Daily Diary (17) – Death, Destroy and Destruction (1)
6. Dezember 2011 4 Kommentare
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Texte zur Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik
19. September 2011 2 Kommentare
Mein Schweigen verwundert, ich schreibe spät. Aber ja doch, ich habe es wahrgenommen, daß dieser große (Berliner) Photograph – fast schriebe ich und fiele den Klischees anheim: Ostberliner Photograph – am 13. September starb. Ich schaffte es bisher jedoch nicht, einen Nachruf bzw. einen kleinen Text zu schreiben. Doch ein Blog ist keine Tageszeitung, und schöner wäre es natürlich gewesen, den lebenden Arno Fischer zu ehren und eine Kritik zu schreiben. Zum Beispiel zu seiner letzten Ausstellung in Berlin im Jahre 2010. Versäumtes ist in vielerlei Dingen niemals wieder gut zu machen.
Arno Fischer wurde 1927 in Berlin-Wedding geboren, lebte zusammen und war verheiratet mit der großen Photographin Sibylle Bergemann, die vor fast einem Jahr im November starb. Er studierte in den 50er Jahren an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und an der Hochschule für Bildende Künste, arbeitete als freischaffender Photograph, lehrte in den 70er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Als die HGB Leipzig nach der Wende auf die Wessis schielte und dorthin großzügig Lehraufträge verteilte, ging Fischer den anderen Weg und wechselte ganz einfach nach Dortmund. In seinem Atelier am Schiffbauerdamm, das er Mitte der 00er Jahre verlassen mußte, lehrte er an der von ihm 2001 mitbegründeten Photoschule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ und dann an der „Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung“.
Einige Photographien von Arno Fischer lassen sich auf seiner Internetpräsenz betrachten. Ich empfehle das sehr, denn schon beim Zuschauen läßt sich lernen, wie das gute Photographieren geht.
Es ist nicht ganz leicht, über Photographien oder Photographen zu schreiben, denn es bilden sich in der Regel schnell Muster: Entweder fangen die Bilder den Moment, die flüchtigen Augenblicke des Lebens – jene 1/250tel oder 1/500tel Sekunde – so perfekt ein, oder es werden auf trickreiche, gekonnte oder gewitzte Weise Formen, Farben und Strukturen ins Bild gesetzt. Andere Photographen sind Meister des Portraits und der Menschenkunde oder dokumentieren den Alltag, das Grau und das Grausen von Lebensumständen. Es gibt Photographen, die machen die allerbesten Modestrecken oder sind die Meister der Kriegsphotographie.
Die einen photographieren wesentlich dokumentarisch wie die Bechers, andere verschreiben sich der reinen Ästhetik, wie Gursky oder Twombly. Doch schon bei dieser Dichotomisierung läßt sich streiten: Sind die Blumenbilder von Cy Twombly nur melancholischer Ästhetizismus oder nicht vielmehr ein Dokument? Twomblys Photographien schreiben im Grunde das Sehen und die Arbeit des Malers fort, indem sie die Tulpe perspektivieren, zerwischen und aufspalten. Und Gursky dokumentiert gerade vermittels der vollkommen Übertreibung und Gleichschaltung.
Angesichts all der Schablonen gerät es schwierig, über einen Photographen wie Arno Fischer ohne die Standardfloskeln zu schreiben, wenn man sich lediglich auf das Allgemeine der Photographien kapriziert. Und dann verfällt man genau dem, was Fischer in seinen Bildern niemals machte. Denn er fand stets im Allgemeinen das Besondere, ohne daß es in irgend einer Weise artifiziell oder aufgeblasen wirkte. Worauf es am Ende ankommt, ist die Photographie als solche, und zwar jenseits der bloßen Abbildlichkeit, die im Modus des Eins-zu-eins zeigen will, was gerade da ist und die damit als eine bloße Form der visuellen Kommunikation und als (schlechtes) Spiegelmedium zugleich fungiert. Es gibt in dieser Welt viel zu viele Bilder. Was einen guten Photographen auszeichnet, ist in der Regel – natürlich, eine Selbstverständlichkeit – der gekonnte Blick, das geschulte kompositorische Sehen, ein Gespür sowie das Konzept, und ein guter Photograph wählt aus der Vielzahl von Schüssen, die er tätigte, um einen flüchtigen Augenblick zu bannen, den richtigen, den einzigen Treffer aus. Genau dieses und kein anderes Bild.
So wie jene New-York-Photographie Fischers, die er auf der Staten-Island-Fähre an der Südspitze Manhattans machte.
Man sieht New York und man sieht auf dem Bild doch sehr viel mehr, nämlich einen einzigen Menschen: diesen alten Mann, der inmitten der gereihten Touristen oder der schauenden Passanten niederblickt, sich mit dem Ellenbogen am Geländer abstützt, und dessen Hand auf dem Kopf liegt, ohne von der Stadt die geringste Notiz zu nehmen, die andere Hand in der Tasche des Jacketts gesteckt. Eine gedankenverlorene Pose, sehr weit ab von jener wilden, quirligen Stadt, der die übrigen Betrachter verfallen sind. Müßig zu spekulieren. Das Photo ist, was es ist, es zeigt genau diese Szenerie. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In der nächsten Sekunde könnte alles schon wieder anders sein.
Fischers Photographien sind unspektakulär, darin unterscheiden sie sich von denen Cartier-Bressons oder Robert Franks. Aber sie sind dies in einem guten und gekonnten Sinne, denn sie konzentrieren sich. Und seine New York-Photographien stellen das wohl vollkommene Gegenteil zu jenen legendären Bildern aus den 50er Jahren dar, die William Klein schoß. Inmitten der Bewegung dieser als pulsierend stilisierten Stadt gerät die Szenerie auf Fischers New York-Bildern kontemplativ. Nein, das ist falsch: die Bilder geben sich nicht kontemplativ, sondern es dringen die Photographien unter die Oberfläche. Kleins Bilder sind genial komponiert, ein Rausch, ein Treiben, sie rasen, weil selbst die Kamera in diesem Moloch und der Verheißung von Geld, Leben, Konsum und Vergnügen nicht still stehen kann, sie fangen den Sound der Stadt ein, sie inszenieren jenes birth of the cool. Fischers Photographien zeigen die Stadt in jenem ganz anderen, verhaltenen, skeptischen Rhythmus: dreißig Jahre später. Sie sind schön und präzise zugleich, ohne affirmativ zu sein. In gewissem Sinne fällt ihre Form hinter die Kleins (und anderer) zurück, schafft allerdings in dieser Ruhe etwas ganz eigenes. Das Formgesetz der Moderne ist ein plurales. Street Photography der 80er Jahre, immer noch in schwarz-weiß? Ja, das geht. Trotz Stephen Shore und William Eggleston.
Wesentlich für Arno Fischers Bilder sind die Menschen. Kaum eines, das bloße Landschaft in ihrer Funktion als vermeintlich unberührten Naturraum zeigt oder die Stadt als solche in ihrer Struktur, in ihrem So-Sein ohne Menschen abbildet. In der Art wie Eugen Atget zog Fischer nicht durch die Städte und fertigte die Bilder: Bei Atget gerieten Menschen allenfalls zur Staffage, wenn sie sich denn im Bild befanden. Wesentlich für Atget waren die Straßen, die Häuser: jenes alte Paris, das es schon bald in dieser Form nicht mehr geben sollte und welches er auf einmalige Weise festhielt. Dokumentierte. Meiner Art von Arbeit kommen diese Photographien von Atget sicherlich sehr viel näher als die Photographien Fischers, aber gerade deshalb: aufgrund dieses Blickes für Menschen (und nicht für Situationen, Mauern und Augenblicke, zumindest bilden diese nicht das Primat des Bildes) bewundere ich Arno Fischer. Diesen Blick für Menschen besitze ich nicht. Fischer hält die Gesichter seiner Zeit in Straßenszenen oder in seinen Portraits fest. Sei dies nun der Salinenarbeiter in Halle (1968), der ausschaut wie ein Proletarier aus dem frühen 20. Jhd – Geschichte macht nur wenig Fortschritte, wiewohl Fischer diesem Mann ein Gesicht gibt, das er im Lauf der Geschichte als höheres Allgemeines nicht hat: jenseits der Klischees und der läppischen Helden-der-Arbeit-Posen. Oder Juliette Greco 1965 in Ost-Berlin: keine Ikone. Oder der große, fantastische John Heartfield, 1963 in Berlin. Hervorzuheben sind vor allem seine Bilder aus Äquatorialguinea. Wie die Photographien von Sebastião Ribeiro Salgado stehen diese Bilder sowie die aus den verschiedenen Ländern Osteuropas und der Sowjetunion, aber auch die aus New York in der Tradition sozialdokumentarischer Photographie. Da wird nicht der Schnickschnack der Welt derer gezeigt, die als Sozialschmarotzer von der Arbeit anderen Leben. Man kann solch eine Welt sicherlich zeigen, aber nicht in der affirmativen und anködelnden Weise der üblichen Mode- und High Society-Photographen. Und auch da sind mir die unprätentiösen und dennoch eleganten, zuweilen auch unschuldigen oder schlicht von Paris abgekupferten Modestrecken, die Fischer für die Modezeitschrift „Sibylle“ schoß, allemal lieber.
Was die menschenleeren Anordnung anbelangt, so bildet lediglich Fischers unheimliches Bild von Poznan aus dem Jahr 1973, wo ein angeleuchteter Mantel in der trüben Auslage eines Hauses hängt, sowie seine Gartenpolaroids in diesem Korpus der Bilder eine Ausnahme. Ich werde diesen Photographien eine gesonderten Text widmen, weil sie derart exzeptionell sind und herausstechen.
Arno Fischer gehörte zugleich zu jenen Photographen, die eindringlich und intensiv die Nachkriegszeit dokumentierten: sowohl in West- als auch in Ostberlin, das er mit seiner Kamera durchstreifte. Legendär und vielsagend jenes Bild von einem Mercedes-Benz.
Ja: Freiheit, die sie meinen. Diese Photographie ist politisch ohne ein Quäntchen Agitation und hineingepreße Aussage. Und auch dieses Bild kommt unspektakulär und ohne die große Geste daher. Fischer hat den Blick für das Detail, für das Groteske, die winzige Ironie, das Absurde: wenn da am U-Bahnausgang Alexanderplatz zwei Frauen mit ihren Babykarren stehen: die eine rechts, die andere links
Fischer photographierte viel, doch er ließ nur wenige seiner Bilder gelten. Sein Kanon der eigenen Bilder, die er für gut befand, umfaßt rund einhundert Photographien.
Traurig ist – und da zeigt sich in der Kunst die Differenz zwischen Ost und West –, daß Arno Fischer im Westen, in der alten BRD nicht recht, zumindest aber zu wenig wahrgenommen wurde. Der doppelte Maßstab und die Netzwerke obsiegten.
Arno Fischers Photographien sind keine Effektbilder und keine Posen, wie sie heute viel zu häufig zu haben sind und wie der Betrachter sie ganz einfach vorgesetzt bekommt. (Der Kunde will es ja so.) Kaum gesehen, schon vergessen. Es wird in den Bildern von Fischer nichts zu einem Ereignis aufgebrezelt und hochgepeppt, das es im Wesen gar nicht ist.
Ein schöner Witz nach der Wende ging so: Warum brauchen die Wessis dreizehn statt zwölf Schuljahre für das Abitur?
Ein Jahr für die Schauspielschule.
An Arno Fischers Photographien sieht der Betrachter, daß da einer aus der alten Schule des Sehens (und damit verbunden: der Negativphotographie) kam. Nicht der Firlefanz, sondern das Auge und das Gespür für eine Photographie, für die eine Photographie zählten. Bei aller konträren Art zu photographieren und die Menschen zu sehen, die Weise, wie er sie beobachtete, wäre ich gerne sein Schüler gewesen.
5. Mai 2011 3 Kommentare
Eigentlich hätte es heute Bilder aus Mallorca geben sollen, aber ich habe beschlossen, eine kleine Serien von Photographien zu zeigen, die ich im April in Berlin schoß. Die Bilder von Mallorca liefere ich dann am Wochenende. Zunächst gibt es also auf Proteus Image diese Bilder zu sehen.
Weiterhin gibt es am Wochenende einen zweiten Teil zu der Frage „Wozu Kunst?“. Es wird sich dieser Text u.a. mit dem Ende der Kunst beschäftigen, das ja seit den Tagen Hegels die Kunst und die Diskurse, welche sich um sie herum gruppieren, beschäftigt. Das unendliche Ende mit dem Ende. Als Überbietung dieser Figur einerseits oder aber als Stillstellung, indem Kunst als eigenständig ausdifferenzierte Geltungssphäre gesetzt wird, die für die Moderne gleichsam paradigmatisch ist. So etwa in der Konzeption bei Habermas, der zum Status und zur Bedeutung der Kunst in seinem Text von 1980 „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“ einige Aspekte ausführt.
Hegels Ästhetik ist zwar gegenüber Kants Kritik der Urteilkraft lange nicht so bedeutsam, weil Kunst einerseits sehr klassifikatorisch abgehandelt wird und weil zum anderen ein Begriff von Natur dort gar nicht vorkommt. Doch soll hier noch nicht zu viel verraten oder versprochen werden. Denn gerade in seiner Eröffnung ist die Hegelsche Ästhetik nach wie vor spannend.
13. Februar 2011 10 Kommentare
Wenn ich eine solche Geschichte wie die von Vivian Maier lese, so kann ich das eigentlich nicht recht glauben und ich bewahre mir einen Rest an Skepsis auf, da (insbesondere) im Zeitalter des Internet und den technisch immer ausgefeilteren Möglichkeiten zur Manipulation die Grenzen zwischen den Fiktionen und den Wirklichkeitsräumen ausgesprochen fließend sind. Zugleich ist es jedoch billig, dieses Phänomen auf die neuen Medien, die neue Zeit zu schieben: das gab es immer schon: Wahrheit kann sich als eine Fiktion herausstellen, wie die Hitler-Tagebücher 1983 oder die selbstgebastelten Interviews von Tom Kummer gezeigt haben. Das entbindet nicht vom Wahrheitsbegriff, zeigt aber, daß Wahrheit nicht ganz einfach zu haben ist und zuweilen mit dem Begriff der Perspektivität zusammenhängt und daß es dabei hilfreich sein kann, zahlreiche Fragen zu stellen. Philosophen haben diesbezüglich einiges mit dem Detektiv gemeinsam.
Zunächst aber, um den Spannungsbogen für die Unwissenden nicht zu übertreiben: Was ist geschehen? Es hat eine Frau namens Vivian Maier, von deren Erwerbsberufen man bisher nicht viel weiß – hauptsächlich arbeitete sie wohl als Kindermädchen – so ganz nebenbei und mit einer Ausdauer beständig photographiert, vermutlich von den frühen 50er Jahren bis in die 60er, 70er hinein. Geboren wurde sie 1926 in New York.
Vivian Maier zog meist durch die Straßen Chicagos und photographierte mit dem erforderlichen aufmerksamen Blick, insbesondere für Menschen. Gleiches tat sie auf den Reisen, welche sie unternahm, oder wenn sie sich in anderen Orten der USA aufhielt. Sie photographierte, als ob es nichts anderes gäbe. Dies tat sie mit einer zweiäugigen Rolleiflex, also einer Mittelformatkamera. Die bisher von mir gesichteten Photographien sind (fast) allesamt Städtebilder, die von hoher Intensität sind: dicht und direkt, ein Auge, das die Dinge, die Menschen verschlingt. Als ob da jemand sein Leben lang photographiert hätte und nichts anderes kennen und tun würde, als mit der Kamera in den Straßen Chicagos zu schwimmen. Ein Bewohner der Städte.
Einzig ein derart exaktes Hinsehen, dieses Gespür oder Wissen, wann genau auf den Auslöser zu drücken ist, läßt es zu, solche Photographien, wie die von Maier zu fertigen. Es sind die unglaublichen Bilder, welche nur einem Flaneur, einer Flaneurin gelingen, die nichts anderes kennt als dieses Hinsehen, dieses Schauen in Bildern – der Blick, in dem das Auge selbst mit der Apparatur verschmilzt.
Aber anstatt daß Vivian Maier ihre Photographien ausstellte, bei anderen Photographen herumzeigte oder Zeitungen anbot, bewahrte sie die Abzüge sowie die Negative still in Schachteln auf; sie sammelte ihre eigenen Photographien und Negative sowie stapelweise Zeitungen und Fotobücher. Das wuchs sich zu einem veritablen Lager aus. Maier war eine dieser auf wunderbare Weise Besessenen, die in ihrem Tun nur für sich sein wollen und deren Für-sich-sein zugleich melancholische Züge trägt. Keine ihrer Photographien scheint sie je ausgestellt und einer größeren Öffentlichkeit je zugänglich gemacht zu haben. Kein Bild veröffentlichte sie in einem Magazin oder einer Zeitung. War dem einen ein Leben als erfolgreicher Photograph beschieden, so hielt das Leben für Vivian Maier anderes bereit.
2008 rutschte Vivian Maier auf eisglattem Boden aus, schlug mit dem Hinterkopf auf und verstarb am 21.4.2009. Als herausragende Photographin blieb sie bis zu ihrem Tode unentdeckt. Diese Bekanntheit erhielt sie erst nach ihrem Tode durch den Makler John Maloof, der ihre Bilder 2007 auf einer Auktion erstanden hatte, um altes photographisches Material für bestimmte Viertel in Chicago zu bekommen, wo er makelte und das er Kunden zeigen wollte. Zur Präsentation waren die Photos nicht geeignet, aber Maloof war von ihnen fasziniert und forschte der Frau nach, erstand weitere Bilder aus dem Nachlaß. So gelangte Vivian Maier post mortem zu einigem Ruhm. Diese biographischen Informationen habe ich dem Hamburger Abendblatt sowie Wikipedia entnommen.
Wer einige diese Photographien von Vivian Maier sehen möchte, der betrachte sich den Blog Vivianmaier von John Maloof. Und es gehe der Betrachter sämtliche die Photographien durch und bleibe nicht bei der ersten Seite stehen! Es sind teils ganz ungeheure Photographien, gerade die, welche technisch nicht ganz fertig bzw. unausgefeilt sind und einige kleine Ungeschicklichkeiten zeitigen, scheinen mir die interessantesten.
Ja, das klingt wie ausgedacht und inszeniert. Das hört sich nach einer Story für den amerikanischen Unterhaltungsfilm an. Mit Julia Roberts als Vivian Maier. Und auch Bilder lassen sich gut manipulieren. Ich weiß, ehrlich gesprochen, nicht, was ich von dieser Geschichte halten soll. Macht hier einer gerade ein besonders lukratives Geschäft oder erlaubt sich jemand einen unendliche Spaß und fingiert Werk und Vita? Andererseits dürften Negativmaterial und Papierabzüge schwierig zu manipulieren sein. Bei solchen Schätzen finden sich dann auch schnell die entsprechenden photographisch geschulten Experten ein.
Diese Bilder stehen in der besten Tradition amerikanischer Straßenphotographie, und um die Geschichte der Photographie zu bemühen, lassen sich zahlreiche Photographen nennen, in deren Kontext sich Maier stellen läßt: Walker Evans, Robert Frank oder Elliott Erwitt. Und genauso lassen sich hier die noch relativ unbekannten Bilder des deutschen Photographen Holger Biermann einreihen, die er in New York schoß. So sehen Straßenphotographien eben aus: dicht dran, in Bewegung; Situationen und Menschen, die sich bewegen, die tätig sind, die in ihrem Jetztsein momenthaft getroffen und dargestellt werden. Dokumentierte Ausschnitte aus dem Alltag. In einer unendlichen Flut von Bildern, von Photographien, in der wir ertrinken, sind die Dinge mit Ähnlichkeit geschlagen: alles gleicht einander – die Menschen, die Bilder, die Dinge.
Leidenschaft ist ein pathetisches Wort: aber wer immer diese Photographien fertigte, die ich gesehen habe, der hat einen Blick für die Dinge, die Menschen, die Situationen, die sich augenblickhaft auftun, um sich eine Sekunde später wieder zu verschließen. Und man kann dann als Photograph nur noch leise hauchen: oh, zu spät, wenn man diesen einen Moment verpaßte, welcher nur für die eigene Kamera bestimmt war. Bilder, die vorüber sind, kommen (trivialerweise) nicht mehr wieder. Das Museum der nicht geschossenen Photographien wäre an irgend einem Ort zu öffnen. Auch ein solcher Ort des Imaginären paßt ja recht gut zu diesem Spiel von Fiktion und Realität, das sich insbesondere mit der ach so realistischen Photographie so wunderbar treiben läßt. Wer diese Dinge filmisch vertiefen möchte, der sehe Antonionis „Blow up“. Und welcher Photograph (oder auch Photographin) träumte nicht – einmal kurz wenigstens – dieser Thomas sein zu dürfen, der im Film mit dem Namen aber nicht genannt wird.
Die Photographie von Vivian Maier sind bis zum 28. April in der Hamburger Galerie Hilaneh von Kories zu sehen, und es bleibt zu hoffen, daß diese Bilder in noch vielen Städten gezeigt werden.
13. Januar 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Obwohl ich momentan zwar gut in der Stimmung für solche Musik bin, bringe ich diese Tonspur,
welche von alten Zeiten herüberweht, aus anderen Gründen. Und zwar deshalb, weil der Titel des Stückes sich ausgezeichnet für meine Photoserie eignet, die es hier anzusehen gibt. „It always rains in Wuppertal“ paßt andererseits jedoch nur im Rahmen einer Assoziation. Denn als meine Reisebegleiterin und ich durch Wuppertal spazierten, regnete es nicht. Aber der Titel des Liedes gefällt mir trotzdem sehr gut.
Es gab lange keine Photographien mehr im Blog – zuletzt vor Weihnachten. Nun also zeige ich einige Bilder aus dieser Stadt südlich des Ruhrgebietes. Auch dort soll – nebenbei bemerkt – ein Theater geschossen werden. Es scheint wohl eine Mode, quer durch dieses Land Theater, Museen usw. zu schließen.
Noch einmal Grundsätzliches zu der Reihung oder Hängung der Bilder im Blog: Ich bevorzuge in der Photographien Serien; über die Gründe mag man spekulieren, ich selber gebe über meine Bilder diesbezüglich keinerlei Interpretation, ich lese, dekonstruiere oder „entschlüssele“ sie auch nicht selber. Die Anordnung der Photographien im Blog ist nicht zufällig oder beliebig, aber in manchen Fällen veränderbar. Es sind andere Anordnungen denkbar. Da verhält es sich wie in der Pärchenbildung. Das Prinzip des Seriellen ließe sich dahingehend verfeinern, daß man es bei einem einzigen Gegenstand beläßt, ihn in der Ansicht auffächert. Solches Verfahren hat nicht nur etwas für sich und ist interessant, sondern steht in einer langen Tradition. Die Serien, welche ich fertige, sind jedoch anders gebaut.
Man könnte auch eine einzelne Photographie im Blog ausstellen. Das brächte sicherlich eine ganz andere Wirkung hervor und betonte die Singularität. Die gibt es jedoch nicht, bei Bildern nicht, nicht einmal mehr am auratischen Kunstwerk. Und auch anderswo nicht. Es ist alles austauschbar, be- und vernutzbar. Selbst ein guter Riesling ist nächstes Jahr ein ganz anderer.
15. November 2010 5 Kommentare
Ich habe es ganz vergessen anzukündigen, daß es hier und hier wieder Photographien zum Ruhrgebiet gibt. Es sind auf dieser Reise derart viele Photographien geschossen worden, daß ich den Blog ein Jahr lang nur mit diesen Bildern aus dem Ruhrgebiet füllen könnte. Kettwig ist ein kleiner verschlafener Ort, südwestlich von Essen. Er gehört zur Stadt Essen, was den Kettwigern nicht unbedingt recht ist. Kettwig liegt an der Ruhr, es besitzt eine angenehme Altstadt mir vielen Fachwerkhäusern. Wer durch die Gassen spaziert, denkt nicht daran, daß er im Ruhrgebiet sich befindet. Ähnliches stellt sich an so vielen Orten ein. Für die interessierten Leser sowie die Lokalpatrioten unter ihnen habe ich die Kettwiger Bürgermeister seit 1808 aufgeschrieben:
01.09.1808–31.12.1822: Franz Arnold Alexander Freiherr von dem Bottlenberg, gen. von Schirp
01.04.1823–30.09.1843: Theodor Märcker
01.10.1843–20.09.1844: Heinrich von Rosenthal
15.10.1844–21.09.1858: Johann Wilhelm Kron
17.01.1859–27.11.1871: Karl Zoernach
28.11.1871–04.01.1877: Emil Pahlke
23.04.1877–24.11.1884: Karl Haverkamp
28.06.1885–31.08.1902: Karl Eduard Göring
09.10.1902–19.09.1905: Friedrich Bleek
21.12.1905–30.04.1910: Alexander Bleymüller
03.05.1910–14.08.1914: Wilhelm Thiemann
15.01.1917–31.03.1931: Andreas Hopmann
13.05.1931–11.04.1933: Dr.jur.Friedrich Ulrich
24.04.1933–12.02.1940: Wilhelm Klemm
01.04.1940–11.10.1940: Hans Karl Wernicke
12.10.1940–08.03.1941: Friedrich Wilhelm Hermann Messerschmidt
01.05.1942–22.11.1943: Hans Karl Wernicke
22.11.1943–11.04.1945: Fritz Dietzel
15.04.1945–27.06.1945: Otto Potthaus
28.06.1945–13.02.1946: Lambert Soesters
14.02.1946–31.03.1946: Dr. Rich. Vollmer
14.05.1946–27.09.1946: Albert Eumann
27.09.1946–05.11.1948: Alexander Müller
06.11.1948–28.11.1952: Dr. Heinrich Berns
28.11.1952–10.08.1953: Peter Stürznickel (SPD)
10.08.1953–28.11.1954: Heinrich Körner (CDU)
29.11.1954–1960: Wilhelm Kemper (SPD)
1960–1961: Albert Fiedler (SPD)
1961–1964: Georg Schriever (CDU)
1964–1974: Albert Fiedler (SPD)
Ab 1975 wurde Kettwig dann zu Essen eingemeindet.
„Hey Punk, wenn du aus Kettwig bist,
ey Punk, wenn dich die Zeit vergißt …“
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