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2. April 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Texte zur Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik
1. Juni 2009 1 Kommentar
Von einem nicht erst neuerdings erhobenen
anschwellenden elitären Ton in den Diskursen
Rüdiger Safranski hat in seinem Buch über Nietzsche einen (zentralen) Aspekt seines philosophischen Ansatzes vollkommen klar und ohne es schön- oder kleinzureden herausgehoben: nämlichen den des Antidemokraten Nietzsche und des Befürworters einer Sklavenhaltergesellschaft nach antikem Vorbild. Nun, gewiß: Nietzsche hatte dafür seine Gründe, und seine Konzeption von Kultur konnte kaum eine andere Auffassung zulassen. Auch muß man ein Denken immer aus seiner Zeit heraus begreifen: So ist es müßig, Aristoteles oder Platon vorzuwerfen, daß sie die Sklaverei als legitime Gesellschaftsform betrachteten, denn sie kannten weder die Bill of Rights noch das Grundgesetz. Zudem sollten wir uns schon deshalb vor intellektuellem Hochmut hüten, weil auch wir dereinst von unseren Nachfahren nach Aspekten beurteilt werden könnten, die uns heute kaum oder gar nicht geläufig sind. Da käme dann keine große Freude bei uns auf, wenn wir dieses Urteil miterleben dürften.
Fassen wir aber kurz die Darstellung Safranskis zusammen, um zu sehen worum es Nietzsche eigentlich geht: Gesellschaftspolitische Folie für Nietzsche ist der Deutsch-Französische Krieg und die sich daran anschließenden Mai-Unruhen der Pariser Commune von 1871. Zeitungen berichteten vom Brand des Louvre, was sich aber als stark übertrieben herausstellte. Diese (vermeintliche) Zerstörung von Kultur war für Nietzsche, so Safranski, ein Fanal für die kommenden sozialen Kämpfe. Intuitiv hellsichtig wie Nietzsche so oft war, deutete er den Brand von Paris „als Wetterleuchten der künftigen großen Krisen“ (Safranski S. 65). Darin sollte Nietzsche gar nicht einmal so daneben liegen. Jedoch hatte er mit seiner Philosophie auf die großen, kommenden „sozialen Fragen“ kaum eine passende und angemessene Antwort zu bieten, wenngleich er in seiner genealogisch-ideologiekritischen Analyse der Kultur nicht ganz falsch liegt: ortet Nietzsche doch Begriffe wie „Würde der Arbeit“und „Würde des Menschen“ als soziale Konstrukte, die eine bestimmte soziale Funktion erfüllen. Diese Begriffe erzeugen einen gesellschaftlichen Schein. Damit liegt Nietzsche richtig.
Die Ableitungen und Bewertungen, die Nietzsche daraus vornimmt, sind jedoch mehr als fragwürdig. Denn so wird nach Nietzsche vermittels dieser Begriffe eine durch nichts gerechtfertigte Gleichmacherei betrieben und der kulturell Höherstehenden, der Erlesene bzw. der Kulturschaffenden auf die Stufe der Vielen herabgezogen; er wird dadurch seiner Einzigartigkeit beraubt. Die soziale Distinktion, welche in der sklavenhaltenden Antike unhinterfragt und absolut notwendig war, um die großen Kulturleistungen hervorzubringen, funktioniert nicht mehr. Kultur wird nun zur Massenware. In Adornos Kulturkritik der „Dialektik der Aufklärung“ steckt insofern auch ein gutes Stück Nietzsche, allerdings mit vollständig anderen Ableitungen als dort. Mit Nietzsche jedoch teilt er die Ablehnung jener Massenkultur, die Adorno als Produkt der Kulturindustrie benennt.
Es erzeugen diese einmal in den gesellschaftlichen Diskurs gebrachten Begriffe „Würde der Arbeit“ und „Würde des Menschen“ ein Bewußtsein für das schreiende Unrecht, da die gesellschaftlichen Gegensätze nun in den Blick treten, und sie implizieren Forderungen nach Gerechtigkeit. Die peinvolle Situation des Arbeiters wird mit dem Glanz der höheren Kultur verglichen, die Kulturleistungen einer Gesellschaft werden nun vor der Folie der Bedingungen, unter denen sie möglich sind, gesehen und kontrastiert. Und so stellt sich damit die gute alte Brecht-Frage: „Wer baute das siebentorige Theben?“ in den „Fragen eines lesenden Arbeiters“:
„Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon -
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch, bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte.
So viele Fragen.“
Lakonisch, lyrisch, und einige Fragen, die auch heute und immer noch und immer wieder gestellt werden sollten, da einige geneigt sind, diese Dinge ein wenig zu vergessen oder genüßlich zu verdrängen. Mein Blog-Kollege Hartmut setzte sich auf „Kritik und Kunst“ mit diesem einseitig gelesenen Nietzsche intensiv auseinander. Die Dinge sind dort bestens nachzulesen.
Wie nun begründet Nietzsche diese Ungleichheit? Safranski nimmt seinen Ausgang von Nietzsches Tragödienbuch („Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“) und dem daraus vielzitierten Satz, daß nämlich das Dasein und die Welt nur als ästhetisches Phänomen ewig gerechtfertigt sind. Lassen wir einmal die Ableitung dieses Satzes und die Hintergründe, insbesondere die in dieser Periode bei Nietzsche noch tief wirkende Schopenhauersche Willens- und Kunstmetaphysik beiseite, und wenden uns dem von Safranski konstatierten impliziten politischen Sinn dieser Formel zu. Im Tragödienbuch ist dieser politische Sinn, so Safranski, bereits gemildert, erst in den nachgelassenen Fragmenten, wo sich Nietzsche mit den sozialen Massenbewegungen und seiner Furcht vor der Pariser Commune auseinander setzt, tritt das Politische dieses Satzes klar hervor. So schreibt Safranski:
„In seinen Aufzeichnungen nämlich spitzt Nietzsche das Problem des Zusammenhangs von Kultur und sozialer Gerechtigkeit auf die These zu, daß man bezüglich der Kultur entscheiden muß, ob das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl oder das Gelingen des Lebens in einzelnen Fällen der Sinn der Kultur ist. Wer das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl im Auge hat, denkt moralisch; wer die Aufgipfelung in gelungenen Gestalten, die Verzückungsspitze, zum Sinn von Kultur erklärt, denkt ästhetisch. Nietzsche entscheidet sich für die ästhetische Denkweise.“ (Safranski, S. 66)
Mit dem „Wohlergehen der größtmöglichen Zahl“ ist hier vor allem eine Kritik des Utilitarismus in seinen verschiedenen Ausprägungen gemeint; durch sein ganzes Werk hindurch wird Nietzsche den Utilitarismus – teils mit guten Grund – verschiedentlich kritisieren, handelt es sich bei dieser Form der Moralphilosophie doch um die Philosophie der Masse. Für Nietzsche jedoch ist es der Wert des Einzelnen, der zählt, insbesondere der schöpferische Mensch, Safranski schreibt:
„Sie bringen auf der Basis der ausgebeuteten Arbeit die großen Kulturleistungen hervor, in der Kunst, der Philosophie, in den Wissenschaften; und beisweilen machen sie sich selbst zu einem Kunstwerk, das es wert ist angeschaut zu werden. Diese Heroen des Schöpferischen sind gerechtfertigt nicht durch ihre soziale Nützlichkeit, sondern durch ihr besseres Sein. Sie verbessern nicht die Menschheit, sondern verkörpern ihre besseren Möglichkeiten und bringen sie zur Anschauung.“ (Safranski, S. 66 f.)
So gibt es bei Nietzsche ein klar akzentuiertes Oben sowie ein Unten. Und die jeweils Herrschenden sind durchaus geneigt, diesen Zustand auf Dauer zu stellen oder dieses Fundament immer wieder aufs neue festzuzementieren, oft im Deckmantel der Philosophie daherkommend. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang etwa auf das neue Buch von Norbert Bolz: Diskurs über die Ungleichheit. Ein Anti-Rousseau, erschienen im Wilhelm Fink Verlag)
Ja, verlockend ist diese Perspektive der ästhetischen Verzückungsspitze durchaus: Sein Leben als Kunstwerk zu gestalten, die Produktion von Kunst über alles zu stellen, für die Kunst zu leben und nichts als die Kunst, oder wie es in Bayreuth steht: Hier gilt‘s der Kunst. Diese ästhetische Selbstbezüglichkeit und Selbstgenügsamkeit ist auch heute noch allenthalben anzutreffen; sie geriert sich szenig und bewegt sich im Rahmen einer falsch verstandenen von Nietzsche inspirierten Postmoderne. Nur: Wer diese Perspektive einnehmen möchte, der muß sich zugleich fragen lassen, zu welchem Preis er dies tut. Und man sollte zudem diesen schillernd-ambivalenten Aspekt des Ästhetischen im Denken Nietzsches nicht eskamotieren oder ihn schönreden. Auch ist es zu empfehlen, bei dem immer wieder einmal neu aufgewärmten und von Nietzsche inspirierten Elitediskurs, wenn nämlich die Bessergestellten anfangen zu schwadronieren, das Radar anzustellen: Oder wie es der Blog-Kollege Hartmut so schön schreibt: Irgendjemand wird am Ende diese Bordlage bezahlen müssen.
Mag Nietzsche in der Analyse teilweise durchaus richtig liegen und ein Vorläufer des Adornoschen und Foucaultschen ideologiekritischen bzw. genealogischen Verfahrens sein, um Gesellschaft kritisch in den Blick zu bekommen und die Dinge nicht ungefragt zu übernehmen, so sind die Bewertungen, die Nietzsche vornimmt, nicht akzeptabel. Safranskis Verdienst ist es, diesen mehr als fragwürdigen, eigentlich üblen Aspekt der Philosophie Nietzsches gleich zu Beginn des Buches herausgestellt zu haben. Man sollte diesen unangenehmen Ton seiner Philosophie, der ins 20. Jahrhundert vielfältig nachwirkte, insbesondere der frühe Thomas Mann war mehr als anfällig für diesen Sound, bei der Lektüre nie ganz aus dem Auge verlieren. Man sollte aber zugleich versuchen, diesem ambivalenten, schillernden Denken Nietzsches, insbesondere den ästhetisierenden Positionen, eine, wenn man es so sagen möchte, dialektische Wendung zu geben. Nietzsche zu dekonstruieren, ist ein lohnendes Projekt.
Rüdiger Safranski, Nietzsche. Biographie seines Denkens, Hanser Verlag
14. Februar 2009 2 Kommentare
Ich habe seinen neuen Roman „Ruhm“ nicht gelesen, und obwohl er vom Thema der Identität sowie dem Spiel zwischen realer und virtueller Welt her interessant sein könnte, denke ich, daß mich Kehlmanns Roman am Ende nicht interessieren wird: zu künstlich das Spiel, zu konstruiert das ganze. Am Ende doch nur konventionell, angereichert nur um ein paar Kinkerlitzchen. Ich lasse mich aber gerne überraschen und eines besseren belehren. (Vielleicht irgendwann mehr dazu. Und mittlerweile, bei einer vor Büchern überquellenden Bibliothek will jeder Kauf eines Buches gut überlegt sein, obwohl es natürlich jedem anzuraten ist, Bücher zu kaufen. Ich für meinen Teil aber, so denke ich manchmal, habe meine Schuldigkeit getan und müßte es mir eigentlich zur Regel machen, für jedes gekaufte Buch eines zu verkaufen oder besser noch zu verschenken.)
Vielleicht hat mich in dem Zusammenhang mit Kehlmann auch die schnoddrige, bürschelnde, oberlehrerhafte Art über Brecht zu faseln, die von keinerlei Kenntnis getrübt war, geärgert. Wohlfeile Sätze werden dargeboten, die nüscht kosten. Ja: da bereitet einer sein Debüt als staatstragender Dichter vor. Widerwärtiger Vorgang. Mögen die Nachgeborenen Kehlmann messen an seinen Worten, die er zu dieser Gesellschaft gefunden hat, wenn dereinst das, was sich soziale Marktwirtschaft nannte, abgeurteilt sein wird als das, was sie tatsächlich ist. Dazu passend der Auftritt im „Zeit-Magazin“. Inszenierung und Gefasel. Oh, sagte die Schwiegermuter am heimischen Tisch, als die Ausführungen Kehlmanns beendet waren, wie vernünftig ist diese Generation der 1975 Geborenen. Wieviel Weisheit und Einsicht da waltet. Der Großvater nickte stumm dazu. Die Kuchengabel klackte am Teller. Kehlmann wollte gerade anheben, einige Worte zu gestalten. Sie hingegen lächelte verlegen und wußte schlagartig: es ist der falsche.
Manche von Brechts Theaterstücken mögen simpel sein, wenn man sie von einer philosophisch-(kritisch-theoretisch-)marxistischen Position aus analysiert, gerade dort, wo er versucht, Funktionsweisen des Kapitalismus aufzuzeigen (Heilige Johanna) oder den Aufstieg des Faschismus zu skizzieren (Arturo Ui). Daß aber selbst solches noch mehr taugt und hält als vieles von dem, was heute geschrieben wird, das mag sich bereits daran zeigen, daß bei einem vordergründig mißlungenen Text wie dem Ui (denn Faschismus ist mehr als die Verwicklungen von Gangstern und Gemüsehändlern) eine absolut gelungene Theaterinszenierung werden kann: so nämlich die Inszenierung von Heiner Müller am „Berliner Ensemble“ mit Martin Wuttke als Ui. Dies immerhin zeigt, daß dieser Text doch und trotz alledem schillernd und vielschichtig genug ist, um zu bestehen. Mir soll es aber heute nicht darum gehen, ein (kritisches) Lob Brechts zu singen. Und auch möchte ich mich mit Kehlmann nicht weiter befassen. (Dies zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht.)
Doch möchte ich im Zusammenhang des Spiels mit der Identität auf einen – wohl etwas vergessenen – Schriftsteller aufmerksam machen, der lange vor dem allseits ausgerufenen postmodernen Spiel mit Existenz und Identitäten seinen Verwirrspiel-Spaß trieb mit seinen Romanfiguren: da kommt einem Schriftsteller sein Romanheld abhanden, flieht aus dem Roman, lebt sich so durch in Paris, wird von anderen Romanschriftstellern eingefangen, am Ende stürzt die Romanfigur ab, der Roman hat sich selbst erfüllt. (Le vol d’Icare, im Deutschen mehr schlecht als recht übersetzt mit „Der Flug des Ikarus“. Die Doppelbedeutung von „vol“ als „Raub“ und als „Flug“ geht leider verloren.) Oder es träumen sich zwei Existenzen, während die eine schläft, beginnt die andere zu existieren: zwei parallele Handlungsebenen, die sich dann im Paris 1964 begegnen. („Die blauen Blumen“)
Und jetzt ahnen Sie, welcher Schriftsteller es sein wird: Da kommt eine Göre vom Land zusammen mit ihrer Mutter, die dort ihren Liebhaber treffen will, nach Paris. Die Göre wird von Ihrem Onkel Gabriel am Bahnhof1 abgeholt, möchte aber keinesfalls die Stadt sehen, wie man es sich von einem Landei, das nach Paris kommt, denken mag, sondern will, rotzfrech und eigenwillig wie sie ist, gar nichts anderes in Paris als Metro fahren. (Was ja auch ein unschlagbares Erlebnis ist, und wo gibt es das schon, von Stalingrad nach Oberkampf zu fahren (Linie 5).) Doch zum Zeitpunkt ihres Besuches streikt die Metro. Und so beginnt ein Sprachspiel von Verwirrnis und Verwicklung, von Tempo und Dialog, eine Hommage an diese wunderbare Stadt, in aberwitzigen Szenen; etwa wenn Gabriel mit seinem Freund, dem Taxifahrer Charles, sich beim Taxi-Sightseeing vor der Göre streiten, ob es sich bei dem Gebäude nun um das Pantheon handelt oder nicht. Und so setzt sich der Aberwitz durch das gesamte Buch fort. Atemberaubend. Am Schluß des Romans endete der Streik zwar, und es ist die Göre durchaus Metro gefahren, doch hat sie, vollständig erschöpft von diesem turbulenten Aufenthalt, gerade da geschlafen. (Kongenial verfilmt das ganze von Louis Mallle.)
Und nun wissen Sie es bestimmt: die Göre heißt Zazie und ihr Schöpfer Raymond Queneau.
Ich weiß, dies alles, diese Art zu schreiben, wirkt lange nicht so ausgeklügelt wie die (Nicht-)Identitätskonzepte der (postmodernen) neueren Literatur und manchmal – vielleicht – auch antiquiert, aber der surreale, anarchische Spaß eines Raymond Queneau – und: ich muß, ich kann gar nicht anders, ich muß ihn hier mit dazu nennen, denn er darf keinesfalls unter den Tisch fallen: den Prinz von Saint-Germain-des-Prés, den anderen Großen der französischen modernen Literatur: – und der Witz eines Boris Vian ist dafür um so größer, gerade weil das Kunstfertige, fein Ziselierte und dadurch eben auch immer ein wenig kunsthandwerklich Wirkende dieser postmodernen Identitätsspielchen bei Queneau und Vian vollständig fehlt. Bei diesen herrscht großes (Kasper-)Theater: eher Radau und Rummelplatz, doch auch grandioses Sprachspiel und -witz; dies vor allem in Absetzung zur oft zu erdenschweren und existential-verhangen, politisch engagierten Literatur eines anderen Großen vom Saint-Germain-des-Prés: Jean Sol Patre (B. Vian). Dennoch sollte der philosophische Einschlag (insbesondere bei Queneau) nicht unterschätzt werden. Er läßt es halt nur nicht so raushängen. Ein gutes Korrektiv also, diese beiden. Gerade in diesen Tagen.
Queneau ist in sparsam ausgewählten Werken neu nur noch bei Wagenbach zu haben, die Taschenbuchausgabe im Fischer Verlag existiert nicht mehr, „Zazie“ gibt es bei Suhrkamp, die legendären „Stilübungen“ über den Autobus S auch: Hohe Philosophie, eine Lektion in Rhetorik und ein ungeheurer Lesespaß, wie eine einzige Szene in immer neuen Variationen geschildert wird. Leider gibt es diese schönen alten Autobuse in grün-weiß (oder grün-beige?), mit einer Plattform hinten, in Paris nicht mehr. In den 80er Jahren meine ich sie noch gesehen zu haben. Die Strecke von der Contrescarpe nach Champerret konnte man damals noch abfahren. Doch diese Plattform ist womöglich nur eine getäuschte Erinnerung, die eher den französischen Filmen entspringt.
Boris Vian ist bei Wagenbach und Zweitausendeins erschienen, dort eine sehr bibliophile Ausgabe mit den großartigen Covern von Art Spielgelman, aber auch bei Wagenbach ist die Ausstattung sehr ansprechend, für den Puristen auf alle Fälle geeigneter. Allein Titel wie „Wir werden alle Fiesen killen“ und „Ich werde auf eure Gräber spucken“ haben mich bereits als Schüler aus meiner Lethargie gerissen.
Demnächst gibt es hier über Boris Vian mehr. In diesem Jahr nähert sich schließlich sein 50. Todestag. Alt ist er leider nicht geworden, aber wen die Götter lieben, …
(1) Kleine Preisfrage. Kommt die Göre nun am Gare d’ Austerlitz oder am Gare de Lyon an?
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