Die Salzburger Festspiele, die nicht nicht gehaltene Rede Jean Zieglers und das Pfaffenpack
28. Juli 2011 44 Kommentare
Nein, ich fuhr nicht nach Salzburg zu den Festspielen, und ich werde dorthin nicht reisen, weil mein Urlaub und meine Zeit Begrenzungen unterliegen. Insofern kann es bei „Aisthesis“ keine Theaterkritik geben, keinen Bericht vom ersten, zweiten oder dritten Abend liefere ich, kein „morgen Salzburg“, sondern ich weise, falls nicht bereits bekannt, lediglich darauf hin, daß Jean Ziegler, der die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen halten sollte, im April unter dem fadenscheinigen Vorwand ausgeladen wurde, einen Menschenrechtspreis von Gaddafi angenommen zu haben bzw. Gaddafi nahezustehen. Nun, aus diesem Grunde sollten dann zahlreiche Politiker und Führungskader aus den Reihen unserer freiesten und sozialsten Marktwirtschaft, die es je gab, von der Eröffnung der Bayreuther Festspiele ausgeladen werden. Gleiches gilt für die Eröffnung in der Regenstadt Salzburg. Es sollen dort in den feinen, gut bezogenen Sesseln einige sitzen, die bereits in Gaddafis Zelt weilten.
Zieglers Rede, die gestern in verschiedenen Tageszeitungen zu lesen war, bringt manches auf den Punkt:
„Das Geld für intravenöse therapeutische Sondernahrung – die ein Kleinkind, wenn es nicht zu sehr beschädigt ist, in zwölf Tagen zum Leben zurück bringt – fehlt. Das Welternährungsprogramm, das die Soforthilfe leisten sollte, verlangte am 1. Juli für diesen Monat einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Millionen Euros. Nur 62 Millionen kamen herein. Das normale WPF (World-Food-Programm) Budget lag 2008 bei 6 Milliarden Dollars. 2011 sind es noch 2,8 Milliarden. Warum? Weil die reichen Geberländer – insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada, Australien – viele Tausend Milliarden Euros und Dollars ihren einheimischen Bankhalunken bezahlen mussten: zur Wiederbelegung des Interbanken-Kredits, zur Rettung der Spekulations-Banditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld.
Wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte sind die Hedge-Fonds und andere Groß-Spekulanten auf die Agrarrohstoffbörsen (Chicago Commodity Stock Exchange, u. a.) umgestiegen. Mit Termingeschäften, Futures usw., treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische Höhen. Die Tonne Getreide kostet heute auf dem Weltmarkt 270 Euros. Im Jahr zuvor war es genau die Hälfte. Reis ist um 110 Prozent gestiegen. Mais um 63 Prozent.
(…)
Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst. „Unsterbliche gigantische Personen“ nennt Noam Chomsky die Konzerne. Vergangenes Jahr – laut Weltbankstatistik – haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammen genommen, 52,8 Prozent des Weltbrutto-Sozialproduktes, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer – kontrolliert. Die total entfesselte, sozial völlig unkontrollierte Profitmaximierung ist ihre Strategie. Es ist gleichgültig, welcher Mensch an der Spitze des Konzerns steht. Es geht nicht um seine Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert es dieses nicht, wird er aus der Vorstands-Etage verjagt.“
Ich fürchte allerdings, die Menschen, welche im Festspielsaal zu Salzburg in den Sesseln mit dem feinen roten Theaterpolster sitzen und mit nickendem Kopf oder mit starrem Blick zuhören würden, wenn Ziegler diese Rede hielte, wissen diese Fakten längst und lachen darüber, weil sie genauso an der intravenösen therapeutischen Sondernahrung verdienen wie am Hunger und am Tod. Nein, es ist ihnen das Leben dieser Menschen nicht gleichgültig. Es bedeutet ihnen viel. Manche geben zwar den ausgebufften Zyniker, aber in ihrem Herzen meinen sie es nicht so. Die Besitzenden unterliegen lediglich den Systemzwängen, so wird ihre Schutzbehauptung lauten, denn wir sind eben keine Individuen, die dort sitzen, sondern jene „Charaktermasken“. Mit traurigem Schulterzucken werden sie entgegnen, daß sie nicht anders können, und sie werden vom Segen des Marktes – des freien – erzählen, der am Ende jeden erreicht; auch in Europa vor über hundert Jahren … und wenn man heute nach Indien schaut. Jaaaah, wenn der Senator erzählt … Ich will diese Dinge nicht weiter analysieren.
Was Ziegler über die Dürren und die erodierten Böden schreibt, ist weitgehend bekannt. Soziologisch unterfüttert und auch für den Nicht-Wissenschaftler anschaulich dargestellt etwa in Harald Welzers Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“. Welzer liefert in diesem Buch eine kurze und bündige Analyse zu dem, was ist, was kommen kann, und er führt die sozialen und psychologischen Mechanismen vor, die unserem Verdrängen und den Rationalisierungen zugrunde liegen.
Die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller von der SPÖ hätte Ziegler durchaus einladen können, denn seine Rede ist ehrlich, aber nicht gefährlich. Es sitzen im Parkett und im ersten Rang kunstsinnige und politisch wohlgeschulte Männer. Allenfalls blickten – vielleicht – die anwesenden Knechte der Herren Sponsoren verärgert drein, wenn man sie direkt und namentlich angesprochen hätte mit dem Vermerk auf ihre Funktion. Einen Skandal ergäbe diese Rede nicht.
Nun komme ich allerdings auf einen Punkt der Ansprache, da schüttele ich unwillig das Haupt, und das gut Gemeinte modelt sich zum schlecht Gemachten um. Reimen wir es mal ein wenig: Moralischer Sinn reicht nicht hin; zumindest nicht in den ästhetischen Angelegenheiten:
„Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos. ‚L’art pour l’art‘ hat Théophile Gautier Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die These von der autonomen, von jeder sozialen Realität losgelösten Kunst, schützt die Mächtigen vor ihren Emotionen und dem eventuell drohenden Sinneswandel.“
Das ist in bezug auf die Kapitalakkumulation und den Künstler wohl wahr. Nun gibt es aber ein Lied, das aufs Jahr genau 140 Lenze zählt, und darin heißt es nicht „Uns von dem Elend zu erlösen, können nur die Künstler tun“, sondern ein wenig anders geht der Text.
Und da stehen wir wieder, inmitten der alten Debatten um das Engagement: weshalb gerade die autonome Kunst sich nicht engagiere, Partei ergreife? Weil sie sich nur für ihre eigene Sache engagiert. Sowieso: aufgrund ihres Doppelcharakters: fait social und autonom zugleich kann von der Abkoppelung aus den sozialen Zusammenhängen im avancierten Kunstwerk, das auf der Höhe der Zeit ist (oder war), keine Rede sein. Und so läßt es sich in der Variation eines Satzes des Nörgler schreiben: Der Bürger begreift seine eigenen Kunst nicht mehr. Der avancierteste Stand des ästhetischen Materials entspricht dem fortgeschrittendsten Stand der Produktivkräfte. Hölderlin schlägt dem Bürger ins Gesicht, ohne daß er diesen Schlag bemerkt.
Zum Glück geht es aber noch weiter in den Ausführungen Zieglers und die Last liegt zum guten Ende hin nicht bei der Kunst:
„Die Hoffnung liegt im Kampf der Völker der südlichen Hemisphäre, von Ägypten und Syrien bis Bolivien, und im geduldigen, mühsamen Aufbau der Radikal-Opposition in den westlichen Herrschaftsländern. Kurz: in der aktiven, unermüdlichen, solidarischen, demokratischen Organisation der revolutionären Gegengewalt. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden.
Mutter Courage von Bertolt Brecht erklärt diese Hoffnung ihren Kindern: ‚Es kommt der Tag, da wird sich wenden / Das Blatt für uns, er ist nicht fern. / Da werden wir, das Volk, beenden / Den großen Krieg der großen Herrn. / Die Händler, mit all ihren Bütteln / Und ihrem Kriegs- und Totentanz / Sie wird auf ewig von sich schütteln / Die neue Welt des g’meinen Manns. / Es wird der Tag, doch wann er wird, / Hängt ab von mein und deinem Tun. / Drum wer mit uns noch nicht marschiert, / Der mach’ sich auf die Socken nun.‘ Ich danke Ihnen.“
Freilich ist Kunst keine Handlungsanweisung, und Liedermacherlieder können allenfalls eine soziale Funktion besitzen: daß sie Mut machen oder Erbauung und die (bitter nötige) Kampfkraft liefern, so wie die Stücke Ernst Buschs. (Andererseits: Ob ein Bewußtsein, das solches benötigt, nicht vielmehr eines ist, welches zu überwinden sei?) Auf der ästhetischen Ebene laufen diese Texte an der Sache vorbei. So auch Brechts Lied der Mutter Courage.
Bestes Regietheater in der Art von Castorf, Fritsch oder feingliedrig-böse wie Marthaler wirkt da Wunder. Sie betreiben in ihrer despektierlichen und laupolitisch-lustlosen Art (wie bei Castorf) etwas, das den Bürger reizt und ärgert, selbst gestanden „linke“ Feuilletonisten wie Fritz J. Raddatz bekommen bei Marthaler Pickel, Ärger und Ausschlag.
Vielleicht setzt Nicolas Stemanns „Faust I + II“ in Salzburg wenigstens ein Feuerzeichen. Épater la bourgeoisie funktioniert nur, wenn man dem Bürger seine eigene Kunst immer wieder neu um die Ohren und in die Fresse haut. Castorf machte dies meisterhaft, etwa in seiner grandiosen Inszenierung von „Frau am Meer“ (Ibsens „Die Frau vom Meer“) an der Volksbühne im Jahre 1993: ein läppischer Heiratsantrag des Hauslehrers Arnholm an Bolettte von vier oder fünf Worten, der eine halbe Stunde sich in die Länge zieht. Das mach mal einer nach. Die Zuschauer rannten aus der Vorstellung oder pöbelten; es gab (erboste) Dialoge zwischen Arnholm und dem Publikum.
Laßt uns kaputtmachen!
Womöglich hätte diese Eröffnungsrede doch ein Künstler oder eine Künstlerin halten sollen, obwohl es auch da Fälle gibt, die … Nun, schweigen wir. Hier stellte ich mir die ansonsten wenig geschätzte Elfriede Jelinek vor. Ihre Rede geriete zumindest als Faustschlag in diese Gesichter.
Statt Ziegler hielt dann Joachim Gauck die Eröffnungsrede. Wir können uns bei diesen Worten sicher sein, daß es über wohldosierte Harmlosigkeiten nicht hinausgekommen ist.
Und da ist mir am Ende der Text eines Zieglers doch lieber als das Geseiere dieses DDR-Profiteurs Gauck, der im Jargon der Eigentlichkeit faselt.
Pfaffenpack.
„Und dann gibt es Salzburg! Und diese Festspiele! Hier gibt es Menschen, die Fantasie, Energie und Geld aufbringen, um ins Bewusstsein zu bringen, was uns auf die Spur des Überlebens zurückruft. Wir haben verschiedene Namen für diesen Vorgang, wenn Menschen das Grau ihrer Niederungen verlassen, sich neue Sichtweisen zumuten, neue Haltungen zu eigen machen, neu daran glauben, wichtig und wertvoll zu sein.
(…)
Und dann begibt sich die Freiheit aus den geschützten Innenräumen der Sehnsucht hinaus ins Freie, und auf der Straße findet das erwachte Denken dann die richtigen Worte für eine richtige Bewegung: ‚Wir sind das Volk!‘
Soweit der Blick und die Denkrichtung, die ich Ihnen mitgebracht habe als einer, der von ‚weither‘ kommt. Ich weiß seit diesen Jahrzehnten viel vom Aufwecken von Auge, Ohr und Verstand. Und ganz nebenher habe ich gelernt: Glaube niemandem, der dir sagt, es gebe kein richtiges Leben im falschen.“
Als Sponsoren der Salzburger Festspiele treten auf: Nestle, Audi, Credite Suisse, Siemens, Uniqa.
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