Harald Welzers „Klimakriege“ (3. Teil)

Warum wir das, wogegen wir vor 20 Jahren
protestiert haben, mittlerweile normal finden

„Aus der Völkermordforschung wissen wir, wie schnell
die Lösung sozialer Fragen in radikale Definitionen
und tödliche Handlungen übergehen kann,
und so etwas abzuwenden, wird eine Probe darauf sein,
ob Gesellschaften aus der Geschichte lernen können oder nicht.“

Harald Welzer

IV Shifting baselines

Woher kommt diese „Apokalypseblindheit“? Weshalb wissen wir in unserer westlichen Moderne (oder Spätmoderne, Transmoderne, Postmoderne?), die wir eigentlich über das Potential kritischer Reflexion verfügen, die Zeichen der Zeit nicht nur nicht zu deuten, sondern wollen sie gar nicht erst bemerken? Wollen wir das nicht sehen, was momentan vor sich geht; können wir das womöglich gar nicht sehen? Vom Standpunkt des Futurum exactum betrachtet, (Welzer widmet ihm ein kleines Kapitel), den wir als denkende Wesen einnehmen können – und auch die Option des Möglichkeitssinns steht uns zu Gebote, um erweiterte Perspektiven zu gewinnen – sollten wir darüber nachdenken, ob wir eine Welt in diesem Lichte wirklich wollen. Vielleicht können dieser Blick vom Futurum exactum her und der Möglichkeitssinn Mittel abgeben, unsere Referenzrahmen zu überprüfen und zu hinterfragen. Es erfordert dies freilich einen Raum und Resonanzboden für Reflexion sowie einen öffentlichen Diskurs. Diesen könnten die Medien zwar liefern, doch scheint ihnen nicht viel daran gelegen. Ich rede hier nicht einmal vom Privatfernsehen oder den öffentlich-rechtliche Medien, dem „Spiegel“ (dem Sturmgeschütz der Akklamation) und ihren bewußt eingesetzten Narkoseprogrammen. Hier ist nichts zu erwarten. Aber wenn nicht einmal mehr Zeitungen wie die „Zeit“ oder Tageszeitungen wie die „Süddeutsche“ oder die „Berliner Zeitung“ einen leisen warnenden Ton anstimmen können, dann liegt etwas im argen. Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen, so hört man allenthalben sagen. Na, mal sehen. Eine Wette möchte ich darauf nicht eingehen. „Du mußt Dein Leben ändern“, wie das neue Buch von Sloterdijk heißt? Möglicherweise nein, sondern: „Du mußt nur die Laufrichtung ändern!“vielleicht eher und mit Kafka ganz pessimistisch in den Raum gesprochen. Doch hierzu zum Ende hin mehr.

Wann eigentlich beginnen soziale Katastrophen? Welzer beschreibt in Anlehnung an Jared Diamonds „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“, jedoch mit ganz anderer Zielrichtung, die soziale Katastrophe auf der Osterinsel und wie es möglich ist, daß eine Kultur Dinge veranstaltet, die bis zur Selbstpreisgabe desaströs sind, ohne daß in der Gesellschaft ein Bewußtsein darüber herrscht oder sich Widerstand regt. Wenn im öffentlichen Diskurs bemerkt wird, daß Dinge sich geändert haben und schwerwiegende Folgen sich einstellen werden bzw. bereits eingestellt haben, ist es meist zu spät.

„Die soziale Katastrophe der Osterinsel beginnt nicht, wenn der letzte Baum gefällt wird, sowenig wie der Holocaust mit der Installierung der ersten Gaskammer in Auschwitz anfängt. Soziale Katastrophen beginnen dort, wo falsche Entscheidungsrichtungen eingeschlagen werden – also dort, wo Distinktions- und Statusregeln auf den Osterinseln den Verbrauch von Holz für die Skulpturenproduktion fordern oder dort, wo wissenschaftlich begründete Annahmen über die Ungleichheit von Menschen in Deutschland den Rang von Gesetzen und Verordnungen erhalten.“

Genau dieser Aspekt ist es, den Welzer auf den Punkt bringt und wo er, vollkommen richtig, insistiert: Wir müssen einen (sozialen) Blick entwickeln für solche Angelegenheiten, und wir benötigen ein Sensorium für soziale Katastrophen. Es ist hierbei eine ganze Gesellschaft gefordert. Dies kann man vollkommen neutral festhalten, ohne in Alarmismus und Angstkommunikation zu verfallen.

Bei solchem Wandel in den Werthaltungen und solcher Veränderung von Normen innerhalb einer Gesellschaft handelt es sich um sozialpsycholgische Mechanismen, für die Welzer den Begriff der „shifting baselines“ verwendet, welchen er der Umweltpsychologie entnimmt (S. 214). Menschen halten immer jenen Zustand ihrer Umwelt für den „natürlichen“, der mit ihrem Lebens- und Erfahrungshorizont zusammenfällt (S. 214), und Menschen verändern sich mit mit ihrer Umwelt in ihren Wahrnehmungen und Werten gleitend, ohne daß sie dies jedoch selber bemerken (S. 16). Shifting baselines sind insofern auch dafür verantwortlich, was wir für normal halten und was nicht (S. 217). Man denke etwa an die Systeme der Überwachung: Die Generation, welche in diesem Jahrzehnt Kind ist, wird Videokameras, Gentests und biometrische Daten für ein normales Prozedere halten, und die Abfrage persönlichster Daten ist für diese Generation selbstverständlich. Wissen und Wahrnehmen hängen auf das engste zusammen:

„Denn Einmaligkeitsereignisse werden in der Regel gerade deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu sind, man also das, was geschieht, mit den verfügbaren Referenzrahmen zu erfassen versucht, obwohl es sich um ein präzedenzloses Geschehen handelt, das selbst erst eine Referenz für spätere vergleichbare Ereignisse liefert.“ (S. 219)

Hierin eben liegt eine Erklärung dafür, warum wir nicht wissen, daß wir nichts wissen; wir schauen mit unserem uns zur Verfügung stehenden Blick und sehen ohne zu sehen. (Ein ganz aktuelles Beispiel für ein Sehen ohne zu sehen, sind die gegenwärtigen Umwälzungen und die Weltwirtschaftskrise. Bei einigen scheint noch rein gar nichts angekommen zu sein.)

Kann man dieses Verhalten als moralischen Vorwurf an die Subjekte und die Diskurse herantragen? Man kann diese Dinge zunächst einmal nur konstatieren und muß sich überlegen, was dies als Konsequenz bedeutet. Welzer zitiert hinsichtlich dieser Problematik den Soziologen Norbert Elias, welcher es als „eine der schwierigsten Aufgabe der Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu anderen Zeiten vorgelegen hat.“ (S. 220) Ich halte diese Rekonstruktion (nicht nur in bezug auf die anderen, vergangenen Zeiten, sondern auch hinsichtlich der unseren Zeit) für extrem wichtig, um dadurch ein Begreifen dessen, was gegenwärtig geschieht, vermittels Analogieschluß zu forcieren und den blinden Fleck sichtbar zu machen. Foucaultsches und Luhmannsches Instrumentarium schadet dabei als Rüstzeug und als Zusatz zu dem bereits verwendeten Mitteln keineswegs. Man müßte nur (insbesondere bei Luhmann) die Perspektive ein wenig variieren.

Welzer zeigt anhand des Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozesses der Juden im nationalsozialistischen Deutschland (Welzer hat zu diesem Feld umfangreiche Forschung geleistet) und an anderen Beispielen ausführlich, wie Mechanismen der Wahrnehmung und Interpretation von sozialen Tatsachen funktionieren und die Beteiligen dabei nicht einmal merken, was vor sich geht. Diskursive Moralphilosphie, in solcher Perspektive, kann nur scheitern und appelliert ins Nichts hinein, was schon Schopenhauer wußte. Aber auch individualistische, auf moralischer Intuition oder die Kraft des Subjekts beruhende Positionen werden es schwer haben, ein Korrektiv abzugeben. Insofern stellt Welzer fest:

Angesichts des Phänomens der gleitenden Referenzpunkte wird man sich auch angesichts ganz anderer Problem- und Veränderungslagen nicht der Illusion hingeben wollen, ihre moralischen Überzeugungen würden Menschen schon an irgendeiner Stelle eines gegenmenschlichen Prozesses innehalten und zum Besseren zurückkehren lassen. Das geschieht oft selbst dann nicht, wenn dieser Prozess selbstzerstörerisch zu werden droht.“ (S. 230 f.)

Für eine Moralphilosophie sind dies allerdings düstere Aussichten. Es haben sich die Ethik und die Philosophie überhaupt diesen Einsichten jedoch zu stellen. Allein schon aus dem Grund, daß unsere Zukunft und die Art und Weise, wie wir und nachfolgende Generationen zukünftig leben wollen, davon abhängt. Hier ist das Projekt der Aufklärung absolut weiterzutreiben. Welzer insistiert darauf, und sein Buch ist hierzu ein gewichtiger Beitrag.

V. Ökologische Kommunikation

Die ökologischen Probleme sind nicht neu: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Bericht des „Club of Rome zur Lage der Menschheit“, den „Grenzen des Wachstums“ gab es erste Warnungen und Hinweise (S. 110). Daß die sozialen Folgen der ökologischen Probleme bis heute kaum oder zu wenig diskutiert werden, steht in krassem Gegensatz zum Alter der ökologischen Debatte, so Welzer. Und dies ist richtig: Selbst in den frühen 80er Jahren auf dem Höhepunkt der Ökologiebewegung in der BRD bis hin zu Tschernobyl wurde zwar sehr viel über die Probleme und ihre Folgen gesprochen, doch weder in der internen Debatte der verschiedenen Gruppierungen und Strömungen, noch in jenem medialen Grunddiskurs, der etwa Begriffe wie Smog und Waldsterben ubiquitär machte, tauchten die sozialen Folgen richtig auf.

Mit Luhmann könnte man hier natürlich (systemtheoretisch) einwenden, daß ein System eben nur das kommunizieren kann, was es aufgrund seiner Differenzierung zur Umwelt und seiner systemimmanenten Binnenunterscheidung kommunizieren kann. Alles andere wäre eine Überforderung des entsprechenden Systems. So wird, vereinfacht gesagt, niemand vom System des Rechts Kunstwerke erwarten und vice versa. Doch ist es nur bedingt hilfreich, wenn es um Lösungen geht, ex negativo zu argumentieren, was nicht geht. Wenngleich die Luhmannsche Position schon eine erste Erklärung darüber abgeben mag, warum bestimmte Themen eben nicht kommuniziert werden können. Hier gilt es, Dinge fruchtbar zu machen.

Was die ökologische Debatte betrifft, sei nur auf seine Arbeit „Ökologische Kommunikation“ von 1986 hingewiesen. Ich wäre gerne noch intensiv darauf eingegangen, doch kann hier nicht der Raum dafür sein. Lesenswert ist dieses Buch jedoch, wenngleich es nicht unumstritten ist und problematische Punkte enthält. Ein Zusammen- und Gegenlesen mit Welzer wäre aber spannend. (Eine Luhmann dekonstruierende und gegen den Strich verfahrende Lektüre allemal.) Und es wäre für die hier skizzierten Probleme womöglich eine Ergänzung um Luhmann sinnvoll, wenngleich dies nicht unbedingt im Theorieansatz Welzers gegründet liegt und Luhmannsches Theoriedesign dem Denken Welzers eher entgegensteht: Sind es doch für Welzer nicht Strukturen und Diskurse, sondern es muß aus jener Welt der Strukturen zurückgefunden werden zu Strategien, mit denen „soziale Wesen“, mithin Subjekte, versuchen ihr Dasein zu bewältigen. (S. 44) Hier gilt es nach Welzer, die Potentiale des Subjekts zu entfalten. (Inwieweit in solchem Ansatz auch Probleme liegen, kann ich hier nicht weiter behandeln; dies ist ein Aspekt für sich, der unter dem Titel „Subjektphilosophie“ besprochen werden müßte; es wird aber in diesem Jahr Aufsätze zur Postmoderne und zum Poststrukturalismus geben, zumal anläßlich des 25. Todestages von Michel Foucault in diesem Jahr. Dieser darf nicht unkommentiert bleiben.)

Ich halte, um es kurz zu fassen, diesen teils sehr subjektzentrierten Ansatz Welzers, wenn man ihn verabsolutiert und als Königsweg begehen möchte, für eine Verknappung, denn es beraubt sich eine umfassende Theorie doch durch das Abschneiden der strukturellen und diskurstheoretischen Elemente ihres besten Instrumentariums zur Analyse, wenn es darum geht Zusammenhänge erst einmal deskriptiv zu erfassen oder gar Erklärungen dafür zu finden, warum bestimmte Themen von bestimmten gesellschaftlichen Subsystemen wie Recht oder Wirtschaft eben nicht oder erst unter bestimmten Bedingungen kommuniziert werden können. Hier bietet die Systemtheorie durchaus Erklärungen an, ohne daß man beim Nachdenken darüber sogleich zum Strukturfunktionalist werden müßte.

VI. Ausblicke

Vielfach wirft „Klimakriege“ bezüglich seiner Themen die Netze sehr weit aus. So werden Themenfelder wie der Nationalsozialismus und (islamischer) Terrorismus unter dem Kapitel „Veränderte Menschen“ sehr ausführlich behandelt, um die hier wirkenden Mechanismen der Verschiebung von Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Realität aufzuzeigen. Dies geschieht, um die oben skizzierte Theorie der „shifting baselines“ und deren Implikationen zu verdeutlichen und so bei (möglichen) Zukunftsszenarien Handlungsmuster zu antizipieren. Welche Optionen würden gewählt, wie sehen Möglichkeiten des politischen Handelns aus, wenn der Westen einem noch mehr ansteigenden, unaufhaltsamen Strom von Umweltflüchlingen ausgesetzt sein wird und der Druck an den Außengrenzen der EU zunehmend steigt? Noch mögen wir es als unmenschlich empfinden, Flüchtlinge in kaum schwimmtauglichen Beförderungsmitteln im Meer einfach ertrinken zu lassen, anstatt sie zu retten (obwohl dieses Ertrinkenlassen schon vielfach geschieht); noch erscheint es uns als absurd und dem europäischen aufgeklärten Geist widersprechend, daß Patrouillenboote der Grenztruppen auf Flüchtlingsboote schießen, um sie zur Umkehr zu bewegen, und bewußt den Tod von Menschen in Kauf nehmen. Bei einem veränderten Referenzrahmen jedoch, wenn der Druck im Kessel steigt, erscheinen solche Lösungen gar nicht mehr so abwegig. Schnell setzt die Gewöhnung und Erleichterung über diese endlich ergriffenen Maßnahmen ein. Und es werden sich ausreichend Journalisten sowie Intellektuelle finden, die dieses Vorgehen nicht mehr nur beschweigen, sondern explizit gutheißen werden.

 Natürlich sind diese Annahmen erst einmal spekulativer Natur, und der wohlmeinend Abwägende, für den Ruhe die erste Bürgerpflicht und Tugend ist, wird entgegnen, daß diese Szenarien und die daraus resultierenden Handlungsfolgen nicht zu beweisen seien und der Hypothesencharakter des Konstruktes (und auch des Buches von Welzer) doch sehr stark sei. Es werde hier zudem sehr Unverbundenes und Disparates wie der Genozid in Ruanda und der Holocuast zusammengebracht mit der Wahrnehmung von Südkalifornischen Fischern bezüglich der Überfischung des Pazifiks. Es mögen diese von Welzer geschilderten Zukunftsaussichten so sein oder auch nicht, wir wissen es eben nicht, was in der Zukunft geschieht, das ist vollkommen richtig. (Korrekt muß man sagen: die möglichen Aussichten, denn Welzer antizipiert nichts und stellt nichts als soziale Tatsache dar, was nur spekulativer Natur ist.) Daß aber Menschen auf Freiheitsrechte verzichten zugunsten von Sicherheit, kann man bereits an der gegenwärtigen Debatte über die Gesetze zur Bekämpfung von Terrorismus ablesen.

Solches läßt sich zunächst einmal ganz neutral konstatieren. Denn daß ein Staat Maßnahmen gegen terroristische Bedrohungen trifft, ist legitim, da es die Pflicht eines Staates ist, seine Bürger gegen Terrorismus zu schützen (siehe Teil 1 dieses Essays, am 30.3.). Zu Fragen bleibt aber dabei, was solche Maßnahmen für die Formen sozialen Zusammenlebens und für die Art, wie Gesellschaften Dinge zukünftig wahrnehmen und bewerten, bedeuten.

Es sollte nicht zu viel Vertrauen in die Stabilität von Werten sowie in Normalitäts- und Zivilisierungsstandards gelegt werden (S. 239). Denn mit der Zuspitzung von Problemlagen geht meist ein schleichender Wandel dieser Werte und der Gewichtung von Werten einher. Bestes Beispiel ist hier der Umgang mit persönlichen Daten, mithin das Recht auf informationelle Selbstbestimmung: Brach bereits Jahre vor der Volkszählung von 1987, die im Vergleich zum Umgang mit Daten in der heutigen Zeit harmlos zu nennen ist, noch ein Sturm der allgemeinen Entrüstung auch bei denjenigen aus, die nicht unbedingt „links“ zu nennen sind, so bleibt in unserer Zeit eine Reaktion aus angesichts des heutigen Umgangs mit persönlichen Daten im Zeitalter des Internet und der verstärkten Überwachung. (Siehe hierzu etwa die Ausführungen Welzers S. 234 – 238.) Anhand solcher Beispiele zeigt Welzer sehr gut auf, wie die Theorie der „shifting baselines“ funktioniert. Wir glauben, ganz dieselben geblieben zu sein und dennoch haben sich unser Referenzrahmen und unsere Wertmaßstäbe unmerklich ein Stück verschoben.

So kann man abschließend festhalten, daß dieses Buch viel erreichen möchte und zugleich mit der Adlerperspektive über die Dinge gleitet. Insofern ist es ein wissenschaftliches Buch, welches sich nicht nur an das wissenschaftlich gebildete Fachpublikum, sondern an eine breitere Allgemeinheit wendet. Verstehen kann dieses Buch beim Lesen jeder. Es wird nicht mit Begriffen herumgeschwurbelt und epigonaler Diskursklamauk betrieben (nichts gegen Derrida, Foucault, Deleuze, Barthe: dies ist eine ganz andere Liga als jene nachbetenden Signifikantenreiter. Hier weiß ich mich gewiß mit meinem Blogkollegen Hartmut einig, dem ich manche Anregungen aus seinem Blog „Kritik und Kunst“ verdanke.)

Klimawandel beschränkt sich nach Welzer nicht nur auf das Absterben von Wäldern (und damit einhergehender Bodenerosion), das Abschmelzen von Gletschern und auf andere meteorologische Phänomene, sondern es entwickeln sich daraus ganz eminente politische und soziale Folgen, die mit dem bloßen Blick auf diese klimatischen Ursachen noch lange nicht hinreichend erfaßt sind. (S. 110) Dies stellt Welzer vollkommen richtig heraus. Die Auseinandersetzung mit dem sozialen Folgen und eine politische Debatte stehen hier noch aus. Ich hatte dies im zweiten Teil des Essay bereits angesprochen. Ein sehr wichtiger Punkt stellt für mich dar, daß Welzer diese Probleme nicht individualisiert, wie dies von Politikern einer bestimmen Provenienz gerne getan wird. Es reicht nicht aus, auf bestimmte Produkte oder weite Flugreisen zu verzichten. Dies dient lediglich der Selbstberuhigung und ist naiv, wenn solches Verhalten nicht zugleich mit einer Reflexion auf umfassende Mechanismen begleitet ist. (Insofern ist eben kein Mensch von der Philosophie entbunden, sondern vielmehr zu ihr verpflichtet.)

Bei den im Buch angesprochenen Problemen geht es Welzer zudem nicht um monokausale Erklärungen für die neuen Klimakriege, da „Gewaltkonflikte (…) immer ein Produkt mehrerer paralleler und ungleichzeitiger Entwicklungen (sind)“ (S. 111). Das Niveau der Theorie muß hinreichend komplex sein, um das Feld zu erfassen.

Das Buch entwirft, dies muß man ganz hart sagen, Katastrophenszenarien, von denen man sich wünscht, daß sie nicht eintreffen mögen, so Welzer. Doch steht es zu vermuten an, daß diese Szenarien eintreffen werden, wenn der Schlaf der Vernunft anhält. Die Folgen des Klimawandels „werden nicht nur die Welt verändern und andere Verhältnisse etablieren, als man bislang kannte, sie werden auch das Ende der Aufklärung und ihrer Vorstellung von Freiheit sein. Aber es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat.“ (S. 17, Hervorh. von bersarin.)

Es wird Kriege gegeben haben: Es bleibt zu fragen, wie dieser Punkt aussieht, von dem aus wir, nachdem diese Kriege (vielleicht) einmal zu Ende sind, sagen werden, daß es Kriege gegeben hat, falls es sich nicht um zukünftige Kriege handelt, die, wie heute schon im Kongo, von verschiedenen Kriegsindustrien auf Dauer gestellt sind, um mit ihnen beständige Profite zu erzeugen.

Welzer hat jedoch mit seinem Buch eine Spur gelegt, der es zu folgen, und einen Rahmen gesetzt, den es mit der detaillierten Forschung auszufüllen gilt. Was nun ansteht, das ist die Kärnerarbeit der Geisteswissenschaften wie der Soziologie, der Politikwissenschaften und der Philosophie (aber auch der Jurisprudenz und der Rechtsphilosophie/-theorie) und den Naturwissenschaften, auf diese Anforderungen zu reagieren und konkrete Theorien auszuarbeiten. Wir werden uns der Fragen stellen müssen, wie eine Gesellschaft aussehen wird und aussehen kann, die etwa mit massiven zunehmenden weltweiten Flüchtlingsströmen umgehen muß.

Doch diese Theorien werden allesamt nichts nützen, wenn es damit einhergehend nicht auch eine Politik gibt, die dafür sorgt und es für absolut notwendig und dringlich erachtet, daß die Erkenntnisse aus solchen Theorien zugleich umgesetzt werden müssen. Denn es genügt nicht, um hier Marx‘ 11. Feuerbachthese anzuzitiern, die Welt bloß zu interpretieren und in der Theorie die Problematik zu durchdringen, sondern diese Welt muß zugleich verändert werden. Es gilt, Praktiken zu entwickeln, ohne dabei aber die Möglichkeiten von Politik (utopistisch im schlechten Sinne) zu überfordern, denn leider ist der gleichzeitig auch ideologisch gebrauchte Satz nicht vollkommen falsch, daß Politik die Kunst des Möglichen sei, was aber nicht bedeutet, dabei den Möglichkeitssinn auszuschalten. Es geht also um ein Konzept der kleinen Schritte. (Hoffen wir nur, daß für diese noch die Zeit reicht.) Wie Veränderungen trotzdem möglich sein können, wenngleich nur langsam, hat die Entwicklung hinsichtlich des ökologischen Bewußtseins gezeigt. Heute haben auch die Parteien, die früher nicht gerade als Vorreiter ökologischer Themen bekannt waren, ökologische Themen im Programm. Diese sind, bei aller Oberflächlichkeit, doch Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses geworden. Dies hat jedoch eine lange Zeit gebraucht.

Daß sich Politik mittelfristig ändert, läßt sich für Welzer etwa über eine „Erhöhung der Kommunikations- und Teilhabechancen“ an Debatten und und Entscheidungen über zukunftsrelevante Fragen innerhalb einer Gesellschaft erreichen (S. 270). Denn eine Gesellschaft, „die größere Teilhabe und höheres Engagement erlaubt, ist besser in der Lage, dringende Probleme zu lösen, als eine, die ihre Mitglieder gleichgültig läßt.“ (S. 271) Es wird hier eine dritte Moderne gefordert, die bewußt die Strategie einer reflexiven Moderne einschlägt. Inwieweit dieses Konzept aber tragen mag und nicht bloß frommer Wunsch bleibt, dies sieht auch Welzer. Insofern gibt es noch ein zweites Kapitel „Was man tun kann und was nicht II“, das ein eher düsteres Szenario hinsichtlich der Zukunft bereithält. Der Hoffnungsraum ist hier klein wie die durch Hartz IV zugewiesenen Wohnungen.

So möchte ich zum Schluß die letzten Sätze dieses instruktiven und mehr als wichtigen Buches, das ich jedem zum Lesen empfehlen möchte, zitieren:

„Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben ­– als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.“ (S. 278)

Es ist dies eine bittere Aussicht. Doch werden wir uns ihr irgendwie stellen und uns vor allem aber zu ihr verhalten müssen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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12 Antworten zu Harald Welzers „Klimakriege“ (3. Teil)

  1. hartmut schreibt:

    Tja, da kann ich mir meinen aRENDT-Aufsatz fast schenken. Denn auch bei SArendt geht es darum, „Rädchen im getriebe“ in Menschen „zurückzuverwandeln“. Denn Arendt bestreitet natürlich mit keinem Wort, dass etwa Eichmann unter Bedingungen handelte, die es ihm fast (!!!) unmöglich machten, das Verbrecherische seines Tuns einzusehen… er arbeitete in einer Gesellschaft, in der das Projekt „Judenmord“ sozusagen ´sachlich´ betrieben wurde (Eichmann legte immer viel Wert darauf, die Juden persönlich ja gar nicht zu hassen!!!!), so, wie auf einer Werft das Projekt „Schiffbau“ sachlich betrieben wird.

    Arendts Ansatz ist nun eben der, jeden dazu zu animieren, „ausdrücklich mit sich selbst“, d.h., verantwortlich, zu leben und zu agieren. Sie lehnt die strukturalistische Perspektive nicht ab, will ihr aber Grenzen setzen. In den meisten Fällen hat es, so Arendt, seinen guten Sinn und Zweck, wenn wir gleichsam bewusstlos/automatisch „funktionieren“ – aber irgendwann wird jeder von uns mit Situationen konfrontiert, wo sich ihm die Frage „willst Du das? Kannst Du das mit Deinen Ansprüchen an Dich vereinbaren“ stellt. Das sind dann Situationen, wo die Einsätze gemacht werden, die Chips auf dem Spieltisch zu liegen kommen…

  2. bersarin schreibt:

    In dringlicher Erwartung des Arendt-Aufsatzes. Weil er notwendig ist.

    Vor allem im Hinblick auf eine Ethik, die vom Individuum her denkt, fast bin ich geneigt, im Sinne Foucaults von Selbstpraktiken zu sprechen, würde es mich interessieren, was Hannah Arendt „anzubieten“ hat. Auch meine ich, daß sich Positionen Nietzsches und Foucaults nicht unbedingt beißen müssen mit einem Konzept, „ausdrücklich mit sich selbst“ zu leben. Auch Adornos nicht geschriebene Ethik läßt sich hier hinzunehmen. Insbesondere beim späten Foucault ist ja bezüglich des Subjekts noch einmal eine gewichtige Drehung auszumachen. In gewissem Sinne stehen hier universalistische Ethiken wie Kant oder Habermas gegen ein Konzept des Individuellen. Beides müßte zusammenzubringen sein.

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  4. ottilie schreibt:

    2009 ist zwar schon ein Weilchen her. Aber aus aktuelleren Anlässen (siehe. Degrowth, dem steigenden Konsumverweigerungstrend u. ä. die Slow-Bewegungen) und generell nicht nachlassenden Problematiken aus diesem Bereich, finde ich es gar nicht so falsch auf anhaltende Präsenz von Harald Welzer hinzuweisen.

    Ich habe leider noch nicht die „Klimakriege“ gelesen, aber sein sehr konstruktives Werk „Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand“ was man als anschließendes/ergänzendes Projekt daran verstehen darf, finde ich absolut geistreich für den notwendigen „Widerstand gegen Dummheit“, was zugleich seiner Losung für das Buch entspricht. Und für die hier angesprochen bleibenden „Maßnahmen für die Formen sozialen Zusammenlebens und für die Art, wie Gesellschaften Dinge zukünftig wahrnehmen und bewerten“, kann Welzers Fortsetzung den nötigen Impuls für ein Wertewandel anlegen.

    Das Buch ist eine sehr gute Anleitung zum kritischen Denken (nicht unähnlich wie „Denken Sie selbst! Sonst tun es andere für Sie“ von Vince Ebert und Eckart von Hirschhausen oder „Freiheit ist alles“ nur von Ebert). Es leitet den Leser zum Selber-Denken an, es macht klar, jeder einzelne selbst ist für die mangelnde Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur entscheidend, da es die Machbarkeit gut auslotet; der Autor nimmt vor allem (als Wachstumskritiker) kritisch Konsumkritik in Angriff: Konsum ist ein große Problem, wir alle machen die Umwelt kaputt – und jeder Mensch muss Verantwortung übernehmen. Sein Stil im Buch folgt recht gut fundiertem Wissen, ohne dass er im Tonfall zu überheblich wird. Stellen wo immer wieder die deutlichen Zahlen und Statistiken dazu erläutern und aufzeigen, wie es um unsere Kultur und unseren Planeten bestellt ist. Vor allem aber machen das Buch Mut, Wirtschaft wieder neu zu denken: als moralisches Handeln von Menschen, die in Gemeinschaften leben, und das wird vor allem bei ihm als Wertewandel gedacht: mehr Zeit, Verzicht wird freiwillig stattfinden, Selbstbestimmung etc. sind positive Orientierungspunkte. Denn wenn man nämlich weiß, wie diese falschen Mechanismen funktionieren, fällt man nicht mehr so schnell darauf herein. Andererseits kann man mit diesem Wissen unser Leben selbst lohnenswerter im „Hier und Jetzt“ gestalten und nun sogar gleichgerechter inszenieren. Das stellt er auch ganz gut heraus, dass der Lohn für dieses anstrengende Unterfangen im Hier und Jetzt schon liegt! Nicht Totalverweigerung, sondern gesundes Maßhalten ist da die Devise, die als Genußgewinn erlebt wird. Und ein Konzept wird hier vorgestellt, mit dem sich Formen urbaner Subsistenzwirtschaft und prekäre Lebensweisen verbessern lassen

    Ohne hin, dürfte dem vernünftigen Denker von heute ersichtlich sein: Wer sich an die Maßgaben von Ökologie und Nachhaltigkeit prinzipiell hält, lebt gesünder und länger, ungeachtet, angesichts der Produktion von Giftmüll und minderwertigen Lebensmitteln und im Wissen um den Raubbau an Naturressourcen, dass sich da auch ein besseres Gewissen in jedem auslebt. Und ein positiver Nebeneffekt hat es dennoch, durch die einhergehenden Distinktionsmerkmale, die nicht ausbleiben (mit Borudieu gedacht), reproduziert sich auf diese Form die Vorstellung von Selbstverantwortung.
    Welzer motiviert, wo andere deprimieren, las ich irgendwo passend dazu, das stimmt wohl: da Welzer ganz deutlich erkannt hat – über die erforschten bekannten Analysen des heutigen wachtumsbasierten Gesellschaftssystems hinaus – dass, der Fokus auf den eigenen Lebensstil gelegt werden muss, was er ganz gut an vielen Musterbeispielen anführt — ganz in einem Sinne: „Nach der Theorie gehst Du zur Praxis“ über.
    (Es gibt glaube ich auch viel informatives auf Youtube über Welzers aktuelle Ansichten)

  5. Bersarin schreibt:

    Welzers Buch zu den Klimakriegen ist insofern interessant, weil es auf neue Aspekte der Kriegsführung weist. Die Ursachen freilich sind dieselben wie bei allen Kriegen. Zudem zeigt das Buch auf der Ebene der Sozialpsychologie gut auf, in welcher Weise wir Zustände, die eigentlich unhaltbar sind, rationalisieren.

    Gegenüber Anleitungen zum Selber-Denken bin ich mehr als skeptisch. Ich halte sie zudem für einen Widerspruch in sich: ähnlich der Aufforderung „Sei spontan!“. Selber zu denken, setzt vielschichtige Verfahren voraus und beruht auf komplexen Bedingungen. Vor allem aber wird es dadurch bedingt, zu wissen, informiert zu sein und Texte lesen zu können, und zwar kritisch. Das klassische Verfahren der Ideologiekritik eben. Jede Äußerung – insbesondere solche aus den Medien – zunächst zu hinterfragen und sie in Referenzrahmen zu stellen. Das hängt mit Übung zusammen. Da helfen solche Ratgeber wenig. Seine Lesezeit investiere man lieber in die Lektüre anderer Bücher.

    Die Individualisierung von Umweltproblemen oder überhaupt von Problemen der Gesellschaft halte ich für hochgradig verhängnisvoll, und es steckt darin zudem ein gehöriges Stück Perfidie. Es wird nämlich etwas ans Subjekt delegiert, was dieses gar nicht leisten kann, es wird dem Einzelnen etwas zugeschoben, was nicht in dessen Macht steht. Hier geht es jedoch um gesellschaftliche Mechanismen. Die hängen zwar ebenso am Verhalten des einzelnen. Aber dieses geänderte Verhalten wird als solches und ohne Eingriffe in die Teilung von Arbeit und Kapital am Geamt der Gesellschaft nichts oder wenig ändern. Allenfalls befördert das den sozialdemokratischen Reformismus – ein wenig die Stellschrauben ändern und alles wird zum Guten. Klassischer logischer Fehlschluß: Wenn ich meinen Konsum ändere, fängt es an, besser zu werden. Wenn alle ihr Konsumverhalten ändern, bessert sich auch die Gesellschaft. Anderer Schluß: Wenn ich im Theater aufstehe, kann ich besser sehen. Wenn alle im Theater aufstehen, können alle besser sehen.

  6. ottilie schreibt:

    Dem allgemeinen Unbehagen an den schädlichen Folgen der kapitalistischen Warenwelt für den Menschen und dem Wunsch, nachhaltig zu leben, lässt sich jedenfalls angesichts der Produktion von Giftmüll und minderwertigen Lebensmitteln und im Wissen um den Raubbau an Naturressourcen nicht unbestimmt kritisches Potential absprechen.

    Welzer ruft ja gerade mit dem Buch „Selber-Denken“ zum „Widerstand gegen sich selbst“, wie er es formuliert, auf. Das ist nicht weniger ein Widerspruch wie die Ansage zur negativen Dialektik oder noch radikaler: äußerste Selbstkrtik an sich selbst, also im Sinne: gegen das falsche Selbst gewendete. Aber wir sollten ja auch weniger ein Theater um die vorangestellten Wortspiele machen, darum mehr zum Inhalt:

    „…ohne Eingriffe in die Teilung von Arbeit und Kapital am Geamt der Gesellschaft nichts oder wenig ändern.“ Das will ich aber grundlegend bestreiten bzw. ist daß die üblich zu kurz gedachte Grenze. Es ist zwar auch möglich, daß es so stimmen mag, aber warum sollte es nicht gerade anders sein, was festzuhalten wäre: Diese Slow-Gruppen, Postwachstumsbewegungen und Konsumgegner mit neuem Bewusstsein der Bürger, die alle für die gesündere Nachhaltigkeit eintreten, sind in ihren Überlegungen durchaus möglich und zwar im Kapitalismus, der Kapitalismus hat sich ja schon sehr oft wiedererneuert, Krisen überwunden trotz aller Todvoraussagung über ihn. Es wäre in solch einem Szenarium, dann eher ein Konsens der, bei allen inneren Kräften (Politik, Bürger, Kapital) die da wirken, auf flexible Art heraus käme. Das heißt, die Kontingenz der Entwicklung in unseren Verhältnissen, hält wahrscheinlich auch für das Nachhaltigkeitsproblem Formen des kapitalistischen Wirtschaften bereit, in der er fähig sein wird die Probleme lösen zu können. Beispiele dieser Möglichkeit: eine Krise die darauf angewiesen macht sich wieder mehr derart zu beschränken, sprich der Gürtel muss zwangsläufig enger geschnallt werden (das liefe auch ohne nachhaltiges Bewusstsein), während der Kapitalismus in den produktiven Bereichen eigentlich bestehen bleibt. Oder es könnte auch wirklich die alte Basis transformiert werden, ein neues Bewusstsein bei den Konsumenten die auf diese neue Verwertung abzielen.

    Nun kann man ja beides sein, Konsumkritiker, selbstkritischer Konsument und heute schon sich stark für Nachaltigkeit einsetzen und radiakler Systemgegner, sagen wir mal, einer des kommunistischen Schlags. Und von dort aus wird oft gerne dezidiert gemeint, es kann ja sowieso nur wirklich nachhaltig unser Umgang mit der Ökoligie/Natur werden, wenn wir nicht mehr in diesen gegenwärtig systemischen Zuständen stecken…aber das muss eben gar nicht der Fall sein!

    Und diese Vorstellung einer grundsätzlichen Transformierbarkeit der Gesellschaft, die mit der Konsumentscheidung des Einzelnen beginnt und über kollektive Organisation alternativer Praxis die dem System den Garaus macht, lässt sich unter anderem beim Kritiker Harald Lemke nachlesen. In seinem Text zur „Kritischen Theorie der Esskultur“. Dort sind viele linke Theoriebildungen zusammengefasst, die erklären, wie die Kaufentscheidung konsumkritischer Menschen zum Dreh- und Angelpunkt revolutionärer Politik gegen die herrschenden Zustände wird.

  7. Bersarin schreibt:

    Dem Unbehagen an dem was ist, läßt sich sicherlich ein vages Potential des Einspruchs nicht absprechen. Auf wie dünnem Eis freilich dieses Unbehagen steht, zeigen solche Bewegungen wie die Montagsdemonstrationen mit schlimmen Gestalten wie Ken Jebsen und Elsässer. (Damit will ich jetzt nicht Welzer gleichsetzen, im Gegenteil: ich halte ihn für einen interessanten Sozialpsychologen. Insbesondere wie er die Rationalisierung von Unrechtstaten erklärt, Stichwort „Opa war kein Nazi“.)

    Ich bin bei Anleitungen zum Widerstand grundsätzlich skeptisch, kenne das Buch „Selbstdenken“ aber nicht. Es liegt jedoch auf meinem Bücherstapel. Sicherlich ist es in der einen oder der anderen Maßnahme diskutierenswert. Und natürlich fängt Wandel beim Essen etwa beim einzelnen an: Bestimmte Produkte nicht mehr zu kaufen. Aber sag das mal jemandem, der von Hartz IV leben muß: „Kauf doch beim Neulandschlachter Dein Fleisch!“ Allenfalls kann man den Menschen raten, ihren Fleischkonsum zurückzufahren.

    Kritik an Verhältnissen muß radikal sein. Und das heißt: sie muß dem Kapitalismus so an den Kragen gehen, daß er sich im Gang der Geschichte abschafft. Daß der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital verschwindet, daß die Produktionsmittel im Besitz derer sind, die produzieren. Aber das bleiben bloße Phrasen, wenn sich die Möglichkeit nicht mit Notwendigkeit zur Wirklichkeit transformiert. Wie das zu bewerkstelligen sei, bleibt eine schwierige Frage, zumal in Zeiten, wo es kein historisches Subjekt Proletariat mehr gibt, das irgendwie noch eine Klassensolidarität praktizierte. Und es steht kaum zu erwarten, daß Arbeiter die Fabriken stürmen.

    Kapitalismus ist ungemein wandlungsfähig, er ist ein Chamäleon, paßt sich in die Richtungen an, die ihm nützlich sind und die den Profit mehren. Siehe zum Beispiel die schöne neue Arbeitswelt, in der sich – zumindest in bestimmten Branchen in Westeuropa – kein Mensch mehr ausgebeutet fühlt, in der alle dem Fun frönen und wo der krude Begriff „Entlassung“ plötzlich „Change management“ heißt. Da sind keine Fußfesseln und keine Repression mehr nötig: Von der Kontroll- zu Disziplinargesellschaft, wie es Deleuze in Anlehnung an Foucault schrieb. Alle tun mit und es erfreut sie zudem, Weil es sich um ein sinnvolles Projekt handelt, was auf der subjektiven Ebene sogar stimmen mag. Widerstand, wo Kicker, Orangensaftmaschinen und Fitness-Räume in den Firmen sich befinden, scheint mir schwierig. Wogegen opponieren?

    Ich habe auch bei der Nachhaltigkeitsdebatte den Verdacht, daß es am Ende weniger um diese als um die Geldvermehrung geht. Stichwort Energiewende, Stichwort DIE GRÜNEN und die energetische Sanierung von Gebäuden.

    Die Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft ist nicht einfach zu bestimmen und auszutarieren. Sicherlich sind alle diese Bücher – von Lemke bis Welzer – gut gemeint. Ich will da gar nicht so sehr herumnörgeln, aber ich hege dennoch den bösen Verdacht, daß sich allenfalls an den Stellschrauben etwas ändern wird. Die Grundprobleme aber werden bleiben. Den Kapitalismus bändigen, einhegen oder irgendwie im Zaum halten zu können, halte ich für eine der schönen Illusionen. Die soziale Marktwirtschaft war eine gute Maske, als es einen starken Gegenpart gab. Nämlich den sogenannten Ostblock. Als dieser entfiel, fiel mit ihm auch die Maske des Kapitalismus. Wenn genügend Menschen es wollen, werden sicherlich ebenfalls auf nachhaltigere Weise Lebensmittel produziert und es wird anders mit der Umwelt umgegangen. Solange es sich rechnet und irgendwer für die Zeche bezahlt.

  8. ottilie schreibt:

    „Kritik an Verhältnissen muß radikal sein. Und das heißt: sie muß dem Kapitalismus so an den Kragen gehen, daß er sich im Gang der Geschichte abschafft.“

    Das klingt ja schön und gut und konkret hat es z.B Johannes Agnoli probiert und dargestellt, indem er Kapital und Staat eng in seinen kritischen Fokus nahm. Hier kann man ihn sogar als Staats-/ Verfassungsfeind im gewissen Sinne sehen, also der war schon ziemlich radikal. Natürlich war seine Nagation absolut ein emanzipatorische. Bewirkt hat sein Einfluss bis in unsere Zeit heute wenig, denn als theoretische Waffe taugt Agnoli schon lange nichts mehr. Das mag daran liegen, dass er wohl mit dem Kapitalbegriff und dem Begriff „Kapiatalismus“ gar nicht so kritisch reflektierend umging wie er vorgab es zu tun.
    Denn, dem radikalen Agnoli zB. entging das entscheidende an der kapitalistischen Entwicklung: dass sie nämlich auch einen historischen Fortschritt darstellt, einen in der Vergesellschaftung des Menschen, ja, einen Fortschritt in seiner Fähigkeit, Reichtum zu erzeugen – an Bedürfnissen sowohl wie an Mitteln, sie zu befriedigen – , gewiss, einen Fortschritt allerdings, der in der Wertform, um derentwillen er stattfindet, mit sich selbst über Kreuz kommt und in die Krise gerät.

    Die kapitalistische Verwertungslogik bringt gewaltige Produktivkräfte hervor, kann sie aber, blind gegen deren gesellschaftlichen Charakter, in diesem gesellschaftlichen Rahmen nicht wahrnehmen und nicht organisieren; weshalb sie sie in ebensoviele Destruktivkräfte verwandeln muss. Genau diese Ambivalenz der kapitalistischen Entwicklung ist es, die bei Agnoli halt laufend unter den Tisch fällt. Als das “Herrschende” verstanden , ist der Kapitalismus vielmehr rundherum für ihn schlecht und in allen überhaupt nur denkbaren Aspekten glattweg abzulehnen und zu bekämpfen.

    Nun nichts für ungut, mit agnoli bin ich nun etwas zu weit abgekommen, aber das geisterte mir so unter „radiakl emnazipatorischer Kritik“ im Kopf vor,

  9. Bersarin schreibt:

    Den Fortschritt, den der Kapitalismus gegenüber den vorhergehenden Gesellschaftsformationen darstellte, beschrieb Marx mehrfach. Ratsam scheint es mir, dort sehr viel mehr zu lesen als anderswo. Insbesondere was die Ambivalenzen und die Analyse anbelangt, ist es nicht nur geboten, sondern geradezu eine Pflichtveranstaltung Marx zu lesen. Immer wieder. Auch stilistisch von großem Gewinn.

  10. ottilie schreibt:

    Bleibt mir nur noch zu ergänzen: Nun hat Agnoli freilich auch den Marx gelesen und baut auf ihn auf, ja soagr radiaklisiert spezifische Elemnte in dem er den Fokus konzentriert auf „Staat“, „Grundgesetz“,Verfassung“ resp. Staatskritik in Anschlag bringt.

    Zudem, ungaechtet daß ich marxscher Krtik allgemein weitgehend recht gebe, ist heute der inner-disziplinäre Schwerpunkt marxscher Lesart wirklich ambivalent: welchen Erkenntnismodus und Theorietypus Marx politische Kritik annehmen?. Liest man ihn viel mehr so wie es die Gruppierungen um die Neue Marx-Lektüre (die Dialektik dient als wissenschaftliche Methode die Widersprüche aufzeigt) es tun oder mehr der antideutschen Lesart (ein subversive Kritik die durch und durch irrationale Produktions- und Vergesellschaftungsweisen aufzeigen will) nach. Da steckt natürlich in beiden noch viel Potential.

  11. Bersarin schreibt:

    Deine Frage sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Wie Marx lesen? Zunächst würde ich freilich dazu raten, ihn ganz und gar immanent zu lesen. Schon gar nicht als Handlungsanleitung für die Praxis. In diesem Zusammenhang fallen mir immer wieder die Anfangssätze Adornos aus der „Negativen Dialektik“ ein: Theorie erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Was uns im Augenblick bleibt, sind die theoretischen Bestimmungen und die Analyse. Eine eingreifende Praxis, die sinnvoll irgendwie wirkte, setzt beides voraus. Ansonsten frißt die Revolution immer und immer wieder ihre Kinder. Und nicht nur die.

    Was Soziologen oder Sozialpsychologen wie Welzer (über den man sicherlich sich wird streiten können) liefern, sind Blicke auf der Mikroebene. Natürlich kann auch Kleinteiliges Veränderung bedeuten. Aber es besteht die Gefahr, daß im Hintergrund des Großenundganzen immer wieder dieselben Kräfte weiter und weiter wirken. Die immergleiche Scheiße, die sich perpetuiert.

  12. ene schreibt:

    @ottilie: Ich weiß ja nicht ob das so hilfreich ist, wenn du Agnoli hier überhaupt so verkürzt darstellst und die Tour kommt mir nur zu bekannt vor um das Ideal des GG reinzuwaschen, die Lobgesänge auf das Grundgesetz hat man von manchen politischen Linken schon gehört solange es das Grundgesetz überhaupt gibt, besonders häufig in den 70er Jahren. Das altbekannte Kritikmuster linker Gesellschaftskritik besteht dabei immer in der Konfrontation der schlechten Verfassungswirklichkeit mit den angeblich besseren Möglichkeiten, welche die Normativität der Verfassung im Programmangebot haben soll. Sämtliche für negativ erachteten Erscheinungsformen der real existierenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft werden nicht den Prinzipien der FDGO angelastet, sondern umgekehrt wird die kritikable soziale Wirklichkeit als einziger Abweichungstatbestand von den ideellen Vorgaben des Grundgesetzes eingestuft. Da gibt es dann regelmäßig ein Zuwenig an Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde, Sozialstaat und Demokratie. Diese Sichtweise halte ich für falsch.
    Was man auch schon daran ablesen könnte, was für durch und durch beinharte antikommunistische Politiker das Grundgesetz so aus der Taufe gehoben haben, wie es jetzt immer noch gilt. Oder daran, daß das Bundesverfassungsgericht, von genau diesen antikommunistischen Demokraten mit handverlesenen Richtern bestückt, schon 1956 in seinem KPD-Urteil klarstellte, welche Gesellschaftsordnung in der BRD gilt und deshalb auch strikte Vorgaben für die Parteien bestimmt, die auf dem Boden der FDGO arbeiten wollen: nun, hierzulande gilt das KPD-Verbotsurteil.

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