Franz Kafka – das Domkapitel aus „ Der Prozeß“

Eine sehr kurze Lektüre zu Kafka und zugleich ein Kommentar zu den Kommentaren des Kafka-Beitrages vom 15.3.2009

@ schlieper
Die Lesart, daß Kafka Momente des (ideologischen) Totalitarismus vorweggenommen hat, ist vollkommen richtig. Und auch im „Schloß“ lassen sich solche Aspekte ausmachen. (Wenngleich Kafka die Dimensionen des stalinistischen und faschistischen Terrors – insbesondere die deutsche Variante eines absolut eliminatorischen Antisemitismus – nicht absehen konnte, weil er diese Epoche nicht mehr erlebt hat. Insofern ist es natürlich auch ein Moment der Deutung ex post facto.)

Es kommt in solchen Vorgängen auch die Figur des homo sacer (im Sinne Agambens) zum Vorschein. Dies wäre genauer zu untersuchen: Kafkas „Prozeß“ einmal zu justieren innerhalb einer Lektüre von Agamben und Carl Schmitt.

Dies gerade macht die Faszination am Text Kafkas aus: Daß er für eine vielschichtige, vielstimmige Deutung offen ist. Die komplexe Verschränkung von soziologischen, psychologischen und innerpsychischen Momenten, aber auch Reste des Theologisch-Metaphysischen machen die Deutung Kafkas schwierig.

Das kann man bis zu jenem anderen Prozeß hin treiben, den Kafka in Berlin 1914 im Askanischen Hof über sich ergehen lassen mußte und der ihn wohl schwer getroffen haben muß. [Empfohlen sei hier der Essay von Elias Canetti „Der andere Prozeß“. Er ist interpretatorisch nicht bahnbrechend und reicht natürlich nicht an die Deutungen Adornos, Benjamins, Deleuzes/Guattaris, Politzers und Sokels heran (ja, ja , ein wenig namedroping, doch möchte ich diese Texte wirklich eindringlich empfehlen; sie sind hilfreich), aber Canetti gibt dennoch eine interessante Lesart bezüglich der „Briefe an Felice“.]

Es sind also viele Ansätze der Deutung möglich. Dennoch wirkt der Text Kafkas dabei nicht beliebig, sondern er ist von äußerster Stringenz.

@Hartmut
Nein, beim Faktischen zu verweilen, ist so falsch nicht. Es ist ja ein (teils gestischer) Realismus in der Kafkaschen Szenerie und der Sprache. „Die Autorität Kafkas ist die von Texten. Nur die Treue zum Buchstaben, nicht das orientierte Verständnis wird einmal helfen.“ (Adorno, Aufzeichnungen zu Kafka, in: Prismen, S. 305 f.)

Es ist das von Adorno genannte „Prinzip der Wörtlichkeit“, welches einem den Text vielleicht nicht näher bringt, aber doch ein wenig Beleuchtung in die Szenerie bringen kann. Kafka selbst betreibt dieses Prinzip ja in der Deutung der Gesetzeslegende („Vor dem Gesetz“) durch den Gefängnis-Kaplan. Und es ist immer wieder dieser Einbruch des Realen: Was diese Büroschilderung im Domkapitel (und nicht nur dort) betrifft, die Furcht Josef Ks. vor dem Direktor-Stellvertreter, das ist beklemmend real, das ist – wortwörtlich – genau so wie es dargestellt wird, ohne daß man weiteren Hintersinn hineinpressen müßte, (obwohl man ihn natürlich hineinpressen kann). Fast bin ich geneigt, hier einmal mit Annette Pehnts Buch „Mobbing“ gegenzulesen.

Und während Josef K. in der Bank im Wörterbuch die Sprache Italienisch lernt, entgleitet ihm die Sprache des Alltags.

Leicht kann aber das Domkapitel zu einer theologischen(-metaphysischen) Deutung verführen; insbesondere vermittels der Kirchenszenerie. Es ist dieses Kapitel zwar einerseits hilfreich, dann aber auch wieder nicht, weil es einen auf die falsche Spur lockt. Die Szenerie hat etwas von einem (expressionistischen) Krimi. Und deshalb ist Dein Hinweis, daß da jemand fertiggemacht werden soll (als ein Aspekt von vielen) eben nicht falsch (man denke nur an die Methodik in den Filmen „Gaslicht“ „Mitternachtsspitzen“oder „Bei Anruf Mord“.)

Es ist der Prozeß aber ein Krimi, welcher in seinem Ereignishorizont auch das Totalitäre in sich befaßt, wie schlieper auch geschrieben hat. „¸Ja´, sagte K., er dachte daran, wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit einiger Zeit war er ihm eine Last, auch kannten jetzt seinen Namen Leute, mit denen er zum erstenmal zusammenkam, wie schön war es, sich zuerst vorzustellen und dann erst gekannt zu werden.“ (S. 179, zitiert nach der Ausgabe „Gesammelte Werke“ von 1983)

Die totalitäre Verfügung über den Eigennamen und über das Subjekt, welches von anderen ausgesagt wird, ohne sich noch selber aussagen zu können; es ist dieses Sich-selbst-aussagen nur noch ex negativo möglich: „¸Ich bin aber nicht schuldig´, sagte K., ¸es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.´¸Das ist richtig´, sagte der Geistliche, ¸aber so pflegen alle Schuldigen zu reden.´“ (S. 180)

Ja, Kafka, eine Angelegenheit, die unendlich viel zu denken (auf)gibt. Es ist eine unglaubliche Prosa (und Kafka ist mit Thomas Mann und Proust zusammen das große Dreigestirn der klassischen Moderne, manche würden noch Joyce mit hinzunehmen, ich finde ihn aber so prickelnd nicht; etwas überschätzt; doch trinken konnte der Mann wenigstens), und die Lektüre des Dom-Kapitels, insbesondere der Gang durch den Dom und der Dialog mit dem Gefängnis-Kaplan um 11 Uhr, eine Stunde vor High Noon, nimmt einem den Atem.

Und es ist dieses absolute Beim-Wort-nehmen und das Insistieren bei den dunklen Stellen (die „wolkigen Stellen“ wie Walter Benjamin sie in seinem Kafka-Aufsatz bezeichnet), was schon Adorno anempfiehlt und worauf auch die große Deutung Sokels Bezug nimmt (bei Fischer erschienen, leider vergriffen, so wie Verlage wie Fischer oder Rowohlt immer mehr Autoren aus der Backlist auslaufen lassen. Auch darüber wäre ein Klage-Essay fällig. Man überlege sich das einmal: ein Schriftsteller wie Upton Sinclair ist vergriffen. Ist früher bei Rowohlt erschienen. Na ja, dafür gibt es jetzt eben Kehlmann, und ab Mai das neue Buch von Judith Hermann bei Fischer, da wird dann unmittelbar eine Lektüre und Besprechung folgen.)

Dieses Beim-Wort-Nehmen Kafkas kann ein Moment des Grauens und zugleich der Faszination dafür auslösen. Man denke nur an den genialen Apparat aus der Strafkolonie und das System der Strafe. Zugleich führt das Domkapitel aber auch die Grenze der hermeneutischen Sinn-Kohärenz und der Sinnbildung überhaupt und damit eben auch die Grenzen der Hermeneutik selbst vor. „¸Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.´“ (S. 185) So sagt es der Kaplan in seiner Deutung der einleitenden Schrift zum Gesetz. Dies spricht nicht für eine radikale Abkehr von der Hermeneutik. Diese ist absolut Notwendig. Bis zu einer Grenze hin. (Ich will dies hier aber nicht weiter ausführen, weil es sonst sehr hin zu Derrida gehen wird, um zu dekonstruieren und eine Lektüre zu unternehmen.)

Auch vermittels dieses Aufbrechens der Sinnkohärenz kann es ratsam sein, den Text beim Wort zu nehmen als Text, denn „¸Die Schrift ist unveränderlich, und die Meinungen sind oft ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.´“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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