60 Jahre, 60 Werke. Kunst in der BRD

Ich wollte, wie angekündigt, eine Besprechung über die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke. Kunst in der BRD“ im Berliner Martin Gropius-Bau  schreiben. Lange habe ich an ungeraden Tagen hin und an geraden Tagen her überlegt, ob ich es mache, bis ich mir schließlich dachte, dort weder hinzugehen noch eine Besprechung abzufassen, weil es aus der Sicht philosophischer Kunstkritik unsinnig und zudem verfehlt ist, über diese „Ausstellung“ einen Essay zu fertigen.

Einmal davon abgesehen, daß die meisten Großausstellungen im Bereich der bildenden Kunst den Charakter von Events haben und eher einen ungesunden Fetischismus des Dabeigewesenseins fördern, als daß sie einen sinnvollen Beitrag zu einem gelungenen Kunstdiskurs leisteten, ist es vollkommen widersinnig, ja sogar schwachsinnig, aus 60 Jahren 60 Werke völlig unbezüglich und ohne irgendeine Verbindung nebeneinander zu hängen. Als ob sich hierdurch irgend etwas erfassen oder aussagen ließe, als ob durch solches Verfahren eine irgendwie geartete Erkenntnis entstünde. Das Zentralorgan für kulturelle Kommunikation, die Bild-„Zeitung“, verfaßt dann in jeder neuen Ausgabe 60 Tage lang jeweils zu einem Jahr und dem dazugehörigen Bild nicht nur einen Kurztext, sondern zeigt zu jedem der Jahre als Tüpfelchen des Geschichtsbewußtseins das herausragendste Ereignis dazu. Man sieht insofern, auf welchem Niveau sich das ganze Unterfangen bewegt. Es ist die völlig unbezügliche Quantifizierung; herausragender Ausdruck verdinglichten Denkens und „Schulfall von Banauserie“ im Umgang mit Kunstwerken. Die je einzelne Qualität, welche einem Werk innewohnt, wird auf Null gesetzt und zur bloßen Quantität herabgestuft.

Stellten doch schon schon die Ausstellungen über deutsche Kunst im 20. Jahrhundert, wie sie von 1999 bis 2000 in Berlin (in der Neuen Nationalgalerie, im Hamburger Bahnhof sowie im Alten Museum) und 1986 in der Staatsgalerie Stuttgart stattfanden, ein gewagtes und sehr schwieriges, eigentlich sogar ein vermessenes Unterfangen dar. Doch wurden in diesen Ausstellungen in unterschiedlicher Art und Weise wenigstens thematische Zusammenhänge und Bezüge ausgelotet, indem eine Vielzahl von Bildern der Reflexion zugänglich war, so daß eine ästhetische Entwicklungslogik, Kreuzungslinien, Gegenpoliges sichtbar gemacht wurde. Insofern können diese beiden Ausstellungen durchaus als, in ihrer Art, gelungen bezeichnet werden. Im Gropius Bau hingegen steht Becher neben Beuys, Klapheck neben Kiefer, willkürlich, nach der Laune von Kuratoren ausgewählt als Best of. Allenfalls der, welcher sich in die Betrachtung eines einzelnen Werkes kontemplierend hineinbegeben möchte – um ein wenig den Rest vom scheinhaft Auratischem zu bewahren –, wird vielleicht etwas von dieser „Ausstellung“ haben, wenn er oder sie einen Tag erwischen, wo kaum einer da ist.

Traurig ist zudem die Tatsache, daß sich noch lebende Künstler (bzw. ihre Galeristen) zu einem solchen Unfug bereitwillig fügen. Aber auch dies sagt einiges über den Zustand der bildenden Kunst aus. Wie verkommen muß man eigentlich sein, daß es einen derart zu den Futtertrögen zieht? [Insbesondere die Künstler, welche links blinken, ihre beständigen systemkritischen Reden im Munde führen und am Ende rechts abbiegen. (Links-sein als pop-chic, weil‘s sich in der Kneipe beim Bier gut macht: ja, der Knecht singt gern ein Freiheitslied des Abends in der Schenke, das stärket die Verdauungskraft und würzet die Getränke, wußte schon der gute Heine)] Mir wär‘s als lebender Künstler recht unangenehm, bei Bild und RWE im Boot zu sitzen.

Mein Rat bezüglich dieser „Ausstellung“ lautet: Bloß nicht hingehen. Hingewiesen sei zum Schluß noch auf ein interessantes Interview mit Klaus Staeck.

6 Gedanken zu „60 Jahre, 60 Werke. Kunst in der BRD

  1. Schöner Artikel. Jetzt interessiert mich noch, welche Künstler du im letzten Absatz denn meinst, die links blinken und rechts abbiegen? Namen, bitte. Danke.

  2. Vielen Dank für Dein Lob.
    Die Linksblinker meinte ich ins Allgemeine hineingesprochen: dieser common sense der „Künstlerszene“, dieses Begehren tendenziell links zu sein, solange es nichts kostet und weil rechts muffig ist. Früher wurde von der Befreiung der Arbeiter schwadroniert. Heute sind es andere Phrasen. Im Speziellen kann man hier jedoch gerne Daniel Richter nehmen, aber auch (eigentlich harmlose) Schwadroneure wie Meese zählen dazu, wobei ich nichts gegen deren Werke gesagt haben möchte. Dies sind aber auch nur Charaktermasken, da es mir nicht um spezielle Namen, sondern um ein strukturelles Phänomen geht. Zudem: Es ist dies zweierlei: der Mensch und das Werk (siehe etwa – als pars pro toto – Céline oder Heidegger).

  3. Meese, tja. Wobei ich mich frage, welche Kunst heute noch widerständig ist. Selbst ein Guido Westerwelle sammelt Leipziger Schule. Mir fällt gerade keine Kunst ein, die Westerwelle nicht sammeln könnte. Ein Teil der Kunst, die in der besprochenen Ausstellung gezeigt wird, war einmal kontrovers und ist nun, im Lauf der Zeit, gesellschaftlich gezähmt worden, sodass sogar Bild und RWE sich damit aufplustern können. Aber immerhin WAR diese Kunst in Teilen provokativ. Wenn man in 60 Jahren eine Ausstellung zur Kunst am Beginn des 3. Jahrtausends kuratieren wird, wird man nichts mehr zähmen müssen.
    Aber vielleicht generalisiere ich hier zu sehr. Immerhin gibt es Leute wie Frau Abramovic und sehr viel aus der zweiten Reihe, beispielsweise hier zu seheh: http://www.rebelart.net/diary/
    Mit diesen Sachen hätte Westerwelle ein Problem. Es gibt also noch Hoffnung.

  4. Ich denke auch, daß die zweite, dritte Reihe oftmals sehr viel Interessanteres zu bieten hat. Insbesondere fällt hier das Moment der direkten Fetischisierung fort. Das Kunstwerk wird nicht unmittelbar unter dem Aspekt seines Tauschwertes gesehen und ob es in die Deutsche Bank oder doch eher in eines von Ackermanns Wohnzimmern hinein paßt, um in einem der Räume seine repräsentative Funktion zu erfüllen. Kunst als Distinktionsmerkmal, um die „feinen Unterschiede“ zu markieren. Allerdings, neu ist das nicht: Gerade die bildende Kunst hatte immer die Aufgabe der Repräsentation und der Symbolisierung. (Was nicht bedeuten muß, daß diese Kunstwerke dadurch schlechter werden. Sie haben ein Eigenleben, das über ihren unmittelbaren Verwertungszusammenhang hinausweist.) Insbesondere in einer vollständig durchökonomisierten Welt besteht die Schwierigkeit darin, überhaupt noch Residuen zu finden. Der Markt frißt und verwertet alles, was etwas abwirft. War Punk in der BRD zum Ende der 70er, zu Beginn der 80er etwas Neues und eine Qualität für sich, so hat einige Jahre später der „Kaufhof“ in Anzeigen für den chic mit Punk geworben.

  5. So isses. Apropos, und um deiner Beobachtung noch eins draufzusetzen: Vergangenes Wochenende habe ich in Moabit einen Polizisten mit Punkfrisur gesehen. Nicht gefärbter Irokese.

  6. Also, da kann ich jetzt um 21.10 Uhr, in einem gutbürgerlichen Berliner Viertel wohnend, auch noch einen draufsatteln: zum Herrentag aus einer normalbürgerlichen Kneipe herausklingend, live auf der Gitarre gespielt und textsicher mitgesungen von gut- und normalbürgerlichen Berliner Gästen: „Zu spät“ von den Ärzten. Wenn das Farin Urlaub wüßte. Andererseits aber auch wieder lustig. Ich habe das Fenster auf, um zuzuhören und an die guten alten Zeiten der frühen 80er zu denken. Ja, ja … Mädchen und Teenagerliebe.

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