Armut schändet nicht

„‚Armut schändet nicht.‘ Ganz wohl. Doch sie schänden den Armen. Sie tun‘s und sie trösten ihn mit dem Sprüchlein. Es ist von denen, die man einst konnte gelten lassen, deren Verfallstag nun längst gekommen. Nicht anders wie jenes brutale ‚Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen‘. Als es Arbeit gab, die ihren Mann näherte, gab es auch Armut, die ihn nicht schändete, wenn sie aus Mißwachs und anderem Geschick ihn traf. Wohl aber schändet dies Darben, in das Millionen hineingeboren, Hunderttausende verstrickt werden, die verarmen. Schmutz und Elend wachsen wie Mauern als Werk von unsichtbaren Händen um sie hoch. Und wie der einzelne viel ertragen kann für sich, gerechte Scham aber fühlt, wenn sein Weib es ihn tragen sieht und selber duldet, so darf der einzelne viel dulden, solang er allein, und alles, solang er‘s verbirgt. Aber nie darf einer seinen Frieden mit Armut schließen, wenn sie wie ein riesiger Schatten über sein Volk und sein Haus fällt. Dann soll er seine Sinne wachhalten für jede Demütigung, die ihnen zuteil wird und so lange sie in Zucht nehmen, bis sein Leiden nicht mehr die abschüssige Straße des Grams, sondern den aufsteigenden Pfad der Revolte gebahnt hat. Aber hier ist nichts zu hoffen, solange jedes furchtbarste, jedes dunkelste Schicksal täglich, ja stündlich diskutiert durch die Presse, in allen Scheinursachen und Scheinfolgen dargelegt, niemandem zur Erkenntnis der dunklen Gewalten verhilft, denen sein Leben hörig geworden ist.“

So schrieb Walter Benjamin in seinem Aphorismus „Kaiserpanorama“, das in 14 Gängen eine „Reise durch die Inflation“ tut. Dieses Panorama findet sich in dem Buch „Einbahnstraße“. Es sind viele dieser Texte aktuell, als kämen sie aus dem Hier und Jetzt und nicht aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts herübergeweht. Mißstände, Unrecht, Ausbeutung, die der Objektivität entspringen, ins Subjekt hineinzuverlagern, um individuelle Schulddiskurse zu forcieren, ist noch heute eine der beliebten Methoden. Dies fängt bei all den Beichtzwängen und Schuldinternalisierungen an, manifestiert sich in Schwachsinnssätzen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und geht hin bis zu diesem Umweltschutzblödsinn mit Mülltrennung und Pseudoökologie als Ersatzreligion. Heute fahren wir mal Fahrrad und sanieren Häuser energetisch. Wie stand es auf einem Plakat bei der Demonstration gegen Mieterhöhungen am 3. September in Berlin?: Zu einer Karikatur von Renate Künast stand da: „Arme ökologisch korrekt entsorgen“. Genau so ist es, und diese Haltung nehmen implizit große Teile der Grünen ein. Schlimmer als diese Haltung aber ist die Trägheit des Denkens, welche sich darin spiegelt. Sobald irgend etwas zur Religion gerät, ist es von übel.

Für die, welche in Berlin demnächst zur Wahl gehen: Vergessen Sie nicht, daß für diese unhaltbaren Zustände auch Sozialdemokraten mitverantwortlich sind. Aber wer wählt schon SPD, eine Partei, die seit 1914 nicht mehr zu wählen ist? Ein Begriff wie Sozialpartnerschaft sagt im Grunde alles und spricht Bände über das dahinter stehende Prinzip und wie in der SPD Gesellschaft gedacht wird. Was gilt es anders zu machen? Weiß ich nicht. Wie sagte es der mittlerweile bzw. teils schwer erträgliche Hans Magnus Enzensberger einmal: „Ich bin doch nicht der Lappen, mit dem man die Welt putzt!“ Hellsichtig und richtig gedacht. Das Grandhotel Abgrund ist schließlich kein Ratschlaggebe- und Helfe-Etablissement.

Benjamin reflektiert in diesen Aphorismen manches noch in einer idealistischen Färbung des Denkens, aber im ästhetischen Ausdruck manifestiert sich dennoch die materialistische Sicht auf die Subtilitäten; jener Blick für das Detail, an dem, nach messianischem Denken, am Ende genauso die Weltgeschichte hängt und in welchem sie sich manifestiert. Dieses Verhältnis motiviert zum mikrologischen Blick – sei es in der Philosophie als auch in der Photographie. Andererseits kann nach Benjamins, Kracauers und Adornos Texten, die, wie die „Minima Moralia“ oder „Die Angestellten“, ihre Sicht in das Detail versenken, nicht auf die gleiche Art, nach dem Motto des „Noch einmal so“ verfahren werden. Andererseits: weshalb sollten sich nicht Beschreibungen wie die fertigen lassen, was einem bei einer Begegnung mit einer modernen automatischen Glasschiebetür in einem Bahnhof widerfährt und auf welche Weise öffentliche Plätze mit Kameras ausgeleuchtet werden? Es geht schon, und insbesondere in der Schrift ergeben sich mannigfaltige Möglichkeiten.

Sozialdemokratisierung des Denkens

„Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch in ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs“ (W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, GS I 2, S. 698)

Diese Zeilen brauchen nicht weiter kommentiert zu werden. Nein, Benjamin schrieb das nicht 2003, nachdem er sich im Kanzleramt mit Gerhard Schröder getroffen hatte, sondern bereits im Jahre 1940. Weiterhin finden sich in dieser XI. „Geschichtsphilosophischen These“ einige schöne Stellen zum Begriff der Natur und auch zur Kategorie der Arbeit wieder: „Die alte protestantische Werkmoral feierte in säkularisierter Gestalt bei den deutschen Arbeitern ihre Auferstehung. Das Gothaer Programm trägt bereits Spuren dieser Verwirrung an sich. Es definiert die Arbeit als ‚die Quelle alles Reichtums und aller Kultur‘. Böses ahnend, entgegnete Marx darauf, daß der Mensch, der kein anderes Eigentum besitze als seine Arbeitskraft, ‚der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern … gemacht haben‘.“ (S. 699)

Da sage einer, es gäbe keine prophetische Philosophie: 1940 geschrieben, verfolgt und verfolgt und verfolgt diese kurze und schöne Passage von Benjamin die SPD. Nach unten führt der Weg, um einen Satz Novalis’ etwas abzuwandeln.

Mein Nachtrag zum Wahlaufruf

(Ich komme mir schon fast vor wie Günter Grass mit meinem Getrommel. Doch es muß sein)

Wie konnte ich ihn in meiner gestrigen Theorie-Aufzählung vergessen: Sören Kierkegaard. 

Da sich jene schöne Plakat-Unbekannte bisher nicht bei mir meldete, um sich die Zweitstimme samt dem Abend voller Theorie abzuholen, so biete ich zudem eine Lesung aus “Entweder-Oder” an. Also, wenn das nichts ist, liebe SPD. 

Und wisse, es ist mir ernst, ich bin da absolut käuflich,  was meine Zweitstimme betrifft, und als Ästhetiker darf ich das, anders als der Ethiker, auch. Gegen so eine Frau: da kann mir Die Linke gestohlen bleiben.

Hier auch mein Ergebnis des Wahl-O-Mat nach einer ersten Hochrechnung:

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Ein Aufruf  zum Schluß: Wenn Sie es, liebe Leserinnen und Leser, am 27.9. nicht schaffen sollten, zur Wahl zu gehen, weil Sie nicht aus dem Haus kommen, so benutzen Sie an diesem Tag wenigstens den Wahl-O-Mat zur Stimmabgabe.

Am 27. September ist Bundestagswahl

Meine Wahl ist mein Ruin

Liebe SPD,

ich weiß wohl, daß Du jede Stimme brauchst und daß Du, gute alte in Ehren und Würde ergraute Tante SPD, händeringend darum bittest, gewählt zu werden, droht Euch doch sonst das Projekt 18 oder Schlimmeres. Du würdest alles, wirklich alles dafür tun, meine Stimme gekreuzt zu bekommen.

 Nun, lieber Frank-„Walter“ Steinmeier, ich bin nicht abgeneigt, je länger ich darüber nachdenken muß. Und auf diese Idee, Euch am 27. September zumindest probeweise zu wählen, hat mich ein Beitrag im Blog von hANNES wURST sowie mein zielloses einsames nächtliches Schlendern durch die einsamen, nächtlichen, zahllosen Berliner Straßen gebracht, als ich da so schaute: ist es die da, ist es die da (ne is ja der) oder die da?:

 

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Da ging es mit auf: Klar, sagte ich mir: es ist die da: das Girlie, dessen Mund ein zartes, hauchweise angedeutetes Lächeln umspielt, und die es evoziert: diese Ahnung von Jahren, die in der Ferne vergraben liegen, Anwehungen aus der längst vergangenen Vergangenheit als die Frauen jung, die Abende ausschweifend, im Alkohol tatsächlich noch echter Alkohol war und die Zigaretten noch schmeckten.

 

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Ihre sich leicht unter dem Shirt hervorwölbenden Brüste, nicht zu groß, nicht zu klein, der Träger eines schwarzen BHs, der verwegen unter dem mausgrauen Shirt hervorlugt: Was will man mehr. Wer als Partei so zielsicher meinen Frauentyp trifft – als ob diese Partei divinatorische Fähigkeiten besäße – und ihn dann auch noch bildnerisch darstellen kann, der hat eine Achtung verdient, der kann sicherlich einiges mehr und der verdient es deshalb auch, gewählt zu werden. Dafür also schon einmal meine Erststimme, liebe SPD. Gut gemacht. Und obwohl ich Blondinen eigentlich bevorzuge – die SPD hat ja auch eine sehr schöne Blondinenwahlplakatfrau zu bieten, siehe diese im Blog hANNES wURST – so hat hier dennoch, sozusagen sub specie aeternitatis, brünett den Schnitt gemacht. Fein, fein.

Meine Zweitstimme für Euch ist aber nun doch an eine Bedingung geknüpft, die der geneigt Leser jetzt womöglich erahnen wird. Aber es ist nicht das, was Sie nun vielleicht denken mögen und bei dieser schönen Frau freilich und zu gutem Recht konnotieren könnten, sondern vielmehr: Zweitstimme gegen einen richtig theoretisch-kriminellen Abend Bataillscher Übertretungen, Artaudscher Exzesses, Deleuzscher rhizomartiger Theorie-Verausgabung und Überschreitungen mit eben jener Frau mit dem scheuen Lächeln, alles in der Theorie, einen Abend über Adorno, Derrida, Kafka, Bernhard, Beckett und Heidegger, zu zweit einige Flaschen Wein. (Rotwein ist hier wohl passend.)

Einen Abend voller Theorie gegen meine Zweitstimme. (Keine Angst: Revisionismusdebatte, Diamat und Stamokap und so‘n Politik-Zeug kommt da in diesem Theorie-Abend nicht vor. Hier gilt‘s der Kunst.)

Ach ja, Frauen auf Plakaten. So kann es gehen bei solchen Emanationen des Alltags. Und, liebe SPD, eine kleine Weisheit zum Schluß: Wer den Schaden hat, der braucht am Ende für den Spott nicht zu sorgen.

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