Markus Lüpertz und die Photographie

 Heute in der „Welt“: ein Interview mit Markus Lüpertz. Was er hier als Bestandsaufnahme und als Analyse zur Photographie sagt, das ist nicht ganz falsch und nicht völlig von der Hand zu weisen. Photographen sollten sich an seinen Worten schon messen lassen und diese als Herausforderung begreifen:

M. Lüpertz: „Fotografie wird viel mehr Unterhaltung, viel mehr Kabarett, viel mehr Zirkus. Es geht in Richtung dieser – und das sage ich mit allem Respekt – Halbseidenheit von Fotografie. Sie wird ein großes Unterhaltungspotenzial erfüllen müssen, aber das sind alles Dinge, die die Fotografie von der Kunst wegtransportieren. Im Gegensatz zur Malerei hat die Fotografie keine Oberfläche, sie hat nur Inhalte. Sie hat Stimmungen, sie hat Spannungen, sie hat Verblüffungen. Das sind durchaus ehrenwerte Kriterien. Die Fotografie füllt inzwischen gigantische Formate. Aber das ist das, was sie letztendlich ruinieren wird: Sie hat verheerende technische Möglichkeiten.“

Lüpertz: „Das höchste, was es für mich gibt, ist das Bildermalen. Es ist sehr viel einfacher, mit irgendwelchen Hilfsmitteln etwas zu erzeugen, als mit dieser furchtbaren Einsamkeit von Pinsel und weißer Leinwand und der Konkurrenz von Bildern aus 2000 Jahren Bilder zu malen, die heute überhaupt noch einer wahrnimmt – das sind gigantische Leistungen. Und davor gehen die Studenten laufen. Den Alltag zu fotografieren, das ist das Einfachste der Welt. Und wenn ich das dann noch geschickt aufmotze, sind das wunderschöne Arbeiten. Aber das kann nicht die Tiefe, nicht die Wertigkeit von Malerei haben.“

 Die Schlüsse, die er aus dem Gesagten zieht, sind jedoch falsch. Es kommt ganz darauf an, was der Photograph aus seinem Bild macht, wie er vorgeht und mit dem Vorgefundenen umgeht. Aus dem gegenwärtigen Status der Photographie jedoch abzuleiten, sie sei als künstlerisches Medium weniger tauglich als die Maler bedeutet nur, eine alte, eigentlich überwundene Dichotomie neu zu eröffnen. (Das gesamte „Beiwerk“ einer Philosophie der Photographie, vom großartigen Walter Benjamin angefangen, soll hier einmal ruhen gelassen werden.)

Ein weiterer Aspekt, warum die Photographie so schrecklich vernutzt ist, besteht darin, daß wir in einer Welt der Übermedialisierung und Überästhetisierung leben. Bis etwa in die 60er, 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein waren es einige wenige Bilder, die von Photographen geschossen und in Zeitungen und Zeitschriften (oder dem Fernsehen) veröffentlicht/gezeigt wurden. Man denke nur an die Kriegsphotographien vom Vietnamkrieg, die prägten und im Gedächtnis bleiben. Photographien im „Stern“ etwa waren etwas Besonderes. Eine Wochenzeitschrift wurde zwar auch konsumiert, die Qualität des Konsums war jedoch eine andere, weil es eben nicht diese Vielzahl gab.

Ein Bild erfordert Zeit zum Betrachten. Wir werden jedoch beständig von und mit Bildern beschossen; der Betrachter hat kaum noch Kriterien an der Hand und ist nicht in der Lektüre eines Bildes geschult; ihm fehlt der ikonographische Blick, um Bilder einzuordnen, Wahrheit von Propaganda zu unterscheiden und Zeichen zu lesen. Es glaubt und meint ein jeder, etwas über eine Fotografie sagen zu können. Sie ist uns selbstverständlich geworden, weil sie das allgemein Sichtbare geworden ist, das uns alltäglich umgibt. Wir nehmen aber kaum noch wahr, daß Kriegsphotographien teils gar nicht mehr von unabhängigen Photographen, sondern von „ebadded journalists“ geschossen werden und das allein dadurch bereits eine Verfälschung des Blickes geschieht.

Deshalb eben ist es nicht das Einfachste, sondern das Schwierigste, den Alltag adäquat zu photographieren, eine Sicht zu entwickeln, die mehr zeigt als das, was sowieso da ist. Photographie als kritisches Reflexionsmedium und als künstlerisches Gestaltungsmedium von Wirklichkeit ist durch dieses Inflationäre eher schwieriger geworden. Vielleicht ist sie sogar gerade deshalb schwieriger geworden, weil heute jeder ein Foto erzeugen kann. Auch im Bereich des Technischen ist es einfach geworden: es ist kein schwierig und zeitintensiv zu erwerbendes Wissen mehr nötig, um Fotos zu erzeugen und (digital) nachzubearbeiten, dies zeigt etwa der Umgang mit „Photoshop“ (wobei hier noch eine gewisse Komplexität herrscht) und andere Bildbearbeitungsprogramme. Es gibt verfremdete, montierte, in jeder Form präparierte Fotos und Photographien. Wo früher noch ausgesuchte Photographien geschossen wurden, weil Film und Photopapier teuer waren, so ermöglicht es die digitale Technik, einen Strom von unendlich vielen, niemals abreißenden Bildern zu erzeugen; Speicherplatz ist billig zu haben. Insofern ist eigentlich ein reduziertes und konzentriertes Arbeiten und ein spezifisches Sehen erforderlich, um Photographie wieder zu dem zu machen, was sie einmal war. Ob dies allerdings angesichts der Rezeptionsverhältnisse ausreichend ist, bleibt abzuwarten.

Hier liegt, zugleich mit und gegen Lüpertz gesprochen, die Herausforderung für die Photographie.

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