Und nichts als im Blut zu schreiten: Geister, Wiedergängertum – „schwimmende Hölderlintürme“, schwarzgallig

Geschichtsphilosophie in nuce – Heiner Müller

Es ist der Geist Hamlets als Fleischwerdung, der in Heiner Müllers „Die Hamletmaschine“ zur Geschichte drängt. Wiederkehr. In den Sentenzen geschieht nichts anderes mehr als die Wiederholung, gesprochen in der Vergangenheitsform, und es stellt sich diese Frage, wer eigentlich da spricht, ob es Hamlet selber oder nur noch der Darsteller eines Hamlet ist, Spaltung des Subjekts:

„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des hohen Kadavers die Räte, heulend in schlecht bezahlter Trauer“ (Heiner Müller, Die Hamletmaschine)

„Die Zeit ist aus den Fugen“? Nein, sie bietet das Immergleiche, immer schon gesehen, immer schon dagewesen, jenes immerwährende Spiel, die ewiggleiche Scheiße und doch jedes Mal anders dargeboten. Die Erdung, wie einer jener Begriffe aus dem Wörterbuch der Gemeinplätze lautet, oder das echte Gespräch, ebenfalls daher entnommen und welches im Jargon Heideggers, des schrecklichen Gadamers bzw. Jaspers die Eigentlichkeit und das Bei-sich-und-beim-anderen-sein verbürgen sollte, verbleibt als falsch interpretierte, falsch-idealistisch gedachte Eröffnung in der rückblickenden Reflexion als Blah-Blah der Monotonie stehen: Subreption dessen, was geschichtsphilosophisch unmöglich geworden ist, was noch niemals war, was sich überholte: Echtheit, Unverstelltheit, Dasein, Selbstpräsenz. „Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.“ So schreibt Walter Benjamin in seinem Passagenwerk.

Die Figuren des Ruins, welche zu gestalten sind. Es bleiben keine Lieder mehr zu singen, wie es an einer Stelle bei Paul Celan heißt. Die Frage stellt sich, wieweit Dichtung und Prosa diese Trümmer und die Berge von Schutt in die Darstellung zu bringen vermögen. Dies impliziert die Frage nach einer Form von Prosa/Dichtung nach (oder in) der Katastrophe. Wenn die Sprache in die Musik umschlägt, wie in Hölderlins Dichtung, jenem „Dem folgt deutscher Gesang“, jener andere Ton der Sprache sich öffnet, so kann dies unter spätmodernen Bedingungen nur noch in einer hermetischen Weise geschehen, die sich jeder Hermeneutik (des Daseins) entzieht, und zwar als jenes Moment, jener Augenblick, in welchem die Dichtung umschlägt in jene andere Weise. Eine Dichtung, die in solcher Art transformiert, nennt Paul Celan in seiner Büchnerpreisrede „Der Meridian“ eine Atemwende. „Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten“ (P. Celan, Der Meridian) Es ist das Gegenwort, so wie jene Ruf „Es lebe der König“ der Lucile in „Dantons Tod“.

Die Revolution endet als Farce? Nein, sie endet grausam, im Rahmen eines „Theaters der Grausamkeit“, welches sich bei Heiner Müller auf jene Orphelia-Elektra-Figur kapriziert, die nicht mehr nur das bloße Opfer bleibt, sondern mit jenen Fleischermessern durch die Schlafzimmer schreitet, damit die Wahrheit gespürt und zugleich gewußt wird.

„DAS EUROPA DER FRAU

Enormous room. Ophelia. Ihr Herz ist eine Uhr.

OPHELIA [CHOR / HAMLET]

Ich bin Ophelia. Die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern Die Frau mit der Überdosis AUF DEN LIPPEN SCHNEE Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehört mich zu töten. Ich bin allein mit meinen Brüsten meinen Schenkeln meinem Schoß. Ich zertrümmere die Werkzeuge meiner Gefangenschaft den Stuhl den Tisch das Bett. Ich zerstöre das Schlachtfeld das mein Heim war. Ich reiße die Türen auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt. Ich zerschlage das Fenster. Mit meinen blutenden Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben auf dem Bett auf dem Tisch auf dem Stuhl auf dem Boden. Ich lege Feuer an mein Gefängnis. Ich werfe Kleider in das Feuer. Ich grabe die Uhr aus meiner Brust, die mein Herz war. Ich gehe auf die Straße, gekleidet in mein Blut.“ (Heiner Müller, Die Hamletmaschine)

Heiner Müller und die Geschichtsphilosophie des Walter Benjamin wären in eine Anordnung zu bringen. An anderer Stelle tat ich dies in diesem Blog bereits über jene Figur des Angelus Novus.

Es ist das Moment der Dekonstruktion von Zusammenhang und das Repetitive, welches diesen Text Müllers trägt; die Einheit von Ort, Zeit, Handlung existiert nicht mehr, dem Drama selbst als Ort gesellschaftlicher Reflexion oder als Lehranstalt wurde sein Prozeß gemacht, darin gleicht es Becketts „Endspiel“.

„Die Hamletmaschine“ ist schwierig spielbar, ganz anders als „Germania 3. Gespenster am toten Mann“, jenes Fragment gebliebene Stück. Die Schwierigkeit bei solchem Text wie „Germania 3“ besteht vielmehr darin, daß man sie aufgrund einer gewissen Thesenhaftigkeit und schematischen Konstruiertheit kaum lesen kann, sondern in seiner Aufführung sehen muß. „Germania 3“ erinnert ein wenig an Thomas Bernhards „Der Theatermacher“: die Welttragödie, die in ihrer Wiederholung, in jener Doppelung eine Weltkomödie wird, in welcher die Figuren der Geschichte ihre Rollen spielen und auftreten (bei Müller u. a. Hitler und Stalin) – gegeben allerdings nur in Utzbach in einem Wirtshaus. „Germania 3“ und „Der Theatermacher“ wären als ein Stück auf die Bühne zu bringen, indem die Fragmente ineinander montiert werden.

Die Texte Heiner Müllers visualisieren die Betrachterin oder der Betrachter sich entweder inszenatorisch auf einer Bühne, was einen Gang ins Deutsche Sprechtheater bedeutet, sofern Müller dort überhaupt noch gespielt wird, oder die Sehnenden müssen diese Texte sich vorgelesen vorstellen, sie sich selber mit vernehmbarer Stimme vorsagen oder von einer Schauspielerin sich vortragen lassen, die jene unbedingt notwendige Kraft besitzt, einen Text Heiner Müllers zu intonieren. Eine andere Möglichkeit, dem Text, dem Sound, dem Rhythmus Heiner Müllers sich zu nähern, besteht darin, jene legendäre Platte von Heiner Goebbels „Verkommenes Ufer/Die Befreiung des Prometheus“ aus dem Jahre 1986 auf den Plattenteller zu plazieren und abzuspielen: Darauf vernimmt man dann sogar Heiner Müllers Stimme, wie er einen Text in einem DDR-Ausflugslokal liest, eine Collage von Klängen, auf einem Tonband aufgenommen, und im Hintergrund spielt eine Blaskapelle Motive aus Webers „Freischütz“. Diese Anordnung klingt derart absurd – man möchte sie für inszeniert halten. Geschichtsphilosophie, welche sich als Slapstick im Detail des Alltags sedimentiert. Aber bekanntermaßen ereignen sich alle Dinge des Lebens zweimal: als Tragödie und als Farce oder Komödie.

GERMANIA 3 GESPENSTER AM TOTEN MANN

Nacht Berliner Mauer Thälmann und Ulbricht auf Posten

THÄLMANN Das Mausoleum des deutschen Sozialismus. Hier liegt er begraben. Die Kränze sind aus Stacheldraht, der Salut wird auf die Hinterbliebenen abgefeuert. Mit Hunden gegen die eigene Bevölkerung. Das ist die rote Jagd. So haben wir uns das vorgestellt in Buchenwald und in Spanien.

ULBRICHT Weisst du was Bessres.

THÄLMANN Nein.

ULBRICHT Wenn du das Ohr an den Boden legst, kannst du sie schnarchen hören, unsre Menschen, Fickzellen mit Fernheizung von Rostock bis Johanngeorgenstadt, den Bildschirm vorm Schädel, den Kleinwagen vor der Tür. Schüsse Leuchtspur. Wieder einer. Hoffentlich ist es nicht mein Abschnitt.

Soldaten mit einem Flüchtling.

Hamburg – Kapitalistischer Realismus (Part 2) samt der Tonspur zum Sonntag

Um mit den Photographien nicht zu sehr aus dem Takt zu geraten, sei hier auf „Proteus Image“ sogleich der zweite Teil meiner Hamburg-Serie gegeben. Ich will dazu gar nicht große Worte verlieren, das Prinzip der Bild-Anordnung nannte ich bereits. Die Photographien stehen wie immer für sich. Hinzuweisen ist auf die Etymologie des Begriffes „Photographie“. Und diese eine Photographie: ich möchte sie am liebsten im Andreas-Gursky-Format in einer Ausstellung hängen sehen.

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Weiterhin: Zwei der (seinerzeit) interessantesten Musikerinnen, denen ein bescheidener Blogger immer wieder seinen Tribut zollt, biete ich als Tonspur zum Wochenende dar. Ja, das ist Berlin, und das zumindest ist das halbe Leben gewesen, wenn wir um sieben Uhr morgens heimkehrend, verschneit, verfroren und eiskalt, in den Sonntag fallen: taumelnd, verliebt, trunken und wild – sweet old time.

„Bilder bedeuten alles im Anfang. Sind haltbar. Geräumig.
Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und
Enttäuschung.
Schon den Himmel hält kein Bild mehr. Die Wolke, vom
Flugzeug
Aus: ein Dampf der die Sicht nimmt. Der Kranich nur
noch ein Vogel

(…)

Heiner Müller, Bilder (1955)

Heute hingegen wartet nur ein sehr großer Abwasch in der Küche. Hühnchen in Essig. Und meine Finger riechen nach Kräutertee, wenn ich die Hand ans Kinn stütze, um zu sinnieren, was zu schreiben sei, ich weiß nicht, woher dieser schreckliche Geruch kommt. Merkwürdigerweise schmeckt der Kräutertee aber doch nach Rotwein – weshalb habe ich das Getränk in einen Becher gefüllt und heiß gemacht? Ich weiß das alles nicht mehr. Bin ich unter dem Vulkan unbezähmbarer Wirrnisse? Spielen mir die Sinne Streiche und erliege ich meinen Projektionen? Sicherlich nicht. Und das wird dann hoffentlich der Text zu Gerhard Richter zeigen, den es am Wochenende, vielleicht am Sonntag, aber spätestens am Montag gibt.

Jetzt aber zur Musik:

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Engel der Geschichte

Ich möchte heute und hier, unkommentiert, zwei Text nebeneinander stellen und zusammen- oder gegeneinander lesen:

„Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber. Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken. Meine Hoffnung ist der letzte Atem. Meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“
(Heiner Müller, Werke 1, S. 212)

Und so heißt es auch im Lenz von Bücher, daß man den Himmel als Abgrund unter sich hat, wenn man auf dem Kopf geht.

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm,“
(Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, GS I/2, S. 697 f.)

Der letzte Tag der DDR: Leipzig, 9. Oktober

20 Jahre keine DDR (8)

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„Die Dekoration ist ein Denkmal. Es stellt in hundertfacher Vergrößerung einen Mann dar, der Geschichte gemacht hat. Die Versteinerung einer Hoffnung. Sein Name ist auswechselbar. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das Denkmal liegt am Boden, geschleift drei Jahre nach dem Staatsbegräbnis des Gehaßten und Verehrten von seinen Nachfolgern in der Macht. Der Stein ist bewohnt. In den geräumigen Nasen- und Ohrlöchern, Haut- und Uniformfalten des zertrümmerten Standbilds haust die ärmere Bevölkerung der Metropole. Auf den Sturz des Denkmals folgt nach einer angemessenen Zeit der Aufstand. Mein Drama, wenn es noch stattfinden würde, fände in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Die Straße gehört den Fußgängern. Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Angsttraum eines Messerwerfers: Langsame Fahrt durch eine Einbahnstraße auf einen unwiderruflichen Parkplatz zu, der von bewaffneten Fußgängern umstellt ist. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Wenn der Zug sich dem Regierungsviertel nähert, kommt er an einem Polizeikordon zum Stehen. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Auf dem Balkon eines Regierungsgebäudes erscheint ein Mann mit schlecht sitzendem Frack und beginnt ebenfalls zu reden. Wenn ihn der erste Stein trifft, zieht auch er sich hinter die Flügeltür aus Panzerglas zurück. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer. Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber. Ich stehe im Schweißgeruch der Menge und werfe Steine auf Polizisten Soldaten Panzer Panzerglas. Ich blicke durch die Flügeltür aus Panzerglas auf die andrängende Menge und rieche meinen Angstschweiß. Ich schüttle, von Brechreiz gewürgt, meine Faust gegen mich, der hinter dem Panzerglas steht. Ich sehe, geschüttelt von Furcht und Verachtung, in der andrängenden Menge mich, Schaum vor meinem Mund, meine Faust gegen mich schütteln. Ich hänge mein uniformiertes Fleisch an den Füßen auf. Ich bin der Soldat im Panzerturm, mein Kopf ist leer unter dem Helm, der erstickte Schrei unter den Ketten. Ich bin die Schreibmaschine. Ich knüpfe die Schlinge, wenn die Rädelsführer aufgehängt werden, ziehe den Schemel weg, breche mein Genick. Ich bin mein Gefangener. Ich füttere mit meinen Daten die Computer. Meine Rollen sind Speichel und Spucknapf Messer und Wunde Zahn und Gurgel Hals und Strick. Ich bin die Datenbank. Blutend in der Menge. Aufatmend hinter der Flügeltür. Wortschleim absondernd in meiner schalldichten Sprechblase über der Schlacht. Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig / Mit meinem ungeteilten Selbst.

(…)

Bildschirme schwarz. Blut aus dem Kühlschrank. Drei nackte Frauen: Marx Lenin Mao. Sprechen gleichzeitig jeder in seiner Sprache den Text ES GILT ALLE VERHÄLTNISSE UMZUWERFEN, IN DENEN DER MENSCH . . . Hamletdarsteller legt Kostüm und Maske an.“

 Heiner Müller, Die Hamletmaschine

Stalinstadt

 20 Jahre keine DDR (Teil 2)

Der sozialistische Führer baute den Arbeitern
eine schöne neue Stadt und ein Stahlwerk:
(„Wir loben die guten Sozialisten“)
(Heute: Eisenhüttenstadt)

Vom chic des Totalitären?
Nein, nein, (eine Fortschreibung der „Wolokolamsker Chaussee“.)
Die Spur der Russischen Panzer durch die Geschichte verfolgend, Heiner Müller
jener Mann, ganz in schwarz mit der Zigarre und dem Whisky
Der Mann mit der monotonen Stimme,
auf seinem Balkon in Berlin-Friedrichsfelde, „Fickzellen mit Fernwärme“

„VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
Das Thälmannlied Die Partisanen vom
Armur und Völker hört die Signale
Das roten Halstuch naß vom Stalinopfer
Und das zerrissene Blauhemd für den Toten
Gefallen an der Mauer Stalins Denkmal
Für Rosa Luxemburg Die Geisterstädte
VERGESSEN Kronstandt Budapest und Prag
Wo das Gespenst des Kommunismus umgeht
Klopfzeichen in der Kanalisation
VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
Begraben immer wieder von der Scheiße
Und aus der Scheiße steht es wieder auf
VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
Dreht seine Runden und geht seinen Gang”

(Wolokolamsker Chaussee V)

 

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Daniel Kehlmann, Brecht, der postmoderne Roman und ein Literaturrätsel

 Ich habe seinen neuen Roman „Ruhm“ nicht gelesen, und obwohl er vom Thema der Identität sowie dem Spiel zwischen realer und virtueller Welt her interessant sein könnte, denke ich, daß mich Kehlmanns Roman am Ende nicht interessieren wird: zu künstlich das Spiel, zu konstruiert das ganze. Am Ende doch nur konventionell, angereichert nur um ein paar Kinkerlitzchen. Ich lasse mich aber gerne überraschen und eines besseren belehren. (Vielleicht irgendwann mehr dazu. Und mittlerweile, bei einer vor Büchern überquellenden Bibliothek will jeder Kauf eines Buches gut überlegt sein, obwohl es natürlich jedem anzuraten ist, Bücher zu kaufen. Ich für meinen Teil aber, so denke ich manchmal, habe meine Schuldigkeit getan und müßte es mir eigentlich zur Regel machen, für jedes gekaufte Buch eines zu verkaufen oder besser noch zu verschenken.)

   Vielleicht hat mich in dem Zusammenhang mit Kehlmann auch die schnoddrige, bürschelnde, oberlehrerhafte Art über Brecht zu faseln, die von keinerlei Kenntnis getrübt war, geärgert. Wohlfeile Sätze werden dargeboten, die nüscht kosten. Ja: da bereitet einer sein Debüt als staatstragender Dichter vor. Widerwärtiger Vorgang. Mögen die Nachgeborenen Kehlmann messen an seinen Worten, die er zu dieser Gesellschaft gefunden hat, wenn dereinst das, was sich soziale Marktwirtschaft nannte, abgeurteilt sein wird als das, was sie tatsächlich ist. Dazu passend der Auftritt im „Zeit-Magazin“. Inszenierung und Gefasel. Oh, sagte die Schwiegermuter am heimischen Tisch, als die Ausführungen Kehlmanns beendet waren, wie vernünftig ist diese Generation der 1975 Geborenen. Wieviel Weisheit und Einsicht da waltet. Der Großvater nickte stumm dazu. Die Kuchengabel klackte am Teller. Kehlmann wollte gerade anheben, einige Worte zu gestalten. Sie hingegen lächelte verlegen und wußte schlagartig: es ist der falsche.

Manche von Brechts Theaterstücken mögen simpel sein, wenn man sie von einer philosophisch-(kritisch-theoretisch-)marxistischen Position aus analysiert, gerade dort, wo er versucht, Funktionsweisen des Kapitalismus aufzuzeigen (Heilige Johanna) oder den Aufstieg des Faschismus zu skizzieren (Arturo Ui). Daß aber selbst solches noch mehr taugt und hält als vieles von dem, was heute geschrieben wird, das mag sich bereits daran zeigen, daß bei einem vordergründig mißlungenen Text wie dem Ui (denn Faschismus ist mehr als die Verwicklungen von Gangstern und Gemüsehändlern) eine absolut gelungene Theaterinszenierung werden kann: so nämlich die Inszenierung von Heiner Müller am „Berliner Ensemble“ mit Martin Wuttke als Ui. Dies immerhin zeigt, daß dieser Text doch und trotz alledem schillernd und vielschichtig genug ist, um zu bestehen. Mir soll es aber heute nicht darum gehen, ein (kritisches) Lob Brechts zu singen. Und auch möchte ich mich mit Kehlmann nicht weiter befassen. (Dies zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht.)

Doch möchte ich im Zusammenhang des Spiels mit der Identität auf einen – wohl etwas vergessenen – Schriftsteller aufmerksam machen, der lange vor dem allseits ausgerufenen postmodernen Spiel mit Existenz und Identitäten seinen Verwirrspiel-Spaß trieb mit seinen Romanfiguren: da kommt einem Schriftsteller sein Romanheld abhanden, flieht aus dem Roman, lebt sich so durch in Paris, wird von anderen Romanschriftstellern eingefangen, am Ende stürzt die Romanfigur ab, der Roman hat sich selbst erfüllt. (Le vol d’Icare, im Deutschen mehr schlecht als recht übersetzt mit „Der Flug des Ikarus“. Die Doppelbedeutung von „vol“ als „Raub“ und als „Flug“ geht leider verloren.) Oder es träumen sich zwei Existenzen, während die eine schläft, beginnt die andere zu existieren: zwei parallele Handlungsebenen, die sich dann im Paris 1964 begegnen. („Die blauen Blumen“)

Und jetzt ahnen Sie, welcher Schriftsteller es sein wird: Da kommt eine Göre vom Land zusammen mit ihrer Mutter, die dort ihren Liebhaber treffen will, nach Paris. Die Göre wird von Ihrem Onkel Gabriel am Bahnhof1 abgeholt, möchte aber keinesfalls die Stadt sehen, wie man es sich von einem Landei, das nach Paris kommt, denken mag, sondern will, rotzfrech und eigenwillig wie sie ist, gar nichts anderes in Paris als Metro fahren. (Was ja auch ein unschlagbares Erlebnis ist, und wo gibt es das schon, von Stalingrad nach Oberkampf zu fahren (Linie 5).) Doch zum Zeitpunkt ihres Besuches streikt die Metro. Und so beginnt ein Sprachspiel von Verwirrnis und Verwicklung, von Tempo und Dialog, eine Hommage an diese wunderbare Stadt, in aberwitzigen Szenen; etwa wenn Gabriel mit seinem Freund, dem Taxifahrer Charles, sich beim Taxi-Sightseeing vor der Göre streiten, ob es sich bei dem Gebäude nun um das Pantheon handelt oder nicht. Und so setzt sich der Aberwitz durch das gesamte Buch fort. Atemberaubend. Am Schluß des Romans endete der Streik zwar, und es ist die Göre durchaus Metro gefahren, doch hat sie, vollständig erschöpft von diesem turbulenten Aufenthalt, gerade da geschlafen. (Kongenial verfilmt das ganze von Louis Mallle.)

Und nun wissen Sie es bestimmt: die Göre heißt Zazie und ihr Schöpfer Raymond Queneau.

Ich weiß, dies alles, diese Art zu schreiben, wirkt lange nicht so ausgeklügelt wie die (Nicht-)Identitätskonzepte der (postmodernen) neueren Literatur und manchmal – vielleicht – auch antiquiert, aber der surreale, anarchische Spaß eines Raymond Queneau – und: ich muß, ich kann gar nicht anders, ich muß ihn hier mit dazu nennen, denn er darf keinesfalls unter den Tisch fallen: den Prinz von Saint-Germain-des-Prés, den anderen Großen der französischen modernen Literatur: – und der Witz eines Boris Vian ist dafür um so größer, gerade weil das Kunstfertige, fein Ziselierte und dadurch eben auch immer ein wenig kunsthandwerklich Wirkende dieser postmodernen Identitätsspielchen bei Queneau und Vian vollständig fehlt. Bei diesen herrscht großes (Kasper-)Theater: eher Radau und Rummelplatz, doch auch grandioses Sprachspiel und -witz; dies vor allem in Absetzung zur oft zu erdenschweren und existential-verhangen, politisch engagierten Literatur eines anderen Großen vom Saint-Germain-des-Prés: Jean Sol Patre (B. Vian). Dennoch sollte der philosophische Einschlag (insbesondere bei Queneau) nicht unterschätzt werden. Er läßt es halt nur nicht so raushängen. Ein gutes Korrektiv also, diese beiden. Gerade in diesen Tagen.

Queneau ist in sparsam ausgewählten Werken neu nur noch bei Wagenbach zu haben, die Taschenbuchausgabe im Fischer Verlag existiert nicht mehr, „Zazie“ gibt es bei Suhrkamp, die legendären „Stilübungen“ über den Autobus S auch: Hohe Philosophie, eine Lektion in Rhetorik und ein ungeheurer Lesespaß, wie eine einzige Szene in immer neuen Variationen geschildert wird. Leider gibt es diese schönen alten Autobuse in grün-weiß (oder grün-beige?), mit einer Plattform hinten, in Paris nicht mehr. In den 80er Jahren meine ich sie noch gesehen zu haben. Die Strecke von der Contrescarpe nach Champerret konnte man damals noch abfahren. Doch diese Plattform ist womöglich nur eine getäuschte Erinnerung, die eher den französischen Filmen entspringt.

Boris Vian ist bei Wagenbach und Zweitausendeins erschienen, dort eine sehr bibliophile Ausgabe mit den großartigen Covern von Art Spielgelman, aber auch bei Wagenbach ist die Ausstattung sehr ansprechend, für den Puristen auf alle Fälle geeigneter. Allein Titel wie „Wir werden alle Fiesen killen“ und „Ich werde auf eure Gräber spucken“ haben mich bereits als Schüler aus meiner Lethargie gerissen.

Demnächst gibt es hier über Boris Vian mehr. In diesem Jahr nähert sich schließlich sein 50. Todestag. Alt ist er leider nicht geworden, aber wen die Götter lieben, …

 (1) Kleine Preisfrage. Kommt die Göre nun am Gare d’ Austerlitz oder am Gare de Lyon an?

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