Einige zusätzliche einleitende,
allgemeine sowie erhellende Bemerkungen
zu einem Phänomen
Bevor ich im dritten Teil der Postmoderne-Essay zu konkreten Autoren komme, die im Umfeld dieses Terminus ihren Platz haben, zunächst noch einige vorbereitende und einleitende Bemerkungen, die den ersten Teil des Essays ergänzen.
Einiges Unheil zumindest hat jener Begriff der Postmoderne seinerzeit in den philosophischen Diskussionen angerichtet, manche Verwerfungen hervorgerufen, Feindschaften etabliert: Erzeugte er doch eine Vielzahl von Debatten, die teilweise rein akademischer Natur waren und die heute, in einem Rückblick von 25 bis 10 Jahren oft lächerlich und absurd erscheinen. Sehr viel vergeudete Buchtitel, die heute kaum noch präsent sind, und viel verausgabte Zeit, die in überflüssige, weil unterkomplexe Begriffsdefinitionen und -abgrenzungen gesteckt wurden: ob wir noch in der Moderne oder schon in der Postmoderne steckten, ob es nicht vermessen sei, als Gegenwärtiger die eigene Epoche zu benennen und in der Zeit zu situieren, da dies einzig dem in die Geschichte Zurückblickenden erlaubt sei usw.
Viel Lautstärke wurde da erzeugt und manchem Statement ging es mehr um die Effekte als um den Inhalt. Vielfach gingen der große Gestus und das epigonale Geraune auch gewaltig auf die Nerven. Klar, die Postmodernen hatten im Vergleich zu den Kommunikationstheoretikern aus Frankfurt den besseren Sound. Aber gerade dadurch hat sich mancher täuschen und vernebeln lassen. Dennoch ist nicht zu eskamotiern, daß Stil zugleich eine bedeutende rhetorische und nicht nur eine ästhetische Kategorie ist.
Gebracht hat die „Postmoderne“ wenigstens eine längst fällige und aus historischen Gründen in Deutschland aufgeschobene kritische Auseinandersetzung mit der Moderne, kam die voll entfaltete (ästhetische, aber auch die gesellschaftliche, kulturelle) Moderne in Deutschland doch erst mit großer Verzögerung, nämlich mit einer zeitweisen Unterbrechung von zwölf Jahren an, so daß die kritische Auseinandersetzung mit der Moderne wie sie in den USA schon stattfand, in der damaligen Bundesrepublik (wer will kann auch BRD sagen) noch überhaupt nicht richtig begonnen hatte, von der damaligen Deutschen Demokratischen Republik, die einen Pachtvertrag mit dem Antifaschismus sowie der Sowjetunion geschlossen hatte, ganz zu schweigen.
Postmoderne Positionen – um zunächst einen Generalterminus zu verwenden, den ich eigentlich vermeiden möchte – können auf der Ebene philosophischer Theoriebildung als Korrektiv einer Moderne sowie einer quasi in zweiter Aufklärung vollzogenen selbstreflexiven Moderne, wie sie sich bei Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ (und anderen Werken) oder in den philosophischen Konzepten Habermas‘ entfalten, eingesetzt werden. Die postmodernen, modernekritischen Theorien etwa Baudrillards oder Lyotards gingen darüber weit hinaus und arbeiteten mit einem völlig anderen Ansatz. Die mag bereits an der Verabschiedung von Letztebegründungen ersichtlich sein, wenngleich man hier sagen muß, daß diese Verabschiedung ja auch bei Habermass angelegt ist.
Allerdings muß man bei Lyottard festhalten, daß seine Kritik der Moderne sich ganz innerhalb des Referenzrahmens der Moderne befindet. Einer Moderne allerdings, so sie hinzugefügt, die seit dem Ende des 2. Weltkrieges einem radikalen Wandel ausgesetzt war, der sich in den 90er Jahren noch einmal empfindlich zuspitzte.
Aber auch der Soziologe Ulrich Beck wäre hier zu nennen, der postmodernen Position eher unverdächtig, mit seinem Buch „Risikogesellschaft“ von 1986, in dem er den Abschied von der Moderne zugunsten einer zweiten selbstreflexiv gewendeten Moderne feststellt. Die sozialen, ökonomischen und politischen System-Bedrohungen der hochindustriellen Weltgesellschaft (S. 10) erfordern, so Beck, einen neuen Reflexionsrahmen, um diese Brüche innerhalb der Moderne sichtbar zu machen und zu durchdringen. Die Modernisierung heute löst die Konturen der Industriegesellschaft auf, so wie im 19 Jhd die Modernisierungsschübe die Agrargesellschaft auflösten. (S. 14)
Die Postmoderne: eine Spielwiese: Von der Industriegesellschaft zur postindustriellen, hin zum Spätkapitalismus oder zur Freizeitgesellschaft, zur Spaßgesellschaft, zur Risikogesellschaft. Allerdings frage ich mich bei all diesen Umetikettierungen der Gesellschaft mit so unterschiedlichen Vorsilben, ob hier nicht etwas Grundsätzliches übersehen wird: Daß nämlich – bei allen sich verändernden Prämissen – diese Gesellschaft immer noch auf gesellschaftlicher Arbeit beruht sowie darauf, daß sich die Produktionsmittel in der Hand von Privatmenschen befinden. Der inhaltliche Charakter der Arbeit, die Arbeitsmodelle mögen sich grundlegend geändert haben, doch bei allem inhaltlichen Wandel, bei den Veränderungen des Gesichts der Arbeit im Detail ist ihre Form doch die gleiche geblieben. Wir sind eine Arbeits- und keine Freizeitgesellschaft. Dies bleibt definitiv festzuhalten. Insofern wird die Postmoderne-Diskussion auch den Marxismus streifen müssen, insbesondere verweise ich schon einmal auf Frederic Jamesons Buch „Spätmarxismus“, das von der Situierung Adornos innerhalb der Moderne – mit Ausblick auf die Postmoderne – handelt.
Bei aller Kritik, die Jamson an der Postmoderne übt, soll es in diesen Essays zur Postmoderne jedoch auch darum gehen, ein widerständisches Potential zu zeigen, welches in bestimmten (nicht in allen) Positionen sogenannten postmodernen Denkens steckt und daß es sich nicht nur um bloße Affirmation des Bestehenden oder Momente eines sich nicht in die Verantwortung nehmenden Spiels handelt, welches sich immer aufs neue verabschiedet und nach jeder Positionierung sagt „Gilt ja gar nicht, war alles bloß Ironie, Scherz und schiefe Bedeutung“. Und selbst diese Ironisierungskonzepte und -strategien sind ja nicht ganz neu und erst seit heute bekannt, sondern gelten explizit seit der Romantik als brauchbare Option, um die Fixierungen aufzubrechen, ohne dabei dialektische Aufhebungsfiguren in Anspruch nehmen zu müssen.
Gerade um die auf Metaphernnebeln gleitenden Signifikantenreiter und die rhizomen Schwadroneure, die kleinen Dichter und Denker des Symbolischen, Imaginären und Realen als die auszuweisen, die sie sind, nämlich des Erzählens und Denkens oftmals Unbegabte, zumindest jedoch dem Slang Verfallene, soll eine Rettung der (philosophischen) Postmoderne angestrebt werden. Es wäre schade, wenn man die guten Dinge, die in einem solchen Konzept stecken, jenen überließe.
Insofern gehört natürlich auch Habermas in den Kreis der Reflexion auf die Postmoderne, um zu sichten, ob hier Brauchbares zu finden ist. Oft freilich wurden diejenigen, welche sich im (wenngleich kritischen) Verstehen seiner Texte übten, damals recht zügig entweder als verständigungsorientierte Kommunikationstheoretiker oder aber als langweilige Hermeneutiker kenntlich gemacht. Diese damaligen Diskussionen zeugten an manchen Stellen von wenig Respekt voreinander und auch von wenig Respekt gegenüber der Sache des differenzierten Denkens. Man muß also einmal schauen, was von Habermas im Hinblick auf die Konzeption von Postmoderne trägt und wo Kritik zu üben ist.
Ja: Habermas teilte ein wenig das Los der Sozialdemokraten der 70er und 80er Jahre, als sie das ihrem Begriffe nach noch (halbwegs) waren (Stichwort: Bildung und Zugang zu den Gymnasien und den Hochschule) und man sie in bestimmten linken Kreisen als das kleinere Übel wählte. Von den Rechten sowieso und immer schon bekämpft, von der Linken angefeindet – sei dies nun die orthodoxe kritische Theorie (Habermas als „Sabbelkommunismus“; obwohl: ich fand diese Wendung ganz lustig, damals) oder in poststrukturalem Gewande gekleidet, Habermas als Komplize der Metaphysik.
Zurück aber zum Terminus „Postmoderne“, den man eigentlich kaum noch benutzen dürfte, denn womöglich ist mit dem Begriff der Postmoderne schon so viel Unheil angerichtet, daß es besser wäre, jenen noch nicht ganz so vernutzten Begriff der Transmoderne zu gebrauchen. Andererseits ist der Begriff aber nun einmal im Raume, und es wurden in seinem Namen in den 80er Jahren die großen Theorieschlachten geschlagen. Warum also einen anderen Begriff in die Diskussion einführen?
Bevor jedoch der Begriff der Postmoderne allzu umstands- und sorgenlos gebraucht wird und um ein sehr weites Feld zuvorderst zu sichten, soll zwischen all den Postmodernen, die es gibt – von der Architektur über die bildenden Künste bis hin zur gesellschaftlichen und kulturellen Postmoderne und hin zur Philosophie – eine Differenzierung vorgenommen werden, gewissermaßen, um die Vielheit, die sich unter diesem Begriff tummelt, – zunächst – beherrschbar zu machen. Da sich diese Essays zunächst einmal, in den ersten Folgen wesentlich in einem philosophischen Rahmen bewegen, möchte ich mich erst einmal dem philosophischen Begriff der Postmoderne widmen, um sodann auf den Begriff einer kulturellen, sich im Feld der Gesellschaft abspielenden Postmoderne zu kommen (Soziologie). In diesem Begriff eingeschlossen sind zugleich bestimmte Lebenskonzepte, die unter den Schlagworten wie Ästhetik der Existenz, Fragmentierung, Dissoziierung, Vertextung usw. laufen, alles das eben, was etwas polemisch unter dem Slogan einer neuen Unverbindlichkeit firmiert. Bei der Sichtung dieses Feldes wird es sich wesentlich im Bereich der Philosophie bewegen. Aber mitunter werden wohl auch Ausflüge in die Soziologie erforderlich sein.
Als etwas überspitzte Bemerkung sei vielleicht noch gesagt, daß selbst diese postmodernen multiperspektivischen Subjektpositionierungen, die Vielheiten auch beim frühen Marx insbesondere beim Begriff der Arbeit angelegt waren, so etwa, wenn er in „Die Deutsche Ideologie“ schreibt:
„Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.
Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, …“ (MEW 3, S. 33)
Diese Formen von Gemeinschaftlichkeit in der Gesellschaft, von Gemeinschaft bedürften der Klärung und einer Weiterführung. Insofern wird vielleicht auch auf Jean-Luc Nancys Buch „Die undarstellbare Gemeinschaft“ („La communauté désoeuvrée“) verwiesen, wo es um eine Lektüre des Kommunismus im Hinblick auf diesen Begriff der Gemeinschaft geht.
Eine ästhetischen Postmoderne, wie sie sich im Bereich der Literatur selbst und der Architektur entwickelt hat, möchte ich zunächst aussparen. Wer durch die Städte geht, wird ihrer in der Architektur schnell ansichtig. Hier scheint mir in der Tat bei manchen Gebäuden eher der affirmative Charakter der Postmoderne in den Vordergrund zu treten. Der Potsdamer Platz in Berlin als eine sphärische Mischung von Konsum, Arbeitswelt, Tourismus und minimaler Kultur ist hierfür ein gutes Beispiel. Inmitten dieses Ensembles dann Jeff Koons „Balloon Flowers“. Dieser Platz wirkt wie ein in der Stadt gelandetes Ufo. Andererseits kann ich mich einer gewissen Faszination nicht enthalten und geben zu, daß ich dort zeitweilig ganz gerne bin, um zu flanieren, zu beobachten, zu photographieren. Ein wenig denke ich dann an Walter Benjamins Paris, an seine Passagen.
Da ich im Bereich der Architektur jedoch wenig kompetent bin, so spare ich ansonsten diesen Bereich aus, bin aber dankbar für Anregungen und Hinweise. Auf dem Blog „Exportabel“ ist ja hin und wieder etwas zur Architektur zu lesen.
Ob ich auf Romane von Eco, DeLilo, Auster, Cortázar, Barnes, Federman, Pynchon u.v.m. zu sprechen komme, das weiß ich noch nicht. Es wird sich wohl im Fortgang dieser Essaygruppe ergeben, wohin hier die Richtung geht.
Im Bereich der Literaturtheorie muß sicherlich das Feld der Dekonstruktion (und vielleicht auch noch das der Diskurstheorie) zum Thema gemacht werden. De Man, Lacoue-Labarthe und Derrida seien hier als Hauptvertreter der Dekonstruktion zu nennen. Auf Derrida werde ich sicherlich im Rahmen des Schriftbegriffes und der Überwindung der Metaphysik zu sprechen kommen. (Womit wir dann auch bei Heidegger als einem wichtigen Stichwortgeber für die französische Philosophie im Umkreis der Postmoderne wären. Irgendwie habe ich mir glaube ich etwas viel vorgenommen. Aber ganz gleich: es kommt in Etappen und muß ja nicht zu nächste Woche fertig sein.)
Es wird hier also viel Kontroverses geben, insbesondere dann, wenn es um Habermas, Heidegger und Adorno geht, wenn sie auf die Postmoderne bezogen werden. Doch sei zum Schluß dieses Essays der interessante Aspekt festgehalten, daß man sich bei allen Differenzen und bei allem Widerstreit (ohne ihn einebnen zu wollen), gemeinsam sozusagen, als Grundlage modernen sowie auch postmodernen Philosophierens bei Kant wiedertrifft. Vielleicht nicht unbedingt in Eintracht am Lagerfeuer, aber doch als gemeinsame Ausgangsbasis eines (modernen) Denkens, das in die verschiedensten Richtungen sich zerstreut. Wohl nur wenige Philosophen haben diese Kraft, gemeinsamer Baugrund und Fundament des Denkens zu sein. Bereits beim anderen großen Denker der modernen Philosophie, nämlich bei Hegel, ist es mit der Einhelligkeit vorbei und der große Streit bricht los, schon wenn man den Namen ausgesprochen hat. (Und leider ist bei Hegel viel reflexhafte Abwehr ohne immanente Kritik und Lektüre mit im Spiel.) Bei Kant geht das nicht ganz so schnell.
Es steht also viel auf dem Programm. Im nächsten Teil, der nach einer Urlaubsphase Ende August erscheint, werde ich mich mit Nietzsches Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ beschäftigen, der in bestimmter Hinsicht als ein Gründungsdokument postmodernen Denkens herhalten kann.
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