Zu Rainer Stachs grandioser Kafka-Biographie.
Eine fulminante Biographie über Kafka liegt seit einiger Zeit vor, die – erstaunlicherweise – weder von der ewigen Kafka-Witwe Wagenbach noch vom braven Kärner Binder geschrieben wurde. Und es sei sogleich und dazu vorneweg gesagt: Man braucht einige Ausdauer und, um im Kafka-Bilde zu bleiben, man muß ein guter Schwimmer sein, damit Leserin und Leser diese Fülle an Material, die Rainer Stach ausbreitet, bewältigen können. Fast 1500 Seiten Leben wollen durchschritten bzw. durchlesen werden, wobei die Jahre bis 1910 noch ausstehen. Insofern ist es nicht einmal eine komplette Biographie.
Der erste Teil behandelt die Zeit von 1910 bis 1915, in der Mitte dieses Jahres, fast schon abrupt, abbrechend, was aber aus der Methode Stachs heraus nur vollkommen konsistent ist, und heißt im Untertitel die „Jahre der Entscheidungen“; der zweite Teil („Die Jahre der Erkenntnis“) umfaßt die Zeit von 1915 bis 1924. Ein dritter Teil der Biographie wird dann den Anfang enthalten.
Eine ganze Menge Text also für einen Schriftsteller, der nicht einmal 41 Jahre alt wurde, der zu Lebzeiten zwar ganz gut bekannt, aber keineswegs berühmt war und dessen Leben, gemessen an dem anderer Schriftsteller, doch relativ ereignisarm verlief; es fand quasi weniger im Außenraum als vielmehr in einem Innenraum statt. Solche Innenräume biographisch auszuleuchten, ist nicht ganz einfach. Stach geht auf die methodischen Aspekte in einem Vorwort ausführlich ein. Weshalb darin auch der Grund liegen mag, daß Stachs Biographie eine Lücke ausfüllt, in die man schon lange hätte stoßen können, denn eine wirklich großangelegte Kafka-Biographie hat es im deutschsprachigen Raume bisher so nicht gegeben. Nicht eine einzige. Verwunderlich eigentlich, wenn man bedenkt, daß in der Forschungsliteratur die Bibliotheken voll sind von Kafkadeutungen, Monographien und Interpretationen zu seinem Werk.
Zuvor aber sei eine grundsätzliche Frage gestellt, nämlich die nach dem Wert von Biographien. Was nützt es, was soll das: diese gegenwärtig grasierende Mode, diese Sucht nach Biographien, nach Biographischem? Weshalb dieses Herumwühlen und -schnüffeln in fremdem, ausgelebtem Leben, wieso dieses Einverleiben fremden Lebens? Zur Aufklärung über die Struktur des Textes und seiner Bewegungsgesetze trägt eine Biographie nur bedingt etwas bei. Und so drängt sich einem Literaturwissenschaftler, der eher zum werkimmanenten Vorgehen neigt, die Frage auf, ob eine Biographie überhaupt einen Mehrwert erzeugt, der einen brauchbaren Schlüssel zum Werk liefert. Die Biographie ist insofern ein wenig das Schmuddelkind der (nicht-positivistisch vorgehenden) Literaturwissenschaft, wenn es um die immanente Deutung oder die Strukturanalyse geht, und ist eigentlich perhorresziert. Und auch mir ist es eher suspekt, Motive und Stoffe in einem Text auf die Biographie des Autors zurückzuführen: Was wäre das Ergebnis, welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, wenn es tatsächlich eine Kausalität gäbe? Eigentlich gar keine. Das Werk gerät dann zur bloßen Tautologie und ist dadurch nichts weiter als eine Verdoppelung der Realität. (Spiegelungen haben uns allenfalls früher einmal bei Lacan interessiert.)
Es lassen sich aus der Logik der Sache und des Immanenzzusammenhangs eines Textes heraus viele gute Gründe finden, die gegen die Mode des Biographischen sprechen. Allein das Schlagwort vom „Tode des Autors“ muß einen erschaudern lassen, so daß einer besser die Finger von solchen (subjektiven) Zuschreibungen und damit am besten auch von Biographien läßt. Dennoch lesen wir sie, diese Biographien; manchmal sogar ganz lustvoll. Sind sie doch als Hilfsmittel gerne gesehen und geeignet, um den sozialen sowie den geschichtlichen Kontext, in dem ein Werk steht, freizulegen, einen Blick in die Epoche zu werfen, in der das Oeuvre eines Schriftstellers seinen Ort und Fixpunkt findet. Es soll hier aber gar nicht so sehr um die Funktion des Autors, seine Stellung im Diskurs gehen und um all die Problematisierungen, die sich hinsichtlich der Frage nach dem Biographischen stellen, sondern um den Autor selbst. Weshalb – für einen Moment vielleicht – alle die Einwände und Problematisierungen, die mit dem Subjekt und damit dem Autor zusammenhängen, beiseite gelassen werden sollen. (Es kann dies an anderer Stelle im Zusammenhang etwa mit Foucaults Text „Was ist ein Autor?“ geschehen.) Es wäre hier die Biographie als selbständige Kategorie und literarische Gattung, die mit eigenständigen ästhetischen Mitteln arbeitet, im literarischen Produktionsprozeß zu bewerten und zu betrachten. Stach selbst setzt in seinem Vorwort diesbezüglich hohe Maßstäbe an.
Interessant an Stachs Biographie ist, daß sie einen Kafka zeigt, der aus den gängigen Klischees herausfällt: es ist nicht nur der Einsame, nicht nur jener, der sich gegen seinen Vater nicht wehrt, der schutzlos der Arbeiter- und Unfallversicherung Ausgelieferte, einer Anstalt, die für ihn nichts als ein Hemmnis in seinem Leben als Schriftsteller darstellt: wir lernen hier einen ganz anderen Kafka kennen, nämlich einen, der gegenüber seinen Vorgesetzten durchaus seine Interessen durchzusetzen weiß. Einen Kafka, der nicht nur unter der Erwerbsarbeit im Büro leidet, sondern ihr auch etwas abgewinnen kann, ja, der sie sogar teils als Therapie für sein Leben betrachtet. Vor allem aber sehen wir einen Kafka, der von seinen Vorgesetzten sehr geschätzt (und gebraucht) wird. Dies ändert sich nicht, als nach 1918 das Führungspersonal der Arbeiter- und Unfallversicherung wechselt und sich nun aus tschechischen Beamten zusammensetzt. An dem deutschsprachigen Juden Kafka zumindest haben sie nichts auszusetzen, trotz eines nicht mehr nur latent vorhandenen Antisemitismus in Prag.
Dies alles zusammengenommen ist als Aneinanderreihung biographischer Tatsachen eher unbedeutend. Worauf es in diesem Zusammenhang jedoch ankommt, ist, daß wir in Stachs Biographie einen Kafka kennenlernen, der nicht nur lebensfremd und voller Komplexe in seinen Schreibklausen gesessen hat, sondern der zugleich einen starken Willen besaß. Seine stille halsstarrige Beharrlichkeit, wenn es um die Verweigerung der Mitarbeit in der schwägerliche Astbestfabrik ging, in die er als Teilhaber hineinmanövriert wurde, zeigt, daß er sich – freilich mit seinen eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln – durchaus zur Wehr zu setzten vermochte.
Und so entwickelte Kafka seine ganz eigene Strategie des Überlebens inmitten einer ihm oftmals widrigen Umwelt, die häufig wenig Verständnis zeigte für das Spezifische. Die Weichen für die Strategien werden im ersten Teil gestellt, es sind diese Weichenstellungen insofern für Kafka die „Jahre der Entscheidungen“, die Richtung ist gespurt; mal für mal um etwas mehr; spätestens etwa nach jenem „anderen Prozeß“ im „Askanischen Hof“ zu Berlin. Jenes, was aus dem im ersten Teil der Biographie Entwickelten resultiert, wird dann in „Die Jahre der Erkenntnis“ entfaltet: daß nämlich, was vom Leben bleibt, wenn man sich erst einmal für eine bestimmte Weise der Existenz entschieden hat, und auch durch das Hereinbrechen jener Krankheit, die fortan sein Leben im Griff haben wird, ist die Richtung dann vorgegeben, und es folgt daraus eine Erkenntnis. Trotz all dieser Widrigkeiten gelingt es Kafka, einen lebbaren Modus der Existenz zu finden und eine Möglichkeit zu entwickeln, um „aus der Totschlägerreihe“ herausspringen zu können. Doch reichte am Ende die Lebenszeit nicht mehr aus, um dieses Projekt (zusammen mit Dora Diamant) konsequent durchführen zu können.
Daß Stach die Biographie mit dem Jahr 1910 beginnen läßt bzw., wie er es selbst nennt, die Blende öffnet, ist, so Stach, als methodische Vorentscheidung von der Quellenlage her vorgegeben; denn es ist dies das Jahr, wo Kafkas überlieferte Tagebücher beginnen. Zudem ist diese Zeitspanne bis hin zu den ersten Monaten des Weltkrieges der am besten dokumentierte Lebensabschnitt. Nach Stachs Sicht ist es zudem der wichtigste, weil dort eine Reihe von Entscheidungen fallen, die für alles weitere bestimmend sein werden.
Stachs Rede vom Öffnen der Blende ist dabei ganz wörtlich zunehmen. Arbeitet diese Biographie doch massiv mit dem Element des Filmisch-Narrativen: Bereits in ihrem Beginn wird ein Spannungsbogen erzeugt und aufgeladene Bilder geraten in den Focus, so nämlich die Erscheinung des Halleyschen Kometen über Europa als Auftakt der Szenerie. (Jenem Kometen, dem es vergönnt ist, daß ihn wenige nur zweimal in ihrem Leben (bewußt) sehen zu dürfen. So Ernst Jünger, der dies 1986 literarisch verarbeitete.) Anhand von Weltgeschichte öffnet sich hier das Fenster zum beschaulichen Prager Literaturbetrieb, ähnlich wie sich zum Beginn von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ mittels meteorologischer Angaben über Europa, die darauf hinauslaufen, daß es ein schöner Augusttag im Jahre 1913 war, die Sicht auf den Schauplatz eröffnet. Szenen werden bei Stach teils minutiös aufbereitet und mit Exkursen in die Zeitgeschichte hinein versehen.
Dabei geben das narrative Element und die Dramaturgie dem Text die richtige Struktur. Die nötigen Stilmittel werden von Stach gezielt und geübt eingesetzt, wie man es von Biographen nicht immer gewohnt ist, so daß das Lesen ein Fluß bleibt, ohne aber nur träge dahinzuplätschern. Die Strömungen und Verwirbelungen sind angemessen, sie nehmen mit, ohne sogleich fortzutreiben. Stach ist zwar nahe an seinen Figuren dran, läßt sich von ihnen aber nicht vereinnahmen und mitreißen, so daß die Angelegenheit zum distanzlosen Unterfangen geriete. Die Sympathie für seinen „Gegenstand“ ist also ganz klar vorhanden, ohne daß es dabei identifizierend-anbiedernd wird. Der rhetorische Kunstgriff des Vorwegnehmens und Vorgreifens wird vielfach eingesetzt, um Spannungen aufzubauen; etwa während Kafkas Aufenthalt in Weimar, gleichsam „im Schatten junger Mädchenblüte“, im Juni 1912, wo er der 16 Jahre alten Grete Kirchner begegnet, sich ein wenig verliebt. Die Reflexionsspiralen, welche sich hierbei einstellen, werden in dieser Weimarer Szenerie der Halbverliebtheit als Vorspiel, als Skizze dessen gedeutet, was Kafka in den kommenden Jahren durchleben wird. An manchen Passagen wirkt diese Figur des Vorgriffs zwar etwas gewollt eingesetzt, im ganzen gesehen erzeugt sie aber einen Spannungsbogen, vermittels dessen sich das Geschilderte nicht nur in dröges Aufzählen der Begebenheiten erschöpft.
Einen großen Teil Raum nimmt im ersten Band dieser Biographie jedoch – wie könnte es anders sein – eine Frau ein: Auch für Kafka läßt sich die Bedeutung von Daten gar nicht hoch genug ansetzten: jene Frau, die im literarischen Schreiben und im Verfassen von Briefen eine Produktionsmaschine ankurbeln wird; schwer auszumalen, was geschehen wäre, hätte Kafka sie an jenem 13. August 1912 nicht getroffen: jene Felice Bauer: Sie wird zwar nicht die bedeutendste Frau hinsichtlich seines Lebens werden, dies war Dora Diamat, wohl aber die bedeutsamste und inspirierendste hinsichtlich seines Schreibprozesses.
Verwiesen sei vielleicht noch auf denn recht instruktiven „Epilog“, der Kafka ein wenig vor einer ihm zugesprochen Prophetie in Schutz nimmt und ihn – „vor allem in den frühen Jahren seines weltweiten Ruhms“ – als Seher des 20. Jahrhunderts einordnen will. Zu recht bemerkt Stach, das Kafka nichts vorweggenommen hatte, sondern die „Urkatastrophe“ des ersten Weltkrieges als Zeitzeuge miterlebte. Nicht mehr und nicht weniger. Überhaupt hält sich Stach aus dem Babylonischen Gewirr der Kafkadeutungen und der Interpretationen wohltuend heraus. Das Gewicht liegt genau im Biographischen und nicht in der Deutung.
Insofern liefert Stach auch keine zusätzliche und weitere Interpretation, sondern er schreibt ein Leben auf. Es werden dann im „Epilog“ zum Schluß die Schicksale derer kurz angerissen, die in Kafkas Umfeld lebten und seine Zeitgenossen waren. Seine drei Schwestern etwa kamen allesamt in den Vernichtungslagern um, und so verschwanden mit dem Hereinbrechen des Nationalsozialismus über Europa nicht nur Menschen, sondern eine ganze Epoche: „Seine Welt gibt es nicht mehr. Nur seine Sprache lebt.“ Mit diesem Satz endet die große Biographie Stachs.
So läßt sich als Fazit der umfangreichen Lektüre festhalten, daß diese Biographie den selbst gestellten Anspruch einlöst, Fakten nicht bloß trocken, sortiert und aufbereitet darzubieten, sondern zugleich einen ästhetischen Überschuß zu erzeugen vermittels der Technik des Filmisch-narrativen, durch Perspektivenwechsel mannigfaltige Einblicke zu gewähren und durch die Entfaltung von historischen Szenarien, insbesondere der Szenerie des Ersten Weltkriegs, der für die deutschsprachige Literatur mehr als bedeutsam und einschneidend war, auch die (sozial-)geschichtlichen Aspekte zu berühren. Man denke an den Inflationswinter im Berlin von 1923, welchen Kafka nur unter großen Mühen bestand. Eindringlich wird dies geschildert. Insofern ist diese Kafka-Biographie Stachs bestens geeignet, um in das weit ausgebreitete Leben Kafkas einzudringen, und sie ist vom Stil her, gerade auch durch die erzählerischen Einschübe, mehr als gut zu lesen. Die Biographie hat bei Stach einen Rang als eigenständiges ästhetisches Medium und Gattung innerhalb der Literatur erreicht, an dem sich andere Biographien über andere Personen zukünftig werden messen lassen müssen. Ich vermute aber, daß diese Art des Schreibens nicht bei jedem Gefallen hervorrufen wird, zumal das Moment des Biographischen mit jenem oben skizzierten Makel behaftet ist.
Um Stachs Biographie und das Leben Kafkas jedoch angemessen zu bewältigen, müßte man eigentlich in einem zweiten Schritt oder parallel zum Buch die Briefe und Tagebücher Kafkas lesen. Einerseits ist dies manchmal nötig, damit der zeitliche Zusammenhang nicht verloren geht, der einem zuweilen in Stachs Biographie zu entgleiten droht. So befindet sich der Leser derart im Sog des Geschehens, daß er sich an manchen Stellen fragt, ob es nun schon das Jahr 1917 angebrochen ist oder doch erst 1916. Dankbar entnimmt man bei den Zitaten dann dem Fußnotenapparat, daß es sich bei jenem zitierten Text um einen Tagebucheintrag von 1917 handelt, so daß sich der Leser dadurch immer wieder des Punktes in der Zeit vergewissert, an dem er sich gerade in Kafkas Leben befindet. Diese zeitliche Desorientierung kann bei der Lektüre manchmal etwas lästig werden, zumal für den noch nicht so Kundigen.
Andererseits würde dieses parallele Lesen eine Erweiterung des Referenzrahmens bieten, so daß die Lektüre Stachs eng eingebettet ist vom Text Kafkas und möglicherweise auch das in den Blick kommt, was nur im Bau der Text Kafkas eingegraben liegt. Doch würde ein solches Unterfangen wohl die Zeit eines Menschen sprengen, es sein denn, er wäre mit nichts anderem mehr beschäftigt als mit Kafka.
Es sei allerdings dem Interessierten, der sich erst einmal nur einen Überblick zu Kafkas Leben verschaffen will, am Ende doch die Wagenbach-Monographie bei Rowohlt ans Herz gelegt, da sich der Text Stachs manches Mal sehr mäandernd ausbreitet. Dies muß nicht immer schlecht sein, und oft vergißt man beim Lesen die Zeit, doch gibt es zuweilen auch Stellen, wo man sich auf unproduktive Weise verliert und sich wünscht, daß die Sache mehr zum Punkt und vorangebracht würde. Für den orientierenden Überblick ist Wagenbach insofern der bessere Kandidat, zumal einem bei Stach, wie oben erwähnt, die Daten manchmal entgleiten. Nichtsdestotrotz sind diese zwei bisher erschienenen Bände mehr als lesenswert. Sie sind in gewissem Sinne sogar Neuland, das betreten wurde.
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