Clemens Meyers Erzählungsband, „Die Nacht, die Lichter“

So manchen Schriftsteller zieht es in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder zu einem ganz bestimmten Milieu hin, und schwer nur kommt er davon weg in seinem mehr oder weniger langen Schriftstellerleben: Den einen drängt es zum gehobenen feinen Bürgertum oder in die Welt des Adels, andere zur Demimonde, dann wieder zieht es welche zu Großwildjägern und Abenteurern, oder es gibt Schriftstellerinnen, die es zu den untätigen, fragmentierten Melancholikern und den Endzwanzigern, Dreißigern treibt, die partout nicht erwachsen werden wollen. Und so muß man sich als Schriftsteller vorsehen, bei diesem mehr oder weniger freiwillig gewählten Milieu stehenzubleiben, ohne sich dabei literarisch weiterzuentwickeln.

Thomas Mann gelang es ganz gut, Stagnation zu vermeiden, ästhetisch Stimmiges abzuliefern und dabei gut, stilvoll und bedeutsam zu bleiben, Proust schrieb nur einen ganz großen (philosophischen) wundervollen Roman (sieht man einmal von „Jean Santeuil“ ab), da war es nicht weiter schwierig, nicht auf der Stelle zu treten, zumal ja in aller Komplexität nicht nur eine Epoche besichtigt wurde, ein Blick hinter die Vorhänge des Pariser Adels fiel sowie die „Existentiale“ Liebe und Eifersucht ausgeleuchtet wurden. Genug für ein Leben, so sollte man meinen. Henry Miller und Hemingway sind ein amerikanischer Fall für sich, der Oberfranke würde hier sagen „Paßt schoan“. Bei Judith Hermanns neuen Buch „Alice“ wird man sehen, ob sie es vermag, sich vom zuweilen enervierenden Judith-Hermann-Sound zu lösen, der zum ästhetischen Selbstgänger wurde.

Wie aber steht es um Clemens Meyer?, so sei hier einmal oberlehrerhaft in den Raum gefragt, jenen Schriftsteller des Jahrgangs 1977, den wir seit 2006 als einen „Durchstarter“ kennen. Mit „Als wir träumten“ ist ihm ein beeindruckendes sowie fulminantes Debüt gelungen, welches mit Fug und Recht „Roman“ genannt werden kann. Als Erstlingswerk eine Stecke von über 500 Seiten zu durchpflügen und dies dann auch noch vom Schreiben und vom Stil, von der Konstruktion und vom Stoff her gut hinzubekommen, ist eine Leistung. Der Roman hat ein Wendemilieu zum Thema, das wohl nicht dem entspricht, was der übliche Intellektuelle sich einmal vorstellte, als von den großen Wenderomanen oder gar dem großen Wenderoman die Rede war. Nun, auch Clemens Meyer hat den nicht geschrieben. Aber er hat ein ostdeutsches Milieu geschildert, das sonst nur in den „Sozial“-Reportagen von „Spiegel“- oder „Stern“-TV vorkommt, wenn es um deviante Jugendliche aus der Platte geht. Crime sells.

Doch Meyer ist mit „Als wir träumten“ mehr als ein Roman über deviante Jugendliche gelungen. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, seiner Liebe, seiner Freunde, schildert die Hoffnungen und Träume einer Clique Jugendlicher im Nachwendeleipzig. Dies alles ist so erzählt, daß man gerne weiterliest. Ein Roman aus der Gosse zwar, der aber im Grunde die existentiellen Dinge der Jugend nennt. Er handelt von Größe, Liebe und Feigheit, von Brutalität und Perfidität, er ist pubertär aufgeladen, weil es die Welt derer ist, die aus der Pubertät entwachsen. Öfters einmal gibt es reichlich was auf die Fresse, daß es beim Lesen wehtut. Und man liest weiter wie im Rausch, legt das Buch, am Schluß angekommen, atemlos beiseite.

Nein, das Buch ist nur zu einem kleinen Teil eine Milieuschilderung; Meyer will in seinem Debütroman nichts und niemanden mit wohligem Gruseln vorführen, sondern er ist konzentriert bei der Sache, und gerade dadurch bringt der Roman es auf den Punkt: das, was da in jenen Wendejahren im Osten und mit „dem Osten“ geschehen ist, was viele in ihrer Nachbarschaft erlebt haben. Indem der Roman das Alltägliche einer bestimmten neu entstandenen Klasse beleuchtet, ohne dabei Partei zu beziehen, ist er im Grunde ein extrem politischer, obwohl Meyer „nur“ aus der Sicht und Position des Protagonisten Daniel heraus schreibt und beschreibt. Über die lange Distanz des Romans hat das gut funktioniert. Doch reicht das auch aus für die kurze Stecke der Erzählung?

 In Meyers zweitem Buch „Die Nacht, die Lichter“ sind es Erzählungen oder, wie es im Untertitel heißt, „Stories“, wir kennen dies ja schon von Ingo Schulze, wo es aber umgekehrt lief, daß ein ganzer Roman „Simple Storys“ hieß. Hier nun sind es tatsächlich Stories, man muß das unbedingt deutsch aussprechen, wie es ja auch in Deutsch geschrieben ist und so wie jemand (am besten norddeutsch intoniert) sagt: „Nun vertell man keine Schtories!“, wenn er jemandem zu verstehen geben will, daß da fabuliert oder ein wenig übertrieben wird. Bei Meyer allerdings wird nichts über- oder untertrieben. Erzählt werden Geschichten, also Stories mitten aus dem Leben, aus einem Alltag heraus, der manches Mal nur traurig und trist ist.  Doch erzählt wird dies ohne den Hang zur Melancholie oder zur Verklärung.

Wozu dient die Story?: Sie will, anders als etwa die (Thomas Mannsche) sprachgewaltige, ausladende Erzählung oder die Novelle, kurz pointieren, in wenigen knappen Sätzen skizzieren; schnelle Dialoge treiben die Handlung. Das ist die Tradition der amerikanischen short story, wie sie seit den 90er Jahren bei vielen Schriftstellern wieder in Deutschland angesagt war. Eine ganze Generation, so könnte man überspitzt sagen, fühlte sich plötzlich zur amerikanischen Tradition eines Raymond Carver hingezogen, schrieb Vorworte für die in Deutschland veröffentlichten Bücher Carvers. Das langatmige, weit ausholende und mäandernde Erzählen ist vorbei. Der Erzähler beeindruckt vielmehr mit Lakonik, und es herrscht Verknappung vor. Die Story fängt in ihrer Sprache den jeweiligen Geist der jeweiligen Zeit ein, aber sie bietet nicht, wie der Roman oder die klassische Erzählung, ein manchmal groß angelegtes Panorama, sondern arbeitet vielmehr als photographischer Schnappschuß. Ein paar Bilder, ein Blitz, eine Szenerie kurz aufleuchtend und dann die Nacht. So eben geht es auch in dem Band von Clemens Meyer zu, in der Tradition der short storys, jedoch mit einem deutschen Underdogsujet: kurz und knapp, einen Assoziationsraum eröffnend.

Es sind fast alles Geschichten von ganz unten oder aus dem „Milieu“, meist enden sie verhängnisvoll oder zumindest ohne große Hoffnung. Selten bricht in die Tristesse einer Hochhaussiedlung der Hauch des Anderen ein, kommt eine Ahnung auf, daß es auch ein Leben da draußen, außerhalb gibt, wenn etwa wie in „Warten auf Südamerika“ einer aus der alten Clique Karten von dort schreibt und es „geschafft“ zu haben scheint. Doch eigentlich bleibt alles wie es ist, der Einbruch des Besonderen ist kurz nur. Manchmal hält der Schluß auch eine völlig unerwartete Wendung bereit, so wie etwa in der Erzählung „Wagen 29“. Ansonsten ist es, wie es ist, es ist so, wie es dort zugeht, ganz positivistisch gesprochen. Manches Mal wünscht man sich, daß es gut ausgehen möge, so beim Lesen von „In den Gängen“. Wer einmal in einem jener Großsupermärkte als Aushilfe oder als Festangestellter gearbeitet hat, der findet die Charaktere, die Art von Menschen, die dort im Food- und Non-Food-Bereich arbeiten müssen oder wollen, und die Atmosphäre der Arbeit exakt getroffen wieder: diese Mischung aus Solidarität, Einsamkeit, Verzweiflung, kleinen Scherzen, die helfen, die Tätigkeit erträglich zu machen, gemischt mit einer schlecht bezahlten Arbeit. Doch gleitet Meyer nicht in den Sozialkitsch ab, schon gar nicht vertraut er auf irgend ein Potential, daß diese Menschen ändert und sie dazu bringt, ihre Lage durchschauen zu können. Vielmehr beißen sich die Charaktere an Hoffnungen fest, die hinterher nur bitter enttäuscht werden, so wie bei jenem Mann, der für seinen erkrankten Hund das Geld zur Operation auf der Pferdewettbahn gewinnen muß, weil er diesen Eingriff aus eigener Tasche kaum bezahlen kann. Zum Schluß gewinnt er das nötige Geld sogar, und zwar durch die Hilfe eines Kumpels, der Perdewetten einst als Profi betrieb. Doch Geld zu gewinnen und Geld zu behalten, sind zweierlei Dinge. Die Wendung ist überraschend und leider lakonisch-drastisch.

Clemens Meyer hat einen genauen Blick für die Charaktere und die Szenerien. Knappe Beschreibungen, daß man sich sogleich im Geschehen wiederfindet und weiß, was Sache ist. Teils bedient Meyer sich des Mittels der Elipse, doch weiß man gleichsam intuitiv sofort, worum es geht. Da muß nicht viel gesagt werden, so wie in der Erzählung, die dem Band ihren Titel gab. Das Eliptische baut den Spannungsbogen auf. Erzählerisch und technisch ist das gekonnt. Andererseits erwartet man dies auch von einem Erzähler, welcher das „Deutsche Literaturinstitut Leipzig“ besuchte.

Doch nie gerät die Schilderung der Underdogs zum Selbstzweck; es hat nicht dieses furchtbar Gekünstelte eines Bukowski, wo in jedem zweiten Satz das Wort „Ficken“ lauert, obwohl manches von Meyer dem Sujet nach genauso gut von Bukowski stammen könnte. Um das Heikle einer solchen Verwechselung weiß Meyer sicherlich. Eher schon steht das Erzählen in guter alter Tradition Hemingways als Vater eines bestimmten Typus von amerikanischer Short Story oder befindet sich in der Gesellschaft Carvers. Szenen, Alltäglichkeiten, die zu Momenten verdichteten Episoden des Lebens, das Déjà-vu, was einen bei mancher Story überkommt, enthalten oftmals ein allgemeingültiges Moment; auch wenn es nicht das Milieu ist, aus dem man selber(ohne eigenes Zutun und Verdienst) entstammt. Doch pointiert Meyer „existentielle“ Momente, die einem Intellektuellen genauso widerfahren können wie einem, der ohne jegliche Mittel einfach nur durchkommen will. Kurz präzise, schnörkel- und umstandlos wird hier geschrieben, so daß solche Momente, von denen man weiß, daß es sie einmal gab kurz nur aufscheinen, freilich in verfremdeten Zusammenhang. Doch rückt man einmal von der Perspektive des Underdogs ab und sieht auf das Generelle, so kommt einem einiges recht vertraut vor.

Und wenn man noch weiter im Namensregister stöbern will, so bietet sich bezüglich des Sujets womöglich der Vergleich mit dem phantastischen Denis Johnson an, etwa mit seinem Erzählungsband „Jesus Son“, wenngleich Meyers Duktus sehr viel ruhiger ist als der voranstampfende Johnson. Obwohl diese Verortung in einem Namensfeld eigentlich nie gut ist, denn Meyer ist Meyer, so wie Johnson nun einmal Johnson ist. Doch kann durch ein solches Verorten ein wenig der Raum und damit zugleich der Rahmen, in dem die Bewegungen stattfinden, gezeigt werden.

 „Als wir träumten“ setzt sich von dem Band mit Erzählungen insofern ab, weil in diesen „Stories“ das Mißgeschick und das Geschehen mittlerweile ganz und gar Bundesrepublik geworden bzw. ins Allgemeine gewendet ist. Nicht mehr viel ist geblieben von jener Wendezeit in Leipzig. Das, was in der Erzählung „Wagon 29“ passiert, kann sich überall ereignen und ist ein existentielles Moment. Was in dem Roman sehr speziell angelegt war, nämlich der Verfall einer Ordnung und ihre Okkupation durch eine Leerstelle sowie der Kampf aller gegen alle, damit jeder ein Quentlein vom neuen Glück abbekäme, und dadurch an einen historischen Ort gebunden war, transponiert Meyer nun. Diese Geschichten sind ortlos geworden, und sie könnten zugleich an jedem Ort in Deutschland spielen. Gut erzählt sind sie, und man bleibt nicht, wie so oft, wenn Erzählen zum artifiziellen Zweck halb-organisierter Selbstreferenzialität der Generation Diskurs geworden ist, mit der Frage zurück „Was soll das eigentlich alles?“ Dies allerdings ist in der heutigen Zeit schon recht viel, wenn da jemand begabt erzählen kann und auch etwas zu erzählen hat. Es bleibt am Ende nur übrig, Clemens Meyer für sein drittes Buch, das ja der Legende nach das schwerste sein soll, viel Erfolg und gutes Gelingen zu wünschen.

 Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter. Stories, Fischer Verlag, Frankfurt/M 2008, ISBN: 978-3-10-048601-1, 272 Seiten, 18,90 EUR

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Clemens Meyers Erzählungsband, „Die Nacht, die Lichter“

  1. ntw2000 schreibt:

    Kleine Korrektur: Der Untertitel „Stories“ (wenn das so gemeint war) ist bei Meyer keineswegs deutsch geschrieben („Hier nun sind es tatsächlich Stories, man muß das unbedingt deutsch aussprechen, wie es ja auch in Deutsch geschrieben ist und so wie jemand (am besten norddeutsch intoniert) sagt: „Nun vertell man keine Schtories!“…), sondern, ganz korrekt, auf Englisch. Im Deutschen wird die Pluralform, genau wie beim eingedeutschten Party(s), mit y geschrieben – so also, wie Ingo Schulze es in seinem Roman „Simple Storys“ handhabt, der, im Gegensatz zu Meyers Geschichtensammlung also unbedingt deutsch ausgesprochen werden sollte.

  2. bersarin schreibt:

    Danke für den Hinweis. Es stimmt, was die neue Rechtschreibung betrifft. In der alten gibt es beide Pluralvarianten: Storys und Stories.

    Das kommt davon, wenn man ein Verfechter der alten Schreibung ist und sich privat weigert, auf die neue Rechtschreibung umzuschalten. Ändert aber nichts an der Interpretation, daß es auf deutsche Weise auszusprechen ist. Wenngleich der Einschlag US-amerikanischer Literatur bei Meyer gewiß nicht zu leugnen ist.

  3. irisnebel schreibt:

    wie du „als wir traeumten“ besprichst gefaellt mir sehr gut, auch der vergleich mit „die stadt die lichter“. ansonsten gingen mir irgendwann seine ewigen sucht- und rauschzustände (spiel-, wett-, alkoholsuchts-) so richtig auf die ketten (abgesehen von ein paar sehr guten storys in
    gewalten. ein Tagebuch / Clemens Meyer – 2010).
    so langsam stimmte die lektuere depressiv, alles wirkte unheimlich zigarettengelbgrau (und nah am alten grau unserer region.), stickig, duester, bedrueckend. negativ, pessimistisch, aussichtslos. anders als bei den milieuschilderungen der verlorenen jugend im erstlingswerk, wo es eher um entwicklungen ging. die schonungslose offenheit, mitten unter uns lebend und doch nur aus der ferne betrachtet, ergiesen sich geschichten, die ergreifen.
    als wir traeumten habe ich auch in einem ritt gelesen, der spannungsbogen riss nicht ab.

  4. Bersarin schreibt:

    Daß „Gewalten“ düster ist, liegt am Sujekt, Meyer will das ja genau so: das Ausweglose, die Verlierer der Wende. Die Verzweiflung zeigen.

    In „Als wir träumten“ lag noch alles offen, das stimmt, aber es war auch vieles bereits verbaut. Zumindest für manche, denen die Knastzeit nicht guttat. Es müßte im Grunde, und das hat Meyer noch nicht getan, der Leipzigroman geschrieben werden, der diese Zeit des Umbruchs, des Neuanfangs, die es ja auch – nur ein wenig anders – in Berlin gab, auf den Punkt bringt. Vom Literarischen stelle ich mir das Pricklend vor. Auch ich habe „Als wir träumten“ in eine Zug gelesen. Also in ein paar Tagen, weil die Geschichte fesselnd erzählt war.

    Daß er sich aber in seinem Erzählungband und in seinem Tagebuch nun nicht wiederholt, ja sogar düsterer wird, sehe ich nicht als Makel. Zumal „Gewalten“ eine Mischform in Prosa ist.

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