Misreading Nietzsche (Teil 1)

Einige unsystematische, einleitende Vorbemerkungen
zum Werk Friedrich Nietzsches
(„Dem Feind einen Tritt in die Rippen“
Element of Crime)

Zunächst einmal möchte ich mich bei meinem Blog-Kollegen Hartmut bedanken und auf seinen sehr interessanten, guten Essay zu Nietzsche verweisen. Er beschleunigte durch seinen Text ein wenig meinen Entschluß, nun doch einen längeren, mehrteiligen Essay hinsichtlich verschiedener Aspekte bei Nietzsche zu schreiben, insbesondere dient dieser Essay als Auftakt zu seinem 110. Todestag im nächsten Jahr (25. August 1900), der gewiß in den Feuilletons und hoffentlich auch in der Philosophie groß und kritisch begangen wird.

Anlaß genug also, über einen der wichtigsten Philosophen (vielleicht sogar den wichtigsten Philosophen) der neueren Moderne im Übergang  vom 19. zum 20. Jhd., der den Auftakt setzte und ihr Ende bereits in den Blick nahm, bis hin zu ihrer (vermeintlichen) Überwindung, Verwindung, Überbietung, wie man es auch nennen mag, in der sogenannten Postmoderne oder Transmoderne, einige Gedanken zu verlieren und hierzu ein paar unsystematische Essays zu verfassen, die in verschiedene Richtungen gehen werden. Sicherlich ist einiges dabei, was die französische Philosophie des letzten Jahrhunderts streift. Gewiß erfolgt eine Lektüre von Derridas bedeutendem Aufsatz/Vortrag zu den Stilen Nietzsches und der Frage der Frau, den er 1972 auf dem großen Nietzsche-Kolloqium in Cerisy-la-Salle gehalten hat („Sporen. Die Stile Nietzsches“). Zu dem insgesamt sehr bedeutenden Band „Nietzsche aus Frankreich“, wo dieser Aufsatz abgedruckt ist, (ehemals erschienen bei Ullstein, im Philo Verlag neu und erweitert aufgelegt) sei auf die Rezension bei „Literaturkritik.de“ verwiesen. Um auch einen Bogen zur Literatur zu schlagen, wird exemplarisch natürlich Thomas Mann mit an Bord sein. Ich will das aber nicht zu sehr ausdehnen und Dinge versprechen, die ich nachher nicht halten kann. Wir werden insofern sehen, wohin die Reise geht. Auf alle Fälle aber wird es eine Lektüre zu Heideggers Nietzsche-Interpretation und zu Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ geben.

Zu Lebzeiten war Nietzsche der Erfolg nicht oder zumindest kaum vergönnt; Nietzsches große Wirkung setzte erst unmittelbar nach seinem Tode ein, die Lebensphilosophie des gerade angebrochenen 20. Jahrhunderts, das, von den Auseinandersetzungen an den Peripherien der Imperien abgesehen, noch friedlich dämmerte, und die Jugendbewegung als antibürgerlicher Reflex von Bürgersöhnchen waren Motoren einer immer mehr sich in die Höhe und dann in die Breite treibenden Nietzsche-Euphorie, die sich zunächst als Kraftmeierei kundtat und dann teils groteske Züge annahm – Passagen aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“ persiflieren diesen Gestus der Jünger auf gelungene Weise. Wie es mit Subkulturen und ihren Inhalten auf die immergleiche Weise und bis heute hin so geht, sinken sie nach einem kurzen (avantgardistischen) Höhenflug hinab in die allgemeinen Niederungen, und so setzte sich die Euphorie im Namen Nietzsches dann bis hinein in die bürgerlichen Kreise fort; Nietzsche wurde, darin seinem Schicksalsgenossen Hölderlin gleich, zur Tornisterliteratur, etwas Schiller noch im Beipack, und so zog es sich im blauen Rock gut ins Feld. In den zwanziger Jahren dann war Nietzsche einer der Gewährsmänner jener „Konservativen Revolution“. (Vgl. zur Konservativen Revolution auch ganz allgemein die Studie von Stefan Breuer „Anatomie der Konservativen Revolution“ und aus der rechtsextremen Ecke heraus Armin Mohler „Die Konservative Revolution“.) Diese Euphorie und das Herausreißen von Bruchstücken aus dem Steinbruch Nietzsche nahm am Ende verhängnisvolle Züge an, und führte zu entsetzlichen Lektüren. Hier sei unbedingt auf das hervorragende Buch von Bernhard Taureck „Nietzsche und der Faschismus“ verwiesen.

Der Titel dieser Essayreihe als „Misreading“ möchte diesbezüglich auch ein Licht auf all die Fehllektüren werfen, die mit dem Namen Nietzsche einhergehen und die in seinem Namen begangen wurden. Wenngleich, dies muß vorab bereits gesagt werden, der Text Nietzsches aufgrund seines unsystematischen, teils aphoristischen Umfanges geradezu einlädt, einer Form von Fehllektüre zu verfallen und Fehllektüren zu produzieren. Insofern wird es in diesen Essays natürlich – implizit – auch um die Kunst der Interpretation gehen.

Die Lektüren Nietzsches setzen sich fort bis in die Gegenwart, wenn er gleichsam als „Hausphilosoph“ der Postmoderne gefeiert wird. Als Gründungsdokument mag hier der frühe Text „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ genannt werden, in dem eine Vielzahl der Motive postmodernen Philosophierens angespielt werden. Dies reicht von der reinen Textualität, zu der es kein Außen mehr gibt (Il n‘y pas dehors du texte, so bei Derrida, etwas eliptisch angeprochen) bis hin zur Wahrheit (und zum Subjekt) als Diskurseffekt. [Die Metapher des Tigers, auf dessen Rücken wir sitzen, taucht sowohl bei Nietzsche als auch in Anspielung auf den Text Nietzsches bei Foucault in „Die Ordnung der Dinge“ auf, um jenes Moment des Träumerisch-flüchtigen und des Illusionären anzuzeigen, dessen wir uns aber kaum bewußt sind. Wir stehen in der Moderne des 20. Jahrhunderts, die sich vor Nietzsche auftat, nicht mehr auf den Schultern von Riesen, die unseren Blick erst möglich machen, sondern das Motiv des Ephemeren und der (möglichen) Dekonstruierbarkeit jeglichen Wissens hat nun mit dieser Metapher des Tigers Einzug gehalten. War es einst das Band der Tradition, eben die Schulter des Riesen, von woher der (neue, erweiterte) Blick und die Kraft genommen wurden, so hat die Moderne des 20. Jahrhunderts vielfach nur Bruchstücke und Fragmente sowie viel Ungesichertes anzubieten, was allerdings bereit bei Kant im Ansatz anklang, bleib doch für den „Weisen aus Königsberg“, wie Nietzsche ihn halb anerkennend, halb spöttisch nannte, allein der kritische Weg noch offen.]

Wahrheit wird bei Nietzsche nicht mehr als zu Erreichendes und Mögliches präsentiert bzw. korrespondenztheoretisch im Sinne der Adäquatio-Formel (Veritas est adaequatio rei et intellectus, Wahrheit als Übereinstimmung von Sache/Ding und Wissen/Geist) begriffen, sondern vielmehr als Effekt der Sprache, als bewegliches Heer von Metaphern, genauer noch als Verschiebung und Übertragung (die Kategorien der Psychoanalyse sind nicht mehr sehr weit entfernt). So heißt es in jenem oben genannten Text Nietzsches:

„Was also ist Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.“ (Nietzsche, KSA 1, S. 880 f.; Kritische Studienausgabe, im Folgenden abgekürzt KSA)

Wahrheit ist etwas, das bezogen wird auf den Menschen, metaphysischer Hintersinn oder korrespondenztheoretische Überlegungen zur Wahrheit scheiden nunmehr aus. Zum Wesen der Dinge ist der Weg verbaut, (was allerdings bereits Kant wußte, die „Kritik der reinen Vernunft“ ist ja das Unterfangen, die Grenzbereiche zu bestimmen und aufzuzeigen, was geht und was nicht geht). Nur hat, so Nietzsche, der Mensch dieses Wissen verdrängt und vergessen. Es taucht dann bezüglich dieser Vorgänge einige Zeilen weiter der Begriff der „Unbewußtheit“ (S. 881) auf. Wie gesagt: Der Weg zur Psychoanalyse und zu ihrer Arbeit der Aufklärung ist hier nicht mehr weit. Es ist alles bereits angelegt und vorbereitet in Nietzsches Texten. Nietzsche: ein großer Fundus, aus dem sich mancher bediente. Doch zugleich ist der Text Nietzsches, contre coeur, ein Stück Aufklärung: nämlich im Hinblick auf diese uns im verborgenen bleibenden Mechanismen.

Hinzuzunehmen als „postmoderner Gründungstext“ ist vielleicht noch jene sehr viel später erschienene Passage aus der „Götzendämmerung“, diese mag zumindest als verkürzte metaphorische Geschichtserzählung den Gehalt postmodernen Denkens illustrieren (und in gewissem Sinne auch ihre Art veranschaulichen, Dinge zu flüchtig und ohne Intensitäten wahrzunehmen): nämlich der Textteil „Wie die ‚wahre Welt‘ endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrtums“. (KSA 6, S. 80)

In Anspruch nehmen läßt sich der Steinbruch Nietzsche also von vielen, dies reicht vom Jungkonservativen bis hin zum Neomarxisten und Poststrukturalisten. Darin mag der Reiz und die Verlockung des Textes liegen.

Man muß sich bei der Nietzsche-Lektüre zugleich aber selbst befragen, was eigentlich genau da steht. Denn die Texte sind teils heikel, und über diese heiklen Stellen sollte man nicht hinweglesen oder sie unreflektiert rationalisieren. Schlecht nur taugt Nietzsche zum Hausgott und Hausphilosoph. Glücklicherweise bin ich spät erst zu Nietzsche gestoßen. In den Interpretationsübungen des Philosophiekurses am Gymnasium blieb er mir fremd mit seiner Herrenmoral und seinem mit dem Hammer philosophierenden Denken. Die Lektüre Hegel/Marx/Sartre/ lag näher, und für die nachredenden Jünger blieb nur pubertätsmarxistische Verachtung übrig. Im Grunde schon damals, wie auch heute noch: Nietzsches Text als Selbstermächtigung zu rotzigem Verhalten ohne Reflexion. Pubertierenden und Achtzehnjährigen sollte man Nietzsche nur mit Vorsicht in die Hand geben. Da ist es wie mit den Drogen: ein wenig zum Probieren schadet nicht, zu viel ist ungesund. Das Aristotelische Maßhalten ist nicht unangebracht. Klug ist es, die Mitte zu wählen. Bitte Mitte. Kein Exzeß, keine Ekstase.

Erst bei Adornos/Horkheimers Nietzsche-Kapitel aus der „Dialektik der Aufklärung“ sowie bei den Auseinandersetzungen mit Denkern wie Foucault, Deleuze und Derrida wurde es dann  nötig, sich intensiver mit Nietzsche zu beschäftigen. „Jenseits von Gut und Böse“ war das erste komplette Werk, der „Zarathustra“ und die „Fröhliche Wissenschaft“ folgten. Und so tat sich ein Nietzsche-Universum auf. Allerdings wollte sich jene unmittelbare Affinität wie zu den Texten Adornos oder Derridas nicht so recht einstellen. Dennoch: Wie habe ich damals im Rausch dieser Worte über so manche Stelle hinweggelesen, ohne explizit zu fragen: „Wer sind eigentlich die Schwachen, wer die Herde?“ Nun, man selber natürlich und selbstredend nicht, denn man saß ja an der Tafelrunde der edlen, edel Denkenden, dem guten alten Geistesadel. Es sind immer die anderen, die dazugehören. Aber wer genau waren nun diese Schwachen, die Herde, die unter der Knute der Herrenmoral stehen und sich ihr zu beugen haben? Was genau ist der Übermensch? Eine Entäußerung von ungeheuren Kräften im strukturalen Spiel von Differenz und Wiederholung? Fadenscheinige Erklärungen waren schnell zur Hand. Insbesondere die Lektüre Deleuzes war in vielen Punkten unbefriedigend und trotz der Dichte und Komplexität der Untersuchung und auch mancher faszinierender Gedanken teilweise deklamatorisch.

„Ja, die ‚blonde Bestie‘; damit ist natürlich der Löwe gemeint, das ist eine Metapher.“ Und so fort und immer weiter ging es mit der Rationalisierung unliebsamer Stellen. Um solche Fragen zu vermeiden, die im Hinterkopf zwar auftauchten, aber in der Gesamtlektüre doch in Latenz bleiben, wurden einfache Konstrukte gebildet. Es verbindet sich mit dem Namen Nietzsche eine vielfältige, spannende, oft geistreiche Lektüre, und zugleich ist viel Fragwürdiges dort vorhanden. Ein großer Stilist in der Tradition der Französischen Aphorisiker und Essayisten wie Montainge und La Rochefoucauld, von dem sich Schreiben und Stil lernen läßt, ist er allemal.

Und so mag als Auftakt der Misreading-Essays ein Zitat Nietzsches gesetzt werden, welches zwar – zu Nietzsches Ende hin – mit einigem Größenwahn daherkommt, das aber dennoch ganz gut – fast hellsichtig zu nennen – einige der Perspektiven vorwegnimmt, in der seine Philosophie stehen wird. Dies geschieht zwar mit einiger Übertreibung und Rhetorik sowie einer gehörigen Portion Pathos. Dennoch: diese Passage ist bezeichnend. So schreibt Nietzsche in seiner letzte Schrift „Ecce homo“ unter dem Titel „Warum ich ein Schicksal bin“:

„Ich kenne mein Loos. Es wird sich in meinem Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, ­– an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Collision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ (KSA 6, S. 365)

Dies ist hochfahrend, gewiß. In Teilen zwar nicht einmal falsch gedacht, nur geschieht dieses von Nietzsche Beschriebene nicht im Namen Nietzsches, sondern es handelt sich um Prozesse einer im beginnenden 20. Jahrhundert vollkommen entfesselten Moderne, die in eine totale, totalitäre und absolute Krise stürzen wird. Hellsichtig allerdings sah Nietzsche mit seinem seismographischen Denken einiges. Und so heißt es eine Passage weiter:

„Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden grosse Politik.–“ (KSA 6, S. 366)­

Auch wenn die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die im Holocaust sowie in den stalinistischen und maoistischen Völker- und Massenmorden ihren Kulminationspunkt fanden, weder unmittelbar noch mittelbar im Zusammenhang mit Nietzsche und seinem Denken stehen, so hat es dennoch Korrespondenzen und Verbindungslinien gegeben. Insbesondere die zum Faschismus lassen sich nicht einfach eskamotieren. Wenngleich man andererseits durchaus, etwa in der Lesart Adornos/Horkheimers, Nietzsche zu den schwarzen Schriftstellern des Bürgertums zählen kann, die die dunkle Seite des Mondes besuchten und von ihr erzählten.

Inspiriert zumindest hat Nietzsche viele der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, ob dies nun Heidegger, Jaspers, Gadamer, Löwith, Bloch oder Adorno waren. Die einzige philosophische Richtung, die sich gar nicht oder kaum mit Nietzsche befaßte, war wohl die analytische (Sprach-)Philososphie (Rorty einmal ausgenommen, aber gehört der noch dazu?). Interessant wäre es zudem, die sprachphilosophischen Bezüge zwischen Wittgenstein und Nietzsche herzustellen. (Mir sind hier momentan keine gewichtigen Arbeiten bekannt, und ich wäre für Anregungen dankbar.)

Einer der nächsten Essays wird sich mit Nietzsches früher Schrift „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“, jenem oben genannten Gründungsdokument der Postmoderne befassen.

Bis dahin wünsche ich eine schöne Zeit, und machen Sie es sich gemütlich.

7 Gedanken zu „Misreading Nietzsche (Teil 1)

  1. ächz, und jetzt habe ich keine Zeit, mich stundenlang auf den balkon zu verfügen, im Nietzsche lesend…besten dank aber schon einmal!

    lg

  2. naja, doch, ein bißchen…bedeutungstheoretischer Externalismus undsoweiter – puuuh, kann ich hier nicht ausklamüsern. Mensch, ich hab zu tun, und werde den heutigen Nachmittag mit der fröhlichen Wissenschaft verbringen… Du bist schuld!

  3. Nein, nein, ich bin so schuldig oder unschuldig daran wie Josef K. schuldig ist. (Obwohl es natürlich ein schöner „Zeitvertreib“ ist, nietzschelesend auf dem Balkon zu sein.) Mahnend allerdings möchte ich trotzdem, fast schon als ceterum censeo, sagen: vergiß mir die Hannah Arendt nicht.

  4. Ich möchte hier nicht respektlos sein oder irgendwen beleidigen, aber ich wundere mich immer wie die ganze westeuropäische Intellektuellenschar Nietzsche betrachten. Wie Leute, die Foucault, die Adorno etc. schätzen, die links sind (mithin moralisch) Nietzsche als einen der ihren sehen können, ist mir schleierhaft. Adorno ist Sklavenmoral par excellence wie praktisch alles was bei und von Intellektuellen heutzutage einen guten Ruf hat. Es ist ja nichts schlimmes daran Werte der sog. Sklavenmoral zu besitzen (möglicherweise, ist wenn man tatsächlich Nietzsches Moralunterscheidungen übernimmt die Sklavenmoral die bessere,je nach Standpunkt eben,vielleicht war die Moralgenese aber eine ganz andere als Nietzsche sie postuliert) und auch Nietzsche gestand zu, das es zu seiner Zeit keine reine Herrenmoral mehr gibt (höchstens Mischformen). Auch all die Bewegungen von 68 an sind Sklavenmoral in Reinform (paradoxerweise von Leuten getragen, die gar keine Sklaven waren). Das Nein-sagen gegenüber dem Herrschenden und das Streben nach moralischer Überlegenheit sind Musterbeispiele. Überlegenheit durch Moral, denn durch sie ist man besser als die Kritisierten: Sklavenmoral. Kapitalismuskritik – Sklavenmoral pur. Kritische Theorie – solange sie auf Sozialismus oder Humanismus hinausläuft: Sklavenmoral. Leute die moralisch (im heutigen Sinne) denken und der gesamte Zeitgeist ist extrem vermoralisiert ohne, dass es noch gemerkt wird. Politische Korrektheit: Sklavenmoral.

    Wenn wie an anderer Stelle in diesem Blog sozusagen gönnerhaft darauf hingewiesen wird, dass man Aristoteles nicht die Sklaverei vorwerfen soll (waren ja andere Zeiten), dann ist es schon entlarvend, weil die Moral selbst (mit der man überhaupt so eine Institution kritisiert) nicht in Frage gestellt wird, sondern als selbstverständlich gilt. Die Wertsetzung Sklaverei=schlecht (etwas, dass zu kritisieren ist) ist Sklavenmoral, ist Fortführung des Christentums. Egalitarismus, Emanzipation, Vermeidung von Leiden von Anderen und auch Demokratie: das wäre aus Nietzsches Sicht alles Sklavenmoral. Das ist alles die absolute Antithese zu Nietzsche. Auch die Texte auf dieser Seite sind durchtränkt von Sklavenmoral. Die Gesellschaft zu “kritisieren” (ja womit? mit Moral) um sie zu “verbessern”(ja in wiefern: damit sie humaner, gleicher, weniger unterdrückerisch ist, weniger “egoistisch” ist alles sklavenmoral). Leute wie Adorno, Foucault sind nach Nietzsche Priestertypus. Der Intellektuelle ist der Priester der atheistischen Herde. Eine Mischung aus Krankheit (Leiden an sich selbst, Ohnmacht, Rachsucht)und Willen zur Macht. Sie sind die Hirten der schwachen Herdentiere. Kritische Theorie ist u.a. Nein-sagen zu den aristokratischen Werten wie Individualismus, Hierarchie , Herrschaft der Stärksten, Schönsten, Besten, Vornehmsten. Neinsagen zur natürlichen Entfaltung aller mit der logischen Folgen einer großen Anzahl von Verlierern. Moralisches Kritisieren “gesellschaftlicher zustände” ist fast immer Sklavenmoral, weil die Optik der Verlierer (der “Gleichen”) gewählt ist. (d.h. nicht, dass ein Verlierer die Sklavenmoral wählen muss) In fast jeder linken Analyse stecken normative Setzungen (fast immer verschleiert, nicht transparent gemacht aber oftmals nicht einmal den Autoren selbst bewusst), die moralisierend sind. Die Ideologie der Gleichheit ist Sklavenmoral. Auch beim Urvater Marx. Moral schlechthin ist die Waffe des Schwachen gegen den Starken, wobei nicht jeder Schwache dazugreift oder den Starken bekämpfen will. Auch das heutzutage Herrschende und als stark geltende (auch die USA ) ist durchtränkt von Sklavenmoral. Am wenigsten sind aufstrebende nichtwestliche Länder wie China (die nur per Lippenbekenntnis einen Kotau an die Sklavenmoral in Form von Menschenrechten machen, weil sie wissen, dass es ihnen nützt) oder die Tigerstaaten damit infiziert, die aber ansonsten rücksichtlos die eigene Entfaltung vorantreiben. Ihnen wird wohl deshalb auch die Zukunft gehören, weil sie sich nicht durch Moral selbst schwächen und auf eigene Vorteile zu Gunsten eines Höheren Allgemeingutes (z.B. eines guten Klimas) verzichten wollen. Andererseits könnte ihnen die fehlende Moral auch wieder nach innen schaden, indem sie sich zerfleischen. Möglicherweise brauchen Staaten auch zum Prosperieren einen nicht zu geringen Anteil an Sklavenmoral Unser gesamter westlicher Diskurs ist extrem vermoralisiert. Das gesamte politische Spektrum ist damit infiziert. “Egoismus” und das Verfolgen von Eigeninteressen wird selbst von Topmanagern gegeißelt. Den heutigen Menschen ist gar nicht bewusst wie moralisch sie (fast alle) denken und reden. Der Topmanager, der für sich eine soziale Verantwortung sieht, unterscheidet sich nur graduell von seinem seine „Gier“ kritisierendem Kritiker. Am freiesten davon sind noch meines Erachtens Libertäre, Anarchokapitalisten und echte Anarchisten und Soziopathen. Linke und Christen sind sich deshalb so ähnlich, weil es ihnen um die Schwachen geht. Der Fokus liegt auf dem Wohl der Schwachen. Denn beide Gruppen rekrutieren sich in erster Linie aus den (notwendiger Weise vielen) Verlierern dieser Welt. Sie müssen sich erst eine Welt schaffen, in der auch sie (oder rachsüchtig: nur sie) Gewinner sind (das Himmelreich oder die sozialistische Utopie o.Ä.).

    Wie gesagt, man muss Nietzsches Unterscheidung ja gar nicht teilen und kann auch ganz andere Anthropologien und Moralgenesen vertreten oder offen für die „Sklavenmoral“ sein bzw. sie gerade im Gegensatz zu Nietzsche als den wahren Fortschritt, als das edlere ansehen. Ich wollte mit diesem Posting auch nicht die Sklaverei rechtfertigen sondern nur den extremen Gegensatz den ich zwischen Nietzschen und praktisch allem, was heutzutage als gut gilt aufzeigen. Meines Erachtens ist es nur absolut widersprüchlich, wenn sich Linke auf Nietzsche berufen. Nach Nietzsche ist der Sozialismus ja auch nur ein Kind der christlichen Moral. Man lese einmal das Neue Testament und vergleiche es mit politischen Forderungen der Linken (sexualethik und gesellschaftlicher Konservatismus des Christentums einmal ausgeklammert). Man wird viele Gemeinsamkeiten finden, wie die Kritik am Reichtum und Forderungen an die Reichen, den Armen zu helfen oder die Meinung dass die Herrschenden das Volk unterdrücken.

  5. Du vereinfachst die Bezüge Moral, Nietzsche, Adorno, Foucault sehr. Ich antworte Dir darauf im Detail heute abend.

  6. Zunächst einmal freut es mich, daß auch ein bereits etwas älterer Text von mir noch kommentiert wird. Allerdings: Es scheint mir, daß Du in Deinem Kommentar doch einige Bezüge durcheinander würfelst. Zudem kommst Du vom Hölzchen aufs Stöckchen und so geraten dadurch Deine Hypothesen leider sehr pauschal.

    Zunächst einmal: Was links bedeutet, ist so differenziert, daß sich dafür überhaupt kein vereinheitlichender Begriff finden läßt. Sicherlich gibt es innerhalb dieser Linken einen guten Teil, der moralisch argumentiert. Dazu z.B. zählen alle die Varianten einer Theorie, die sich an Habermas Theorie des kommunikativen Handelns oder an seine Diskursethik binden. Dann wieder gibt es eine Linke, die primär ideologiekritisch argumentiert, erweitert um ein Modell von Freudscher Psychoanalyse. Da ist nicht viel mit Moral, sondern es geht um Analysen von Gesellschaft und die Frage cui bono. Oder es wird politische Ökonomie betrieben. Insbesondere der Text des mittleren Marx enthält nichts, aber auch gar nichts an Moralphilosophie, sondern er tritt als eine Analyse der kapitalistischen Gesellschaft auf. Marx sagt nicht, daß der Kapitalist bitterböse ist und sein Tun aus moralischen Gründen doch lassen solle, weil er anderen schadet, sondern er zeigt, weshalb der Kapitalist so handelt wie er eben handeln muß. Wo Du dort Moral siehst, bleibt mir schleierhaft.

    Für Adorno wiederum ist sämtliche Moralphilosophie (auch die Kantische) nach Auschwitz im Keller. Der einzige Imperativ, den man noch formulieren könne, so Adorno, sei der, daß Auschwitz sich nicht wiederhole. Moral hängt bei Adorno, wenn er diesen Begriff überhaupt verwendet, am materialistischen Motiv und an Begriffen wie Takt und Impuls. Wesentlich legt er dies in seiner „Negativen Dialektik“ sowie in seinen Vorlesungen „Probleme der Moralphilosophie“ dar. Es wird bei Adorno nicht von einer moralischen Warte aus geurteilt, sondern Moral gerät bei Adorno generell in die Kritik. „Minima Moralia“ sozusagen.

    Was läßt sich von Nietzsche lernen? Bei Foucault ist dies sicherlich die Methode der „Genealogie“, also gesellschaftlich Gewordenes und Gemachtes auf seine Herkunft zu befragen, und zwar ohne moralisch zu werten. Siehe z. B. „Die Ordnung der Dinge“. Nicht anders als Adorno dies in seiner „Dialektik der Aufklärung“ mit eben jenem Begriff der Aufklärung betreibt. Adorno zeigt einen Zusammenhang von Verhängnis auf, und zwar zu einer Zeit als Faschismus, Stalinismus und eine Form halbentfesseltem Kapitalismus zu r Hochform aufliefen, ohne daß noch irgend eine Alternative (wie etwa das Bewußtsein des Arbeiters als eine Weise der Erkenntnis und als Movens von Veränderung) sichtbar wäre.

    Was nun Nietzsche betrifft, so ist dies, wie man so schön sagt, ein weites Feld. Insbesondere der Begriff der Sklavenmoral, den er wesentlich in der „Genalogie der Moral“ darlegt, aber auch in vielen seiner Aphorismen. Ich schreibe zum Phänomen Nietzsche (vielleicht) einen gesonderten Blogtext; einiges zu Nietzsche wird Dir vielleicht klar, wenn Du hier im Blog meine Texte zu ihm liest. Nietzsche würde, insbesondere im Bezug zu Aristoteles, die Sklaverei bzw. eine aristokratisch organisierte Gesellschaft sicherlich nicht rundheraus ablehnen. Einerseits. Andererseits geht es Nietzsche eben auch um eine Form von freiem Denken, daß die Grenzen eines verkürzten, zuschneidenden Rationalismus überwindet. Das Problem bei Nietzsche: es gibt für jede Position und auch für die gegenteilige ein Zitat von Nietzsche, mit dem man sowohl die eine wie auch die andere Position belegen kann. Das macht die Sache nicht gerade einfach. Insbesondere bei Nietzsche gilt es insofern, auch das literarisch-rhetorische Moment zu beachten, daß seine Texte trägt. Nicht nur, die Finger auf seine Aussagen zu legen, sondern auch die Metaphorisierungen oder Metonymiesierungen mitzulesen.

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