Über das Bloggen

Wozu ein Blog, wozu ein philosophischer Blog, wozu ein Blog, der sich mit philosophischer Ästhetik und Kunstkritik beschäftigen will? Ich weiß es, wenn ich lange darüber nachdenke, nicht so recht. Bin ein wenig hilflos und möchte sogleich das Projekt wieder einstellen. Reicht es doch aus, wenn (philosophische) Bücher geschrieben werden unter einem bestimmten Namen und um sich einen Namen zu machen. Wozu hier (mehr oder weniger) komplexe Gedankengänge produzieren oder reproduzieren? Eigentlich gibt es keine Gründe dafür: zumal das Geschriebene in Büchern und erst recht im Internet ausufernd ist, so oft ohne Sinn und Verstand, manchmal rhizomartig in einem schlechten Sinne; wuchernd und zeitraubend, wenn man dies alles lesen muß. Belanglos meistens, selten instruktiv. Ich erstelle hier jedoch trotz allem einen Blog, ohne selber ein großer Blogleser zu sein, ja ich gestehe sogar, daß mich die meisten derselben gar nicht interessieren. Es gibt nur wenige gute.

Andererseits: ob manche Texte nun ungenutzt in der Schublade verschwinden und verschimmeln und nicht gelesen werden oder ob sie sich in der digitalen Zone befinden und dort nicht wahrgenommen werden, ist dann auch wieder gleichgültig.

Was also ist ein Blog, was bring er? Bei aller Resignation sei trotzdem versucht, mit Adorno eine vorläufige Antwort darauf zu finden, und zwar anhand von Überlegungen, die er in seinem (grundlegenden) Aufsatz „Der Essay als Form“ entwickelt hat:

„Der Essay aber läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehaßte, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich. Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selbst am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe: so rangiert er unter den Allotria. Weder sind seine Begriffe von einem Ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten.“ (Adorno, Noten zur Literatur, S. 10)

Es ist das prinzipiell Offene, das Ungedeckte; jene Dinge, die in der systematischen und akademischen Philosophie meist zu kurz kommen, die der Essay thematisiert. Ähnlich sollte auch ein Blog funktionieren. Seine Texte lassen sich als mehr oder weniger kurze „Versuche“ denken. Es ist manchmal ein Ausprobieren, das sich auf dünnem Eis bewegt. Mancher Text mag angreifbar sein und in die Irre gehen. Doch vielleicht, wenn es ganz gut kommt und gelingt, so treibt es in die Richtungen, wo etwas sich entdecken läßt, in einer Sprache, die versucht, nicht zu sehr zu langweilen: mit Geist, mit Esprit, denn wir sind französisch gestimmt.

Um vorab schon einmal zu schauen, was (vermutlich) die Richtung dieses Blogs ist: Hauptsächlich wird es um ästhetische Gebilde und Philosophie gehen, und dabei liegt, wie es der Name des Blog bereits sagt, der Schwerpunkt auf dem Ästhetischen, und zwar Literatur, feuilletonistischer Essay, Kunst- und Literaturkritik, Photographie, Film, Architektur, Bildende Kunst. Musik wird nicht vorkommen. Jene zwei oder drei treuen Leser, die diesen Blog gelesen haben werden, mögen es mir verzeihen.

Aber Aisthesis soll auch in seinem Wortsinn verstanden werden als „Wahrnehmung“, denn sonst hätte dieser Blog schlicht „Ästhetik“ oder „Aesthetica“ heißen können: unter einer Wahrnehmung, die in dieser Allgemeinheit gefaßt wird, lassen sich nicht nur die Phänomene der Kunst, mithin alle ästhetischen Gebilde einordnen, sondern genauso all das, was sich überhaupt sinnlich wahrnehmen läßt: Dieses Wahrnehmen kann von ganz Alltäglichem handeln, das sich bis hin zu sozialen Phänomen erstreckt. Vorbild für ein solches mikrologisches Verfahren sind natürlich Adornos „Minima Moralia“, wo es um den Knauf einer Tür sowie Szenen einer Ehe genauso gehen kann, wie auch um die vollendete gesellschaftliche Verdinglichung („Das ganze ist das Unwahre“). Insofern ist hier zugleich eine soziologische Perspektive vorgegeben, die ich paaren werde mit der Photographie. Ich werde Plätze von Städten sowie Stadtansichten zeigen und diese kommentieren. Im besten Falle gelingt dieses Vorhaben, Texte und Photographien zusammenspielen zu lassen und dabei eine Perspektive auf Gesellschaft zu öffnen, im schlechten mißlingt es.

Da die meisten hier hineingeschriebenen Texte eher umfangreich sein werden, so gibt es pro Woche ein bis zwei Texte. Ich werde diese Samstags/Sonntags einpflegen, damit eine gewisse Regelmäßigkeit herrscht. Wenn sich aktuelle Anlässe einstellen, so gibt es vielleicht auch einmal unter der Woche einen Text.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Über das Bloggen

  1. timboson schreibt:

    Es sieht gut aus, aber diese weiße auf Schwarz- Schrift ist auf Dauer enorm anstrengend, beginnt zu flimmern, trotzdem gutes Gelingen..

  2. bersarin schreibt:

    Vielen Dank für das Lob und den Hinweis. Ich habe die Schrift ab dem dritten Beitrag etwas mehr ins Grau gesetzt und hoffe, daß es damit besser lesbarer und nicht so anstrengend wird. Weiße Schrift auf schwarzem Grund ist nicht so gut, zumindest nicht über längere Strecken. Aber das Programmieren, um ein eigenes Design zu erzeugen, ist meine Sache nicht, auch fehlt die Zeit, und so habe ich aus den zur Verfügung stehenden „Vorlagen“ wählen müssen.

  3. JR schreibt:

    Bereits ein Jahr durchgehalten und dabei noch einen Grundsatz gebrochen — „Musik wird nicht vorkommen.“ Na dann, Resignation hin oder her, alles Gute weiterhin.

    JR

  4. bersarin schreibt:

    Danke, JR, wenigstens eine(r), der/die an den Blog-Geburtstag denkt. Ich hatte ihn ein wenig zurückgestellt, wollte erst eine kleine Thomas Bernhard-Parodie dazu schreiben, ließ es dann aber sein.

    Ja, den Grundsatz zur Musik habe ich in der Tat ein paar Mal gebrochen. (Und zu Adornos Musik-Aufsatz zum Fetischcharakter in der Musik und der Regression des Hörens steht von mir auch noch ein Text aus.)

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