Andreas Feininger, „New York in the Forities“

Ein photographischer Essay zur Ausstellung
im Bauhaus-Archiv

 Hört man den Namen Feininger, so denkt der eine oder die andere zunächst einmal an den Maler und Bauhaus-Meister Lyonel Feiniger, seine hochragenden Gebäude sowie die geometrischen Formen. Und in der Tat ist Andreas Feininger (27.12.1906 – 18.2.1999) der begabte Sohn. Den Einfluß des Bauhauses sieht man in den Photographien deutlich durchscheinen, vor allem, was das Formprinzip und die geometrische Strenge betrifft. Einige, etwa der Wikipedia-Eintrag, aber auch die Wandtafel der Ausstellung bezeichnen Feininger als Autodidakten. Dies ist jedoch nicht ganz korrekt: Zwar studierte Feininger nicht die Photographie, sondern am Bauhaus Architektur, und seine späteren theoretischen Schriften zur Photographie entwickelte er anhand der eigenen vielfältigen, auch experimentellen Praxis, doch belegte er immerhin einen Kurs in der Photographieklasse von Walter Peterhans am Bauhaus, weil Feininger mit seinen eigenen photographischen Ergebnissen unzufrieden war. Insofern war Feininger nicht ganz unbedarft, was die akademische und technische Lehre betraf. Doch erwiesen sich beider Art zu photographieren und auch die theoretischen Ansichten dazu eher als gegensätzlich.

Dieser Kurs legte aber zumindest den Grundstein und gab den weiteren Anschub: Fortan befaßte Feininger sich intensiv mit der Photographie und mit photographischen Experimenten. Fast hätte er gar bei einem seiner Experimente die Technik der Solarisation entdeckt, die dann aber durch Man Ray berühmt wurde. Diese Fähigkeit zu experimentieren, nützte ihm insbesondere für die photographischen Herausforderungen, die eine Großstadt wie New York bietet. So konstruierte er eigene Kameras und arbeitete mit speziellen Teleobjektiven bzw. Telekameras, um die Perspektive (also etwa stürzende Linien) in den Griff zu bekommen und optische Verdichtungen zu erzeugen. Insbesondere für die Photographie der Gebäude war sein Architekturstudium mehr als hilfreich, um diese formstrengen, ausgewogen komponierten Bilder zu erzeugen, wie man sie von vielen seiner Großstadtaufnahmen kennt.

Im Bauhaus-Archiv gibt es noch bis zum 18. Mai seine (Schwarzweiß-)Bilder aus den 40er und teils auch aus den 50er Jahren zu sehen, die er von New York photographierte. Es ist dies eine zwar kleine, aber dennoch sehenswerte Schau, um einen Einblick in diese Art der Stadt-Photographie zu erhalten. Es sind dort auch drei der Kameras, mit denen Feininger seine Photos schoß, ausgestellt : so etwa die Leica II, die Leica IIIa und eine Rolleiflex, und für die Fetischisten oder gar Fetischistinnen unter den Lesern und Leserinnen noch soviel: als Film benutzte er häufig „Kodak Super XX Panchromatic“ (den Film gibt es bei ebay noch zu ersteigern).

Sicherlich gehört Feininger zu den großen Photographen jener Zeit, und deutlich prägte er mit seinen Photographien sowie seiner Art zu sehen und dieses Gesehene in Bilder umzusetzen, unser Bild von New York. Viele seiner Photos sind in unserem kollektiven Gedächtnis eines New Yorks der 40er Jahre eingegraben und gespeichert, eines New Yorks, das so allerdings nicht mehr existiert. Insofern haben diese Bilder ihren Teil zur Mythologisierung New Yorks beigetragen, wie etwa Brassaïs, Doisneaus oder Cartier-Bressons Photographien von Paris einen Mythos dieser Stadt erzeugten. [Interessant wäre es, einmal diesen Aspekt zu untersuchen, wie sich Photographien in unser kollektives Gedächtnis eingraben und ein bestimmtes Bild (hier etwa einer Stadt) konstruieren, das mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat oder sogar und womöglich niemals viel mit der Realität zu schaffen hatte. Daß ein solcher Prozeß der Konstruktion und der gleichzeitigen Mythologisierung des Realen gerade vermittels der Photographie geschieht, die eigentlich, wie der Film, als realismusfähigens Medium mehr oder weniger genaue Abbilder der Realität liefern sollte – was natürlich schon immer eine Illusion war –, erstaunt dabei um so mehr. In diesem Zusammenhang wäre einmal mit Susan Sonntags Essays zur Photographie gegenzulesen.]

Selbst wenn wir womöglich den Namen dieses Photographen nicht wissen, so ist uns doch jenes Bild von den Menschen „Auf der Fähre von New Jersey nach New York“ geläufig, wo dort im Vordergrund all diese Passagiere stehen und man selber als Betrachter mit diesen Menschen schaut, leicht erhöht positioniert auf einer Schiffstreppe, die Blicke sind über die Köpfe und das Wasser hinweg direkt auf die Stadt zu gerichtet, hinüber zur winzigen Skyline von New York, rechts im Bild die Brooklyn Bridge.

Oder von der Art und der Konstruktion her ganz anders sich darbietend, jenes großartige Bild „Coney Island, New York 1949“, welches als Photographie vom New Yorker Strandleben eine feste Größe des kollektiven, photographischen Bilderbestandes ist: Ein unendliches, fast konstruiert und irreal anmutendes Gewimmel von Menschen auf der Promenade und am Strand von Coney Island mit all seinen Sonnenschirmen, Sonnenanbetern und Badenden zeigt sich da. Als ob diese Vielzahl von Menschen dort für ein Photo bestellt und aufgestellt wären. Aber dieses Bild erscheint nur dadurch konstruiert und gleichsam „künstlich“, weil es mit einem extremen Teleobjektiv aufgenommen wurde, was die Perspektive insgesamt verdichtet und einen beengten Raum erzeugt, in dem die Vielzahl der Menschen noch zusammengedrängter wirken als sie es wohl sowieso schon sind.

Solche Wirkungen gelingen deshalb, weil Feininger die photographischen Techniken jeweils richtig einzusetzen weiß. Diese Bilder sind nicht dem richtigen, photographisch geglückten Augenblick beziehungsweise dem zufälligen Moment, in dem ziel- und zeitgenau ausgelöst wurde, geschuldet, wie etwa manche der schönen Momentaufnahmen Cartier-Bressons oder Doisneaus, sondern genau konstruiert und durchdacht. Eine Reminiszenz an jenes Strand-Bild mag wohl Andreas Gurskys Großformat-Photographie „Rimini“ sein, die allerdings, was die Hotelbauten betrifft, um der Komposition willen, digital nachbearbeitet ist.

Einen ähnlichen Effekt durch die Verwendung extremer Teleobjektive erzielt er in dem Bild „Mittagszeit auf der 5th Avenue“, wenngleich dort sehr viel komprimierter noch und dadurch geradezu eine Enge herbeirufend, die beängstigend wirkt; es entsteht ein kompositorisch dreigeteiltes Bild von Häuserfronten rechts, Menschenstrom mittig und Autofluß links, deren Elemente auf einen zentralperspektiven Fluchtpunkt hin zulaufen. Die Elemente im rechteckigen Bild geometrisch aufgeteilt, befindet sich in der Mitte des Bildes ein Dreieck mit der Spitz nach oben hin ausgerichtet, rechts und links flankiert von zwei Dreiecken mit der Spitze nach unten. Der Betrachter gerät mitten in diesen Strom hinein, und was das beste ist: es bedarf dazu nicht einmal übergroßer Formate, so wie keines der Bilder Feiningers überdimensioniert ist, sondern in den üblichen Formaten abgezogen wurde. (Nun: es ist nicht der Klassiker 18 x 24 cm, wie ihn etwa die Düsseldorfer Schule um das Ehepaar Becher pries. Was größer war, tendierte dort zur Sünde. So völlig falsch ist dies ja nicht: ein gutes Bild läßt sich eben auch daran erkennen, daß es im kleinen Format noch allein vermittels seines ästhetischen Gemachtseins Wirkung erzeugt.)

Die Ausstellung bietet dabei einen vielfältigen Blick auf das New York der 40er. Insofern gehören die Photographien Feiningers zu den Klassikern der Stadtreportage, wenngleich sie in ihrem Realismus nicht das Moment des explizit Soziologisch-Dokumentarischen aufweisen wie etwa die Photographien seines New Yorker Kollegen Weegee, der lange in Vergessenheit geraten war. Armut kommt am Rande vor. Man erahnt sie, wie in dem Bild „Straßenecke in der Front Street“ oder „Fischmarkt in der South Street“, durch den Kontrast jener Menschen oder dem alten Fischkutter zu den gewaltigen modernen Wolkenkratzern der Geschäftswelt im Hintergrund. Unerreichbare, unverbundene Sphären geraten in solchen Miniaturen nebeneinander und sagen vermittels des Prinzips der Auslassung und der Reduktion mehr über die soziale Realität aus als manche Reportage, die den Blick kontrastlos und ungeschminkt auf die harten Fakten lenkt.

Auch gibt es nur weniges in den Bildern, was auf den Alltag New Yorks deutet, etwa die Straßenszenen in Harlem oder die Geschäfte der verschiedenen Nationalitäten. Eine Ausnahme, die geradezu ins Auge sticht, macht da die Photographie „Harlem Arm Wrestling“. Menschen sind Feiningers Spezialität nicht. Eher schon ist es die Stadt selbst, gewissermaßen als lebender Körper, die Feininger interessiert und auf der sein Focus liegt. Vor allem ist es das maritime Moment New Yorks, das Feininger einfängt.

New York (Manhattan) ist die Stadt am Wasser, vom Wasser umgeben. Dies zeigt Feininger klar und fast leidenschaftlich mit seinen Hafenbildern, den Kais, den in die Häfen der Stadt einfahrenden Schiffe, etwa die Passagierdampfer „Queen Mary“ und die „Queen Elisabeth“, sowie auf den Photographien des Klassikers Brooklyn Bridge. Wunderbar und gelungen in der Form die „Hochhäuser in der Rector Street“, wo die Korrespondenz von Stadt und Wasser unmittelbar und selbstevident ins Auge sticht: Im Vordergrund befindet sich die klare Strukturierung der Hochhäuser in ihren Formen (und ohne stürzende Linien), während im Hintergrund die Vielzahl von unterschiedlichen Schiffen auf dem Atlantik umherfährt; so entsteht und so zeigt sich eine maritime Stadtatmosphäre mit einem ganz eigenen Reiz: Bagger und Bauschiffe, Fähren und Dampfer ziehen da ihre Bahn, überragt von jenem Meer aus Häusern, die in die Höhe streben.

Feiningers New York ist trotz der kompositorischen Strenge der Bilder und der wenigen ausgewählten Sujets in seiner Darstellung durchaus facettenreich aufgrund der photographischen Formen und der Tonwerte: Das Gewicht liegt auf den Grauwerten, die eine breite Tonskala umfassen, korrespondieren mit äußerst kontrastreichen Bildern, welche aber ausreichend Zeichnung aufweisen und die selten nur in ein das Bild überlagerndes tiefes Schwarz oder in reines Weiß abdriften. Teils geschieht dieses Zusammenspiel von Kontrast und ausgeprägten Grauwerten innerhalb eines einzigen Bildes. Aber auch ein kontrastarmes Grau-in-Grau wie bei den Winterbildern oder der „Brooklyn Bridge im Nebel“ verschafft Eindrücke. Die Brooklyn Bridge sieht man hier in einer Art wie sie wohl nie zuvor ins Bild gesetzt wurde: mitten im Nebel ins Nichts versinkend, menschenleer die Brücke und auch die Kais. Kein Licht nur ein großes Grau und Körnigkeit, am unteren Ende des Bildes ins dunkle Grau, fast ins Schwarze übergehend. Gerade durch die Armut des Kontrastes entsteht eine Sogwirkung, welche einen ins Bild hineinzieht.

Als eines der wenigen nicht sehr gelungenen Bilder würde ich „Empire State Building, aus 22 km Entfernung gesehen“ ansetzten. Hier handelt es sich eher um eine technische Spielerei, bei der vermutlich die Wirkung von speziellen Teleobjektiven oder Telekameras experimentell erprobt werden sollte. Diese Bild mag allenfalls ein „Work in progress“ illustrieren. Kompositorisch fällt es aus dem Rahmen, doch sticht es dadurch andererseits auch wieder heraus. Allenfalls mag es einen gewissen Witz haben, daß da plötzlich das Empire State Building hinter einem vorstadtähnlich anmutenden Hügel von New Jersey hervorschaut. Feininger ist bei diesem Bild hinter seinen Möglichkeiten geblieben. Es paßt hier der Vordergund in keiner Weise zum Hintergrund. Diese Photographie wirkt wie eine Montage, obwohl es keine ist. Technisch einfacher hätte man es da haben können, gleich zu montieren. Doch beruhigt es irgendwie, das auch große Meister einmal mittelmäßige Bilder fertigen. Vielleicht jedoch macht gerade dieses Montageartige ohne jede Montage für manchen den Reiz insbesondere dieses Bildes aus. Die Methode der Derridaschen Dekonstruktion von New York ließe sich daran zumindest ganz gut erproben.

Diese Photographien Andreas Feiningers sind insgesamt eine Hommage an New York, eine auskomponierte, formstrenge Liebeserklärung. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes klassisch zu nennen. Jeder, der diese Stadt liebt und Photographien sehen möchte, die zeigen, wie diese Stadt einst gewesen sein mag, der sollte sich diese kleine gelungene Ausstellung im Bauhaus-Archiv ansehen. Danach kann man sich im Kino vielleicht noch Woody Allens großartigen, phantastischen Schwarweißfilm „Manhattan“ ansehen (eines jener zwanzig Meisterwerke der Filmkunst), jene andere große Liebeserklärung an New York, und zum Abschluß geht man dann in der Philharmonie, um „Rhapsodie in Blue“ von Gershwin zu hören, falls beides liefe. Dies wäre dann ein gelungener, perfekt austarierter Tag, ganz im Zeichen New Yorks, geworden.

2 Gedanken zu „Andreas Feininger, „New York in the Forities“

  1. Danke für die Informationen und den Ausstellungshinweis. Dem werde ich gleich Anfang nächster Woche in meinen Berlintagen folgen.

    Andreas Feininger hatte auch eine Zeit in Hamburg die Fotografien hervorgebracht hat. Ich konnte letztens ein Buch dazu einsehen. Ich bin gespannt, ob es Parallelen oder Entwicklungen zu entdecken gibt.

  2. Um hier keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Diese Ausstellung gab es im letzten Jahr. Nun ist sie vorbei.

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