Oda Jaune oder die Last des Namens

 Über die gegenwärtige Krise der bildenden Kunst

Ein Bericht im „Zeit Magazin“ 14/2009 zu Oda Jaune, der Witwe des Malers Jörg Immendorff. Ein wenig geht dieser Beitrag in die Richtung der Hofberichterstattung. Aber gut, das „Zeit-Magazin“ ist eben ein Unterhaltungsmedium, und die kritische Stellungnahme und kritische Information von Zeitungen kann eigentlich kaum noch erwartet werden. (Dies ist aber ein anderes Thema, über das ein gesonderter Essay angebracht wäre.)

 Was sollen nun aber solche Bilder, handelt es sich hier nicht um Protektionismus vermittels des Namens? Wäre Oda Jaune nicht die Witwe Immendorffs, es interessierte sich kein Schwein und niemand für diese Bilder. Aber so funktioniert er, der Kunst-Markt. 

Was ist der ästhetische Wert solcher Bilder, die ihre Anleihen bei einem längst ausgelaugten Surrealismus nehmen? Ein postmoderner Patchwork, Pastiche im schlechten Sinne: ein wenig Wildern in der Kunstgeschichte, etwas Bacon, etwas Balthus, ein bißchen metaphysischer Realismus, ein Schuß Expressionismus.  („Und dann das Licht! Ach, dieses Licht …“ Ach, diese drei (Thomas Mannschen) Punkt, die immer wie stille Ausrufezeichen wirken. Doch dazu  ein andermal. Ich habe sie auch nur als eine Art Thomas Mannsche Reminiszenz eingebaut, weil die gute Astrid heute Geburtstag hat.) Aus jedem Dorf ein Köter. Nein, richtig schlecht sind die Bilder nicht, aber sie sind auch nicht richtig gut. Die Malerin kann nichts dafür. Billig wäre es, hier Vorwürfe zu machen. Jeder andere hätte es ja auch so gemacht. Menschen streben zu Futtertrögen. Es geht hier also nicht um das Subjekt „Maler/in“, sondern um etwas anderes. 

Worauf dieser Protektionismus und Nepotismus nämlich hinweist, ist ein endemisches Problem der bildenden Kunst, speziell der Malerei (vielleicht sogar der Raum-Kunst überhaupt; Zeitkünste scheinen weniger anfällig). Um so mehr zeigt sich hier nämlich wieder einmal, daß die bildende Kunst in einer tiefen Krise steckt und zu einer der fragwürdigsten Kunstgattungen geworden ist: Bilder als Anlage- und Investmentobjekte. Es geht um den Hype, das anlage- und börsenmäßige Hochschaukeln von (monetären) Werten. Mögen die Werke Damien Hirsts mit dem Monetären ironisch gebrochen spielen, so sind sie zugleich ein Teil dieses Marktes und wollen dies auch explizit sein. Widerständiges Potential ist aus solcher Kunst vollständig ausgetrieben. Der Marktwert wird nur höher und höher getrieben. Wer glaubt, daß die gegenwärtige Wirtschaftskrise nun wieder die „echte Kunst“ ­– ein Begriff, nebenbei, in dem bereits das Klischee und der Jargon wohnt – befördert, weil der monetäre Hype nachläßt und das Geld nicht mehr so locker sitzt, der täuscht sich. 

„In einer seiner letzten Unterrichtsstunden an der Düsseldorfer Kunstakademie hatte der an der Nervenlähmung ALS erkrankte Jörg Immendorff noch einmal ein Beispiel gegeben, welch ein Ereignis es war, wenn er jemanden lobte. Ausbruch eines Vulkans. Draußen auf dem Flur standen die Krankenpfleger mit den Notfallkoffern, drinnen im verqualmten Seminarraum bäumte sich der todgeweihte Maler in seinem Rollstuhl auf. „Kunst bedeutet Menschwerdung, weiter nix.“ Schwer atmend, haute der Professor den Satz heraus, danach beruhigte er sich mühsam. Er schaute auf das Gemälde eines seiner Meisterschüler. „Spontan haben meine Augen viel zu tun, was mir schon mal gefällt.““ (Zeit-Magazin 14/09)

Dem Wahrhaftigkeitsgedanken, welchem das Ideologische bereits innewohnt, dem Gerede von Tiefe und Menschwerdung im Akt des Malens ist die Geldwerdung bereits eingeschrieben. Zudem sind solche Berichte nichts weiter als schlechte und verkommen Mythologie, Hofberichterstattung der Medien. Aber warum sollten die Medien mit den Künstlern anders verfahren als mit zu Guttenberg, Merkel, Köhler et al.? Unabhängig von der Qualität der Immendorffschen Malerei: Aber solche Passagen sind abgehalfterter Pathos, und kaum einer merkt’s. Schriebe man in einem Magazin solche Sätze im Zusammenhang mit einem Wirtschaftsfürsten: der Leser, die Leserin fiele vor Lachen vom Stuhl bzw. sie würden sich rechtschaffen empören ob solcher Berichterstattung.

Wenn Markus Lüpertz von der Verzweiflung und dem Ruinösen der bildendenKunst spricht (siehe Blog-Beitrag vom 28.2.2009.) so ist dies nur die halbe Wahrheit, bzw. es ist hier vielmehr der Wunsch der Vater des Gedankens. Es wird einem völlig veralteten, vergangenen Bild von Malerei nachgehangen, ein Geniekult soll noch einmal installiert werden, um darüber hinwegzutäuschen, in welch einer Krise die bildende Kunst schon lange steckt. Längst ist die bildende Kunst anti-auratisch geworden, wie es Walter Benjamin in etwas anderem Zusammenhang für die Photographie konstatierte. Nur erwachsen der bildenden Kunst (Malerei) nicht mehr die Potentiale, welche Benjamin der Photographie einst zuschrieb.

Was das mit Oda Jaune zu tun hat? Sie ist nur einer von vielen Name für die Krise der Kunst, ihrer Medialisierung, ihrer monetären Instrumentalisierung und ihrer Vernutzung im privaten und öffentlichen Raum zum bloß dekorativen Element. Kunst nähert sich dem Ornament und dem Design. (Vielleicht wäre der Bericht über jenen im Artikel erwähnten Straßenmaler, der Obamas Augen anscheinend gekonnt zeichnete, tatsächlich besser gewesen.)

3 Gedanken zu „Oda Jaune oder die Last des Namens

  1. Hi Bersarin

    ich darf Dir versichern (aber das weißt Du ohnedies): Es ist in der Literatur nicht anders.

    Bis hin zum herbeikarnickelten neuen deutschen Fräuleinwunder vor einigen Jahren, als Schriftstellerinnen am Marketingreisbrett entworfen wurden und möglichst schön auszusehen hatten.

  2. Bildende Kunst als weithin in den Fängen des Marktes und uninteressant, stimmt, allen voran die Leipziger Schule, Immendorf und Jaune sicher auch. Immendorff war doch schon immer der Maler für die Düsseldorfer Lokalpublizistik. Es gibt aber ein paar junge Künstler, die einen, wie ich finde, neuen und bemerkenswerten Blick haben, vor allem auf Landschaft. Bilder, die sich mit dem Blick an sich und Sehgewohnheiten auseinandersetzen. Ein bisschen was tut sich schon. Namen sind mir entfallen,

    Ich empfehle den Besuch solch herausragender Ereignisse wie die immer im Februar stattfindende Präsentation der Kunstakademie Düsseldorf. Manchmal ein Rausch von sehr guten neuen Sachen.

  3. Vielen Dank für diesen instruktiven Hinweis Ich hoffe, es verschlägt mich dann einmal nach Düsseldorf. Weiterhin wünsche ich Dir natürlich auch beim Adorno-Lesen viel Erfolg und Freunde.

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