüge entdecken, Metaphern sichten, den Gehalt eines Textes freilegen. Wer mehr weiß, erkennt mehr, und trotzdem müssen sich Leserin und Leser immer wieder neu dem Text überlassen, sich ihm aussetzen, sich selber unsichtbar machen. Um des Textes willen. Zweimal, dreimal ein bestimmtes Buch zu lesen, kann ungemein bereichernd sein. Und für Proust habe ich es mir fest vorgenommen. Vielleicht die Übersetzung, die kürzlich bei Reclam erschienen ist.

    Kunst und Philosophie sind eine der spannendsten Paarungen. Das gilt sicherlich auch für Mathematik und Philosophie. Ich bin darin allerdings nicht gut zu Hause. Diesen Umstand fasse ich nicht mit Stolz als Distinktionsgewinn auf, sondern nehme ihn mit Bedauern als menschliche Einschränkung zur Kenntnis.

  36. Falsifikat schreibt:

    Nein, ich wollte auch nur dazu ermutigen, daß es für alle ungleich
    besser zu sein scheint, wenn man sich (freiwillig) in die Karten schauen läßt …das vermisse ich oft bei den Geisteswissenschaftlern bzw. Philosophen.

    „Wenn ich an den sog. “Empirismusstreit” denke […]“Da! Natur ! Da! Natur !! D…”“ (ziggev)

    Ähm, ja da kann man sich echt mal fragen und da möchte man mal wissen, woher dieses falsche Vorurteil rührt. Aber: So gut wie alle Wissenschaftstheoretiker sind auch Empiriker, und zwar vor
    allem *Physiker*. Insbesondere sind die *wichtigen*
    Wissenschaftstheoretiker Physiker, bestes Beispiel: Thomas S. Kuhn (hat er doch die Trennung zwischen Wissenschaften (Sciences) und Geisteswissenschaften (Humanities)
    festgestellt) oder Feyerabend (übrigens auch Theaterwissenschaftler).

    Ich empfehle noch eine Lektüred von Feynmans „Cargo Cult Sciences“.

  37. Bersarin schreibt:

    Wer in die Karten schauen will, sollte sich Zeit zum Gucken nehmen und nicht erwarten, daß ihm durch Wegschauen, Ignoranz oder Vorurteil Dinge von ganz alleine zufliegen. Wer fordert, sollte in Vorleistung treten und sein Bemühen zeigen. Wer Literatur verstehen will, muß viel Literatur lesen. Und auch das reicht nicht: sie/er müssen ziemlich genau lesen. So einfach ist das. Nicht anders als in der Mathematik. Oder in der Philosophie. Um den zweiten Hauptsatz der Thermodymnamik zu verstehen reicht es in der Regel nicht aus, dem angeschalteten E-Herd beim Warmwerden und Abkühlen zuzusehen.

    Wissenschaftstheoretiker mögen Physiker, Insektenforscher oder Chemiker sein. Nur: es reicht nicht Physiker, Entomologe oder Chemiker zu sein, um die theoretischen Grundlagen, die Strukturen des Faches zu begreifen. Da ist ein hinzutretendes Element erforderlich. Die Grundlagen der Physik und weshalb es überhaupt Physik gibt und nicht vielmehr keine Physik finden sich nicht in der Physik. Sollte es anders sein, freute ich mich über einen Beleg dafür.

    Aristoteles z.B. war nicht primär Physiker oder Naturforscher, sondern er versuchte, die Grundlagen der Physik und der Natur ins Denken zu bringen, ohne dabei in den Dualismus zu verfallen.

  38. summacumlaudeblog schreibt:

    „Die Grundlagen der Physik und weshalb es überhaupt Physik gibt und nicht vielmehr keine Physik finden sich nicht in der Physik. Sollte es anders sein, freute ich mich über einen Beleg dafür.“ so ist es und das gilt auch für die Medizin/Biologie. Die Essenz der Krankheit findet man nicht im Pathologie-Lehrbuch, sondern lediglich die derzeitig „gültige“, naturwissenschaftliche Beschreibung der Erkrankung. Diese Beschreibung, dieses Narrativ der Erkrankung wird mit der nächsten naturwissenschaftlichen Erkenntnis über diese Erkrankung zu revidieren sein; bis die übernächste Erkenntnis die vormals neuste ins Reich der Fabeln schickt. Deswegen haben alte Lehrbücher für die alltägliche Arbeit so wenig Wert…
    Für die Darstellung des Wesens, der Essenz einer Krankheit hat also die rein naturwissenschaftliche Darstellung wenig zu bieten. Sonst hätte G. Benn Krankenakten und Epikrisen veröffentlicht und nicht Gedichte. Und wäre heute zu Recht vergessen. Seine Gedichte aber sprechen noch heute wahr, obwohl sein damaliger medizinischer Ausbildungsstand heute „wertlos“ wäre.
    Grüße nach längerem Schweigen.

  39. Bersarin schreibt:

    Danke für die Sicht aus der Medizin. Insbesondere die Gedichte Benns zeigen das von Dir Dargestellte gut. Das Abschreiben von Krankenakten wäre wohl erst in den 60ern oder später als eigenständige Weise der Kunst im Gedächtnis geblieben. (Sieht man vielleicht vom Dadaismus ab. Aber eine solche Iteration von Krankheiten, die sich in Krankenakten manifestieren und verschriftlichen, wäre ja gerade nicht dadaistisch, sondern erzeugte ein ganz anderes Bild: Zwischen Lakonie und purer Tatsache, die sich in diesem Text-Kontext eben nicht als bloße Tatsache mehr erweist.)

    Gerade Deine Beiträge zeigen übrigens, wie wenig sich Geistes- und Naturwissenschaft ausschließen oder in Konkurrenz stehen, wer wohl die schönere im Lande sei.

    Grüße zurück an Dich, ich hoffe, Deine Sommerpause ist einem Urlaub und nicht dem puren Streß geschuldet.

  40. El_Mocho schreibt:

    Habe noch nie verstehen können, was die Erkenntnis des „Wesens“ einer Sache eigentlich sein soll. Warum sollten sich Mediziner für das Wesen der Krankheit interessieren? Sie wollen sie in erster Linie heilen, das reicht völlig.

    Wesenerkenntnis ist für 95% aller Menschen völlig irrelevant und deshalb auch uninteressant. Es liegt nahe, darin eine Form von intellektueller Onanie zu sehen, für die manche Leute halt anfällig sind. es besteht kein Grund, das besonders ernst zu nehmen.

  41. Bersarin schreibt:

    Du verstehst wieder nicht, worum es geht. Die Grundlagen der Physik liegen eben nicht in der Physik. Darum ging es hier. Für eine forschenden Physiker mag das irrelevant sein. Für einen Wissenschaftstheoretiker, der sich auf einer Meta-Ebene bewegt, ist es nicht irrelevant.

  42. ziggev schreibt:

    Das hatte ich ja oben bereits angedeutet – was ich von Abdreas Kemmerling «Informationsimmune Unbestimmtheit – Bemerkungen und Abschweifungen zu einer klaffenden Wunde der theoretischen Philosophie» gelernt habe: Die Physik macht ihre Grundbegriffe nicht explizit. Wer glaubt, die Quantenphysik verstanden zu haben, hat sie nicht verstanden. Der Physiker, den Du fragst, was das „Wesen“ (was immer das auch sei, ich bevorzuge den Ausdruck ‚as yet not specified‘) eines, sagen wir Quarks oder Elektrons sei, wird Dich nur mit großen runden, ungläubig staunen Augen angucken. Es mag ja sein, dass ein Naturforscher zuerst den Begriff des heloizentrischen Weltbildes infrage stellte – der nichtbelegte Mythos der plötzlichen Eingebung (es lässt sich zeigen, dass hinter solchen Erlebnissen ein, wenn auch eher unbewusst ablaufender Hypothesenbildungsprozes abläuft) -, für den Normalfall kann aber Kopernikus stehen. Er beobachtete ein ganzes Leben lang, machte seine Aufzeichnungen, und erst kurz vor seinem Tod veröffentlichte er seine Hypothese.

    Was das „Bewusstsein“, der „Wille“, gar der „freie Wille“ sein könnte, könnte sich im idealfall möglicherweise implizit etwa aus einem Versuchsaufbau ablesen. Hier möchte ich aber unbedingt darauf drängen, dass wir uns erneut klarmachen, dass es sich um vage, unbestimmte Begriffe handelt. Der durchs Experiment geführte „Beweis“, dass der „Wille“ nicht „frei“ sei, krankt 1. daran, dass „Freiheit“, „Wille“ nicht explizit gemacht, also im Vorwege definiert werden, wie es die Philosophen gerne hätten (obwohl gerade sie es wissen oder wissen müssten, welch albernes Unterfangendas das wäre), und 2. daran, dass (man lese sich einmal genau durch, wie der Versuchsaufbau aussah!) nicht einmal implizit eine Theorie des Bewusstseins usw. zu erkennen ist.

    Denken wir an die Scholastik – oder, weniger scholastisch, an die Theorien der Intentionalität im Mittelalter (Husserl lässt grüßen!) -, so stoßen wir auf höchst faszinierende Gebilde, die bis in jüngst Zeit, eben in der Phänomenologie, fruchtbar gemacht werden konnten. Es gibt aber keinen Zweifel, und summcumlaude erläutert es uns nocheinmal anhand medizinischen Wissenfortschritts, sollten wir hier „begrifflich denken“ (m. E. eine contradicion in terms), von explizit gemachten Begriffen ausgehen, von Definitionen – dann müssten wir, um zu diesen expliziten Begriffen, den Definitionen zu gelangen, von bereits Bekanntem ausgehen. – Das hätte aber zur Folge, dass, summacumlaudes Beispiel, im Bild gesprochen die armen Studenten sich in alle Ewigkeit mit hoffnungslos veralteten Lehrbüchern herumschlagen müssten. Die Wissenschaft würde auf der Stelle treten.

    Wittgesteins (hypothetischer) logischer Raum, der die logischen Verhältnisse der Welt abbildet (eigentlich handelt es sich ja um gut getestete Hypothesen), mag als Gegenbeispiel fungieren können. Ergeben sich neue Erkenntnisse, weil zusätzliche Informationen hinzutreten, dann muss halt dieser wittgensteinische, ich will ihn einmal nicht logischen sondern Hypothesenraum nennen, modifiziert, erweitert werden. Handelt es sich aber um „Begriffe“?

    Nun, Wittgenstein steht ja nicht einsam-erratisch in der philosophischen Landschaft (damit meine ich nicht irgendwelche Zen-Ausflüchte), jüngst gab es sogar eine Art Neuauflage der Idee, dass Philosophie keine „Lehre“ abgeben könne; mancher mag sich von der Rede von der Philosophie als „Tätigkeit“ verführt haben lassen und der Guru-Sehnsucht nach einer Charakter-Schulung nach der Art der Pythagoräer oder des Sokrates nachgegeben haben. Solches setze aber wieder eine „Lehre“ anderer Art voraus. Wie ich den Artikel in der faz vom 8.7.2014 verstanden habe, wendet sich «Michael Hampe, „doe Lehren der Philosophie“. Eine Kritik, Surkam Verlag, Berlin 2014» auch gegen eine solche Auffassung.

    Lassen wir also Wittgensteis Charakter einmal beiseite, landen wi, wenn´s denn sein soll, immer wieder bei wittgensteins LU. Und in diesem Sinne fände ich es jetzt albern, hier die Rede von den „Grundlagen“ zu kritisieren; wir verstehen schon, was bersarin meint. Genaugenommen kann ja die Grundlage der Physik nichts anderes als Physik bzw. phsikalisches sein. Es ist natürlich die Physik als Wissenschaft gemeint. Wenn bersarin recht hat (und ich ihn richtig verstanden habe), dann, nehmen wir Aristoteles als einen ersten abendländischen Naturwissenschaftler, war es die platonische Philosophie, die Aristoteles philosophisch nicht befriedigte.

    Dennoch möchte ich dieses Bildein wenig anzweifeln. War es nicht vielmehr so, dass Aristoteles faktisch die platonische Philosophie, das platonische System destruierte, als dass er ein neues philosophisches System, eine philosophisches Lehre dagegen setzte?

    Es ist übrigends nicht ganz richtig, dass Aristoteles der erste abendländische Naturforscher war. Die ersten naturwissenschaftliche Experimente wurden zu vorsokratischen Zeiten in Milet durchgeführt: WEnn ich einen Eimer Wasser an einem Seil herumschleudere, warum fließt dann das Wassernicht heraus (und sucht seinen „natürlichen“ Ort auf – Letzterer ist freilich eine Aristotelische Schöpfung)?

    Etwas trivial könnte man natürlich auch sagen, dass die „Grundlagen“ der Physik (als Wissenschaft) natürlich immer etwas physisches bzw. physikalisches ist; denn es waren Menschen aus Fleisch und Blut mit ihren Bedürfnissen, die sie schufen. Und das sympathische, materialistische Milet war in der Antike Dildoexportweltmeister, wie wir bei Aristophanes erfahren.

    Aber angesichts all jener verworrenen, vagen und unbestimmten Begriffe wie „Wesen“, „Freiheit“, „Wille“, „idee“, „Begriff“ und dergleichen mehr haben wir natürlich Verständis dafür, dass die Philosophen einem gewissen Begriffskonservativismus anhängen (welchens Verständis jedenfalls der genannte Kemmerling zeigt). Jedesmal das Rad neuzuerfinden wäre eher fast eine mystische Praxis. Desh. fände ich es pedantisch, gerade weil es sich um unbestimmte Begriffe handelt, nach der Definition von „Wesen“ zu verlangen, und fehlerhaft, diesen Bergiff erst zu widerlegen und dann zu eliminieren zu wollen. Denn ich wüsste garnicht was hier zu widerlegen wäre. Ich selber kann aber mit diesem Begriff ebensowenig anfangen wie El_Mocho. „as yet not specified“ habe ich mir als Anfangs- oder erste Hilfskontruktion folgendes zurechtgelegt: das Wesentliche, das sind diejenigen Konstitutenten, die unerlässlich sind, damit wir von einem so-uns-so Seinenden als eben diesem so-uns-so Seinenden sprechen können. Ist natürlich eine willkürliche Festlegung. Nach dem ontologische Status des Wesens jenes Dinges zu fragen, halte ich (vorerst) für einen Irrweg.

  43. Bersarin schreibt:

    So ist es: Aristoteles ist der erste Wissenschaftler, der in einem umfassenden Sinne sowohl die Empirie als auch das, was darüber hinaus geht, nämlich das Denken über die Empirie, die nun einmal nicht dieses selbst, sondern wesensmäßig von ihr geschieden ist, in den Blick der Philosophie brachte.

    Das Wesen ist nicht die Erscheinung, aber es kommt im Schein zur Erscheinung. Als Vorschein und als Pseudos. Das Bild eines Stuhles oder der Begriff „Stuhl“ sind nicht der Stuhl selbst. Man betrachte sich Joseph Kosuths „One and three chairs“. Hier kann man, ohne nun Hegel oder den Heiligen Thomas oder Aristoteles zu lesen, einen vagen Eindruck von den Differenzen erhalten. Die Dinge begegnen uns zunächst natürlich nicht in ihrem Wesen, sondern als Dinge des Umgangs; dies machte sich M. Heidegger für seine Philosophie zunutze. Wir befinden uns also primär nicht in einem Subjekt/Objekt-Modus, sondern benutzen etwas als Gegenstand. Eine Säge als Säge, einen Hammer als Hammer, um eine Nagel in die Wand oder in ein Kreuz oder sonstwohin zu bekommen. Während des Ersten Weltkrieges waren auch die Hindenburg-Holzstatuen beliebt, in die man für Geld einen Nagel schlagen konnte, um dann irgendwann einen eisernen Hindenburg zu haben. Das geht mehr oder weniger ohne Reflexion ab, die Menschen tun es, machen, arbeiten mit dem Hammer. Erst wenn dieses relativ simple Ding kaputt geht, nehmen wir es anders wahr. Es steht uns als Objekt gegenüber, wir müssen über seine Funktion und seine Bauweise nachdenken, um es reparieren zu können. Damit erhalten wir einen anderen Begriff vom Hammer, obwohl der Hammer immer noch ein Hammer ist – freilich ein kaputter. Klingt simpel, weist aber darauf hin, daß es im Umgang mit den Dingen oder mit Welt überhaupt verschiedene Weisen des Zugangs gibt.

    Und weiter. Das Wesen des Kapitals ist nicht jeder einzelne Unternehmer, jede Fabrik, jeder Konzern, der versucht, Umsatz und vor allem Gewinn zu generieren. Ich komme nicht auf das Wesen, wenn ich mir alle diese Unternehmen einzeln anschaue, Gelströme und Arbeitsweisen beobachte (wenngleich diese Empirie sehr wichtig ist, was Engels Schrift über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England anzeigt“), sondern ich tue etwas hinzu. Gleiches in der Physik: ich kann Blitze beobachten, Stromflüsse messen, Kenntnisse der Elektrizität anwenden usw. Das sagt mir aber nichts darüber, was die Physik eigentlich ist und was sie betreibt. Dazu müßte ich mir nämlich andere Kulturen anschauen, die für den Blitz vollkommen andere Erklärungs- Referenz- und Bezugsmodelle benutzen, die in ihrem Dispositiv des Wissens ebenfalls Relevanz besitzen. Das Wesen der Physik ist nicht die Physik. Den Physiker, der experimentiert, braucht dies nicht zu scheren, er kommt, wenn man in Modellen der Arbeitsteilung denkt, gut ohne dieses Wissen aus. (Wenngleich es ihm nicht schaden kann.)

    Das Wesen ist nicht irgend etwas im Jenseits Liegendes, das metaphysisch verborgen über der Welt schwebt, sondern es ist die Welt und konstituiert diese. Kants Unterscheidung des Empirischen vom Intelligiblen und des Empirischen vom Transzendentalen gibt ebenfalls eine Sicht auf die Differenz, wenngleich diese bei ihm im Dualismus gefangen bleibt.

    In der Tat ist es ein Irrweg, nach dem ontologischen Status des Wesens zu fragen. Das sind Heideggersche Hohlformeln. Wie die des Seins, das am Ende des Heideggerschen Denkprozesses in den Anfangssatz der Hegelschen Logik terminiert.

  44. summacumlaudeblog schreibt:

    Neben dem von bersarin erklärten Begriff Wesen könnte mit „Wesen der Erkrankung“ auch einfach das Wesentliche gemeint sein, das im Erkrankten liegt. Immer ist es wichter, WER erkrankt, da kommt man mit einer Lehrbuchbeschreibung der Erkrankung eben nicht weit.
    Was EL_Mocho beschreibt, ist der rein physiologische Aspekt der Erkrankung; ein Organ/Schalter ist kaputt und muß repariert werden. Vielleicht möchte der Inhaber des Schalters aber keine Reparatur, das nennt man sekundären Krankheitsgewinn. Hier liegt dann das Wesentliche des Vorganges im Erkrankten, der gar nicht gesund werden will. Schon kommen wir mit der Schaltertheorie nicht weiter. Spätestens hier würde ich jedem Arzt empfehlen, sein eigenes Gehirn in Schwung zu bringen und zu reflektieren. Möglicherweise liegen die wesentlichen (aha!) Zusammenhänge ganz woanders…….

  45. summacumlaudeblog schreibt:

    „ist es wichter,“ – wichtIGer natürlich

  46. Bersarin schreibt:

    Danke noch einmal für diese Zusammenhänge aus der Medizin, die eigentlich intuitiv einleuchtend und evident sein müßten, und es ist ja das Evidente und Intuitive, das El Mocho schätzt.

  47. Hauke schreibt:

    „Deine Entgegnungen sind ansonsten ein wenig pauschal gefaßt. Das mag es alles geben. Aber das sind Dinge, die doch am Niveau einer solchen Diskussion über die zwei Kulturen vorbeigehen. Distinktionsgewinn ist, wenn man es so will, alles. Auch Fußball oder Hooliganismus. Es kommt immer darauf an, wie ich eine Sache verwende. Ich will mich mit meinem Wissen nicht gegen andere abgrenzen, sondern ich freue mich vielmehr, wenn viele Wissen besitzen oder ich etwas davon weitergeben kann. Wer jedoch in Vorurteilsstrukturen behaftet ist, der kommt meist nicht weit, und es gibt Situationen, da ist es dann notwendig, dies demjenigen klarzumachen.“

    Ohje, hier sieht man es wieder…

    Selten bin ich auf einen derart verschwurbelten Kommentar gestoßen, der sich von Anfang bis Schluss wie ein überhebliches Selbstgespräch liest um dann in den letzten beiden Sätzen anzuheben, sich unter Verwendung eines “qua” von Distinktionsgewinnlern zu distanzieren.
    Merkste selbst, ne?

  48. Bersarin schreibt:

    Ja, ich bin überheblich. Und das fällt mir bei Dummbatzen wie Dir auch nicht weiter schwer. Und ich bin darüber auch recht froh, mit dem Hauke nicht auf einer Ebene mich zu bewegen. Bitte, Hauke, ich möchte Gegner, keine Zwerge.

    Und noch etwas: Solche Texte sind nicht für Dich gemacht. Sie übersteigen Deinen Hauke-Pauke-Geist.

    Was sind denn Distinktionsgewinnler? So etwas wie Kriegsgewinnler? Du bist ja geradezu ein Sprachgewitzler. Hauke, Hauke! Aber: Du überhebst Dich bei Fremdwörtern. Hol Dir keinen Leistenbruch!

  49. ziggev schreibt:

    noch mal was zu Proust (Neuübersetzung/Ausgaben)

    ich hörte, die neue Übersetzung gebe Prousts manchmal doch eher derben Humor wieder; aber MARTIN MOSEBACH in der FAZ hält solche Erwartungen für etwas wohlfeil. außerdem kann ich mir jetzt nicht spontan vorstellen, wo im vorliegenden Band hierzu Gelegenheit ist. obwohl … nicht glaubt, vorschnell ein abschließendes Urteil treffen zu können, kritisiert er anhand einiger Beispiele die Neuübersetzung, ohne auch nur ein lobendes Wort zu finden. da ich selber mal ne umfangreichere Übersetzung gemacht habe, weiß ich, dass diese Tätigkeit einen dazu zwingt, sich kritisch mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen. wie ich es verstanden habe, kannst zumindest etwas Französisch; von einer solchen Kärrnerarbeit, nun tatsächlich bei Proust sich mit Fragen der Übersetzung zu beschäftigen, würdest Du also mit großer Sicherheit profitieren, fraglich freilich, ob du über die Ressourcen verfügst, sie zu leisten, eigentlich ein Fulltimejob.

    ich pflichte Dir natürlich in der Einschätzung bei, dass Wissen den Lesegenuss ungemein erhöhen kann; allerdings kann ich nur mit wenigen Stellen aufwarten, wo sich ein solcher Genuss bei meiner Lektüre einstellte. Marcel liegt in Paris auf dem Bett (ich hoffe, ich bringe jetzt nicht unterschiedliche Szenen durcheinander) und betrachtet den Lichtstreif, der über den zugezogenen Vorhängen an der Zimmerdecke von dem sonnigen Wetter draußen zeugt. es folgen Anmerkungen, Schilderungen, Kontextualisierungen, die historisch nicht uninteressant sind, jedenfalls was mich betrifft, zu den Straßenhändlern, die mit Wägelchen oder Karren durch die Straßen ziehen und ihre frischen Waren, die Françoise ihnen wohl auch abnimmt, anpreisen.

    diesmal ist es nicht die „sommerliche Kammermusik“, die die Fliegen in Combray an einem Sommertag zwischen Vorhang und Fenster veranstalten (und andere Geräusche, die an Marcels Ohr dringen) – wenn ich mich recht erinnere, schreibt er anlässlich der Rufe der Händler nicht nur über das Phänomen selbst sondern kommt auch auf Musik zu sprechen. das freute mich natürlich, denn wir hatten mal zu Schulzeiten ein Komposition am Wickel, die eben genau dasselbe Phänomen thematisierte (ich glaube „London Street Hollers“) – eine weltliche Komposition aus der Ära der Renaissance. wobei diese Einordnung jetzt nur den ungefähren Zeitrahmen angeben soll, denn obwohl die Musik kulturhistorisch der bildenden Kunst immer etwas hinterherhinkte, würde ich die eigentlich typische „Renaissance-Musik“ in die Zeit der Hochrenaissance in Italien verlegen (auskomponierte gelehrte Dialoge etwa zwischen einem Geistlichen und einem Philosophen und dergl. Experimente mehr). obendrein kam die Renaissance im nördlichen Europa nie so richtig an; was die Malerei betrifft, in den Niederlanden zwar schon, aber da war die Party eigentlich schon vorbei.

    was Proust hier aufgreift, hatte also beeits Jahrhunderte zuvor einen Komponisten dazu veranlasst, ein mehrstimmiges Stück zu komponieren in dem die genannten Rufe der „fahrenden“ Händler verarbeitete.

    das faszinierende daran, dem Autor der Recherche über die Schulter zu gucken, was ein Wissen über den Entstehungsprozess des Werkes erlaubt, ist ja, dass die Bekanntschaft mit Bezügen im Werk, z. B. das Wissen um reale Personen und deren gesellschaftliche Stellung, die als Vorbilder dienten, neben dem Imaginationsraum, den das Lesen ohnehin schafft (oder schaffen sollte), einen zweiten Imaginationsraum entstehen lässt.

    Marcel erinnerst sich ja nicht willkürlich, was vermutlich auf eine gewisse Pedanterie hinausgelaufen bzw. sicherlich zumindest teilweise auf einen kreativen Prozess hinausgelaufen wäre, sondern uns Lesern fällt es oft leicht, uns in den träumenden Marcel (und sogar in den Autor) hineinzuversetzen, jedenfalls an solchen Stellen, wo er die Tätigkeit und die Bewusstseinszustände des Imaginierens beschreibt. schließlich tun wir als Leser ja nichts anderes, in einem abgedunkelten Zimmer liegend, lesend, wiederum befasst mit etwas ganz Analogem zu dem, was Proust tat, als er das Buch schrieb.

    so sind viele Nebeninformationen zu Proust gewissermaßen Teil des Werkes, denn der Imaginationsraum, durch den wir uns bewegen, weitet sich über das Werk hinaus nur noch weiter aus.

    z. B. ersteht der Impressionismus in der Imagination noch einmal neu, wenn Marcel die Bilder von Elstir beschreibt. und so würde ich mich zu der Aussage versteigen, dass es eine Besonderheit bei Proust ist, dass er uns erlaubt, die Bezüge in der Imagination herzustellen, was – jedenfalls was mich betrifft – ein unglaubliches Gefühl von Freiheit vermittelt. hätte ich eine gute Reproduktion von Monet hier hängen oder hätte ich genaueres Wissen vom Impressionismus (und nicht nur Postkartenbilder im Kopf), mir also bereits vor der Lektüre mir Wissen angeeignet, dann wären die wissensbasierten Bezüge, die ich herzustellen vermöchte, dennoch Teil jenes Imaginationsraumes, Teil jenes Wiederauferstehenlassens eines literarischen Werkes im Leser oder der Leserin, das auf diese Weise und bei Proust noch einmal in besonderer Weise über sich hinausweist.

    darüber hinaus ist es ja nicht nur so, dass Proust ja nicht nur ein Buch über das Schreiben (bzw. Noch-nicht-Schreiben) des vorliegenden Busches schreibt, sondern er stellt z.T. selber die Bezüge innerhalb des Werkes her.

    deshalb empfand ich den Anmerkungsapparat der letzten Surkamp-Ausgabe in Teilen auf ziemlich brutale Weise als störend. langer Rede kurzer Sinn: ich finde, der Anmerkungsapparat der Surkamp-Ausgabe ist einfach eine Zumutung. es wurden völlig konzeptlos ungefähr vier unterschiedliche Quellen ausgeschlachtet, woher dann viele Anmerkungen stammen, dazu die des Herausgebers, der Leser oder die Leserin ist also gezwungen, immer wieder in unterschiedliche Lese- bzw. Imaginationsmodi zu wechseln. neben völlig überflüssigen Kommentaren („hier wird der Text etwas langfädrig“) kommt z. B., wie ich mich zu erinnern glaube, eine Kunstwissenschaftlerin in den Anmerkungen zu Wort.

    dann doch lieber vorher sich ein kleines Büchlein zu den Kunsthistorischen Aspekten des Werkes zu Gemüte führen, was das, was ich „Imaginationsraum“ nennen möchte, beim lesen umso farbenfroher gestalten würde, – oder hinterher sich anhand gelehrter Abhandlungen mit Fragen der Rekonstruktion und der Komposition oder dem Pariser Gesellschaftsleben zu Prousts Zeit beschäftigen, was dann nach der Lektüre sie auf bestimmte Weise fortsetzen würde und dadurch sogar in gewisser Weise Teil des Werken wird.

    aber diese andienerische, konzeptlose Faktenhuberei des Anmerkungsapparats, den der Surkamp-Verlag der Recherche hinzuzufügen offenbar für nötig hielt, wirft in meinen Augen kein gutes Licht auf den Verlag.

    Marin Mosebach in der FAZ lobt an der Reclam-Ausgabe allein die Anmerkungen. selbst Proust-Experten könnten profitieren. da Proust-Experten as a matter of facts die Recherche kennen, deutete ich diese Aussage dahingehend, dass es bereits lohne, sich bei der Reclam-Ausgabe auf die Anmerkungen zu beschränken.

    so werde ich es machen: beim nächsten Mal konsequent alle Anmerkungen ignorieren; und davon (zeitlich) getrennt Sekundärliteratur oder eben die Anmerkungen bei Reclam lesen.

    PS ganz entzückend fand ich das Bändchen «Prousts Mantel» von Lorenza Foschini.

  50. ziggev schreibt:

    heute nehme ich mir summacumlaude zum Vorbild (gleich 9 mal!)

    1) „hierzu Gelegenheit ist. obwohl … nicht glaubt,“ – obwohl MOSEBACH nicht glaubt,
    2) „wie ich es verstanden habe, kannst DU zumindest etwas …“
    3) „mal zu Schulzeiten einE Komposition am Wickel“
    4) „hatte also beReits“
    5) „Stück zu komponieren in dem ER die genannten Rufe“
    6) „mir also bereits vor der Lektüre mir“ – ein „mir“ zuviel; das zweite ist zu streichen
    7) Stil: „in besonderer Weise über sich hinausweist. [Absatz] darüber hinaus ist es …“ – 2 x „hinaus“, quick & dirty solution: „ON TOP ist es ja nicht nur so,“
    8) „des vorliegenden Busches“ – Buches (nein, hier ist nicht vom Weißdorn, bei dem es sich um eine kleine Wuchsform von Bäumen handelt, auch Strauch genannt, die Rede)
    9) MarTin Mosebach

  51. El_Mocho schreibt:

    „Das Wesen ist nicht die Erscheinung, aber es kommt im Schein zur Erscheinung. Als Vorschein und als Pseudos.“

    „Das Wesen ist nicht irgend etwas im Jenseits Liegendes, das metaphysisch verborgen über der Welt schwebt, sondern es ist die Welt und konstituiert diese.“

    Mit anderen Worten: Du hast auch keine klare Vorstellung davon. Entweder sind das bloße Tautologien (Das Wesen der Welt ist die Welt), oder es wird ein unklarer Begriff definiert mit Hilfe anderer unklarer Begriffe (Wesen kommt im Schein zur Erscheinung), oder es ist bloße Poesie. Was soll das?

    „Die Grundlagen der Physik und weshalb es überhaupt Physik gibt und nicht vielmehr keine Physik finden sich nicht in der Physik.“
    Die Grundlagen der Physik finden sich in der physischen Realität, genau wie die Grundlagen des Denkens und der Philosophie und des transzendentalen Subjekts usw. Ohne eine objektiv (und schon lange vor den Philosophen) existierende Welt gäbe es kein Leben und keine Menschen und keine Philosophen. In sofern lässt sich die Existenz von Philosophie (und Moral und Religion und Gesellschaft usw.) sehr wohl naturwissenschaftlich verstehen, ohne auf philosophische Fundamente zurück zu greifen, der Biologe Edward O. Wilson hat darüber geschrieben („Consilience“).

    In vielen traditionell zur Philosophie gerechneten Bereichen wie Ethik oder Erkenntnistheorie leisten Naturwissenschaften inzwischen besseres als letztere, ohne Rückgriff auf dubiose Begriffe wie „Wesen“, „Subjekt“ u.ä.

  52. Bersarin schreibt:

    @ Ziggev
    Das Thema Proust ist vielfältig. Es verleitet zu manchen Assoziationen. Leider liegt bei mir die Lektüre bereits einige Zeit zurück.

    Prousts Recherche ist ein Epochenroman. Ein Roman, der eine untergehende Welt beschreibt, ein Roman, der sich mit den Formen der (subjektiven) Wahrnehmung und mit dem Wesen der Zeit beschäftigt. Auch hier wieder: das Wesen, denn es geht Proust eben nicht um den bloßen Fluß der empirischen Zeit, die dahinstreicht, mehr oder weniger sinnlos vergeht, oder die mit der Uhr meßbare Zeit, sondern eine Zeit, in der etwas umschlägt und sich wendet: während der Erzähler im Garten sitzt, bei seiner bekannten Tasse Tee und dem feinen Stück französischen Gebäcks, durchfließt ihn ein anderer Modus, kommen längst vergangene Gerüche und Szenen hervor und aus alledem entspinnt sich: eine Geschichte, Literatur. Zum Aspekt des Zeitsinns müßte man wohl noch Becketts Proust-Essay lesen.

    Lesegenuß ist im Umgang mit Proust (und überhaupt mit Texten der Literatur) doch das falsche Wort, wenngleich es beim Lesen ebenso um ein sinnliches Moment geht, da wir Leser von der Sprache affiziert werden. Aber vielleicht paßt der Begriff des ästhetischen Reizes oder der ästhetischen Affektion besser.

    Die Renaissance ist sicherlich ein Phänomen der Italiener. Solches Denken, solche Bauten, solche Werke vermag nur der heitere Süden hervorzubringen, so könnte ich in einem leicht von Nietzsche gefärbten Ton schreiben. Dennoch strahlte sie in den Norden weiter. Kein Dürer ohne die Renaissance.

    Diesen Aspekt der Imagination in bezug auf Proust und überhaupt die Literatur halte auch ich für zentral. Es ist diese Zeit Marcels auch die Zeit des Lesens, eines eigentümlichen Erfahrungsraumes, der uns nicht nur den Zeitsinn, sondern Weisen der Wahrnehmung ins Denken oder Imaginieren bringt, sofern man sich zunächst dem Text überläßt. Das andere ist die Ebene der Analyse, der ästhetischen Kritik, des ästhetischen Kommentars, der diesen monumentalen Roman wunderbar begleiten kann.

    Ja, Proust. Das, ist eine Literatur, die einem den Atem nimmt und zugleich neuen Atem gibt. Um es etwas sprachkitschig zu schreiben. Pneumatologie des reinen Geistes, des ungebundenen Körpers. Insofern freut es mich, wenn Du, ziggev, immer wieder auf Proust insistierst und anhand dieses Werkes Deine Assoziationen entlangschreibst. Den Kommentarteil bei Suhrkamp kenne ich nicht, von der Reclam-Ausgabe weiß ich. Sie wird ganz unterschiedlich wahrgenommen. Es gibt viel Lob, aber anscheinend auch Kritik. Was Mosebach zur Übersetzung des zentralen Satzes bei Proust schreibt, wenn jene Erinnerung durchs Gebäck und den Tee kommt, leuchtet mir ein. Zumindest auf der Ebene des Sprachlichen und des Gehalts, der sich eben nicht im interlinearen Übersetzen einstellt.

  53. Hauke schreibt:

    „Und das fällt mir bei Dummbatzen wie Dir auch nicht weiter schwer.“

    Contenance bitte!

  54. Bersarin schreibt:

    @ El Mocho
    „Die Grundlagen der Physik finden sich in der physischen Realität“ Sehr gut. Ich sehe überall in der Natur und in den Einkaufszentren und Straßen dieser Welt Formeln in den Bäumen oder in den Auslagen hängen, und Apfel fallen nicht zur Erde, sondern es purzeln da die physikalischen Gleichungen von den Bäumen herab und schlagen Wurzeln. Wahrlich eine radikale Ansicht der Physik. Im Gegensatz zu meinen Bestimmungen vom Wesen sieht mir diese von Dir konstruierte Physik allerdings wie ein Stück Literatur aus, erinnert mich an „Alice im Wunderland“. Vielleicht meintest Du aber auch nur, daß Physik seine Basis in der Beobachtung, der Messung und in der Erfassung der Natur hat. Bereits der Begriff der „Natur“ (oder der „physischen Realität“) ist ein derart vielschichtiger, daß kaum eine Wissenschaft alleine ausreicht, um diesen Begriff zu entfalten.

    Ebenso sind Deine „logischen“ Schlußfolgerung recht abenteuerliche. („Ohne eine objektiv (und schon lange vor den Philosophen) existierende Welt gäbe es kein Leben … In sofern lässt sich die Existenz von Philosophie (und Moral und Religion und Gesellschaft usw.) sehr wohl naturwissenschaftlich verstehen“) Natürlich gibt es ohne Objekt kein Subjekt. Was für eine Trivialität. (Allerdings umgekehrt auch kein Objekt, das wahrgenommen werden könnte, sondern bloß blinde Natur.) Sehr wohl aber kann es Leben ohne eine Welt geben. Und wo überhaupt kommt der Begriff „Welt“ vor? Die Welt findet sich eben nicht in der physischen Realtität. Bereits diese ureinfache Bestimmung von Welt und Mensch bzw. von Subjekt und Objekt ist etwas, das Du nicht in der Natur oder in den Objekten findest, sondern nur durch Denken wirst hervorbringen können. Und für die Neurophysiologen unter den Lesern: Auch Denken ist mehr als der Fluß von Gehirnströmen und elektrochemischer Signalübertragung. Diese Aspekte sind notwendige Bedingungen fürs Denken, sie erklären das Denken neurophysiologisch. Mehr nicht.

    Ich weiß nicht, wie Du zu diesen absurden Annahmen kommst, die kaum ein Naturwissenschaftler teilt. Diese kennen sehr wohl ihre Grenzen und versteigen sich nicht in die Hybris, über ihren Objektbereich hinaus Aussagen zu machen.

  55. Bersarin schreibt:

    Hauke, Typen wie Du sind auf meinem Blog nicht willkommen. Und zwar aus dem Grunde, weil sie inhaltlich nichts zur Diskussion beitragen. An der Universität gab es früher zwei Gruppen, die wir Denkenden zutiefst verabscheuten: Den Unibluffer und den Blahfaseler, der etwas sagt, ohne etwas zu sagen. Ich denke, Du gehörst zur letzteren, besitzt aber durch die zumindest korrekte Schreibung und die Wiederholung des Begriffes „Distinktion“ schwer das Zeug, um irgendwann in die erste aufzusteigen.

  56. ziggev schreibt:

    Also doch, die „Grundlagen der Physik“. – Warum wohl schicken die Physiker mit nahezu Lichtgeschwindigkeit Minipartikel durch eine riesige Ringkonstruktion, damit sie aufeinanderprallen und dann noch kleinere Teilchen, die bei einem solchen Ereignis auseinanderstieben, beobachtet werden können ? Ganz einfach: weil es überhaupt gar keine „Grundlagen“ der Physik gibt! Durchgehen lassen könnte man vielleicht, die „Grundlagen“ wären die Gedanken von Gott. Aber selbst da – siehe Leibnizens Theodizee-Schrift – sind Zweifel erlaubt. Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selber nicht heben kann? Es gibt Zweifel. Selbst Gott verzweifelt an der Unveränderlichkeit der physikalischen Gesetzte, die überall und im gesamten Universum gelten. Was ist überhaupt mit „der Physik“ gemeint? Es gibt nicht „die Physik“. Allerhöchstens könnten wir sie mit den physikalischen Gesetzen identifizieren. Diese sind aber selber bereits „Physik“. Wir können nun nach der Ursache für diese Gesetze fragen. Dass es eben genau diese Gesetzte sind, hängt mit der Entstehung unseres Universums zusammen. Es ist denkbar möglich, dass es andere Universen gibt oder jedenfalls gegeben hat, in denen andere Gesetze herrschten. Es ist nun aber so, dass bei der Entstehung unseres Universums zufällig solche Parameter sich aktualisierten, die ein Universum hervorbrachten, das stabil ist. Warum das so ist, ist uns unmöglich in Erfahrung zu bringen. Und bekanntlich schuf Gott die Hölle, bevor er die Welt schuf, für Leute, die solche Frage stellen, wie die danach, was Gott tat, bevor er die Welt erschuf.

    Aber natürlich sind die grundlegensten physikalischen Gesetze nicht die „Grundlage“ „der Physik“! Es müsste doch aufgefallen sein, dass die Physiker eifrigst an denjenigen Gesetzen forschen, auf die möglichst viele andere physikalische Phänomene zurückführbar sind, mit dem Ziel, eine Weltformel zu formulieren. Aber wäre so eine Weltformel die „Grundlage“ ? Natürlich nicht. Eine solche „Grundlage“ steht am Ende der Bemühungen der Physiker. Also: was wäre das für eine Wissenschaft, die nichts anderes Tut, als tagein, tagaus verzweifelt ihre „Grundlagen“ zu erforschen ??? Es werden Prognosen getroffen, Hypothesen gebildet – und getestet. Könnten wir nun gewisse operationale Prinzipien eines solchen Vorgehens – etwas das der Falsifikation – als „Grundlage“ für die physikalische Wissenschaft ansehen. Antwort: Ja. Darüber gibt es aber unter Philosophen Streit, oder hat es gegeben. Nun, insbesondere die Art und Weise, wie Hypothesen erzeugt werden, lässt sich sich logisch modellieren, siehe John Stuart Mill. Folge dieses über ein paar Jahrhunderte sich hingezogen habenden eifrigen Falsifizierens ist das sogenannte Standart-Modell. Es handelt sich dabei um ein System von gut getesteten Hypothesen. Dieses Modell lässt sich mathematisch beschreiben, man denke an die Quantenphysik, mit der man wunderbar rechnen kann, wer aber glaube, er habe sie verstanden, habe sie nicht verstanden. Es ist ja bekannt, dass die Logik sich mathematisieren lässt. „Grundlage“ der Physik als Wissenschaft ist also die menschliche Fähigkeit, Hypothesen zu generieren, mittlerweile arbeitet man daran, Computer zu bauen, die selbst diese Arbeit dem Menschen abnehmen. Diese Hoffnung ist berechtigt, weil sich die derzeitige, und bereits seit ein paar Jahrhunderten geltende Theorie kausaler Regularitäten ganz wunderbar logisch modellieren lässt. Grundlage, oder eigentlich ja besser: die Ursache für das In-die-Welt-Kommen der Physik als Wissenschaft, mit der die Menschen herumhantieren, ist deren Fähigkeit, Hypothesen zu bilden. Aber das ist nicht genau genug, dieses Hypothesenbilden ist die Grundlage, um weiterzuforschen. Man könnte nun glauben, dass die Mathematik, die Grundlage der Physik ist, denn die Gesetze, die dabei herauskommen, lassen sich mathematisch beschreiben. Seltsam nur: erst kommt die Hypothese, dann die misslingende, aber notwendig prinzipiell mögliche Falsifikation, dann ein kohärentes und konsistente System solcher Hypothesen, dann das Modell und dann erst die mathematische Beschreibung. Dieser letzte Schritt soll nun die „Grundlage“ sein? Bezeichnenderweise ist man ja erst irgendwann darauf gekommen, dass die Physik mathematisch beschrieben werden kann. Die Mathematik taugt also auch nicht als „Grundlage“.

    Ihr argumentiert, als ob sich die Frage nach der „Grundlage“ „der Physik“ oder der physikalischen Wissenschaft überhaupt stellen lässt. Das ist mitnichten so, denn die Physik ist eine empirische Wissenschaft. – Anders als die Mathematik, in der es Axiome gibt. Als ob es physikalische Axiome gäbe oder geben könnte ! Ich bitte euch ! Selbstverständlich ist die Basis für das Entstehen einer physikalischen Wissenschaft ein Wesen, dessen Existenz physikalisch basiert ist. Als Vorschulkind glaubte ich auch, wenn ich mich in den Vorhang im Wohnzimmer einwickelte und die Augen schloss, ich sei „weg“. Mit Subjekt und Objekt hat all das nichts, aber auch gar nichts zu tun.

  57. Bersarin schreibt:

    Die Grundlage der Physik sowie die Grundlage jeder empirischen Wissenschaft werden sich nicht in der Empirie finden lassen. Das Beispiel mit dem Teilchenbeschleuniger trifft es insofern nicht, weil es sich hier eben um Physik handelt, die bekanntlich ein weites Feld ist, unterteilt in Spezialdisziplinen, wo die eine Hand kaum noch weiß, was die andere forscht. Ich schrieb es ja: die Grundlagen der Physik finden sich nicht in der Physik. Das vermag weder die Physik und noch eine andere Wissenschaft zu leisten, weil es ihren eigenen Geltungsbereich überstrapaziert und ihre Methoden dafür nicht ausreichen. Die Grundlage von Physik wird sich unter anderem in bestimmten Wissendispositiven, in Gesellschaftsformationen und ebenso in den Sätzen oder Axiomen der Mathematik finden lassen. Mit den Grundlagen der Physik sind natürlich keine physikalischen Axiome gemeint, sondern das, was die Physik gründet und worin sie ihr Wesen hat. Z.B. in der Erforschung der Natur unter bestimmten Aspekten, Sichtweisen und Methoden, die anders sind als z.B. die der Biologie oder der Chemie. Diesen Naturbegriff wird die Physik aber niemals anders als physikalisch erklären können. Diese Erklärung aber ist lediglich ein Aspekt von Natur. Wer über die Grundlagen der Physik nachdenkt, wird also auch über unseren Begriff von Natur und über den von Gesellschaften sinnieren, die Physik hervorbringen. Auf welche Weise ein Subjekt einem Objekt gegenübersteht und es wahrnimmt.

    Ebenso läßt sich darüber nachdenken, auf welche Weise wir welche Phänomene der Natur auf diese oder eine andere Weise erklären. Für den einen mag es die magische Erde sein, die den Apfel zu Boden fallen läßt, weil sie ihn in ihren Bann ziehen möchte und hungrig ist, in anderen Referenzsystemen spielt dieser Umstand des Fallens überhaupt keine Rolle, und es gibt fürs Fallen nicht einmal einen Begriff. Dieser Umstand gesellschaftlicher Dispositionen bedeutet nicht, daß die Ergebnisse der Physik relativ sind. Sie gelten auch für den, der das Fallgesetz ignoriert. Es zeigt dieser Umstand aber, daß es ein Nachdenken über die Physik gibt, das nicht mehr innerhalb der Physik liegt. Das mag manchem Naturwissenschaftler fremd sein, wie einem zweidimensional wahrnehmenden Wesen die dritte Dimension. Zum Glück aber ist es nicht allen fremd. Wenn wir über diese Fragen nachdenken, beschäftigen wir uns mit dem Wesen der Physik.

    Das Verhältnis von Subjekt/Objekt ist zunächst einmal etwas Basales. Das Vorschulkind mag es nicht sehen, weil es wegsieht: Dennoch steht ein Subjekt im Raum. Zugleich ist dieser Subjektbegriff sicherlich in vielerlei Hinsicht problematisch. Hegel wies darauf mehrfach hin, indem er dessen narzißtische Selbstbespiegelung sowie die Ichverzückungen des Meines aufs Korn nahm. Die modernen Natur- und Humanwissenschaften sind wesentlich durch dieses Verhältnis geprägt; nicht einmal Sprache wäre ohne diese Konstellation.

    Eine einzige Wissenschaft gibt es, die ihre Grundlagen in ihrer eigenen Wissenschaft behandelt: das ist die Philosophie.

  58. ziggev schreibt:

    bersarin, ich werde ziemlich polemisch antworten, nur hatte ich gestern (klein, weil deiktisches Adverb) einen Auftritt bei den nordhamburger autonomen Punkern, das wurde akzeptiert, die Nachwirkungen halten allerdings noch an. könnte also noch etwas dauern, bis ich ausgekältert bin.

  59. Pingback: anstelle eines | wortanfall

  60. ziggev schreibt:

    Dass unter den Einzeldiszplinen der Physik unterschiedliche Hände nicht wüssten, was in anderen Unterdisziplinen anders tätige Hände täten, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute anders eher, dass bereits Physikstudenten sehr genau verstehen, weshalb nach z.B. eindeutigen und unbezweifelbaren, sprich gut getesteten, Beweisen für die Existenz von Neutrinos gesucht wird. Die entsprechenden Versuchaufbauten können ja selbst populärwissenschaftlich den Laien erklärt werden. Ein weiteres Missverständnis: ich brachte das Beispiel mit den Teilchenbeschleunigern deshalb, weil ich versuchte zu zeigen oder darauf hinzuweisen, dass es doch einigermaßen unplausibel wäre, dass berufsbedingt intelligente Wissenschaftler solche immensen Summen Geldes, die so ein Teilchenbeschleuniger ohne Zweifel verschlingt, verbraten würden, wenn sie nicht eine Alternative sehen würden, um zu einer wenigstens annähernd befriedigenden Antwort, was die Existenz von (um im Beispiel zu bleiben) den ominösen Neutrinos betrifft, zu gelangen. Gäbe es „Grundlagen“ der Physik, könnten sie ja doch deduktiv vorgehen, oder es einfach mals drauf ankommen lassen, was dabei herauskommt, oder nicht? An solchen „Grundlagen“ ermangelt es aber as a matter of facts. Wenn es aber an Grundlagen fehlt, die zu irgendwelchen nennenswerten Ergebnissen in dieser empirischen Wissenschaft zu gelangen gestatteten, wenn das also klar ist, wie dürfen wir uns dann die „Grundlagen“ vorstellen, die wir – obwohl alle Evidenz dagegen spricht – dennoch suchen?

    Als ich mal an ´ner Uni rumhing, irgendwie war ich neugierig und der Meinung, ich hätte in der Schule außer in Musik nichts gelernt, kam mir doch das eine oder andere Mal die Sentenz zu Ohren, „tja, naja, hier kommt, glaube ich, Wittgenstein vorbei“. Wenn wir einfach nur ganz simpel die Sprache von Ungereimtheiten bereinigen, dann, so Wittgensteins berühmte Vermutung, würden sich die allermeisten philosophischen Probleme von selbst, ins Nichts auflösen.

    Desh. habe ich oben versucht, den Begriff der Ursache und den Begriff der Basis einzuführen, um etwas mehr Trennschärfe in den Begriff der Grundlage hineinzulegen. Mir schwebt hier einfach mehr ein wittgensteinisches (der frühe) Programm vor. Meine Intuition, die mir sagt, dass es auf keine Weise erforderlich ist, für alles eine „Grundlage“ zu suchen, denn es würde ausreichen, wie ein Ethnologe zu untersuchen, wie Wissenschaftler tatsächlich vorgehen, wenn sie das Ziel verfolgen, Wissen zu akkumulieren, um zu einer ersten Antwort auf die Frage zu gelangen: Was kann ich wissen, was wir uns also unter Wissen vorzustellen haben, das ohne Zweifel von der Menschheit vielleicht schon fast im Übermaß akkumuliert wurde (Reise zum Monde etc.), diese Intuition auf meiner Seite wird nun von Deinen Ausführungen krass kontratiert, der Du immer wieder von „Grundlagen“ spricht, ohne von mir erkannbarer Kritik an diesem Begriff selbst. BTW., Bruno Latour hat eben dieses Programm, soweit ich ihm folgen konnte, durchgezogen. Das nannte sich, soweit ich mich erinnern kann, „Wissenschaftssoziologie“.

    Der oben verlinkte Kemmerling kommt zu demselben Ergebnis. Wir haben es – außer in der Mathematik – mit vagen,unscharfen, also letztlich bedeutungslosen Begrifflichkeiten zu tun. Es bleibt uns vielleicht nichts anderes übrig, als aufmerksam zu beobachten, wie die Wissenschaftler, die Empirie betreiben, vorgehen, damit wir zu diesem unwahrscheinlichen Wissensschatz gelangen konnten, zu dem wir gelangt sind. Aha! so durchfuhr es mich, ich habe meine Brüder im Geiste meiner „Intuition“ gefunden! Wir stellen – was mich betrifft jedenfalls – ohne großes Erstaunen fest, dass diese Empiriker weit davon entfernt sind, sich auch nur eine Sekunde über vermeintliche „Grundlagen“ die Köpfe zu zerbrüten! Sagst Du ja selbst,es ist alleinig die Philiosophie, die sich solche Gedanken macht.

    Gäbe es solche „Grundlagen“, ich wiederhole mich, müssten sich auch aus diesen nichttheoretische Schlussfolgerungen ableiten lassen. Sowas gibt es aber nicht unter der Sonne (ich lasse mich durch Gegenbeispiele vom Gegenteil überzeugen)! Die Physiker würden den Teilchenbeschleuniger Teilchenbeschleuniger sein lassen, und sich in Theorie üben.

    Gut, wir können Einsteins Gedankenexperimente als Überlegungen zum Begriff „Zeit“ auffassen; aber was geschah dann? Seine Prognosen (also Hypothesen) wurden geradezu zutodegetestet. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er sich geirrt haben könnte: Durch empirische Testung sahen die Physiker sich gezwungen, an der – wenn Du so willst: begrifflichen – Grundlage der zukünftigen Physik herumzuschrauben. Einfach nur eine neue, getestete und universalerische Theorie. Eine physikalische Theorie; und es gibt selbstverständlich keinen Zweifel, es wäre albern, nach den Grundlagen der Physik in der Physik selber zu suchen. Das ist in unserem Sprachspiel so nicht vorgesehen.

    Wenn nun aber Wittgenstein nicht nur legere vorbeikommt, sondern fast manisch an die Tür klopft, nicht klopft, er hämmert bereits, und wissen will, was bitteschön mit dem Wort „Grundlage“ in einem ganz realen Sprachspiel gemeint sein könnte, dann, so finde ich, sollte man ihn wenigstens hereinbitten, bitten, platzzunehmen – worüber wir nichts sagen können, darüber sollten wir schweigen. Aber eine nachmittägliche Plauderei ist immer drin.

    Ich würde Dich also um eine nähere Bestimmung des Begriffs „Grundlage“ bitten. Grundlage der Physik – und hier vermisse ich bei Dir systematisch die Trennschärfe zw. Physik als Wissenschaft und „Physik“ als die Basis unseres Universums. Ich habe ja sogar aus kriminalistischer Sorgfalt und Neugier nicht nur bei Wiki rasch die Artikel zum Wesen (Platon, Aritoteles), zum Analogieschgluss, zu Aristoteles´ Kategorienschrift und dem Universalienstreit überflogen – sondern auch ein, oder zwei Blicke in meinen Reader zum dt. Idealismus hineingeworfen. Ich gebe frei wieder: Hegel meint, nur in der Spekulation finde sich etwas wie „Wahrheit“. – Zugegeben, jetzt habe ich keine Lust gehabt, solch einen Unsinn noch einmal genauer nachzulesen. Du zäumst das Pferd auch in einem multidimensionalen Universum mit ganz bestimmter Gewissheit von der falschen Seite auf.

    Wir nehmen zur Kenntnis, dass wir heute über einen hinterfragbaren Naturbegriff verfügen. Und ich bewundere Momorulz´ Gelassenheit, wenn er sich über den Naturbegriff von diesem Papst deutscher Herkunft äußert, den letzterer sich erdreistet, in seiner philosophischen Unhaltbarkeit auch noch vor einem vermeintlich ungebildeten Publikum im dt. Bundestag um keine Peinlichkeit verlegen hinauszuposaunen.

    Und klar, wozu haben wir Begriffe, wenn nicht, dann dazu, um dieselben zu kritisieren? Ein Begriff muss immer kritisierbar sein, so meine ad hoc-Annahme, damit wir in vollem Sinne, zu unserem derzeitigen Stand unserer Bemühungen, von einem ‚Begriff‘ sprechen können. Verfügten aber die eimerherumschleudernden Milesier, ein die Fallgesetze austestender Galileo, oder Kepler mit seinen Planetenbahnen und dem heliozentrischen Weltbild über einen Naturbegriff in diesem Sinne? An dem sie sich abarbeiteten, und/oder den sie kritisieren, irgendwie neujustieren wollten? Antwort muss lauten: Nein ! In den Veden – oder waren es die Upanischaden? – finden wir eine klar ausgearbeitete Theorie (jedenfalls implizit) der kausalen Regularitäten im Bereich der Medizin. Es liegt doch klar zutage, dass eine Theorie kausaler Regularitäten keiner begrifflichen „Grundlage“ bedarf: Was hat Galileo mit den wissenschaftlichen Überlegungen, die im vorchristlichen Indien angestellt wurden, zu tun? Oder lass uns das Argument mal mit Außerirdischen durchspielen!

    Heute, meinetwegen geschult durch Hegel, kritische Theorie und dergleichen faszinierende Theorienbildungen mehr, haben wir die Möglichkeit, historisch-kritisch Überlegungen anzustellen, über welchen ‚Begriff‘ von ‚Natur‘ sagen wir die Vorsokratiker verfügten. Das aber nur, weil wir über einen kritisch durchleuchteten, ich wollte schon sagen ‚geläuterten‘ Begriff hier verfügen. Mit diesem Werkzeug, und ich will ja gar nicht aufhören, die Leistungen derer zu rühmen, die es uns im Ergebnis bereitstellten, gehen wir aber erst später an diese antiken und vorchristlichen, sogar vorsokratischen, von uns nur vermuteten „Begrifflichkeiten“ heran. Wenn wir von „Grundlagen“ sprechen wollen, dann will ich eine Kausal-Theorie. Alles andere wäre albern, das Betonwand-Argument brauche ich ja nicht zu bringen. Nach allem, was wir wissen, bewegt sich der Zeitvollzug immer einfach nur in einer Richtung (in welcher, darüber mögen sich einige Kosmologen streiten), das bedeutet, dass wir eine Kausal-Theorie benötigen, wenn wir überhaupt etwas erklären wollen. Du scheinst Dich aber an eine Vorstellung festzuklammern, die entgegen jeder Evidenz den Zeitpfeil umzudrehen zur Voraussetzung zu haben scheint.

  61. ziggev schreibt:

    PS. Schopenhauer: Dummheit ist die Verwechslung von Ursache mit der Wirkung.

  62. Bersarin schreibt:

    Zum Grundlagenbegriff führe ich oben in meinen Postings einiges aus. Ich liefere keine Definitionen wie: „Eine Grundlage ist die Summe der Gesamtheit aller X“ oder ähnliches. Philosophie, die mehr als bloßes Schema ist, kann nur bedingt ihre Begriff definieren. Soviel bloß: die Grundlage ist das, was einer Sache zugrunde liegt, was die Sache gründet, sie in ihren Grund zurückführt. Die Frage wäre allerdings, wenn ich es zuspitze, ob eine Grundlage nicht genausogut in der Physik selber angetroffen werden kann: Raum und Zeit etwa sind, anders als das gesellschaftlichen Feld der Begriffsbildung und des Wissensdispositivs, das diese Begriffe konstituiert, ebenso Vorkommnisse der Physik, die dieser ihre Struktur und ihr Feld geben.

    Ich denke, wir verstehen unter „Grundlagen“ etwas völlig anderes. Es gibt keine allgemeinen, ewig geltenden Gesetze der Physik (das schrieb ich ja), und es finden sich die Grundlagen der Physik nicht in der Physik, auch das schrieb ich mehrfach. (Wobei es bei den Begriffen Raum und Zeit noch einmal eine Frage ist, wo sie genau stehen.) Und Gesetze derselben gelten eben nur bedingt. Jedes Gesetz, jeder Satz ist prinzipiell falsifizierbar und besitzt damit eine bedingte Allgemeingültigkeit. Nun könnte man natürlich, tricky mit Hegel, schreiben, daß eine bedingte und damit relative oder relationale Allgemeingültigkeit nun einmal keine Allgemeingültigkeit ist und damit auch keine Wahrheit besitzt. Die halbe Wahrheit ist eben nur die halbe und damit gar keine Wahrheit, insofern nur ein Aspekt einer Sache. (Womit wir wieder bei Wittgenstein und dem Aspekte-Sehen wären. Oder bei Nietzsches Perspektivismus.) Aus diesem Grunde stimmt womöglich der Satz, daß Naturwissenschaften als solche keine Wahrheit produzieren. Zumal sie gut hegelianisch gesprochen sowieso nur ein Teil der Sphäre des Geistes sind. Und in diese Richtung hin ist ebenso der Satz Heideggers zu verstehen, wenn er schreibt, „Die Wissenschaft denkt nicht“ Das ist nicht wissenschaftsfeindlich gemeint, als ob die Wissenschaftler nun blöd wären, sondern dieser Satz muß in Zusammenhang mit der Bedeutung des Begriffes „Denken“ bei Heidegger gelesen werden.

    „Wenn wir einfach nur ganz simpel die Sprache von Ungereimtheiten bereinigen, dann, so Wittgensteins berühmte Vermutung, würden sich die allermeisten philosophischen Probleme von selbst, ins Nichts auflösen.“ Das ist nicht nur eine der schönen Illusionen des Ordnungsneurotikers, sondern auch ein ganz und gar unphilosophischer Gedanke der rationalen Verfahrenslogik. Nicht anders als der planwirtschaftliche Sozialismus: Wenn wir nur einen Fünfjahresplan haben und die Arbeiter die Macht besitzen, dann werden wir eine gerechte Gesellschaft bekommen. Beide Ansätze sind Varianten des Positivismus, der die Welt handhabbar machen will.

    Intuitionen sind – zumindest in der Philosophie – von begrenzter Reichweite. Sie mögen in der Heuristik behilflich sein, aber in der Analyse tragen sie nicht weit. Nein, dem Physiker in seiner Tätigkeit sind die Fragen nach den Grundlagen seines Faches, sofern diese nicht die Physik selber betreffen, egal. So wie den Menschen in ihrer Lebenswelt meist die Philosophie egal ist. Wer ein Haus baut, fragt nicht nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung. Er kann dies zwar, aber es hilft beim Hausbau unmittelbar nicht weiter. Wer aber über sein unmittelbares Tun und die bloße Anhäufung von Wissen hinausgeht, der wird sich auch die Frage nach der Grundlage des Faches oder seiner Tätigkeit stellen. Und das ist dann der Moment, in dem Philosophie seinen Platz hat.

    Übrigens reicht, mit Kant gedacht, die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis in die Physik hinein und berührt deren erkenntnistheoretische Grundlagen: Zeit und Raum, die Kategorientafel: unsere Verstandesbegriffe nämlich und die Frage des Zusammenspiels von Sinnlichkeit und Verstand. Das sind nun freilich keine Ergebnisse der Physik, sondern der Erkenntnistheorie. Ohne diese Begriffe jedoch sowie ohne die Formen der Anschauung lassen sich keinerlei physikalischen Gesetze oder Sätze bilden.

    Hätten wir es generell mit „ vagen, unscharfen, also letztlich bedeutungslosen Begrifflichkeiten zu tun“, dann wäre jeder geäußerte Satz nichtig. „Ich gehe einkaufen!“ ist dann ebenso bedeutungslos wie „Ich forsche am KERN.“ oder „Ich habe gerade das kleinste denkbare Teilchen im Teilchenbeschleuniger entdeckt.“ oder „Es gibt Grundlagen, auf denen die Physik beruht.“ Auch der Begriff der Grundlage unterliegt einer Semantik.

    Natur sowie deren Wahrnehmung ist kulturell konnotiert. Und natürlich verfügten auch Galilei, die antiken Naturphilosophen oder der Philosoph und Naturforscher Aristoteles über einen Begriff von Natur. Ansonsten würden sie sich nicht an die Erforschung der Natur machen, ansonsten brächten Thales oder Anaximander keinen einzigen Gedanken zustande. Übrigens verfügen auch die, welche die Natur im Banne des Mythischen sehen, über einen Naturbegriff, selbst wenn sie im strengen Sinne nicht als Naturforscher durchgehen mögen.

    Diese Grundlagen des Denkens bedingen das Naturwissenschaftliche und die Möglichkeiten, Natur zu erfahren oder zu messen. Das ist freilich nicht in einem eindimensionalen Kausalverhältnis möglich, weil Entdeckungen der Naturwissenschaftler durchaus Einfluß auf das Weltbild haben können. (Etwas verkürztes Stichwort dazu: Ptolemäus und Kopernikus) Solche Sicht auf Naturwissenschaft hat nur wenig mit einer ex post facto-Deutung zu tun. Wir dichten den Griechen nicht die Grundlagen hinzu, sondern diese sind dort bereits vorhanden und bilden das Dispositiv für das Denken der antiken Naturphilosophen. Aber diese Struktur steht, wie gesagt, nicht in einem einfachen Kausalverhältnis.

  63. ziggev schreibt:

    dear bersarin, ich habe mich noch nicht durch Deinen gesamten Text durchgearbeitet. Es ist aber zutiefst traurigstimmend, wie jemand sich so von der Philosophie in die Irre hat leiten lassen können. Hier ein Anfang.

    ja, Raum und Zeit, welche triviale Einsicht bereits Kant nach seinen umfangreichen, und nichtsdetoweniger nichtssagenden Auführungen bereits gloreich gewann. Menschenskind, ich werde meinen Mund nicht weiter mit solchen Wortschöpfungen beschmutzen : „Anschungsform..“ ist einfach eklig. Als Kandidaten würde ich vorschlagen: den Satz vom Widerspruch; hat ja v. Weizäcker mal was zu geschrieben. So Richtung dreiwertige Logik usw.

    Ansonsten, bersarin, Du weißt, wie sehr ich Dich schätze, ich lese natürlich immer nur Blogs, die die diametral entgegengesetzten zu Meinen bescheidenen Ansichten vertreten. Wie sollte ich denn sonst dazulernen? Hier gehst Du aber imho wirklich in die Irre.

    „die Grundlage ist das, was einer Sache zugrunde liegt, was die Sache gründet, sie in ihren Grund zurückführt“ ich will nicht beleidigend sein, aber es heideggert hier mir eindeutig zuviel.

    „das gesellschaftlichen Feld der Begriffsbildung und des Wissensdispositivs“ hört sich ja ganz gut an, bloß durch diese angeblich ‚begriffliche‘ Verwirrung ist in der realen Welt nichts um kein Stück klar oder um nur einen Deut klarer gestellt. Ich finde es peinlich, dass Du, wenn auch ich an dieser Stelle nicht sonderlich klar argumentiert habe, einfach nur ausweichst.

    Deine Ausführungen zur Handhabbarmachung der Welt, mit dem Zeichen des Positivismus in den Augen glänzend (ist es nicht eigentlich ein Dollar-Zeichen?), lesen sich gut und bekömmlich.

    Aber ich bin nun mal Positivist: es klingt unanständig, aber ich bin ein Künstler; mal gelingt es, mal nicht, wenn ich mit den Zeichen, genannt auch Alphabet, spiele; ich spiele in ´ner hard rock band, und wenn´s gut läuft, dann, ja, wirklich buchstäblich, tanzen die nur allzujungen Frauen für uns, sie ’schütteln ihr Haar für mich‘. ich bin und bleibe Positivist.

    Aber ich lese weiter: „Wer aber über sein unmittelbares Tun und die bloße Anhäufung von Wissen hinausgeht, der wird sich auch die Frage nach der Grundlage des Faches oder seiner Tätigkeit stellen“ – bitte, ich bin entsetzt und enttäuscht: Wieder an zentraler Stelle ein undefinierter Begriff! Du hast in Deinem ganzen Leben noch nie über den Begriff der „Grundlage“ nachgedacht! Ich verlange einen Gegenbeweis!

  64. Bersarin schreibt:

    Du scheinst schlicht nicht zu verstehen, was ich schreibe. Lassen wir Kant mal beiseite, den ziggev ja in einem Satz bravourös erledigte, so daß jener nun in seinem unbewiesenen Blut schwimmt.

    Dispositive des Wissens umschrieb ich hier in meinen Kommentaren vielfach. Ich erkläre es Dir aber gerne noch einmal: Das Wissen einer Gesellschaft ist nicht vom Zufall gesteuert ist, darüber dürften wir wohl einig sein. Auch darin, daß ein Weiser der Maya oder irgend einer anderen Ethnie einen völlig anderen Begriff von Natur hat als ein Europäischer Gelehrter sagen wir im 15. Jahrhundert. Und nun fragen wir uns: Woran liegt das? Ist dieses Wissen und diese Differenz vom Himmel gefallen und gottgegeben? Sicherlich nicht. Daß Platons Philosophie, die die des Sokrates sein soll, der nie etwas schrieb, noch im Mythos fußt (bereits seine Textform als Erzählung, als Dialog weist darauf hin) und daß Aristoteles‘ Philosophie bereits einer anderen Zeit angehört, die den Ausgang abendländischen, erkenntnistheoretischen Philosophierens bildet, hat seinen Gründe in der griechischen Gesellschaft. Es gibt hier einen Übergang des Wissens, der u.a. mit dem Begriff von Natur zu tun hat.

    Ähnliches gilt für den Begriff der Liebe: er ist nicht von der Antike bis heute gleich geblieben. Wer heute kleine Jungs pädagogisch und auch mit Körpereinsatz leiten will, der bekommt es mit der Polizei und nicht mit der Philosophie zu tun. Wer heute eine Zwölfjährige verheiraten möchte bekommt, außer im Jemen vielleicht, erhebliche Probleme. Dieser Wandel des Liebesbegriffes gründet im gesellschaftlichen Wandel, mithin in Dispositiven von Gesellschaft. Im Begriff des Dispositivs folge ich Foucault. (Was ich in einem gesonderten Blog-Text gerne ausführe. Dispositive des Wissens. Denn es reicht ja nicht, nur auf einen Namen zu verweisen. Das erklärt nichts. Aber es indiziert zumindest eine Bewegung des Denkens.) Inwiefern Begrifflichkeiten keine ontologischen Konstanten darstellen, das zeigt Luhmann in seinem Buch „Liebe als Passion“ gut.

    Ziggev, vor dem Definieren kommt das Verstehen von Sätzen. Ansonsten wird es auch mit dem Definieren nichts. Da kann ich dann noch so viel definieren, wenn einer nicht verstehen will oder kann.

    Und nun erkläre mir mal, ziggev, worauf die Physik fußt. Und komme mir bitte nicht damit: Auf der Physik. Denn auch der Tisch steht, sofern er nicht gestapelt ist, nicht auf dem Tisch, sondern auf der Erde.

  65. Bersarin schreibt:

    Und noch etwas: Wenn Du aus dem Begriff der Grundlage weder denn Grund noch das Liegen herausliest, dann kann ich Dir da nicht viel helfen.

    Was den Grund selber betrifft, so können wir Hegel aus der „Wissenschaft der Logik“ genauer aus der Wesenslogik, sprechen lassen. Da diese Sätze Hegels hinreichend verständlich sind, bedürfen sie zunächst keiner Paraphrasierung:

    „Der Grund ist wie die anderen Reflexionsbestimmungen in einem Satze ausgedrückt worden: Alles hat seinen zureichenden Grund. – Dies heißt im allgemeinen nichts anderes als: was ist, ist nicht als seiendes Unmittelbares, sondern als Gesetztes zu betrachten; es ist nicht bei dem unmittelbaren Dasein oder bei der Bestimmtheit überhaupt stehenzubleiben, sondern davon zurückzugehen in seinen Grund, in welcher Reflexion es als Aufgehobenes und in seinem Anundfürsichsein ist. In dem Satze des Grundes wird also die Wesentlichkeit der Reflexion-in-sich gegen das bloße Sein ausgesprochen. – Daß der Grund zureichend sei, ist eigentlich sehr überflüssig hinzuzusetzen, denn es versteht sich von selbst; das, für was der Grund nicht zureicht, hätte keinen Grund, aber alles soll einen Grund haben.“ Hier nun, an dieser letzten Stelle, wird es ein wenig vertrackter und geht in die Bewegung des Begriffs hinein.

    Nichts ist ohne Grund. Auch die Physik nicht.

  66. ziggev schreibt:

    „Auch darin, daß ein Weiser der Maya oder irgend einer anderen Ethnie einen völlig anderen Begriff von Natur hat als ein Europäischer Gelehrter sagen wir im 15. Jahrhundert.“ (Hervorhebung von mir)

    – bersarin, simple Frage: Wer sagt uns, dass es einen Begriff von Natur überhaupt gibt? wenn wir uns diesen nicht klar denken können, wie könnten wir uns Unterschiede in dieser Auffassung vorstellen, oder gar denken? Ich glaube, wir müssen uns damit abfinden, dass ‚begriffliches Denken‘ – was ohnehin eine contradiction in terms ist – zu keinem Erkenntnisgewinn je führen wird.

  67. ziggev schreibt:

    PS: good night ! (es ist spät geworden, bis ggf. morgen)

  68. Bersarin schreibt:

    Einen Begriff von Natur gibt es nicht. Aber es gibt einen Begriff von Natur, der in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausfällt. Über diesen Begriff kann man in verschiedenen Formen sich austauschen. Vom Ethnologen, der teilnehmend oder fragend beobachtet und der damit sehr europäisch forschend daherkommt, bis hin zum Hermeneutiker, der verstehen will. Sei es, was gavagai bedeutet oder was andere Gesellschaften über das sie Umgebende erzählen und aussagen.

    Eine Philosophie, die derart klein von sich behauptet, daß „begriffliches Denken“ zu keinem Erkenntnisgewinn führt, trägt zu unrecht den Namen Philosophie im Titel. Und es ist dies zugleich ein Hohn aufs Denken. Begriffliches Denken (und wie anders sollte Denken auch gehen? Allenfalls noch in Bildern.) lernt man nur durch die Schärfung der Begriffe, indem wir uns in die Sprache und in die Begriffe hineinbegeben. Auch Bilder erfordern Begriffe. Gewitzte sagen nun, daß auch Begriffe Bilder erfordern. Was stimmt. Die Photographie und die Malerei zeigen es uns.

    Ja, es ist spät. Und ein eurozentristischer Skeptiker würde vielleicht sogar sagen „Good night, white pride!“ Als alter Metaphysiker warte ich da aber gelassen. In die Nacht hinein und darüber hinaus. Die wir Bewohner des Grandhotels so sehr lieben: Reisen in die Morgue und in die Nacht (des Begriffs). Fiat Lux

  69. ziggev schreibt:

    ok., der Sieg geht an Dich, ich werfe das Handtuch. bitte nur als Zwischennotiz lesen. ich werde mich nicht nur mit Platons Begrifflichkeiten beschäftigen müssen. und lese aber viel lieber Deine Notizen als direkt Hegel und was es an Unsinnigkeiten dergleichen möglicherweise mehr gibt. mit dieser alten mülligen Geschichte, die Hegel versuchte in seiner „Wissenschaft der Logik“ – völlig albern, wenn wir dieses Werk mit Frege vergleichen – fortzuführen, werde ich mich wohl irgendwann doch noch einmal beschäftigen müssen, wenn wir im Gespräch bleiben wollen. das wäre – ganz im Sinne meiner peniblen kriminalistischen Sorgfalt, die sich auch noch den letzten Mist reinzieht, um zu einem historischen Überblick zu gelangen – wohl doch irgendwann mal angesagt. ich mag Hegels Stil nicht; dafür umsomehr den Platons. Platon (der frühe, in der Schleiermacher-Übersetzung) ist eine Schule des guten Stils: – plötzlich bin ich um unwahrscheinlich Vieles mehr höflich zu meinen Mitmenschen (…)

    lese ich Hegel direkt, also ohne ihn historisch einzuordnen (weil mir dazu das Kontextwissen fehlt), dann finde ich das banal, langweilig, wirklich, ich versuchte es mit der Phänomenologie des Geistes, aber mich überkam sofort die Sehnsucht nach Descartes, der für mein Empfinden brillanter schrieb, eigentlich war es für mich eine Frechheit, dass Hegel sich dermaßen erdreistete, mich zu´langweilen; und eh´ ich mich versah, war das Buch schon wieder meinen Händen entglitten. Du kennst ja meinen Leib-und-Magen-Schriftsteller, der lagt ja direkt daneben auf dem Bücherhaufen, der sich neben meinem Bett im Verlauf von etwa 1 1/2 Jahren aufgestapelt hatte.

    Hegel, das hatte ich bereits in meiner nicht immer nur lustigen Pubertätspsychose schon lange durch. keine Neuigkeit, keine interessante Information, nichts, nur Gähn. I ´m sorry, ich finde Hegel einfach nur langweilig.

    ich werde aber hier noch einmal rekapitulieren – und ggf. doch noch einmal ein Argument bringen, Grüße, zig.

  70. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern um die Sache und um Argumente. Ich bin kein Physiker, ich kann die Physik nur aus der Perspektive der Philosophie mir betrachten. Ebenso können die Physiker nur einen kleinen Teil der Philosophie sehen.

    Zu Hegel mag eine/r stehen wie sie oder er es wollen. Vorbei kommt man an ihm freilich nicht.

  71. ziggev schreibt:

    Es steht fest, Hegel ist nur Blah. Autoritätssüchtige berufen sich immer wieder gerne auf ihn. Es gibt aber keine andere Begründung, die einen veranlassen würde, Hegel zu lesen, als: „Das hat mein Vater so gesagt, dass man ihn lesen müsste“. ich muss hier leider psychologosieren (ich glaube, wir teilen die Abscheu davor): Einerseits gibst Du zum Besten, dass es keine Verlierer oder Gewinner gäbe, andererseits unterlässt Du es nicht, anzumerken, dass an Hegel nicht vorbeizukommen wäre. Das ist genau das Nochmal-Draufhauen des Gewinners. Und genau diese Arroganz einer herrschaftssüchtigen, vermeintlichen Geisteselite ist es, die mich schon immer angenervt hat. Du verlegst Dich immer nur auf Verweise, dort und dort wäre dieses oder jenes nachzulesen. Zitate, immer nur Zitate, die keinem anderen Zwecke dienen, als dem, an vermeintliche Geistesblitze zu erinnern, die den auf die basalste Dummheit zurückgeschraubten Leser für sein höchst subjektives Hochgefühl durchfuhren. Niemals, nie und nimmer, wagen es solche Besserwisser eine These oder einen Gedanken Hegels einmal in eigenen Worten zu reformulieren. Immer nur die sentimentalische Erinnerung an einstige Lektüren. Und ich zweifle keinen Augenblick daran, dass Du nicht in diesen Phasen die intensivsten Augenblicke erlebst hast, insbesondere mit dem anderen Geschlecht. Aber das kann nicht alles sein, könnte nie alles gewesen sein. Trotz oder gerade entgegen Quines berühmter „Unbestimmtheit der Übersetzung“ verlange ich eine Übersetzung des Hegel-Lesers für die Zwecke einer philosophischen Diskussion im Wortsinne. Aber genau das findet niemals, nimmer, nicht statt. Du weißt sicherlich, dass in Boston, Harvard oder in Cambridge oder in Oxford Schopenhauer oder Kant im Original gelesen wird. Einfach nur, um die stilistischen Nuancen korrekt aufzufassen. Das beste Englisch spricht man bekanntlich in Indien – das beste Deutsch, wenn es für Dich neu sein sollte, in Harvard. Aber eine Philosophie, die sich als nichtübersetzbar darstellt, verliert diesen Anspruch, überhaupt Philosophie zu sein. Ich brauche Dich nicht an Heidegger als abschreckendes Beispiel zu erinnern.

    Es ist lediglich das Sich-Berufen auf Autoritäten, die ich aber, da diejenigen, die sich ohn´ Unterlass auf ebenjene, ohne selber mal „Butter bei die Fische“ zu geben, berufen, es nie wagen, sich in das Gestrüpp der Syntyx selbstgebauter Sätze mit vollem Risiko hineinzustürzen, lediglich als Phantomautoritäten anerkennen kann. Philosophie muss übersetzbar sein; den mathemtischen Beweis, in den griechischen Strandsand hineingezeichnet, versteht auch der Sklave, und sei er auch nur herangezogen (oder erfunden) worden, damit Sokrates eben dies beweisen konnte.

    Eine elitär-herrschaftssüchteige Phantomphilosophie kann keinen anderen Zweck haben, als einer dekadenten Möchtegern-Elite als Ausfluchtshilfsmittel zu dienen, bloß um noch einmal, ein-einhalb Sätze lang dem nach selbstaufgestellten Kriterien vermeintlich geistigen Schwanzvergleich standzuhalten.

    Du nimmst dazu auch noch einen emphatischen Begriff von Philosophie in Anspruch, ohne je auch nur einmal auf- oder auszuweisen, wo was irgendwo steht. Adorno kann ich akzeptieren, weil er gut schreibt. Die Arroganz eines Nörglers auch, weil er wenigstens dieselbe in Formperfektion zu Protokoll gab. (ich vermute, er ist von uns gegangen; ich bin jetzt aber zu eilig unterwegs, um diesem höchst bedauerlichen Verlust das ihm gebührlichen Bedauern meinerseits Ausdruck zu verleihen.)

  72. ziggev schreibt:

    please nur die Korrektur: „das ihm gebührliche [ohne ’n‘] Bedauern …“ usw. Ich bedaure es wirklich, dass wir solange vom Nörgler nichts mehr gehört haben.

  73. Bersarin schreibt:

    Ich abe Dir den Begriff der Grundlage auf mehr als eine Weise erläutert. Unter anderem mit einem Hegelzitat. Es gibt nun zwei Möglichkeiten. Entweder Du kannst oder Du willst diese Erklärungen ganz einfach nicht verstehen.

    Eine Hegelkritik auf dieser Ebene, wie Du sie führst, ist keine Hegelkritik, sondern der Kindergarten. „Bähh ich mag keinen Spinat!“ Muß man auch nicht mögen. Wer Hegel nicht immanent über seine Texte zu kritisieren vermag, sollte sich anderen Feldern als der Philosophie widmen.

    Da Du Hegel nun blöd findest, sind sicherlich auch Kant und Aristoteles doof, vielleicht nicht Spinat, sondern eher wie Mangold. Denn Hegels Philosophie ist zu großen Teilen eine Auseinandersetzung mit diesen beiden. Vielleicht hast Du das ja bei Deiner Lektüre der „Wissenschaft der Logik“ bemerkt. Vielleicht auch nicht.

    Es gibt Positionen der Philosphie, die sind Basis und Ausgang, an denen führt kein Weg vorbei, wenn man sich mit Philosophie beschäftigt. Darin wirst Du mir gewiß zustimmen. Ansonsten hat es nämlich keinen Sinn, sich mit Philosophie zu befassen. Das ist übrigens in der Physik und der Mathematik auch nicht anders. Zu diesem Korpus gehören die Texte Platons, Aristoteles‘, Leibniz‘, Kants, Hegels – um nur einen knappen Auszug zu geben. Bevor man Quine liest, täte die Rezeption Hegels durchaus gut. Ansonsten könnte es passieren, daß einer den Nordpol zum zweiten Mal entdeckt. Aber für Ziggev hat es wahrscheinlich auch etwas mit Autoritätsgläubigkeit zu tun, wenn man beim Spreche auf den Satz der Identät oder den vom Widerspruch sich beruft, um logische Unstimmigkeiten zu beseitigen.

    Wenn die Bewohner von Harward das beste Deutsch sprechen, dann wird es ihnen gewiß nicht schwerfallen, die Texte Heideggers oder Hegels in bestem Deutsch auch zu lesen. Vielleicht gelingt dies irgendwann auch Dir. Und dann darfst Du diese Texte auch kritisieren. Aber nicht vorher.

    Es gibt übrigens Umstände, da hat der Vater durchaus recht, wenn er par ordre du mufti deklariert: „Ab zum Hegellesen!“ Nämlich dann, wenn es um Philosohie geht. Oder wie sonst willst Du Marx und Kant ohne Hegel verstehen?

  74. Bersarin schreibt:

    Und noch etwas Inhaltliches zur Autorität des oben zitierten Satzes von Hegel zum Grund: Dieser Satz entfaltet eine Bestimmung des Grundes, die nicht statisch gedacht ist und die nicht davon ausgeht. daß es onologisch-starre Entitäten gibt. Das Wesen ist, wie alle Begriffe bei Hegel, von einer Bewegung geprägt. Auch der Grund ist vermittelt und kommt nicht aus dem Nichts. Damit diese Frage nach dem Grund nun nicht in die schlechte Unendlichkeit nach der Frage vom Grund des Grundes des Grunds mündet, sind bei Hegel die Begriffe verkoppelt und aufeinander bezogen. So taucht zwar im Grund der Seinsbegriff wieder auf, den Hegel im ersten Teil seiner WdL zur Darstellung brachte – wir erinnern und an die ersten Sätze der WdL und an das, was sich daraus ableitete: nicht das Sein oder das Nichts, sondern das Etwas als Etwas unterscheiden macht den Gang -, aber dieser Seinsbegriff ist nun aufgehoben in dem des Wesens. Es gibt kein seiendes Unmittelbares, sondern jeder Begriff jede Sache ist geworden. Dieses Verhältnis von Wahrheit und Wissen, von Subjekt und Objekt, vom Gegenstand der Erkenntnis und vom Erkennenden (oder auch der Erkennenden) entfalten die Texte Hegels. Was daran nun autorität sein soll wird mir der gute Ziggev dann demnächst erklären.

    Eine Physik, die keine Grundlage hat, ist keine Physik, sondern irgendwas, etwas ganz Unbestimmtes.

  75. ziggev schreibt:

    „Basis und Ausgang“ – eine schöne Wortwahl, für die ich mich bedanke. natürlich bedanke ich mich auch für diese ausführliche Antwort, die du noch immer bringst – trotz meines etwas haltlosen Wutanfalls.

    ich kann zu meiner Verteidigung nicht mehr viel vorbringen. Versprochen habe ich ja bereits, Deine Ausführungen nocheinmal zu rekapitulieren. Ja, und ich glaube verstanden zu haben, dass die WdL in der Urtratition der abendländischen Tradition gelesen werden will. Mir ist schon klargeworden, dass Hegels erster Satz in diesem Werk so gelesen werden muss. „Wesen“ – oder Ousia – ist als termicus technicus zu verstehen, nur so kann dieser Satz befreit von der hegelianischen Trivialität gelesen werden.

    Aber trotz meiner Verehrung für Platon kann ich nicht anders, als zu konstatieren, dass all diese Begriffsgymnasik absolut keine Spuren in der abendländischen Wissensakkumulation gespielt hat. Bei keinem Ding, das für uns existentiell eine Rolle spielt (denn Wissen ist eine existentielle Angelegenheit), haben Hegelianer auch nur je ein Wort zu melden gehabt.

    Wir finden im Vorwort zu Abraham A. Moles´ „Théorie de l’information et perception esthétique“ (1958) noch einmal einen seltenen Verweis auf Hegel (allerdings mehr die Wissenschaftsgeschichte betreffend, und zwar nicht die Ästhetik), aber danach ist ziemlich Ebbe, was die Wirkungsgeschichte Hegels betrifft. Es fühlte sich einfach nie mehr jemand berufen, sich auf ihn zu beziehen, weil es einfach auch ohne Hegel super flutschte.

    Ich hatte immer schon Mitgefühl für den autoritätsgläubigen Optimismus der Siebziger, fand ihn aber immer wieder faszinierend. Zur Belustigung, aber auch als Symptom für jene Zeit der Tapetenmuster, in der ohne Hegel und Freud anscheinend gar nichts ging und Freud, Hegel und Kyberdetik zusammen“gedacht“ wurden, möchte ich ein Zitat bringen (weil Moles trotz sorgfältigster Nachsuche bei mir nicht mehr auffindbar ist):

    Hans Kilian, Überlegungen zur Metanoetik – Ein Beitrag zur kritischen Theorie unbewusster Strukturen des bewussten Denkens (jetzt kommt sogar ein Lacan-Zitat!). in: Philosophie und Kyber netik, Karl Steinbach und Simon Moser [Hrsg.] (1970)

    „Die Leistungsfähigkeit dieses nachrichtentechnischen Modells
    der Verdrängung und der Gewissensbildung ist insofern von un-
    schätzbarem Wert, als es relativ verläßliche Kriterien zur Unter-
    scheidung zwischen einer pathologischen Verdrängung und einer
    ››bionomen« (I. H. Schultz) Überformung liefert, welche im Be-
    zugssystem der Psychoanalyse Freuds
    bisher unausdrücklich blei-
    ben. Die Überformung der Sollwerte von Reglersystemen niederer
    Integrationsstufe durch solche von Reglersystemen höherer Inte-
    grationsstufe der Funktionshierarchie eines lebenden Systems ist
    nur dann organismisch ›systemgerecht‹ , wenn sie eine Regelung
    der Dynamik untergeordneter Punktionskreise gleichwohl in sich
    schließt. Mit dem Modell der Dialektik formuliert: Die Negation
    der Sollwerte niederer Integrationsstufen
    hat nur dann den Cha-
    rakter einer gelungenen bionomen Überformung, wenn sie eine
    dialektische Negation und das heißt zugleich auch positiv eine ›Auf-
    hebung‹ im Sinne von Aufbewahrung und schließlich drittens eine
    transzendierende Aufhebung im Sinne des Hochhebens auf die
    Funktionsebene einer höheren Integrationsstufe ist. Mit einer ein-
    zigen Pormel ausgedrückt: Eine bionome Überformung oder – mit
    anderen Worten – eine gelungene ›Ontosynthese‹ setzt eine ›drei-
    fache Aufhebung‹ im Sinne Hegels voraus. Die dynamischen Ele-
    mentarstrukturen und biologischen Wirkungsquanten der intraor-
    ganismischen Triebregulation müssen auf der Ebene der (…)“

    Da hast Du´s. Das kommt aus jener Autoritätshörigkeit bei raus. Ich sammle solche Bücher aus reiner Anhänglichkeit an die Zeit der Siebzigerjahre und aus kontingenten Gründen. Es sind einfach nur diese Siebzigerjahretapentenmuster gewesen, die es mir bis heute angetan haben.

  76. Bersarin schreibt:

    Was die Gegenwartsphilosophie betrifft, so ist es völliger Blödsinn zu behaupten, Hegel sei unzeitgemäß. Das mag vielleicht Herbert Schnädelbach meinen. Selbst in der Analytischen Philosophie und in der des Geistes gibt es mittlerweile eine intensive Hegelrezeption. Die ehemaligen Fronten haben sich ein wenig verschoben. Und fahr mal an die Universität Jena, dann wirst Du sehen, wie sehr Hegel alter oder nicht doch vielmehr: neuer Zopf ist. Weiterhin: Keine Kritische Theorie, keine Dialektik, kein Marxsches Kapital ohne Hegels Philosophie. Die Ästhetik allerdings, bildet den schwächsten Teil seines Systems. Doch auch dort gibt es in der Rezeption Anknüpfungspunkte. So bei Robert B. Pippin, z.B. in seiner Adorno-Vorlesung „Kunst als Philosophie. Hegel und die moderne Bildkunst“ und die These von Emde der Kunst fand bei Arthur C. Danto (ebenfalls der Analytischen Philosophie entstammend) Aufnahme.

    Ziggev, die Philosophie handelt nicht von Modeerscheinungen. Und es geht auch nicht um Rowohlt-Bücher oder Fink-Philosophiecomics Hegel für Anfänger, Freud für Anfänger, Marx für Anfänger oder irgendwelche Hegel-Büsten, die sich Menschen in ihre Wohnung stellen, sondern die Sache selbst hat in den Blick zu treten. Diese Sache, nämlich der Text, hat nichts mit Autoritäten zu tun. Hier vermute ich liegt das Problem vielmehr bei Dir selbst, in persönlichen Erfahrungen gegründet. Für die kann aber der Text Hegels nichts. Denn der wurde geschrieben, bevor es ziggev überhaupt gab.

    Und selbst wenn Hegel heute der toteste Hund sein sollte, so ist auch dies kein Argument gegen Hegel, sondern kann genauso gegen eine Zeitgeistphilosophie des common sense sprechen.

    Hegels Text ist sehr schwierig und erfordert ein Studium. Daran, so vermute ich, ärgern sich häufig sehr viel eher die Rezipienten. Und diesen Umstand kreiden sie dann der Hegelschen Philosophie an anstatt sich selber. Hegels Text kann man nur anhand des Textes kritisieren.

  77. ziggev schreibt:

    Ok., das klingt überzeugend. Und Du hast richtig getippt, es sind persönliche Erfahrungen, die mich immerzu skeptisch gegen einen gewissen hochmütigen Habitus stimmten, den sich so manche glaubten von Adorno abzuschauen erlauben zu dürfen (eben solche Leute, die wahrscheinlich Hegel nie selber hinreichend rezipiert hatten). Die etwas bescheidenere Art, wie wir sie aus der Analytischen Philosophie kennen, liegt mir da viel mehr. Desweiteren ist es ironischerweise Hegels Vorlesung zur Ästhetik, die ich trotz allem mit großem Genuss las. Danto ist mir schon ein Begriff; es gibt für mich also schon Anknüpfungsstellen, die mich versönlich gestimmt zuletzt zu einer Hegelrezeption verführen können. Es ist seltsam, mir wurde soeben erst bewusst, dass Hegel irgendwann zuvor, bevor meine kurze Lebensfrist auf diesem Planeten begann, seine legendären Texte zu Papier brachte.

    Nachdem das als also klargestellt ist, – wie wär´s mit einer bersarin-Reihe: „Hegel für Anfänger“?

    Auf meinen ehemaligen Nachbar Schnädelbach gebe ich aber nicht so schnell zuviel-

  78. ziggev schreibt:

    ich las übrigens neulich, dass die Kritische Theorie neuerdings in Schottland von der dort anwesenden internationalen Studentenschaft rezipiert wird. Da, wie wir uns gern vorstellen, dort auch viele talentierte Studenten aus Asien verweilen und lernen wollen, wird heute auch Dschuang Dsi, über den der ehem. indische Philosophieprofessor, später genannt „Osho“, sagte: „at best entertainment“, erneut gelesen.

    Wie wär´s also mit der bersarin-Reihe : „Hegel für Anfänger“ – mit analytischem touch ?

  79. Bersarin schreibt:

    Ich hatte in der Tat vor einiger Zeit vorgehabt eine solche Serie zu starten. Der erste Teil findet sich hier: https://bersarin.wordpress.com/2012/10/18/hegel-fur-anfanger-1/

    Es ist eine Überlegung wert, das Projekt weiterzuführen.

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