Im Heidegger-look-alike-contest müssen und wollen wir heute einen Gewinner präsentieren. Sowieso ist die Präsenz, das Anwesen, die Anwesenheit, die Parusie als reines Da im Rahmen einer über 2000 Jahre währenden abendländischen Metaphysik, die es zu verwinden gilt, das unverborgene Thema des Heideggerschen Denkens. 2000 Jahre als Fußnote zu Platon, nun ja … Und die Frage nach dem Sein geriet dabei in die Verschüttung. (Knisternd ist die Erregung, wie das Ergebnis ausfallen mag. Glühend, die Flamme des Sieges leuchtet empor.)
Insofern, aber auch aus einigen anderen Gründen ist Heideggers Denken dann auch wieder ernst zu nehmen; zumindest ist eine kritische Lektüre von „Sein und Zeit“, aber auch von seinen Texten zu Hölderlin nicht unangebracht. Und so sei am Rande erwähnt, daß Heidegger – sozusagen contre coeur, denn das: dieses eine wollte der Denker des Seins niemals abgeben: einen Ästhetiker – gerade und ausgerechnet im Reich der Ästhetik, der ästhetischen Theorie seine, wenngleich bescheidenen, Triumphe feiern konnte: Nein, gar nicht einmal als Deuter eines Bildes, ich denke da an die Van Goghschen Bauernschuhe (1), das er in seinen Kunstwerkaufsatz als Vehikel zu seiner Theorie umfunktionierte, sondern vielmehr im Reich der Literaturwissenschaft, insofern es um ihre theoretischen Fundierungen, um Zeitlichkeit im Hinblick auf Dichtung und Text überhaupt geht. Und – paradoxerweise – ist gerade Paul Celan eine „Antwort“ auf Heidegger; oder umgekehrt: es lassen sich manche der Gedichte Celans und insbesondere seine Büchnerpreisrede („Der Meridian“) gut mit Heidegger gegenlesen. Es herrscht zwischen beiden eine mehr als nur untergründige Strömung.
Heidegger selber hätte sich ganz sicher gegen die Vereinnahmung durch Ästhetik gesperrt und sich dagegen verwehrt, ästhetische Theorie, die im Gebiet der Literaturwissenschaft wirkt, zu produzieren: ein Denken, das sich auf das Ganze, auf die einschneidende Frage des Seins („die Frage nach dem Sinn von Sein neu zu stellen“) zubewegt, für diesen Denker gibt die Literaturwissenschaft bzw. die Ästhetik allenfalls eine Wegmarke, keineswegs jedoch einen eigenständigen Bezirk, der Souveränität über solche Fragen erlangen könnte. Insofern dienen, zumindest in den Augen Heideggers, seine Aufsätze zu George, Novalis, Hölderlin, Trakl einem ganz anderen. Dem Gerücht, der Mensch spräche, stellt Heidegger eine erweiterte Dimension entgegen: „Die Sprache spricht“. Es schrammen freilich solche Sätze in ihrer nichtssagenden Allgemeinheit manchmal weniger als haarscharf am Jargon vorbei, und bei den Epigonen gerät‘s peinlich. Dennoch schließt sich in einen solchen Satz intuitiv eine Erkenntnis ein, welche dann in der französischen Philosophie des 20. Jhds fruchtbar gemacht und in den verschiedensten Richtungen von Strukturalismus, Poststrukturalismus und stellenweise auch der (luhmannschen) Systemtheorie entfaltet wurde.
Doch fort von der Theorie, denn nun kürt die Sowjetische Kommandantur Berlin-Karlshorst den Gewinner des ausgeschriebenen Wettbewerbs:
Es kann der Sieger kein anderer als Heidegger selbst sein, der mit diesen Sätzen eine gekonnte Parodie (seiner selbst) bietet. Es vermag in der Tat niemand, Heidegger zu überbieten. (Wobei „niemand“ kein Eigenname ist.) Lassen wir also diese Sprache sprechen:
„Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit des Bauern. Wenn der Jungbauer den schweren Hörnerschlitten den Hang hinaufschleppt und ihn alsbald mit Buchenscheiten hochbeladen in gefährlicher Abfahrt seinem Hof zulenkt; wenn der Hirt langsam versonnenen Schrittes sein Vieh den Hang hinauftreibt; wenn der Bauer in seiner Stube die unzähligen Schindeln für sein Dach werkgerecht herrichtet, dann ist meine Arbeit von derselben Art. Darin wurzelt die unmittelbare Zugehörigkeit des Bauern. Der Städter meint, er ginge unter das Volk, sobald er sich mit einem Bauern zu einem langen Gespräch herabläßt. Wenn ich zur Zeit der Arbeitspause abends mit den Bauern auf der Ofenbank sitze oder am Tisch im Herrgottswinkel, dann reden wir meist gar nicht. Wir rauchen schweigend unsere Pfeifen [Vorsorglich, die Sorge ist ja auch eine wichtige Kategorie, weisen wir die Nachahmer und Epigonen darauf hin, daß in Gaststätten und Kneipen bundesweit ein einheitliches Rauchverbot gilt. Dieses wird bis auf weiteres auch in veränderter Lage und anderen Zeiten zunächst auch von der Sowjetischen Kommandantur rückhaltlos durchgesetzt. Der Genosse Bersarin schätzt es mittlerweile nicht mehr, wenn Jacketts, Lederjacken oder Frauen nach Rauch riechen.] Zwischendurch vielleicht fällt ein Wort, daß die Holzarbeit im Wald jetzt zu Ende geht, daß in der vorigen Nacht der Marder in den Hühnerstall einbrach, daß morgen vermutlich die eine Kuh kalben wird, daß den Öni-Bauer der Schlag getroffen (Hervorhebung durch Bersarin, er hält dies für die beste Stelle des Heidegger-Textes.), daß das Wetter bald umkehrt. Die innere Zugehörigkeit der eigenen Arbeit zum Schwarzwald und seinen Menschen kommt aus einer jahrhundertelangen durch nichts ersetzbaren alemanisch-schwäbischen Bodenständigkeit. Dagegen hat das bäuerliche Gedenken seine einfache, sichere und unnachahmliche Treue. Neulich kam dort oben eine alte Bäuerin zum Sterben. Sie schwatzte oft und gern mit mir und kramte alte Dorfgeschichten aus. Sie verwahrte in ihrer starken, bildhaften Sprache noch viele alte Worte und mancherlei Sprüche, die der heutigen Jugend schon unverständlich und so der lebendigen Sprache verlorengegangen sind. Solches Gedenken gilt unvergleichlich mehr als die geschickteste Reportage eines Weltblattes über meine angebliche Philosophie. (…) Neulich bekam ich den zweiten Ruf an die Universität Berlin. Bei einer solchen Gelegenheit ziehe ich mich aus der Stadt auf die Hütte zurück. Ich höre, was die Berge und die Wälder und die Bauernhöfe sagen. Ich komme dabei zu meinem alten Freund, einem fünfundsiebzigjährigen Bauern. Er hat von dem Berliner Ruf in der Zeitung gelesen. Was wird er sagen? Er schiebt langsam den sicheren Blick seiner klaren Augen in den meinen, hält den Mund straff geschlossen, legt mir seine treu-bedächtigeHand auf die Schulter und schüttelt kaum merklich den Kopf. Das will sagen: unerbittlich nein.“ (Aus „Warum bleiben wir in der Provinz“, Zitiert nach Th. W. Adorno, Philosophische Terminologie Bd. 1 S. 153 f. Es findet sich hier auch eine gelungenen Analyse dieser Sätze wieder.)
Daß Martin Heidegger nun aber als Gewinner des Wettstreits einen Beitrag auf meinem Blog veröffentlichte, ist nicht nur aus Sterblichkeitsgründen leider ausgeschlossen, sondern auch deshalb, weil die Bedingung der Text-Bild-Kombination nicht erfüllt wurde. Insofern kann ich mit Bedauern in der Text-Stimme nur sagen, daß es keinen direkten Sieger in diesem Streit gibt. Nächstens werde ich aber noch den Beitrag eines prominenten Schriftstellers zu Heidegger sowie eine Photographie veröffentlichen.
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(1) Erinnert sei in diesem Zusammenhang natürlich an die Gegenlektüre durch den Kunsthistoriker Meyer Schapiro in seinem Aufsatz „Das Stilleben als persönlicher Gegenstand“ (1968). Aber auch an Derridas Aufsatz „Restitutionen“ aus dem Band „Die Wahrheit in der Malerei“. Ja, man müßte alle diese Texte zusammenführen. Beginnend mit diesem grandiosen Auftakt des Textes von Derrida „– Und dennoch. Wer sagt – ich erinnere mich nicht mehr –, ‚es gibt keine Gespenster in den Bildern Van Goghs?‘ Nun, wir haben da sehr wohl eine Gespenstergeschichte. Aber wir sollten warten, bis wir mehr als zwei sind um anzufangen.“ Ein Auftakt, der keiner ist, denn zuvor stehen Zitate, um dieses Paar Schuhe mit Schuhbändern zu lesen und jene Cézannesche Wahrheit in der Malerei zu geben.
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