Ausblick auf das Jahr 2013. Sowie ein kleiner Seitenblick auf Rainald Grebes Dada-Performance

Es stöhnt der Kaiser zur Kaiserin: „Madame, bin ich schon tiefer drin?“
Drauf haucht die Sissi zum Kaiser: „Ich komme meistens leiser!“

Doch es hat nicht sollen sein. Elisabeth Amalie Eugenie oder kosenamlich Sisi gerufen, geschrieben freilich wie in jenem legendären Film-Dreiteiler mit zwei s, gebar vier Kinder. Aber keines ihrer Kinder lebte lange, keines wurde Thronfolger oder gar Thronfolgerin. Statt dessen war ein Neffe von Franz-Josef I. für den Thron der kakanischen Monarchie vorgesehen, der seinen Namen nach einer Schottischen Musikkapelle erhielt. Der Regent in spe wurde 1914 erschossen. Die Folgen dieses Ereignisses sind bekannt. Das Lied vom Lindenbaum … 1913: Ein Jahr vor Krieg. Der Zauberberg erwies als Illusion sich.

Insofern steht dieser Blog teils im Zeichen des letzten Jahres, bevor die Welt ins 20. Jahrhundert gelangte. 1913/2013 – einhundert Jahre. 1913 – Das Jahr vor der Zeitenwende, ein durchaus reizvolles Jahr. Und es begeht auch „Aisthesis“ dieses Datum, feiert, jubelt, würdigt, zerreißt, zerfetzt und zerstört. Als einen der ersten Texte wird es zum Auftakt eine Besprechung von Florian Illies „1913“ geben. Weiterhin nimmt der Blogbetreiber die Kunst in die Kritik und wird seine Serie zum Ende der Kunst fortsetzen. Die Avantgarden der Klassischen Moderne liefen in diesem Jahren zum Höhepunkt auf. Und 1916 nähern sich 100 Jahre Dada: Das legendäre „Cabaret Voltaire“ in Zürich, Spiegelgasse 1.

Im Rahmen dessen sei zudem auf eine (gelungene und witzige) Dada-Performance in Berlin hingewiesen, die Rainald Grebe im Maxim Gorki-Theater gibt. Diese Dada-Show ist unterhaltsam, es macht Spaß, sie sich anzusehen, ich spreche da gerne eine Empfehlung aus, denn Kabarett und Intelligenz paaren sich in dieser Inszenierung. Der Zuschauer lacht nicht bloß über die dargebotenen Späße und Absurditäten, sondern es stellt sich zugleich die Frage nach dem Status von Kunst, wenn es in der Kunst alles schon einmal gab, „in der Kunst alles schon einmal gemacht wurde. Aber eben nicht von allen“, wie Grebe es formuliert. Was ist dann eigentlich noch Avantgarde? Im Grunde handelt es sich hierbei genau um mein Thema. Insofern ist dieses Stück kein bloß homagehafter, historisierender Rückblick auf den Beginn von Dada: en avant Dada, sondern dieser Abend erweitert das Feld und zieht das Absurde, das Sinnlose in die Jetztzeit hinein. So wie wir es von Rainald Grebe gewöhnt sind und es lieben, mögen und schätzen. Das, was wir heute TV-Shows nennen, ist im Grunde eine Variante von Dada. Nur bemerken dies die Betreiber und die Zuschauer nicht. Oder wollen das Absurde, was ihnen medial untergejubelt wird, nicht sehen.

Sehr gelungen zeigt sich in dieser Show die Parodie des großartigen (Fernseh-)Malers Bob Ross. Denn das, was einst als Avantgarde und – souverän oder autonom – als Kunst (der Überbietung) antrat, erweist sich auf genau dieses Level heruntergebrochen: Kunst und Kitsch fusionieren. Und die einst ernsthaft gemeinten Phrasen vom reinen Ausdruck (freilich schwingt bereits in den Schriften Kandinskys der arge Kitsch samt des Abgedroschenen schon mit), das Gerede von der Korrespondenz zwischen innen und außen, der inneren Stimme der Kreativität ihren Lauf zu lassen und ihr Raum zu geben und was der Sätze mehr sind, läuft im Reich der Ästhetik und der Kunst mittlerweile auf die Parodie hinaus. Kunst dient bloß noch als Ausdrucksmedium für die Gefühligkeit und als Simulation von Erfahrung: Die Phrasen der Kreativitätsindustrie, die an der Markt- und Arbeitsoptimierung des Subjekts mitarbeitet: „Lassen Sie sich treiben, seien Sie sie selbst, denken Sie nicht groß nach, sondern tun sie einfach! Der Weg ist das Ziel! In der Reduktion erfahren Sie sich selbst! Erfinden Sie sich selbst! Füllen Sie die freien Flächen des Bildes aus! Alles in der Welt ist im Fluß und ebenso auch im Gleichgewicht.“ Biopolitik in großem Maßstab, es wird in die Köpfe und in die Körper der Subjekte eingegriffen, ohne daß diese es groß noch bemerken. Work hard – play hard. Von der Disziplinargesellschaft geht es hin zur Kontrollgesellschaft, wie es Deleuze in Anlehnung an Foucault in jenem Aufsatz formulierte.

Bob Ross ist der wahre Künstler des 21. Jahrhunderts. Aber ich schweife ab. Was wird es bei „Aisthesis“ im Jahre 2013 sonst noch geben?

Vielleicht folgt eine halb-ernste, halb-satirische Besprechung der drei Sissi-Teile, in denen Romy Schneider als die Lieblingsschauspielerin der 50er Jahre avancierte. Im Diskurs des Friedvollen und Rührseligen könnte ich des weiteren eine Analyse von „Ich denke oft an Piroschka“ geben.

Vielleicht auch fällt, sozusagen als Kontrastprogramm, ein Blick auf Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, welcher an einem Augusttag des Jahres 1913 seinen Lauf nahm, als ein barometrisches Minimum sich über dem Atlantik befand, das ostwärts wanderte, auf ein über Rußland lagerndes Maximum zu: ein schöner Augusttag im Jahre 1913. Alles ist wie immer, die Welt geht ihren Gang.

Was gibt es noch? Die Verlobung-Entlobung Franz Kafkas, diese Literatur-Leben-Konstellation, die sich in den Briefen an Felice Bauer niederschlägt. Kafkas Heiratsantrag im Juni 1913 ist im Grunde keine Liebeserklärung, sondern ein Bankrott oder aber: ein großangelegter Versuch der Distanzierung. Wie kann man eine Frau in einen Text überführen?

Im Referenzbereich der Liebe wird es, weil ich es jemand ganz bestimmtem versprach, einen oder mehrere Texte zu Luhmanns „Liebe als Passion“ geben, möglicherweise mit einem Ausflug hin zu Eva Illouz‘ sehr lesenswertem Buch „Warum Liebe weh tut“ – eine der anregendsten Gegenwartssoziologinnen. Es lohnt sich, mit Illouz sich kritisch auseinanderzusetzen, insbesondere im Hinblick darauf, wie unsere Liebes- und Romantikdiskurse (Romantik auch im umgangssprachlichen Sinne genommen) von der Logik des Kapitalismus gesteuert werden.

Auch die Hegellektüren sollen hier im Blog (naturgemäß) nicht zu kurz kommen. Und wie immer erfolgen auch im Jahre 2013 Besprechungen von Ausstellungen zur Photographie und zur Bildenden Kunst. Weiterhin plane ich einen Text zur Ästhetik Leni Riefenstahls.

Alles wie immer und in bewährter Weise also auf Ihrem Service- und Qualitätsblog „Aisthesis“. Freilich mit dem Fokus auf das Jahr 1913.

Im eigenen Namen – Franz Kafka, Jacques Derrida, Navid Kermani sowie ein Ausblick auf Nietzsche und das Weib – Poetik des Datums

Sätze aus jenen „Briefe an Felice“ stechen ins Auge: „Wollte ich mit Dein unterschreiben? Nichts wäre falscher. Nein, mein und ewig an mich gebunden, das bin ich und damit muß ich auszukommen suchen.“ Ein Ich, das Franz heißt, und so sich im Brief zeichnet: Dein Franz: die monadologische Unterschrift eines Prager Juden.

[Besser und auf die Spitze der Schreib- und Ich-Existenz gebracht als Kafka, kann man es nicht schreiben: so formulierte es die interruptive Stimme in mir.]

Aber interessanter fast als diese Zeilen Kafkas, denn wir kennen seine Texte gut und haben sie germanistisch-forschend, lesend verinnerlicht, wäre die Reaktion Felice Bauers auf diese und manch andere seiner Sätze in jenen Briefen gewesen. Einem solchen (Brief-)Text adäquat zu begegnen – denn immerhin verließ Felice Bauer Kafka nicht, was angesichts der Komplexitätsüberbordung seiner Briefschrift nicht als selbstverständlich anzusehen ist, ich wurde in meinen Briefen in der Studienzeit um weit geringere Verfehlungen verlassen – erfordert Kraft, Mut, Weisheit. Ich möchte dieses Thema, wie der Schreibmotor gebaut ist und woher diese Kraft zur Schrift stammt, nun nicht theweleitisieren, aber die Frage ist, im Sinne eines Perspektivenwechsels, nicht uninteressant. Wie sahen die Briefe Felice Bauers aus? Ob dieses leere, knochige Gesicht, das zur Schreibfläche des bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jhds werden sollte, sich als Folie eignet und ob sich aus dieser Konstellation Schuß und Gegenschuß spinnen ließen.

Der eigene Name, der Name der anderen. F.B. Fräulein Bürstner, Frieda, F.K. oder ein jedes Namens reduzierter Buchstabe: K. als Enteignung des Namens, Franz und Josef, das Spiel mit den Namen und den Buchstaben. Ein Schreib-Prozeß, um ein wenig zu kalauern. Kabbala noch im identitären Diskurs Franz Kafkas, der auf das hermetisch abgeriegelte Ich ausgelegt ist. Schöner, treffender (in mehrfacher Bedeutung) und tiefer gelangte der Solipsismus nicht zur Literatur. Allenfalls Beckett dampfte dieses Identitär-Destruierte auf jenes richtige Maß ein, das als Stimme oder als choreographierte Bewegung wie in Quadrat I und II verharrt – jene „objektlose Innerlichkeit“, die Adorno in seinem immer noch lesenswerten Essay zu Kafka diesem Juden aus Prag in Korrespondenz mit dem Text Kierkegaards zuschrieb. Aber es gibt in der Literatur oder auch: in der Philosophie ebenso andere Unterschriften als die Kafkas in jenem erschütternden Brief vom 11.11.1912 an Felice Bauer. Die Frage Derridas etwa: Wie kann ich in meinem eigenen Namen, mit meinem Namen unterzeichnen? Was ist, sprachphilosophisch-dekonstruktiv gelesen, der eigene Name und was bedeutet Eigentum? Als Theorie und Literatur einer Sendung als Form von Kommunikation, die sich jenseits gelingender, Habermasscher Diskursmodelle und Hegelscher Anerkennungsverhältnisse konfiguriert, um sich als Asche auszulöschen und als Schrift durchzustreichen: Was bedeutet ein Name, ein Eigenname, worauf verweist er? Wie können sich Ziffern, Buchstaben und Daten als Orte von Signaturen mit einem Namen, der nichts als Text ist, bewahren und wie bleiben sie lesbar? Anders als Kafka und doch in derselben Weise von Textualisierung schreibt es Derrida in „Die Postkarte“, indem er an seinen Eigennamen, mit dem er jene eröffnende Postkarte unterzeichnet, einen asteriskusgekennzeichneten Zusatz anknüpft. Ist ein Name, der sich mit einer Fußnote versieht, um sich zu beglaubigen und zugleich zu entziehen, noch eine Name? In unseren Notationssystemen sicherlich nicht:

„Ich bedaure, daß Du nicht sonderlich meiner Unterschrift traust, unter dem Vorwand, daß wir mehrere seien. Das ist wahr, aber ich sage das nicht, um mich zu augmentieren um irgendeine zusätzliche Autorität. Noch weniger, um zu beunruhigen, ich weiß, was das kostet. Du hast recht, wir sind ohne Zweifel mehrere und ich bin nicht so allein, wie ich es bisweilen sage, wenn die Wehklage darüber sich mir entringt oder wenn ich mich wieder abmühe, Dich zu verführen“ (J. Derrida. Die Postkarte)

Immerhin: das Dialogische und Instanzen des Anderen, die bei Kafka Gespenster bleiben oder im monadologischen Abschluß schlicht ausgeschieden werden zugunsten eines komplexen Systems von Literatur, dieses Andere ist als Anrede und Gegenüber bei Derrida in einer bestimmten Form präsent: Präsenz in Abwesenheit und vice versa. Derrida probiert die Formen der Telekommunikation. Auf welche Weise läßt sich Nähe auch aus der Ferne erzeugen? Wie übermitteln sich Texte und Botschaften? Wie stellt sich eine unendliche Nähe in der Schrift, im Akt des Schreibens ein? Actio in distans, jener Zauber, den bereits Nietzsche in „Die fröhliche Wissenschaft“ als Reiz und eben auch: als Form weiblichen Schreibens festhielt.

„Jedoch! Jedoch! Mein edler Schwärmer, es gibt auch auf den schönsten Segelschiffe so viel Geräusch und Lärm, und leider so viel kleinen erbärmlichen Lärm! Der Zauber und die mächtigste Wirkung der Frauen ist, um die Sprache der Philosophen zu reden, eine Wirkung in die Ferne, eine actio in distans: dazu gehört aber, zuerst und vor allem – Distanz!“ (F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft)

Diese Logik von Denk- und Schreibexistenz läßt sich sicherlich gut auch auf den Text Kafkas applizieren.

Die Bedingung der Möglichkeit von Schrift ist die Ferne, Schrift ist die radikale Abwesenheit, die zugleich den Anschein einer Präsenz erzeugt und im selben Moment wieder sich distanziert.

„Wir haben uns noch nie gesehen. Geschrieben bloß.“ (J. Derrida. Die Postkarte, S. 86)

Es ist die Frage nach der Selbstbezeichnung, der Selbstreferenz, nach dem Selbst, dem Subjekt, die Derrida in „Die Postkarte“ stellt. Derrida durchstreicht den Begriff des Subjekts als Einheit und arbeitet in einer paradoxen Bewegung zugleich mit dieser Kategorie. Aber es ist den Begriffen, den Bezeichnungen und den Namen nicht mehr rein zu trauen. Dies ist seit über 100 Jahren das Signum der Moderne – nicht nur der ästhetischen. Zerrüttung als Chance. Navid Kermani zum Beispiel umschreibt in seinem Projekt „Dein Name“, das den Namen oder die Bezeichnung Roman trägt, seinen eigenen Namen in vielfacher Weise. Die Identität gestaltet sich bei Kermanis Ich-Positionierung vielfach. In seiner Frankfurter Poetikvorlesung: „Über den Zufall“ schreibt Kermani: „Im Augenblick heißt der Roman, den ich schreibe, Das Leben seines Großvaters. Gemeint ist damit der Großvater des Sohns, Vaters, Manns, Liebhabers, Freundes, Romanschreibers, Berichterstatters, Orientialisten, der Nummer zehn oder von Navid Kermani.“ Die Umschrift eines deutsch-iranischen Moslems, Ich ist viele, so viele wie Tätigkeiten ausgeübt werden. Unsere Wahrnehmung von Ich und Selbstheit hängt am Referenzsystem Wie läßt sich ein Ich, ein Leben eine Berichterstattung der Tage und dem, was am Ende bleibt, in den Text bringen? Menschen vergehen und sterben. Navid Kermani inszeniert sie im Text. „Dein Name“ ist ein Totenbuch und es schreibt sich in Leben und Alltag ein. Es bleiben die Texte. Obwohl auch dies nicht gesagt ist.

***

Im Merve Verlag erschien im Jahre 2000 ein Buch mit diesem ganz und gar wundervollen Titel: „Nietzsche- Politik des Eigennamens. Wie man abschafft, wovon man spricht.“ Darin gibt es einen Text von Jacques Derrida sowie einen weiteren von Friedrich Kittler.

Eine Theorie der Unterschrift. Benennung und die Namensgebung ist neben dem Schöpferischen zugleich ein Akt der Gewalt. Die adamitische Namensgebung bedeutet Herrschaft. Gegenzulesen wäre hier mit Walter Benjamins Sprachmagie und seiner Theorie des Namens. Die Kunst des Übersetzens. „Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen“: „Die Theorie des Eigennamens ist die Theorie von der Grenze der endlichen gegen die unendliche Sprache. Von allen Wesen ist der Mensch das einzige, das seinesgleichen selbst benennt, wie es denn das einzige ist, das Gott nicht benannt hat.“ Schöpfung durch Sprache.

Ich verabschiede mich von meinen Leserinnen und Lesern bis Sonntag, um dann in bewährter Weise wieder die Produktion von Texten aufzunehmen.

In jener Nacht vom 22. auf den 23. September (Part 1)

im Jahre 1912 schrieb Franz Kafka eine Erzählung – manche sagen auch: eine Novelle, was von der Struktur her durchaus angemessen erscheint, wenn man die Novelle als Erzählung einer unerhörten Begebenheit begreift, die einen singulären Konflikt schildert –, welche die Literatur der Klassischen Moderne in eine andere Bahn brachte und eine Wendung ums ganze geben sollte. Es entstand eine der verstörendsten Erzählungen der Weltliteratur, und diese Novelle folgte einer eigengesetzlichen Logik und einer Struktur, die sich herkömmlicher Narration entzieht. Man kann diese Geschichte nacherzählen und man kann es im Grunde doch nicht, weil sich ein Teil dieser Novelle immer wieder verschließt und in die Absurdität des Sinns verschwimmt. Formal handelt es sich zwar um eine Geschichte, die von A. über B. nach C. verläuft, aber wie entstellt und wie die Tagesrest in einem Traum läuft es darin ab (dazu im zweiten Teil mehr). Es existiert in dieser Novelle, wenn man genau liest, keine zusammenhängende Bedeutung und ein irgendwie eruierbarer Sinn, sondern dieser Text schlüsselt sich eher dadurch auf, indem man die Beziehungsgeflechte und das Gleiten des Sinnes liest. In der Tat: eine unerhörte Begebenheit. Ein Vater verurteilt seinen Sohn zum Tod durch Ertrinken, dieser springt über das Geländer einer Brücke in den Fluß: „In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“ Die sexuelle Konnotation dieser Passage dürfte nicht zu überlesen sein.

Bekanntlich sterben vor den Vätern die Söhne, wie es Thomas Brasch, jener Schriftsteller und Drogist im Geiste dieses Blogs, gut wußte: In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 schrieb der Prager Jude und Jurist Franz Kafka „Das Urteil“. Und im Untertitel „Eine Geschichte“ welche Kafka „Für F.“ dedizierte. F. wird diesen letzten Satz der Novelle auf ihre Weise gelesen haben.

Es gibt im Leben herausragende Daten, insbesondere in der Literatur, und dieser 13. August 1912 ist eine dieser Konstellationen. Es handelt sich um Augenblicke, für die der Begriff des Kairos, der geglückten Zeit zutrifft. Es bedarf solcher Momente des Zufalls, um Neues hervorzubringen. Am 13 August 1912 traf sich Kafka mit Max Brod in dessen Wohnung, um Texte zu sichten und deren Reihenfolge festzulegen, damit sie am nächsten Tag an den Verleger Rowohlt versendet werden sollten. Kafka kam zu diesem Treffen, wie von Brod schon gewohnt, eine ganze Stunde zu spät. Und es erwartete ihn bei den Brods eine Überraschung („Nur überraschen will ich sie nicht, es gibt keine guten Überraschungen“, so schrieb er an Max Brods Ehefrau Elsa Taussig gut einen Monat später am 18.9.1912). Denn am Tisch der Familie Brod saß eine weitere Besucherin:

„Als ich am 13. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich entfremde ihr ein wenig dadurch, dass ich ihr so nahe an den Leib gehe. Allerdings in was für einem Zustand bin ich jetzt, allem Guten in der Gesamtheit entfremdet, und glaube es überdies noch nicht. Wenn mich heute bei Max die literarischen Nachrichten nicht zu sehr zerstreuen, werde ich noch die Geschichte von dem Blenkelt zu schreiben versuchen. Sie muss nicht lang sein, aber treffen muss sie mich.) Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil. Wie sich … [bricht ab]“ (Eintrag vom 20. August 2012)

Allein diese Bruchstelle, diese (performative) Leerstelle im Tagebuch ist ein Stück Literatur. Leben ist am Ende ein Text – mehr nicht. Was erzeugte diesen Abbruch mitten im Satz und in den Überlegungen eines Tagebuchs – diese Schrift im Fragment? Nicht anders als dann später in Kafkas „Prozess“, der als Literatur eine lose Anordnung von Versatzstücken liefert, und in seiner Zerstreuung dennoch eine Struktur besitzt wie nur wenige Werke der Weltliteratur. Das Urteil schrieb Kafka in einem Zuge, in einer einzigen Nacht, die durch nichts – und das war für Kafka selten – unterbrochen wurde. Und ohne nennenswerte Korrekturen ging diese Fassung des Textes im Frühjahr 1913 in den Druck.

Einen Tag nach dieser kühlen, analysierenden Beobachtung, am 21. August, begann das Tagebuch mit folgendem Satz: Unaufhörlich Lenz gelesen und mir aus ihm – so steht es mit mir – Besinnung geholt.“

Felice Bauer war eine entfernte Verwandte der Brods, und zwar eine Cousine von Brods Schwager Max Friedmann – eine Jüdin aus Berlin, die in Prag Zwischenstop machte, um zu einer verheirateten Schwester nach Budapest weiterzureisen. Eine lebenslustige und lebenskompetente Frau, die für ihre Zeit erstaunlich selbständig und emanzipiert war. Felice Bauer arbeitete in verantwortlicher Position bei der Firma Carl Lindström A.G., die Grammophone und Parlographen herstellte – die damals modernsten Diktiergeräte, die es auf dem Markt gab. (Was Kafka und die Medien betrifft, so sei hier auf Friedrich Kittlers Texte „Aufschreibesysteme“ sowie „Grammophon Film Typewriter“ verwiesen. Die Techniken der Reproduktion und der Wiedergabe gewinnen Gestalt.) Die Unterhaltung bei Tisch im Hause der Brods verlief durchaus angeregt. Felice Bauer und Kafka beschlossen im Verlaufe des Abends sogar, als das Gespräch auf den Zionismus kam und Felice Bauer schilderte, daß sie sich mit der hebräischen Sprache beschäftigte, was Kafka aufhorchen ließ, gemeinsam nach Palästina zu reisen. Sie besiegelten dieses Versprechen durch Handschlag. Wiederholt spielte Kafka an diesem Abend auf diese Reise an, um sie in Erinnerung zu behalten, und auch zum Abschied kam er darauf noch einmal zu sprechen. Kafkas Beharrlichkeit und Zähigkeit ist bekannt.

 

Sein Eintrag ins Tagebuch dagegen, knapp eine Woche später, kommt als ein Schlag mit der Faust ins Gesicht daher – in jenes leere, unbeschriebene Gesicht, das später zur Folie der Literatur werden sollte, in das sich die Texte gravieren. Diese Passage aus dem Tagebuch zeigt einen anderen, einen kalten Blick. Zuweilen wird dieser Blick als typisch männlich konnotiert, was freilich von Mangel an Reflexion zeugt, denn genauso gut, könnte diese Zeilen Else Lasker-Schüler geschrieben haben. Es hängen solche Eintragungen in ein Tagebuch nicht am Geschlecht oder an Personalisierungen, sondern es zeigt sich in diesen Stellen von Schreiben eine Struktur der Textualisierung (die allerdings etwas mit dem Blick der Geschlechter zu schaffen hat). In dieser Lektüre und in diesem Geflecht aus Briefen, Romanen und Erzählungen wäre das Gegenbild, der Gegenschuß aus der Perspektive von Felice Bauer interessant. Ihre Briefe und Tagebücher (insofern sie solche Tagebücher schrieb) sind jedoch nicht erhalten.

Es reicht nicht aus, bei einer Gesellschaft nebeneinander zu sitzen und zu parlieren oder daß auf einer Feier plötzlich ein Bein an einem anderen preßt. Kafka ist der kalte und kühle Beobachter der Moderne, er distanziert die Szenerie in die Schrift und er vermag es, die Ereignisse in die (nötige) Reflexion zu setzten. Knapp sechs Wochen später, am 20. September, wird er Felice Bauer einen ersten Brief schreiben:

„Sehr geehrtes Fräulein!
Für den leicht möglichen Fall, daß sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern könnten, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heiße Franz Kafka und bin der Mensch, der […] Ihnen (…) über den Tisch hin Photographien von einer Thaliareise, eine nach der anderen, reichte und der schließlich in dieser Hand, mit der er jetzt die Tasten schlägt, ihre Hand hielt, mit der Sie das Versprechen bekräftigten, im nächsten Jahr einen Palästinareise mit ihm machen zu wollen.

(…)

Eines muß ich nur eingestehen, so schlecht es an sich klingt und so schlecht es überdies zum Vorigen paßt: Ich bin ein unpünktlicher Briefschreiber. Ja es wäre noch ärger, als es ist, wenn ich nicht die Schreibmaschine hätte; denn wenn auch einmal meine Launen zu einem Brief nicht hinreichen sollten, so sind schließlich die Fingerspitzen zum Schreiben immer noch da. Zum Lohn dafür erwarte ich aber auch niemals, daß Briefe pünktlich kommen; selbst wenn ich einen Brief mit täglich neuer Spannung erwarte, bin ich niemals enttäuscht, wenn er nicht kommt und kommt er schließlich, erschrecke ich gern. Ich merke beim neuen Einlegen des Papiers, daß ich mich vielleicht viel schwieriger gemacht habe, als ich bin. Es würde mir ganz recht geschehn, wenn ich diesen Fehler gemacht haben sollte, denn warum schreibe ich auch diesen Brief nach der sechsten Bürostunde und auf einer Schreibmaschine, an die ich nicht sehr gewöhnt bin.

Aber trotzdem, trotzdem – es ist der einzige Nachteil des Schreibmaschinenschreibens, daß man sich so verläuft – wenn es auch dagegen Bedenken geben sollte, praktische Bedenken meine ich, mich auf eine Reise als Reisebegleiter, -führer, -Ballast, – Tyrann, und was sich noch aus mir entwickeln könnte, mitzunehmen, gegen mich als Korrespondenten – und darauf käme es ja vorläufig nur an – dürfte nichts Entscheidendes von vornherein einzuwenden sein und Sie könnten es wohl mit mir versuchen.

Ihr herzlich ergebener Dr. Franz Kafka
Prag, Pořič 7“

Eine Photographie nach der anderen, hingeschoben zu jenem leeren, knochigen Gesicht.

Es entwickelt sich zwischen Felice Bauer und Franz Kafka eine Maschinerie des Schreiben, eine Logik der Sendung, des Ankommens und des Verfehlens von Postalischem, die einer eigenwilligen Kontrolle unterliegen, ein Verkehr und eine Logik der Gespenster, wie Kafka es in einem anderen Zusammenhang, im Briefwechsel mit Milena Jesenská, schrieb, und diesen Verkehr von Geister und Gespenstern brachte erst 70 Jahre später Jacques Derrida im Sinne des Judentums und einer Theorie der Schrift sowie einer Logik der Dis-Identität in seinem Buch „Die Postkarte. 1. Lieferung“ auf den Begriff von Literatur und Philosophie in gleicher Weise.

Der 22. September ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag – das Versöhnungsfest. Kafka mußte mit der Familie und mit anderen feiern. Kafkas Geselligkeit bei solchen zwanghaften Anlässen ist wenig ausgeprägt, gegen zehn Uhr abends drängt es ihn in sein Zimmer an seinen Schreibtisch.

23. September 1912:
„Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Wie ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle.“ (Franz Kafka, Tagebücher, 23. September 1912)

Und zum Ende des ersten Teils: Literatur goes Pop:

Get hot, get too close to the flame
Wild, open space
Talk like an open book
Sign me up
Got no time to take a picture
I’ll remember someday all the chances we took
We’re so close to something better left unknown“
The Metric

Acedia, luxuria, superbia

Ok, es ist ein bißchen Eitelkeit dabei, wenn ich mir das Ende herbeisimuliere und -phantasiere. Ja, ich neige zur Eitelkeit (superbia), tue aber immerzu bescheiden. Dies ist neben acedia und luxuria ein drittes Laster. Womöglich trug auch die Finsternis und der Trübsinn der letzten Nacht in der mehr als geräumigen Einzelzelle dazu bei, Entschlüsse zu fassen, die ich nicht umsetze, ich mache viel zu oft Entschlüsse, die sich nicht umsetzen lassen, die ich nicht zum Ende bringe. Vielleicht trübte auch die zweite Flasche schwerer Bordeaux-Rotwein das Gemüt – ich schrieb zuerst „Totwein“ – hach, wie symbolträchtig, ich liebe diesen Untergang, die Düsternis, die Götterdämmerung. Nacht der Perseiden mit den dazugehörigen Gesteinsbrocken, glühend wie der Leertext. Ich höre das Vorspiel aus „Tristan und Isolde“. Das ist die Tonspur meines Lebens – zugegeben, der Vergleich ist eher schief als eben, wie Tocotronic auf der großartigen Platte „Let there be Rock“ sangen.

Manchmal schaut die Welt am nächsten Tag schon wieder anders aus. Na ja: ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, ma hat ma Ghandi. Und es mag etwas Wahres daran sein: Ja, es ist der fehlende Hunger – acedia. Ich muß diesen Hunger im Bereich der Photographie aktivieren. Da stecke ich fest.

Vielleicht ist man zuweilen in solchen Stimmungen und betreibt jenes Endspielhafte. Und dann denke ich mir: „Oh je, für so wenige Leserinnen und Leser schreibst Du.“ Und es stimmt nicht einmal. Zugriff heute, 22:45 Uhr: 256. Andererseits: es sind ja einige angenehme Leserinnen und Leser dabei. Ich weiß nicht, vielleicht ist es auch die Midlife Crisis. Es ist heute der zehnte August. Ein Datum. Zeit, die Parallellektüre zu beginnen. Ich lese in den Tagebüchern Kafkas:

„10. August [1912]. Nichts geschrieben. In der Fabrik gewesen und im Motorraum zwei Stunden lang Gas eingeatmet. Die Energie des Werkmeisters und des Heizers vor dem Motor, der aus einem unauffindbaren Grunde nicht zünden will. Jammervolle Fabrik.

11. August. Nichts, nichts. Um wieviel Zeit mich die Herausgabe des kleinen Buches bringt und wieviel schädliches, lächerliches Selbstbewußtsein beim Lesen alter Dinge im Hinblick auf das Veröffentlichen entsteht. Nur das hält mich vom Schreiben ab. Und doch habe ich in Wirklichkeit nichts erreicht, die Störung ist der beste Beweis dafür. Jedenfalls werde ich mich jetzt nach Herausgabe des Buches noch viel mehr mit Zeitschriften und Kritiken zurückhalten müssen, wenn ich mich nicht damit zufrieden geben will, nur mit den Fingerspitzen im Wahren zu stecken. Wie schwer beweglich ich auch geworden bin! Früher, wenn ich nur ein der augenblicklichen Richtung entgegengesetztes Wort sagte, flog ich auch schon nach der anderen Seite, jetzt schaue ich mich bloß an und bleibe wie ich bin.“
(Franz Kafka, Tagebücher)

Wie passend, und ich habe diese Zeilen erst gerade eben wiedergelesen. Zuletzt las ich diese Stellen während meines Studiums.

„Wir werden das System durchschauen.“

Auferstehung (3) – Pfingsten

„Da hob sich aber schon die Egge mit dem aufgespießten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat. Das Blut floß in hundert Strömen, nicht mit Wasser vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun versagte noch das Letzte, der Körper löste sich von den Nadeln nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube, ohne zu fallen. Die Egge wollte schon in ihre alte Lage zurückkehren, aber als merke sie selbst, daß sie von ihrer Last noch nicht befreit sei, blieb sie doch über der Grube. ‚Helft doch!‘ schrie der Reisende zum Soldaten und zum Verurteilten hinüber und faßte selbst die Füße des Offiziers. Er wollte sich hier gegen die Füße drücken, die zwei sollten auf der anderen Seite den Kopf des Offiziers fassen, und so sollte er langsam von den Nadeln gehoben werden. Aber nun konnten sich die zwei nicht entschließen zu kommen; der Verurteilte drehte sich geradezu um; der Reisende mußte zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des Offiziers drängen. Hierbei sah er fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

2012 – Feu la cendre

Diese Folge von Ziffern mag in vielfacher Hinsicht gut einen neuen Blogtext als Überschrift kennzeichnen: als Datum im Sinne des Jahrestages, als abstrakte Angabe von Zeit, es könnte sich dabei jedoch ebenso um einen Romantitel handeln, die Assoziationen zu „2666“ liegen nahe, aber ganz so ausufernd und figurenverschränkt gerät dieser Beitrag sicherlich nicht, und wir verweilen in der BRD. Was bleibt, ist die Freude an den unwillkürlichen Korrespondenzen. Die Metapher des unendlichen Spaßes ist vielfach einsetzbar. Meine Gedanken schweifen beständig woanders hin, während ich an meinem Schreibtisch sitze. Es sei hier nebenbei daran erinnert, daß in der Literatur vor einhundert Jahren einige der bedeutendsten Werke der Klassischen Moderne entstanden: im März 1912 erschien „Der Tod in Venedig“, in der Nacht vom 22. auf den 23. September schrieb Franz Kafka seine Erzählung „Das Urteil“ in einem Zuge durch. Dieses Ereignis wird auf „Aisthesis“ datumsgenau begangen, und um dem Antialkoholiker oder eher noch dem Abstinenzler Kafka nicht mit Aquavit, aber doch mit Adäquanz zu begegnen, gibt es in dieser Nacht womöglich eine besondere Sitzung aus unserer beliebten, bisher leider noch nicht öffentlich zelebrierten und stattgefundenen Rubrik „Der Blogtrinker“, um dieses Moment der Intensität (im Schreiben) und als ästhetische Konstruktion zum Ausdruck zu bringen.

Ich lege im Grunde nicht sehr viel wert auf die Dinge, welche mir Schriftstellerinnen oder Schriftsteller privat beziehungsweise in ihrem Tagebuch zu berichten haben. Allenfalls besitzt solches den Wert des Dokumentarischen, und es kann sich dieser Text in einer neuen Anordnung zu etwas anderem verbinden, das dann wiederum zur Literatur sich transformiert. Im Grunde sind auch die Briefe und die Tagebücher Kafkas ein Stück Literatur. Soviel nur sei von Kafkas Selbstbekenntnis, welches er in ein Heft eintrug, gegeben:

„Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Wie ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle.“ (Franz Kafka, Tagebücher, 23. September 1912)

Ich werde auf diese Passagen sowie vor allem auf „Das Urteil“ zurückkommen. Das Feuer, die Glut und die Asche. Ja, es ist für alles ein Feuer bereitet. Ich selber versenkte in dieser Woche fünf Monate digitale Korrespondenz mit einer unheilvollen Frau aus Hamburg in das digitale Nichts, es blieb nicht einmal die Asche übrig. Wie angenehm und restmelancholisch war das früher, wenn jemand die Briefe verbrannte, die nun als überflüssig sich erwiesen, die aus der Zeit fielen, und es blieb diese Schwärze zurück, zerbröckelt und ein Hauch und Wisch getätigt, damit alles in die Winde zerstäubt, jetzt brauchen wir lediglich eine Taste zu betätigen und dann noch einmal, damit es endgültig löscht. Nicht mit einem melancholischen, sondern mit einem technischen Lächeln. Aber sind Mails es wert aufgehoben zu werden, in denen eine Frau davon schreibt, in ein Restaurant wie das „IndoChine“ zu gehen? Es sind dies Orte, wo Menschen speisen, die keinen eigenen Geschmack besitzen und die Sätze von Aristoteles aus Zitatedatenbanken abschreiben. Warum halten Verblendungen so derart lange an? Eine Form, sich seiner (ästhetischen) Subjektivität als Privatissimum im Schreiben zu versichern, ist oder war der Eintrag ins Tagebuch bzw. das Schreiben von Briefen. Kafka ahnte sicherlich nicht, daß jene Tagebuchzeilen Jahre später Millionen Menschen lesen werden – eigenartige Vorstellung. Aber er begriff sich in diesen Zeilen vom 23. September durchaus als Schriftsteller, sah sich im Zusammenhang mit Wassermann und Werfel, und was den Rahmen von Deutung des Innenlebens samt den darin verschränkten Ebenen angeht, so nennt Kafka in diesem Eintrag zudem Freud. Der Subtext des „Urteils“, jene darin verborgene Struktur dürfte Kafka also nicht entgangen sein.

Der Schreibfluß als Akt der Intensivierung, als exzeptionelles Moment: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“ (F. Kafka, Tagebuch v. 23. September 1912) Andererseits gibt es eine solche Selbsttransparenz, die als Entäußerung auftritt, und eine solche Weise des Bei-sich-seins in der Offenheit von Affekt, Geist und Körperlichkeit lediglich im Modus des Fiktionalen: in der Schrift.

Die Theorie kam bei „Aisthesis“ in den letzten Tagen freilich zu kurz, was den Umständen, den gelebten Augenblicken und den vielfältigen Momenten aus dem Hier und Jetzt sich schuldete. Diese Absenz tut mir für meine Leserinnen und Leser fast ein wenig leid, aber es kommen, so sagt man, für das lesende Subjekt wieder bessere Tage. Zumindest was die Texte im Blog angeht. Nun verhält es sich jedoch derart, daß ein Essay zu Walter Benjamin oder über das Ende der Kunst sich nicht für einfachso schreibt, sondern ein Maß an Zeit benötigt.

Mögen Sie eigentlich Vollkornspaghetti? Ich nicht. Aber man kann sich sehr irren. J. und B. gingen nach einem ersten Strandspaziergang auf Usedom, bei dem wir dem kalten Wind trotzten und nach den Möwen schauten, die von zwei Spaziergängern gefüttert wurden, in den Ort Bansin hinein, wo wir in einem kleinen familienbetriebenen Hotel wohnten. Weil wir beide zudem Junkies des Außerordentlichen sind und uns gerne an jenen Orten aufhalten, die von dem französischen Ethnologen Marc Augé „Nicht-Orte“ genannt werden, konnten wir dem dortigen winzigen Einkaufszentrum nicht widerstehen. Die Photographien von diesem Ort zeige ich auf Proteus Image. Natürlich gibt es selbst in Bansin den obligatorischen 1-Euro-Shop, in welchen es uns sogleich hineinzog. Wir stöberten, schauten auf die Welt der billigen Waren, die in unansehnlicher Auslage als serielle Reihung und im Spiel der Farben dargeboten werden. An solchen Orten zeigt sich das Wesen und es fallen die Schleier. J. griff nach den Vollkornspaghetti von Buitoni für nur einen Euro, ich entgegnete, es sei nicht ihr Ernst, Vollkornspaghetti kaufen zu wollen, weil dieses Zeug nun einmal schrecklich schmecke. Allein es half nicht – die Spaghetti wurden gekauft, J. versprach, sie auf eine Art und Weise zuzubereiten, in der ich überhaupt nicht bemerken würde, daß es sich um ein schrecklich schmeckendes Vollkornprodukt handele.

Vier Tage später löste sie dieses Versprechen mittels einer wunderbaren Soße ein. Und das sind dann jene „Verzückungsspitzen des Daseins“, von denen Nietzsche schreibt, die sich einstellen, so zum Beispiel in diesen Momenten. Ich dachte bisher, meine Künste des Kochens seien hinreichend gut, aber nach diesem Abend werde ich nur noch unter Vorbehalt ein Gericht zubereiten, denn wenn ich mir ansehe, auf welch virtuose Art jene Frau in der Küche die Kunst der Improvisation und der Kombination von Elementen zu einem gelungenen Essen beherrscht, so zweifle ich an meinem Talent. Kochen ist ein kreativer Vorgang. Und deshalb sind Restaurants wie das “IndoChine” No-go-area, Gentrifizierungsscheiße, ein Restaurant, das den guten Elbblick und das, was einst dort war, zuballert mit Geld und Scheiß.

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Nebenbei bemerkt, ist das Photographieren von zubereiteter Nahrung eine schwierige Angelegenheit, denn meist sehen die Bilder von gekochtem Essen so aus, als seien die Lebensmittel zerpampt, lapschig, lantzschig; allenfalls in schwarz-weiß geht‘s, das Gekochte abzubilden. Es klafft eine Lücke zwischen dem Abbild und dem, was wir zu uns nahmen.

Zu diesem Essen gab es drei Flaschen Wein, die von uns geleert wurden, und statt des Filmes „Blow Up“, welchen ich gerne gezeigt hätte, der sich aber ausleihweise an anderer Stelle befand, spielte uns die Musikanlage unter anderem das weiße Album von Tocotronic.

Subjektivierungsweisen und Liebesdiskurse. Kommunikation und Reflexion des Selbst – Kleists Briefe

Das Problem der Subjektivität als Indikator der Moderne, so könnte die Überschrift für diesen Text ebenfalls lauten – es handelt sich bei dieser Wendung um eine Textstelle aus Karl Heinz Bohrers Buch „Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität“ (S. 12), die ich leicht modifizierte. Aber diese Lesart stellt nur einen von zahlreichen anderen Aspekte der Lektüre dar. Es könnte die Überschrift ebenso heißen: Die Fallen der Subjektivität. Am Ende reiht sich dieser (Blog-)Text in eine Poetik und Erfahrung des Datums ein, welche ich in diesem Blog für dieses Jahr in unterschiedlichsten Konstellationen, in verschiedenen Weisen der Darstellung unternehme. Es wird dies eine lose Reihe, welche ich anhand eines Titels oder einer Überschrift thematisch nicht immer markiere oder kennzeichne.

Kommunikation im Sinne einer Mitteilung an eine oder einen andern, mithin jenseits monologischer und monadologischer Verfassung, ist für bestimmte Menschen schwer möglich – für sie gilt es, diese Kommunikation mit dem Anderen abzubrechen, was einem Verstummen gleichkäme und damit den Tod des Subjekts bedeutet, oder aber ihr gestörtes, zerstörendes Moment in der Phase des Abbruches, des Unstimmigen gestalterisch – gleichsam in zweiter Reflexion – auf den Begriff zu bringen und die Mechanismen, die zu dieser Zerstörung führen, (qua ästhetischer Form) in den Blick zu bekommen. Kleists Denken, seine Texte kreisen um diese Formen von Kommunikation, und darin erweist er sich als eminent moderner Schriftsteller. Kleists „Der zerbrochene Krug“ etwa ist ein Blick auf (aporetische) Kommunikation: auf ihr Mißlingen, die daraus resultierenden Mißverständnisse und auf die Momente der Verdeckung samt der damit korrespondierenden Freilegung von Wahrheit, die am Ende als das gesellschaftlich Unwahre sich erweist. (Die sexuellen Konnotationen des Textes sind noch einmal ein Kapitel für sich.) Ebenso bedeutsam ist das Sprechen über etwas: so in der „Penthesilea“: häufig wird dort von den Akteuren über Handlungen und Ereignisse kommentierend gesprochen, gleichsam als ob die griechischen Helden plötzlich ein antiker Chor wären, anstatt daß das Drama selbst in seinem Verlauf das gerade Beschriebene zur Darstellung brächte.

Kleist nahm solche Motive der Zerstörung und die Unmöglichkeit des adäquaten Ausdrucks für das frühe 19. Jahrhundert bereits vorweg: daß eine Angelegenheit nur in der dritten Person, im Konjunktiv oder womöglich sprachlich gar nicht mehr verhandelt werden kann. In Hugo von Hofmannsthals „Chandosbrief“ wurde für das 20. Jahrhundert diese Tücke des Ausdrucks dann sinnfällig und auf den Punkt gebracht manifestiert.

Bekenntnishaft schrieb Kleist an seine hochverehrte Schwester Ulrike: „Ach, es gibt kein Mittel, sich andern ganz verständlich zu machen und der Mensch hat von Natur keinen anderen Vertrauten, als sich selbst.“ (Brief an seine Schwester Ulrike von Kleist, Februar 1801, in: H. v. Kleist, Werke und Briefe, Bd. IV, S. 192, Fft/M 1986) In solchen Stellen zeigt sich die monadologisch-monologische Verfassung. Aber bei allem Bruch und bei aller Skepsis an den Formen der Mitteilung herrscht zumindest in solchen Passagen noch der Glaube an das Vertrauen bzw. an eine Form von Selbstpräsenz und Selbstrepräsentation innerhalb der Sprache und innerhalb des Subjekts. Kommunikation aber mit dem Auswendigen, dem anderen Subjekt ist wesentlich gestört – und zwar, in Kleists Diktion, von Natur aus –, wenngleich das Begehren des Sprechens dahin treibt, den unverstellten Ort einer erfüllten Präsenz (auch in der Gemeinsamkeit) zu finden. Das zeigen die Stücke Kleists gut, wenngleich man nicht voreilig von seinem Schriftwechsel und dem Biographischen auf seine Texte schließen soll. Die soziale und die physische Welt korrelieren zwar und durchdringen sich, wie so oft bei Kleist. Die Kleistsche Wunschmaschine will (einerseits) zusammenbringen, was in der Optik der Moderne nicht mehr zusammen gedacht werden kann. Und weil das nicht möglich ist, stellen sich jene Kleistschen Verwicklungen und Brüche ein, die ob der Unmöglichkeit samt dem gleichzeitigen Begehren nach der erfüllten Präsenz deshalb um so stärker hervortreten. Das reicht bis in die zerrüttete Sprache samt seiner eigenwilligen Syntax hinein.

Und innerhalb dieser Konzeption von (erfüllter) Einheit fällt Kleist dann wiederum hinter eine Moderne, welche die Kantische Ausdifferenzierung der Sphären zum Primat und zum Faktum bürgerlicher Ordnung erhob, zurück. Als Slogan oder Stichwort hierzu sei die Wendung „Kantkrise“ genannt – wenngleich zu recht bezweifelt werden darf, daß Kleist Kant überhaupt rezipierte. Diese Trennung als Signum der Moderne konnte und wollte Kleist in dieser Weise nicht akzeptieren. In seine literarischen Texten manifestiert sie sich in wechselnder Weise – etwa im „Erdbeben von Chili“, wo in den Verrüttungen, welche der Zufall der Natur produziert, Gesellschaft in den Wirbel gerät und am Ende Gewalt und Notwendigkeit um so unvermittelter hereinbrechen. Und insbesondere Kleists Briefe sind, als Medium der Selbstvergewisserung, die gleichzeitig Mitteilung in einem emphatischen Sinne sein möchte, davon durchdrungen.

Dennoch: Primat bleibt die gelungene Kommunikation, die auf ein unzerstörtes, bei sich seiendes Subjekt rekurriert, welches (verfügender) Herr im eigenen Hause ist. Das Bewußtsein des Risses, der gleichsam durch Welt und Mensch ragt – es ist bei Kleist zwar eminent vorhanden, aber der Wunsch nach Heilung ebenso: daß man ins Paradies käme, indem man die Erde einmal umrunde, wie es im Aufsatz zum Marionettentheater heißt. Welthaltigkeit und Ankunft als Wiederkehr – das ewige abendländische Motiv der odysseischen Reise. (Und manche der Bücher von Ernst Bloch beginnen ja ebenfalls in der Weise, daß sie das Motiv des klassischen Bildungsromanes als Form der Reise aufgreifen: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (E. Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie) Bei Kleist persifliert sich dieses Konzept von  Bildung aber gleichzeitig, man schaue auf die Novelle „Michael Kohlhaas“.

Insbesondere in den Briefen Kleists manifestieren sich die Formen der Selbstvergewisserung des Subjekts, der Subjektbildung. Und in diesem Sinne zeigen – contre coeur – gerade diese Briefe Kleists das spezifisch Moderne: die Ausdrucksform des Bürgerlichen, Schreiben als Selbstrepräsentation. Diesem ist freilich der Solipsismus bereits eingeschrieben – Ausdruck des Prinzips bürgerlicher Konkurrenz. „Die Notwendigkeit eine Rolle zu spielen, und ein innerer Widerwille dagegen machen mir jede Gesellschaft lästig, und froh kann ich nur in meiner eigenen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf.“ Und einige Zeilen weiter dann: „Das alles verstehst Du vielleicht nicht, liebe Ulrike, es ist wieder kein Gegenstand für die Mitteilung und der andere müßte das alles aus sich selbst kennen, um es zu verstehen.“ So schriebt Kleist am 5.2.1801 an Ulrike (S. 194).

Dieses (unendliche) Begehren nach Selbstpräsenz und Wahrheit als unverstellter Anwesenheit und Bei-sich-sein sowie jenes Motiv des Beim-anderen-sein als Struktur des Begehrens reicht soweit, daß es sogar den Körper erfaßt bzw. durch die (zerteilten) Zeichen des (zerstückelten) Körpers repräsentiert werden muß: Kleist an Ulrike am 13/14. März 1803: „Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll. – Ich wollte ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen, und Dir zuschicken. – Dummer Gedanke.“ (Briefe S. 309) Die Mitteilung gerät zur Teilung und Zerstückelung. Individuum est ineffabile. (Den Bezügen respektive dem Gegensatz von der Sprache des Herzens, auch im Sinne Rousseaus, dessen Texte Kleist sehr gut bekannt waren, und der Schrift als dem (scheinbar) Sekundären und Parasitären (mithin Abgeleiteten) wäre im Sinne Derridas ebenfalls nachzugehen.) Und an diesem Grundwiderspruch zwischen Selbstpräsenz, Selbstrepräsentation, Körper und Gesellschaft zerbricht das schreibende Subjekt, welches bereits gestisch auf das bürgerliche Subjekt deutet. Der Riß geht mitten durch es hindurch.

Eine ganz ähnliche Schreibsituation der monadologisch-monologischen Reflexion auf das Selbst, welche aber – über die bloße Reflexion hinaus, und anders gelagert als bei Kleist, zugleich um eine Frau kämpft – haben wir im Feld des Briefes dann 110 Jahre später. Es handelt sich um einen der faszinierendsten Schriftwechsel, die ein Autor mit einer Frau führte: Und zwar Franz Kafkas Briefe an seine Verlobte Felice Bauer. Die Briefe Felice Bauers sind nicht überliefert – am Ende war es ein Schreiben ins Nichts hinein: jenes unbeschriebene, leere Gesicht, welches Kafka bereits bei ihrer ersten Begegnung konstatierte.

Auch Kafka weiß um die Vergeblichkeit des Briefeschreibens als Medium von Fremd- und Selbstreflexion. Dies trifft insbesondere auf Liebesbriefe zu, welche sich nach Antworten sehen: daß der Strom, der unendliche Fluß des Schreibens nie abreißen möge, daß ein Brief immer ankommt, seinen Bestimmungsort, seine Bestimmung erreicht:

„Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß […] eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. [...]Briefe schreiben […] heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse können nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern ausgetrunken.“ (Franz Kafka, Briefe an Milena, S. 302, Fft/M 1986)

„25. November.

Der Weg ist unendlich, da ist nichts abzuziehen, nichts zuzugeben und doch hält jeder noch seine eigene kindliche Elle daran. ‚Gewiß, auch diese Elle Wegs mußt du noch gehen, es wird dir nicht vergessen werden.‘

Nur unser Zeitbegriff läßt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht.“

Franz Kafka, in: Das dritte Oktavheft

Ich und Kafka

Wie ich heute, im Sessel sitzend, lese und in bezug auf Kleist Details zum Briefeschreiben nachschlagen möchte und wie ich mir so denke, daß ich eine Passage von Kafka aus seinen Briefen an Milena Jesenská nachlesen will, gehe ich also in meine Bibliothek bzw. in mein Arbeitszimmer und suche in der Abteilung Belletristik unter „K“. Ich habe natürlich alles von Kafka bei mir stehen. So dachte ich. Als ich suchte und suchte, war dieser Band „Briefe an Milena“ aber nicht an seinem Platze. Daß ich ihn verstellt haben könnte, erscheint mir unwahrscheinlich, da ich Bücher sofort wieder an ihren Ort bringe, wenn ich etwas gesucht oder sie ausgelesen habe, oder aber ich lege sie auf meine Arbeitsstapel, um sie für späterhin zu verwenden.

Entweder habe ich diesen Briefband vor langer Zeit verliehen und niemals zurückerhalten oder ich besaß ihn nie. Aber woher nur kenne ich dieses Kafka-Zitat in bezug auf das Parasitäre von Briefen, daß Briefe zu schreiben, bedeute, sich vor den Gespenstern zu entblößen? Die Destruktion des romantischen Liebesbriefes aus dem Geist der Moderne: „Geschriebene Küsse können nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken“, so schrieb es Kafka an Milena Jesenská und so notierte ich es auch in meinem Zettelkasten. (Ästhetische) Subjektivität, die sich darüber gewinnt, daß das Subjekt schreibt und sich dabei zugleich verflüchtigt. (Dazu kommt demnächst ein Text.)

Auch zur Codierung der Intimität müßte etwas geschrieben werden.

Seltsam manchmal, daß man meint, ein Buch zu besitzen und dann hat man es am Ende doch nicht. Da muß ich wohl die Tage zu meinem Buchhändler gehen, um die Bibliothek zu komplettieren.

Nachtrag: Die Passagen zum Ende des ersten Absatzes klingen,  als wäre ich Ordnungsneurotiker. Dies bin ich nicht. Ich gestehe sogar freimütig: ich bin ein unordentlicher Mensch. Um der Angelegenheit ein Motto zu geben:  Soviel Ordnung wie nötig, sowenig Arbeit wie möglich.

Christian Wulff

wurde erst in der neunten Stunde gewählt. Das ergibt eine lange Strecke, wenn man bedenkt, daß der Verurteilte in Kafkas Strafkolonie, dem jene Maschine das Gebot mit einer kunstvoll konstruierten Egge in den Leib schreibt, bereits in der sechsten Stunde jenes Gebot, welches er übertrat, entziffern kann und ihm in der Schrift etwas aufgeht:

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter, der Mann fängt bloss an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund als horche er.“ (F. Kafka, In der Strafkolonie, S. 36, Berlin 1975)

Bundespräsident Wulff will in seinem Bundespräsidentenpalast, sprich im Schloß Bellevue, im Bundespräsidentenzimmer eine Krabbel- und Spielecke für sein zweijähriges Kind einrichtet. Die Prenzlauerbergisierung und die Bugabooverseuchung Berlins schreitet unaufhaltsam voran bis in die höchsten Staatsämter. Herrschte früher die gediegene Strenge des Amtes, so dringt heute allüberall fröhlicher Kinderschall ans Ohr.

Wenn Sie, liebe Leser, womöglich in Prenzlauer Berg oder an einem anderen Ort, wo Kinder den Frieden und die Ruhe stören, am Samstag in Ruhe dieses entscheidende Fußballspiel sehen wollen, dann machen Sie es doch einfach wie dieser Mann in den USA:

„Ein Mann, der sich beim Fußball-WM-Spiel USA gegen Ghana von seiner weinenden Tochter gestört fühlte, hat das Kind totgeschlagen. Der 27-Jährige aus Texas habe gestanden, zweimal mit der Faust auf den Brustkorb der Zweijährigen gehauen zu haben, weil sie während des Spiels schrie, berichtete die Zeitung The Monitor. Die Mutter habe ihre Tochter nur noch tot vorgefunden als sie nach Hause kam.“ (aus: Berliner Zeitung, 30. Juni 2010, Vermischtes)

Fast eine Geschichte wie aus Hebels „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds“. Und im Zusammenhang mit diesem Zeitungsartikel möchte ich zugleich auf Thomas Bernhards kleines feines Buch „Der Stimmenimitator“ mit jenen kurzen, teils aberwitzigen Prosastücken aufmerksam machen und es warm an das trübe Leserherz legen. Diese Prosa ist im Duktus und vom Sujet her teilweise ganz ähnlich wie jener Zeitungsartikel. Etwas anders zwar vom Thema und weniger gewalttätig liest sich dieser Text Bernhards:

Moospruggers Irrtum

Der Professor Moosprugger sagte, er habe einen Kollegen vom Westbahnhof abgeholt, welcher ihm nur vom korrespondieren her und nicht persönlich bekannt gewesen sei. Er habe tatsächlich einen anderen erwartet, als den, welcher tatsächlich auf dem Westbahnhof angekommen sei. Als ich Moosprugger darauf aufmerksam gemacht hatte, daß immer ein Andere ankommt, als der, den wir erwartet haben, stand er auf und ging allein zu dem Zwecke weg, alle Kontakte, die er in seinem Leben geknüpft hatte, abzubrechen und aufzugeben.“ (Th. Bernhard, Der Stimmenimitator, S. 56, Frankfurt 1978)

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