In a Fever of Excitement

Und wieder hat die katholische Kirche zugeschlagen. Aber ausnahmsweise in einer guten Weise, denn es gab für mich – über einen ihrer Mittelsmänner, doch keine Angst: ich bin nicht mit dem Bischof von Berlin oder irgend einem Erzbischof befreundet oder bekannt – eine Kiste guten italienischen Rotwein, der sich perfekt zum Speisen eignet und den ich dann zum Essen bei J. mitbrachte. Eine Flasche hatte ich schon vorgekostet und mochte ihr gerade diesen Wein nicht vorenthalten. Im Autoradio lief „Papillon“ von den „Editors“, Musik gleich mal laut aufgedreht und in der schmalen Passage zwischen den ewigkeitswährenden Baustellenzäunchen auf der Invalidenstraße schnitt ich den Radfahrer massiv. Werberarsch auf Rennrad. Nun fahren sie also auch neumodisch Rennrad. Das bin ich seit den 80ern fünfzehn Jahre lang gefahren, als Rennräder lediglich Eddy Merckx (ganz früh, ganz früh) und Dietrich Thurau vorbehalten waren. Zahlt die Branche so schlecht, daß es zum Auto nicht mehr hinreicht? Trauriges Kapital. Oder ist es nur eine neue Mode?

Mit einer der feinen Flaschen aus dieser katholischen Holzkiste sowie einem Grauburgunder – aus dem Supermarkt: Schande, Schande; doch das Zeug schmeckte sogar leidlich – mit den Flaschen in der Tasche trat ich also bei J. ein. Den Grauburgunder gab es, um beim Kochen schon einmal zu testen, so wie Biolek das immer betreibt Wenn ich gute Laune habe, kann ich Alfred Biolek imitieren: Daas issst abeeerr ein seheeeerr guterr Wein: Ahaaaaaa! (Alles mit gerolltem r gesprochen.) Meist habe ich jedoch keine gute Laune. Aber die Negativität des Daseins legt sich im Prenzlauer Berg. Ich dachte bisher, ich koche passabel, aber das stimmt nicht. J. kocht sehr viel besser, und aus dem Handgelenk heraus, kreativ und frei. So auch diesmal: vorweg gab es eine Suppe mit weißen Bohnen samt Fleischeinlage, darin sich auch Ingwer befand, was ich liebe. Und als Hauptgang servierte sie schwäbische Maultaschen in Brühe mit einem Kartoffelsalat – natürlich ohne Mayonnaise. Nach dem Glas Weißwein schenkte ich zum Essen den Rotwein ein, der köstlich mundete, für einen Rotwein außergewöhnlich leicht und samtig, aber doch gehaltvoll: Barbera d‘Asti Jahrgang 2005, genau die richtige Reife.

Das Essen war schnell vertilgt, es schmeckte hervorragend. „Von allen meinen Exfreunden hast Du je eine ihrer schlechten Eigenschaft abbekommen“, so bemerkte J, während sie den Abwasch tat. „Und die Summe aller dieser schlechten Eigenschaften Deiner Exfreunde bin dann ich?“ Sie schwieg, während sie weiter das Geschirr abwusch, alldieweil ich auf ihrem MacBook schrieb und im Internet dies und auch das recherchierte. „Das Buch der König“, lachte ich, „Orpheus und Euriydike. Das ist der Gang der Welt, der frühe Marx hielt noch nichts von der Arbeitsteilung. Da war einer morgens Fischer, mittags Tischler, nachmittags Kritiker und abends Wischer: Abwaschabwischer, wie er das in der ‚Deutschen Ideologie‘, gleich zum Beginn über Feuerbach schrieb. Der spätere Marx lernte dann aber die Arbeitsteilung sehr wohl zu schätzen und sah ihre Notwendigkeit.“ „Und deshalb mache ich den Abwasch und Du hilfst mir nicht?“ Nun schwieg ich und gab mich beschäftigt, trank in schnellen Zügen den Rotwein; Flasche leer, Text gut, ich bin der Thomas Brasch Westberlins, der mit einem Male am Prenzlauer Berg gelandet war. I‘m the passenger. Nahe der Castingallee. Ein Prenzlauer Berg, wo es sich in den Nebenstraßen noch wohnen und leben läßt. Dann bot ich aber, durch den Alkohol sanft geworden, meine Hilfe an. „Nee, wir müssen gleich losgehen, laß mich noch eine Zigarette rauchen und mich umziehen!“ Ein kurzer Blicke in den Spiegel, schwarze Lederjacke, weiße Hose, hellblaues Hemd: und los geht‘s.

Vorauseilend erwartete ich mir nichts Gutes oder zumindest nichts Besonderes im Bassy Club, denn mit Soul und RnB kann ich im Grunde nicht viel anfangen, ich hätte lieber etwas, das in die Richtung Johnny Cash geht, ich bin an jenen faulen, trägen Tagen ein Gewohnheitshörer, ich war in genau dieser „Es ist wieder mal Rock‘n‘Roll-Freitag“- Stimmung (Die Mimmis, ich gab diese Tonspur kürzlich hier im Blog), habe mich nie mit Soul beschäftigt (und will immer Seoul schreiben, dabei ist mir Südkorea völlig egal). In den jungen Punkzeiten gab es einen Punk-Bekannten, der solche Soul-Sachen hörte und neben dem Punk als ein ausgesprochener Soul-Experte galt, solch ein Wissender war ich nicht, aber über die nette Geste des Club-Betreibers, auf der Gästeliste zu stehen, freuten wir uns, und darauf mochten wir nicht verzichten. Schlimmer als mit Alexander Scheer kann es eigentlich nicht werden, dachten wir uns, ohne jede Erwartung, und so summte ich auf dem Weg durch die Schwedter Straße im Kopf einige Melodien aus dem Film „Blues Brothers“, fand das aber nicht ganz passend und schwenkte auf Stücke des Filmes „Jackie Brown“ um, damit ich wenigstens Rudimente des Soul aktivierte: Diese wunderbare Szene zum Beginn, wie Jackie Brown starr auf dem Rollband des Flughafens steht und im Hintergrund die Wand mit den Mosaiksteinen samt ihren Farben vorbeizieht. Eine der ganz großen, eindringlichen Anfangssequenzen im Film. Wie Jackie Brown da still steht, diese eindringliche Musik läuft und die gedämpften Farben ziehen vorbei. Gelingt der Auftakt, so wird meist auch das, was dann folgt, gut. Dies ist nicht nur bei der Musik, in der Literatur oder bei Filmen so, sondern bei allen Dingen, die sich in der Zeit abspielen.

Auf der Gästeliste werde ich zunächst nicht gefunden, ach ja, ich kenne mein Pech, warten, dann stehe ich aber doch drauf. Gleich hinter dem Eingang lauert Alexander Scheer mit ein paar Kumpels, die er mitbrachte. Es war eine Falle, ich dachte es mir gleich. Ich schob J. hinter mich, damit ich eine freie Bahn hatte, denn wir Jungs von der 101 Airborn Division „Screaming Eagles“ gehen keinem Streit aus dem Weg. Am Ende ging es für Scheer so aus wie das Boxen für Micaela Schäfer. Ein Dichter namens John Moses Browning tat sein übriges.

Erst mal in den Rauchersalon hineingegangen, mit dem Taschentuch das Blut von den Händen und der schwarzen Lederjacke gewischt, und da im Raum spielte ein junger Mann auf der Baßgitarre, schlug und strich über die Seiten, erzeugte einen Sound, den ich mag, und damit fing der Abend gut an. Wir hielten uns wieder an das bewährte Bier. Ich schaute auf die hellbraunen Stiefel einer Frau. Warum tragen so viele Frauen hellbraune Stiefel? „Die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell“, wie R. Grebe sang. Das trifft auf viele Menschen zu. Ihre blonde Freundin hatte eine extravagante, aber dabei nicht aufdringliche Zwanziger-Jahre-Lockenfrisur, sehr pfiffig, das machte die hellbraunen häßlichen Stiefel der Freundin wieder wett. Wir sprachen, schauten, tranken etwas Bier, bis es in den Konzertsaal ging, weil sich die Menge dorthin bewegte und es tuschelte: „Die Bänd fängt gleich an, die Band fängt gleich an zu spielen!“

Und da standen sie auf der Bühne: The Excitements. Es heißt dann auch ein Album von James Brown immerhin so: Excitement. Doch ich will gar nicht vorgeben, als hätte ich vom Soul oder RnB irgendwelche Ahnung: hab ich nicht. Ich schreibe trotzdem, um diesem wunderbaren Abend, den ich mit einer sehr besonderen Frau im Bassy Club verbrachte, einen Tribut zu zollen. Und ich muß mich korrigieren: es gibt Bands, wo mehr als vier Musiker auf der Bühne stehen dürfen. Hier verhielt es sich so. Zunächst spielten bloß die Musiker, dann trat jene grazile Sängerin mit dieser kraftvollen Stimme und ihrem starken Ausdruck auf. Anfangs dachte ich, solche Musik sei nicht tanzbar und es gäbe da für mich keinerlei Möglichkeiten sich zu bewegen, aber während ich zuhörte und einige Photos machte, wurde ich eines Besseren belehrt. The Excitements sind eine ganz wunderbare Band. Der Name spricht für sich: aufgeregt, angeregt, begeistert. Und da läuft ein Sound, der treibt nach vorne. Es ist ein Abend voll von guter Musik, kein Stück, das langweilt. Und genau so muß ein Konzertabend sein, genau so habe ich mir das vorgestellt, und es war keiner im Publikum, der sich langweilte oder das nicht hören möchte.

Es hätte auch Photographien geben sollen. Aber da mein Rechner ein verdammter Haufen Schrott ist und beim Hochfahren nicht ordnungsgemäß das macht, was er tun soll, weil die Datei crcisk.sys streikt, kann ich die Bilder erst morgen oder übermorgen zeigen: dann separat.

Jetzt denken einige: Bersarin schreibt eine Gefälligkeitsbesprechung, weil er eingeladen wurde und auf der Gästeliste stand. Nein, sowas mache ich nicht – wenn es mir im Bassy Club beim Konzert nicht gefallen hätte, schwiege ich.

Hernach haben wir noch ein wenig miteinander getanzt und Bier getrunken. Wieder habe ich es geschafft, nicht zu rauchen. Eine Spanierin Ende zwanzig gab mir ihre E-Mail-Adresse, ich erzählte von meinem Blog.

Etwas früher als letztes Mal gingen wir durch die kalte Nacht nach Hause. Wiede die Schwedter Straße herunter. Linkerhand am Ende der Choriner Straße leuchtet und glänzt ein wunderbarer Nachhimmel, in dem sich die Lichter der Großstadt brachen, schwarzgewaschenes Orange und tiefe Nachtwolken. Ach, bin ich froh, in Berlin zu sein. Es gibt keinen besseren Ort auf dieser Welt. Ich falle müde, trunken und glücklich um vier ins fremde, gemachte Bett, „Spiritus longus, penis brevis“ (Nörgler). Ich bin der Thomas Brasch des Prenzlauer Bergs. Und nun sagen die Braven im Chor: Aber die Braschsöhne sind doch alle am Alkohol verreckt! Stimmt, ich erinnere mich dunkel.

No Go Area

Lost in music. Das ist eine feine Sache, das mag in den wenigen geglückten Augenblicken des Lebens passieren, und wenn man in den Bassy Club in Berlin taumelt, dann kann man womöglich etwas erleben. Schade, daß ich nicht mehr rauche, denn es gibt dort einen richtig guten, großen Rauchersalon. Aber da die anderen rauchen, ging ich, um nicht allzu allein und dumm dazustehen, mit hinein in jenen Raum, und so kommt, wie nach dem Madeleinegenuß samt Tee, unwillkürlich das Gefühl vergangener Zeiten wieder auf, die Lunge atmet tiefer, der Rauch der Vergangenheit strömt, „Erinnere Dich!“ ruft es, und das Denken und das Früher kommen zu sich selber. Fumo punitur qui fumum vendidit. The young ones, aber natürlich nur in der Punk-Version. Und wie mit Derrida alles in Rauch aufging und Feuer und Asche wurde. Die Frage der Frau. Die Frage des Stils, ich habe meinen Regenschirm vergessen. Ihre roten Gauloises, meine Luky Strike ohne Filter. Von wem war diese Punk-Version von „The young ones“ nochmal? Ich weiß es gar nicht mehr. Egal, ich höre jetzt nicht die alten Platten durch, um das herauszukriegen, und wahrscheinlich kommt das Stück auch gar nicht auf einer Platte vor, sondern lagert auf irgend einer Ferrochrome-Kassette.

In so einer Lokalität wie dem Bassy Club trinkt man besser Bier als Wein, weil die Trinkende, der Trinkende niemals genau wissen können, was in den Flaschen genau sich befindet. Wir hatten zwar vorher bereits zusammen mit Besuch zum Essen einen Riesling, einen Grauburgunder und einen Primitivo getrunken, dazu gab es als Nachtisch einen wunderbaren Marillenlikör von feinster Qualität und anschließend als Verdauungstrunk einen sehr guten Obstbrand, der als weich und samtig sich erwies. Aber so recht warm werde ich mit den höherprozentigen Sachen nicht, mein Getränk bleibt der Wein. Nun wirkt es sich freilich nicht zum Vorteil aus, wenn auf Wein Bier folgt, aber Bier paßt in solchen Zusammenhängen gut, und wir sind beide trinkfest, wenngleich wir uns vornehmen, zuweilen am Wochenendabend mal weniger zu uns zu nehmen. Ach, wir machen das wie Nick und Nora Charles in „The thin man“: wie um alles in der Welt können zwei Menschen nur so stilvoll miteinander trinken? Ich habe mir immer eine Frau gewünscht, die beim dritten Glas nicht aufhört, und wenn sie dieses mit mir trinkt, dann nicht herumlabert, sondern genauso kreativ, phantasievoll und witzig spricht wie vorher. Zuweilen meint es das Leben gut mit einem.

Aber ich wollte gar nicht so sehr über die vielen Vorzüge des Alkohols schreiben, sondern von einem Konzert um Bassy Club berichten.

Alexander Scheer spielte dort am Freitag zusammen mit einer Band. Ich werde bereits sehr skeptisch und reagiere ungnädig bis ungehalten, wenn auf der Bühne eine Band mit mehr als vier Musikern auftritt – ausgenommen es handelt sich um eine Brass-Band, eine Marching Band, eine Karnevalsband oder einen Spielmannszug; was weiß ich: bei Popmusik sind mehr als vier Musiker zu viel. Schon auf der Bühne tummelten sich also eine Anzahl von Menschen, die mein intuitives, auf unmittelbarer Wahrnehmung beruhendes Zählvermögen überstieg. Es heißt, daß die Menschen bei mehr als fünf oder sieben Dingen die Anzahl derselben nicht mehr unmittelbar auffassen, sondern zählen müssen. Auf dieser Bühne, an diesem Ort verhielt es sich in genau dieser Weise. Sie groovten und bewegten sich im Takt ihrer eigenen Musik, und diese Musik war schlecht, sehr schlecht sogar, irgend etwas zwischen deutschsprachigem Rock und Blues, Langsames mit Texten, die dem Schlager entsprungen waren, höre ich da auch Blumfeld heraus? Im Grunde aber spielte die Band und sang der Sänger Schmuserock und Wohlfühlmusik. Mag der dekonstruktive Kritiker nun entgegen: „Aber das ist ja Diskursrock!“, so sage ich: Nein, das ist Scheißrock, wer Herz auf Schmerz reimt, macht einen Fehler. Und wenn ein Konzertpublikum friedlich mit den Schultern wiegt, dann ist etwas faul im Staat, aber das ist es sowieso, und wenn es im Staats- und Politikwesen bereits faulig zugeht und die Verhältnisse angefressen sind, so will ich doch wenigstens am Abend gut unterhalten werden.

Ein Schauspieler, so mochte man rufen, und das ist Alexander Scheer nun auch: diesmal spielt er die Rolle des Sängers, der sich hin und her wiegt, sich ans Mikrophon klammernd, während er diese Schmelzscheiße haucht. Der Bassist rieb seinen Bass, strich über ihn und machte Posen, als riebe er seinen Schwanz. Die Sache wäre gut gewesen, wenn die Band irgendwann aufgehört hätte. Das tat sie aber nicht. Die Bands, welche besonders schlechte Musik erzeugen, hören nicht auf. Und sie führen zudem immer einen Chor von Claqueuren mit sich im Troß, der sie unaufhörlich ermuntert, doch weiter zu machen und noch eine Zugabe zu spielen. Wohlwollend tut die Band das dann.

Wir setzten uns ein wenig nach draußen, am Rande der Schönhauser, um uns abzureagieren, weil diese schreckliche Musik nun einmal durch den ganzen Klub drang und es kaum einen Platz gab, der Sicherheit und Schutz vor ihr bot. Auch mein Geschimpfe im Konzertsaal und der Ruf „Aufhören!“ – der Mut ihn auszustoßen war sicherlich ein wenig dem Wein geschuldet – zog keine Verhaltens- oder Musikstilspieländerung der Band nach sich. Während ich einsam im Gang wartete und J. auf der Toilette sich frisch machte und das tat, was Frauen dort eben so tun, fluchte ich im Gang also vor mich hin und ein Herr mit Cowboyhut hörte mein Fluchen und der Herr stimmte mir bei: „Wenn ich das vorher gewußt hätte, was die hier machen, hätte ich die niemals gebucht.“ Sehr wohl getan, denn solche Art von Musik paßt kaum in den Bassy Club.

Alexander Scheer sieht sympathisch aus, sicherlich werde ich ihn mir gerne weiterhin als Schauspieler ansehen, so wie in Castorfs Endlosstück „Berlin Alexanderplatz“, aber niemals mehr als Musiker anhören. Warum muß eigentlich jede Schauspielerin, jeder Schauspieler eine Band gründen und musizieren? Steht das in den Arbeitsverträgen? Wohin das Musikantentum der Schauspieler am Ende führt, kann man gut an Herbert Gönemeyer beobachten. Alexander Scheer: der Herbert Grönemeyer von Berlin-Mitte.

Diese wunderbaren, schaurig-schönen Lieder, diese Liebeslieder – Zum Tode Georg Kreislers

Auf einen Plattentitel wie „‚Nichtarische‘ Arien“ muß eine(r) erst mal kommen: Böser, bissiger, schwarzer Humor und zugleich Melancholie sowie Traurigkeit mischen sich in diesen Chansons. „Ich fühl mich nicht zu Hause“: Und das heißt auch: nicht zu Hause in Israel, so dichtete der Jude Georg Kreisler. In einem seiner letzten Interviews sagte er, daß es den Staat Israel um seinetwegen nicht geben müsse. Eine harte Aussage in der Tat. Kreisler ist ein aus Österreich vertriebener Österreicher, der mit dem Leben davonkam, den Massenmord im Exil der USA überlebte, der sich mit Musik durchschlug. Er kehrte Mitte der 50er Jahre sodann aus dem Exil nach Wien zurück, denn hier war er am Ende doch zu Hause: in Österreich. Aber ja: wie schön wäre Wien ohne Wiener und Österreich ohne das braune und schwarze verlogene Pack dort. Vielfach sind Kreislers Lieder durchsetzt von dieser Vergangenheit und der dumpfen Spießigkeit jener bleiernen Jahre, noch das Stück „Zwei alte Damen tanzen Tango“ deutet darauf. Und weil ihm diese Subtilitäten im Text lieb waren, so haßte er irgendwann sein wunderbares Stück „Tauben vergiften im Park“ und mochte es nicht mehr spielen. Georg Kreisler war ein Musiker mit Sprachwitz sowie ein Melancholiker. Seine Couplets unterhielten nicht bloß geistreich, ein Stück wie „Der Musikkritiker“ ist neben dem Moment des gekonnt Albernen ganz einfach nur virtuos zu nennen; und zuweilen transportiert es auch die Alltagswahrheit: „Und jedem Künstler ist es recht, spricht man vom anderen Künstler schlecht.“

Aber die Vergangenheit, das Trauma ließ Kreisler so recht nicht los, und noch viel weniger diese unsägliche Verlogenheit samt dem fröhlichen Weiterso nach jenen 12, für Österreich bloß sieben Jahren.

„Lassen Sie nur meine Tante, schau’n sie, da liegt sie am Strand
Sie hat im Leben noch nie ein solches Leben gehabt
Nu, warum soll sie nicht spielen im Sand?

Lassen Sie nur meine Tante, ich weiß ja, es sieht nicht schön aus
Dass sie die anderen Gäste mit Steinen bewirft
Aber ich nehm’ sie bestimmt gleich ins Haus

Sie hat a Nichte, die lebt in Australien
Und einen Neffen, das ist ein Pilot
Und einen Bruder in Nordrhein-Westfalien
Aber sie glaubt, die sind schon tot

Lassen Sie nur meine Tante, sie wird ihn nicht beißen, den Hund
Und außerdem glauben Sie mir, dass sie verrückt ist, die Frau
Nu, das hat einen tieferen Grund

Lassen Sie nur meine Tante, schau’n Sie wie friedlich sie ruht
Und wie sie lächelt. Im Schlaf glaubt sie noch
Ihr Leben wird eines Tages noch gut

Jetzt sind es fast zwanzig Jahre, da wurde sie plötzlich so krank
Natürlich weiß man warum, und sogar Sie würden’s versteh’n
Aber ich glaub’, die Geschicht ist zu lang

Sie hat a Tochter in Bohrbeck bei Essen
Und einen Sohn, irgendwo knapp daneben
Und eine Schwester in Marburg in Hessen
Aber sie glaubt, die sind am Leben

Lassen Sie nur meine Tante, ich nehm’ sie dann mit mir hinein
Im Grunde nenn’ ich sie nur meine Tante
Sie ist in Wirklichkeit gar ka Verwandte
Und könnte ebensogut ihre eigne Tante sein!“

Ich habe diese bitter-bösen, traurigen, galligen, zum Lachen reizenden Lieder von Kreisler geliebt, und ich werde sie wieder und wieder hören. Georg Kreisler gehörte zu Österreich wie sonst nur Thomas Bernhard.

Und diese unsterblichen Lieder, die vergessen wir ihm nie. Danke, Servus und Adieu, Georg Kreisler!

Musik des Monats – The Music of Chance

Ach was, viel weitreichender. Denn anzukündigen gilt es eines der Popmusikereignisse des Jahres: nämlich PJ Harveys Platte „Let England Shake“. Zuweilen klingt es in ein oder zwei Stücken kurz nach Sally Oldfield, und das ist nicht gut, weil damit bescheuerte Hippiezeiten in ihrer niedersten und derangiertesten Variante assoziiert sind, doch der Ton von PJ Harvey moduliert diese Assonanz sofort, der Anklang geht schnell in eine andere Richtung.

Viel gibt es auf diesem Blog nicht zur Musik, weil es mir an der Fähigkeit zur Objektivation und an Kenntnis gebricht. Wie gerne schriebe ich über Mahler, bei dessen Musik ich nur fassungslos bin. Aber es geht nicht, wovon man nicht schreiben kann, davon sollte man besser nicht schreiben. Von Zeit zu Zeit jedoch möchte ich meinen Leserinnen und Lesern dennoch eine Empfehlung geben: diese neue Platte von PJ Harvey gehört in jeden popmusikalisch ausgebildeten Haushalt. Sei es als Raubkopie oder gekauft: Let England Shake

Dem Ruf des Seins folgend

Noch einmal möchte ich auf den Aufruf zum Heidegger-look-alike-contest der Sowjetischen Kommandantur Berlin-Karlshorst hinweisen. Es wäre wünschenswert, der Anrufung nachzukommen. Denn bisher erreichte uns keine Einsendung.

Als freundliche Einladung spielen wir dieses Animationsvideo:

Also: Wir sind gespannt auf die ausgefallenen Einsendungen, auch auf die Kritik der Fundamentalontologie: Laßt tausend Blumen blühen!

Auftakt zum Mauerfall

Das Video zum Sonntag:

Nachtrag: Die Band, die das einst sang, hieß S.Y.P.H.

Adorno und die Musik

 Nun habe ich es fast vergessen, die Beiträge zu verlinken, die in den Blogs „Exportabel“ und „Metalust“ (siehe Blogroll) zum Thema Adorno und Jazz bzw. zu Adorno und Zwöftonmusik bzw. Musik überhaupt bereits verfaßt wurden. Mein Beitrag ist, wie immer und wie so oft, der, welcher am spätestens erscheinen wird. Schon die Macher der Abiturzeitung seinerzeit an meiner Schule mußten hinter mir auf dem Schulhof herrennen und mich verfolgen, damit ich endlich einen Artikel ablieferte. Soweit muß es aber hier nicht kommen, und so hoffe ich doch, am Wochenende, wenn es die Zeit zuläßt vielleicht aber auch schon früher, zumindest einen ersten bescheidenen Teil veröffentlichen zu können.

Es steht in beiden Texten Interessantes, weshalb ich sie meinen Leserinnen und Lesern, sofern nicht sowieso bereits gelesen, an das ästhetisch gestimmte Herz lege. Exportabel hat eine „Kurze Vorbemerkung zu ‚Adorno und der Jazz‘“ geschrieben. Metalust hat den Text „Adorno „Über Jazz“geschrieben. Auch ist dort und insbesondere auf Exportabel eine ausführliche Diskussion zu finden. Ich hoffe, daß auch ich hier demnächst etwas zur sozusagen gesellschaftlichen Lage der Musik  produzieren kann.

Ist Hirnfraß bei „Zeit“-Redakteuren meßbar?

Genova68 von dem schönen Blog „Exportabel“ hat mich auf einen Artikel in der „Zeit“ dieser Woche zur sogenannten Neuen Musik bzw. zur Zwölftonmusik hingewiesen: „Zu Schräg fürs Gehirn“ lautet die Überschrift des von Christoph Drösser verfaßten Artikels. Dieser Text paßt, gleichsam als Negativfolie, eigentlich recht gut zu den Ausführungen Adornos zur Ästhetik in seinen Vorlesungen, wenn es etwa um das Banausentum und den sogenannten Kunstgenuß als eine vermeintlich ästhetische Kategorie geht.

Doch zum Zeit-Artikel: 

Es geht gegen die Zwölftonmusik, warum es sozusagen neurologische bedingt ist, daß das kaum einer hört. Weiterhin taucht in diesem Artikel eigentlich alles an Motiven aus dem Ressentimenthaushalt des Kleinbürgers auf, der sich einmal in die Kunst hineinbegibt, um so recht nach Herzenslust unterhalten zu werden, aber eigentlich nicht recht weiß, was er da in der Kunst eigentlich soll. Es seien einige Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben: 

„Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?“

 Was soll man da sagen? „It‘s the economie, stupid.“ Aber nicht nur dies, sondern viel wesentlicher: Weil die Musik eine Zeitkunst und keine Raumkunst ist. Um bei einem Konzert von Schönberg dabeigewesen zu sein, muß man die Zeit absitzen, (wir nennen solches Verhalten „zuhören“), ob man will oder nicht. Das macht nicht jeder. Deshalb nur halbbesetzte Konzertsäale. Um bei einer sperrigen Ausstellung zur bildenden Kunst dabeigewesen zu sein und dies hinterher auf einer Party oder wo auch immer („Bin im Guggenheim gewesen“, der Fetischcharakter der Kunstware) groß kundzutun, reicht ein zehnminütiger Durchlauf aus. Insofern erfreut sich die bildende Kunst sicher größerer Beliebtheit als schwergängiges Tanztheater, sperriges Regietheater oder eben nicht einfach nur zu konsumierende Musik. (Adorno hat über solche Art des Konzertbesuches und auch zur Aufführung von Barockmusik auf Originalinstrumenten einiges Treffendes geschrieben.) Zudem wüßte ich gerne, was die Anzahl der Besucher in einem Konzert oder Museum über die Qualität eines Werkes aussagen soll. Die Zustimmung zur CDU/FDP-Koalition sagt doch auch nichts über die Qualität ihrer Politik aus, und die 99,8 Prozent, welche die SED erhielt, sagte nichts über ihre tatsächliche Beliebtheit im Volke aus. 

Einige Zeilen später gesteht der Artikel den Unterschied zwischen Raum- und Zeitkunst dann auch ein. Muß aber zu naturwissenschaftlichen Erklärungen und zur Floskel der Gefälligkeit des Kunstwerkes Zuflucht nehmen. 

„Sloboda zieht den Vergleich zur bildenden Kunst: In einem Museum habe der Besucher die freie Entscheidung, welches Bild er sich wie lange anschaue, er könne mit Freunden darüber diskutieren oder zwischendurch einen Kaffee trinken, um seine Eindrücke zu verarbeiten. ‚Aber wenn Sie in einen Konzertsaal gehen, ist das wie im Gefängnis.‘ Der Zuhörer sei über Stunden an seinen Sitz gefesselt, regungslos und stumm, während andere über das Programm bestimmten. ‚Das moderne Publikum findet das zunehmend unakzeptabel.‘

 Soso, das spricht also gegen Zwölftonmusik. Das stumme Gefesseltsein an den Sitz und kein Coffee to go dabei, wenn der Kontapunkt sich verzweigen tut. (Wenigsten war Odysseus in der „Dialektik der Aufklärung“ noch an den Mast gefesselt.) Dies ist genau das Banausentum im Verhältnis zum Kunstwerk, gegen das Adorno (und nicht nur der) beständig angeschrieben hat. Es geht Kunstlauschern wie Drösser nicht mehr um das ästhetische Objekt als solches in der ihm eigenen Qualität, es geht nicht um die Sache, die da im Konzert wahrgenommen wird, sondern das Kunstwerk wird auf (psychologische) Reaktionsweisen, auf Lust-Unlust-Verhalten hin abgebildet und bezogen. Am Ende hängt es sozusagen am Arsch, nämlich am Sitzfleisch, das einer mitbringt. 

„Gerade dieses ‚Lustprinzip‘ aber war vielen Neutönern ein Dorn im Auge, insbesondere dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich auch als Musiktheoretiker einen Namen gemacht hat. Ihm war alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst, er wetterte (unqualifiziert) gegen die Emotionalität der Jazzmusik und erwartete von der Musik ständige ‚Innovation‘.

Solchen Kriterien mögen die modernen Klänge mühelos entsprechen. Aber sind sie im Umkehrschluss prinzipiell lustfrei, eine rein intellektuelle Spielerei? Wer sich erst einmal in sie hineingehört hat, der kann von ihnen durchaus emotional berührt werden. ‚Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-)Serie wiedererkenne‘, sagt Eckart Altenmüller. ‚Aber das liegt daran, dass ich über Jahrzehnte Neue Musik geübt habe. Von meiner Sekretärin würde ich das nicht unbedingt erwarten.‘ Die Sekretärin bestätigt das uneingeschränkt.“

Ja, ich habe auf sie schon gewartet, geradezu sehnsüchtig: Die Sekretärin. Die Unvermeidliche, die Frau, der Mensch aus dem Volke, der sich einig weiß mit seinem Herrn. Ich wußte bereits zum Beginn, daß sie bei Drösser (neben dem allerdings sehr witzigen Hape Kerkeling) irgendwo und irgendwann auftauchen wird.

Bereits der Ausdruck vom „wiedererkennen“ in diesem Zitat zeigt, in welche Richtung die Sache geht. Es ist Kunst rein auf den Genuß und die Gefälligkeit abgestellt. Daß es zwischen den Kunstwerken, auch den sogenannten sperrigen, durchaus qualitative Unterschiede gibt, daß es ästhetisch Gelungenes und Mißlungenes gibt und daß sich das nicht an der Verständlichkeit eines Werkes bemißt: Basale Einsichten in die Ästhetik sind Drösser (und wohl auch Eckart Alltenmüller) leider verschlossen geblieben. Kunst wird hier zum Einrichtungsgegenstand, wie ein gefälliges Ledersofa, reduzierbar auf einen billigen Gebrauchswert.

Ansonsten zeugt diese Passage über Adorno von einer Unkenntnis gegenüber seiner Philosophie, daß es fast schon traurig zu nennen ist. Sicherlich ist Adorno nicht sakrosankt, und man kann über seine Sicht des Jazz diskutieren. Auch haben sich ästhetische Kategorien wie das „avancierteste Material“ im Laufe der Zeit gewandelt, die Fortschrittsspirale der Kunst ist eine andere geworden als zu Adornos Zeiten. Aber ein Satz wie „Ihm war alles Schöne und Gefällige verhaßt“, was soll man dazu sagen. Man würde dies keinem Schüler durchgehen lassen. Ich weiß nicht, weshalb in der „Zeit“ ein solcher Blödsinn erscheint, warum kein Chefredakteur da ist, der Drösser hilfreich zur Seite gestellt ist. Ich mopse mich doch auch nicht hin und behaupte, von keinerlei Kenntnis getrübt, daß die binomischen Formeln Ausdruck frühkapitalistischer Herrschaftsverhältnisse sind und sonst nichts. Ich weiß nicht, warum sich Redakteure, die der Philosophie unkundig sind und in der „Zeit“ bisher nicht durch philosophische Beiträge aufgefallen sind, sondern ein völlig anderes Fachgebiet haben, sich mit Dingen abgeben, von denen sie nichts verstehen. Und ich weiß nicht, warum niemand da ist, um solchem Unfug Einhalt zu gebieten.

Dieser Artikel zumindest zeugt von einer tiefen Verständnislosigkeit gegenüber Kunst und Ästhetik. Das mühevolle Sich-hineinbegeben in das ästhetische Material, welches in der Tat allerdings Zeit kostet? Bei Drösser Fehlanzeige. Das Kunstwerk als Ausdruck komplexer (auch gesellschaftlicher) Zusammenhänge? Kein Wort davon. Aber wozu auch, es fehlt hier schlicht am Vokalbular, und schließlich soll es ja Genuß bereiten wie eine Kürbiscremesuppe oder ein Huhn an Curryreis auf Chicorée. Interessant ist der Text allerdings als Ausdruck des Amusischen. Zugleich ist er aber auch ein gutes Stück Ideologie: Das ist ja genau der Positivismus gegen den Adorno immer und zu recht opponiert hat. Hirnströmemessen bei Kunstwerken, Reiz-Reaktions-Schemata als rezeptionsästhetischer Ausweis über die Binnenstruktur und über die Qualität eines Werkes. Gute Güte, wie tief muß man hier ästhetisch auf den Hund gekommen sein. Ich wette darauf, daß Herr Drösser uns irgendwann in der „Zeit“ ein allen Menschen innewohnendes Gen vorstellt, das im Individuum von Geburt an eine Phobie gegen Sozialismus und Gerechtigkeit erzeugt. Vielleicht ist diese Abneigung sogar in Hirnströmen messbar beim Anhören bestimmter Reizbegriffe: Gewerkschaften, Karl Marx, Mindestlohn, Rosa Luxemburg, Gregor Gysi. Arrrg, arrrg macht da der Ausschlag des Meßinstruments beim Probanden. Und so haben wir dann endlich, endlich den Grund gefunden, warum es nie geklappt hat mit einer gerecht eingerichteten Gesellschaft. Ist halt erblich.

Herr Drösser, wie wird die nächste Überschrift im Wissen-Teil der „Zeit“ lauten: „Sozialismus? Zu gerecht für unser Empfinden“, „Mindestlohn? Zu schlecht fürs Portemonnaie.“?

Lieber Christoph Drösser: „Gehe zurück nach der Badstaße, gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000,­- Mark ein.“ Und vor allem: Versuche nicht Gegenstandsbereiche zu koppeln, die nicht umstandslos zu koppeln sind, gehe in eine Bibliothek, besorge dir Bücher zur philosophischen Ästhetik. Oder besser noch: Laß es lieber sein, und bitte bleib in deinem Metier. Mach die Kolumne „Stimmt‘s?“ weiter, das sind kleine Texte, wo man eigentlich nicht viel falsch machen kann, aber versuche dich nicht in Dingen, die dich nichts angehen und die für dich nie bestimmt waren.

Adorno über populäre Musik

Virtuelle Fundstücke (4)

 Hier möchte ich dem werten Leser und der Leserin einen interessanter Textbeitrag von Adorno zum Pop, genauer gesagt zum politischen Lied liefern. (Auch für momorulez, dem ich damit für seinen Blog Metalust danken möchte, und gewissermaßen auch als Antwort in Tonspur.)

 Ja, Adorno meint in diesem Bild/Ton-Dokument erst einmal die politische Protestkultur jener 60er Jahre, und er ist in den Dingen der heutigen populären Kultur sicher nicht mehr so bewandert, weil er seit nun bald 40 Jahren leider tot ist. (Lebte er noch, so wäre er gewiß auch nicht kenntnisreicher und aufgeschlossener für diese Musik.)

Dennoch läßt sich an dem Grundtenor seiner Kritik, nämlich dem Warencharakter, dem jedes Stück der populären Kultur (aber auch der autonomen Kunst, so muß man hinzufügen) ausgesetzt ist, nicht vorbeikommen. Und auch das Herauspresssen des Konsums und des Momentes von Erbauung noch aus dem Entsetzlichen ist kaum von der Hand zu weisen.

Klar, man kann sagen: Na und, mir doch egal. Ich mach‘s subversiv-affirmativ und unterlaufe mittels Ironie die Komplexität der Waren. Durch solches Denken und Verhalten könne sich jedoch einige unheilvolle Verstrickungen ergeben.

Hierzu möchte ich den großartigen Satz von Hartmut auf „Kritik und Kunst“ zitieren, der es derart gut sagt, daß es besser und klarer nicht zu formulieren ist:

„Was ich meiner Generation, von Florian Illies bis Charlotte Roche, nun vorwerfe, ist dies: Dass sie das verbale Bedienen eben jenes Grundrauschens nicht mehr kritisieren, sondern lustvoll vollziehen und uns auch noch als zeitgemäßes, urbanes Lebensgefühl verkaufen wollen. Sie sind der Provo-Clown, der Spaßwichtel der happy few, während in den Hinterzimmern die Geschäfte abgewickelt und Entlassungen ausgesprochen werden. Und ich habe den gut begründeten Eindruck, dass sie das – mal dumpf, mal lichter – im Grunde auch ganz gut wissen.“

 Man sollte sich deshalb nicht zu sehr täuschen: die Integrationsmechanismen auch des subkulturellen Systems sind gewaltig. („Prunk mit Punk beim Kaufhof“, so lautete eine Anzeige der gleichnamigen Kaufhalle in den 80er Jahren.) Es sind die subversiven Dinge in der populären Kultur (auch) systemstabilisierende Mechanismen. Sie haben Entlastungsfunktion, so wie die Philosophen Gehlen oder Marquard der Kunst als Leistung die Reduktion von Komplexität andichten möchten, Kunst leistet Welterschließung, -orientierung und -erklärung, damit es im komplexen Alltag besser geht. Abends Oper, morgens managen und malochen.

 Andererseits muß man sehen, daß Adorno die befreienden Momente, die im Bereich einer Populär-Kultur durchaus vorhanden waren und sind, nur unzureichend gesehen hat. Auch sollte man sich vor den pauschalen Verdammungen des Pop in acht nehmen, um nicht zum Kehlmann der Philosophie zu werden. Ich bin aber andererseits kein guter Kenner der Materie Pop, um hier allzu gewichtige Aussagen zu machen.

 Nun also Adorno, wie ich ihn in Gestus und Stimme immer geliebt habe:

(Und am Wochenende gibt es dann den 2. Teil zur Themenkomplex der Postmoderne)

Ruinöses und Politisches

Nicht unbedingt eingeführt als Regelmäßigkeit, aber wie es gerade paßt und kommt, manchmal, als Musik zum Sonntag, in Abständen vielleicht, hineingestellt in den Blog. Heute „Die Sterne“, als Erinnerung an eine recht nette Zeit und an eine schöne Frau, die ausnahmsweise schwarzhaarig war:
(„Bist du nicht immer noch Gott weiß wie privilegiert?“)

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.