„Beischlafdiebstahl“
4. Januar 2011 14 Kommentare
Heute freilich, kurz vor einer Krankheit stehend, die sich noch nicht recht traut auszubrechen, die sich aber ankündigt – durch ein langsam sich steigerndes Ermatten, was ja philosophisch durchaus als eine angenehme Passivität gedeutet werden kann, als Zurückfließen in die Natur; etwa so, wie in Adornos ungeheurem Aufsatz zur „Iphigenie“ dargestellt, jene „verteufelt humane Iphigenie“, dieses Stück, in dem sich die Gewalt des Mythischen zur Darstellung bringt: „Hoffnung ist das Entronnensein des Humanen aus dem Bann, die Sänftigung der Natur, nicht deren sture Beherrschung, die Schicksal perpetuiert.“ (NzL, S. 513) – heute also finde ich in meinem Blog die Suchbegriffe „unklarer weißer fleck im auge“, was mich an das Kranksein gemahnt, und beischlafdiebstahl“. Und ich bekenne: nie habe ich mir einen Beischlaf gestohlen, ich habe mir das alles immer redlich erworben und erarbeitet. Mühselig, hart, mit vollem Einsatz, mit dem mir zu Gebote stehenden Esprit, aber immer ehrlich.
Ich vermag nicht zu sagen, wie es mir morgen geht. Es sind von den Symptomen her dieselben Schwächezeichen wie seinerzeit Januar 2008 beim Pfeifferschen Drüsenfieber (Kusskrankheit, auch: Epstein-Barr-Virus). Auch die Leberschmerzen und den trockenen Husten erachte ich als Symptome. Den Hinweis, diese Dinge kämen vom sylvesterlichen Alkohol, halte ich für verfehlt. Eine Reise nach Mallorca half damals sehr gut. Ich erinnere mich beim Thema Erkrankung auch gerne an die Lektüren Nietzsches, wo er in fast jeder Vorrede oder Einleitung zu seinen Büchern von irgend einer Krankheit sprach, die er entweder im Begriff war zu bekommen oder von der er genesen war. Wenn ich an Nietzsches Ende und die Ursache desselben denke, so hoffe ich sehr, daß ich mit so Begriffen und den damit korrespondierenden Realien wie „Beischlafdiebstahl“ nur in guter Weise konfrontiert werde. Sie, liebe Leserinnen, können mit angenehmen Bildzuschriften womöglich zu meiner Genesung beitragen.
Der dritte spaßige Suchbegriff heute „entweder du heiratest und bereust es oder …“ läßt – andererseits – gleichzeitig nichts Gutes ahnen. Vielleicht aber auch doch, käme es von der Richtigen, der einzig Begehrten. Leider werden auch die Kopfschmerzen stärker. Die Ästhetik der Krankheit, wenn man im Zustand diese leichten Benommenheit durch seinen Altbau schreitet, in die Bibliothek, an den Bücherwänden entlang und jenes wunderbare Buch von Roland Barthes sich greift: „Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein ‚ich liebe dich‘ nichts mehr; es greift lediglich auf rätselhafte Weise (so leer ist sie!) die alte Botschaft wieder auf (über die diese Worte wahrscheinlich nicht hinausgehen). Ich wiederhole sie, ungeachtet aller Angemessenheit; sie läßt die Sprache hinter sich, verflüchtigt sich, wohin?“ (S. 136)
„Als Proferation ist ich-liebe-dich kein Zeichen, sondern spielt gegen die Zeichen. Wer nicht ich-liebe-dich sagt (wessen Lippen sich kein ich-liebe-dich entlocken läßt), ist dazu verurteilt, die multiplen, unsicheren, zweifelhaften, kargen Zeichen der Liebe auszusenden, ihre Indizes, ihre ‚Beweise‘: Gesten, Blicke, Seufzer, Anspielungen, Ellipsen: er muß sich deuten lassen; er wird von der reaktiven Instand der Liebeszeichen beherrscht, ist der dienstbaren Welt der Sprache eben darin entfremdet, daß er nicht alles sagt (Sklave ist, wer sich die Sprache beschneiden läßt, wer nur mit Mienenspiel, Gesichtsausdruck, Blicken sprechen kann).“ (R. Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, S. 144)
Warum werden wir in den Stunden der nahenden Krankheit so schwach?
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