In a Fever of Excitement
2. April 2012 Hinterlasse einen Kommentar
Und wieder hat die katholische Kirche zugeschlagen. Aber ausnahmsweise in einer guten Weise, denn es gab für mich – über einen ihrer Mittelsmänner, doch keine Angst: ich bin nicht mit dem Bischof von Berlin oder irgend einem Erzbischof befreundet oder bekannt – eine Kiste guten italienischen Rotwein, der sich perfekt zum Speisen eignet und den ich dann zum Essen bei J. mitbrachte. Eine Flasche hatte ich schon vorgekostet und mochte ihr gerade diesen Wein nicht vorenthalten. Im Autoradio lief „Papillon“ von den „Editors“, Musik gleich mal laut aufgedreht und in der schmalen Passage zwischen den ewigkeitswährenden Baustellenzäunchen auf der Invalidenstraße schnitt ich den Radfahrer massiv. Werberarsch auf Rennrad. Nun fahren sie also auch neumodisch Rennrad. Das bin ich seit den 80ern fünfzehn Jahre lang gefahren, als Rennräder lediglich Eddy Merckx (ganz früh, ganz früh) und Dietrich Thurau vorbehalten waren. Zahlt die Branche so schlecht, daß es zum Auto nicht mehr hinreicht? Trauriges Kapital. Oder ist es nur eine neue Mode?
Mit einer der feinen Flaschen aus dieser katholischen Holzkiste sowie einem Grauburgunder – aus dem Supermarkt: Schande, Schande; doch das Zeug schmeckte sogar leidlich – mit den Flaschen in der Tasche trat ich also bei J. ein. Den Grauburgunder gab es, um beim Kochen schon einmal zu testen, so wie Biolek das immer betreibt Wenn ich gute Laune habe, kann ich Alfred Biolek imitieren: Daas issst abeeerr ein seheeeerr guterr Wein: Ahaaaaaa! (Alles mit gerolltem r gesprochen.) Meist habe ich jedoch keine gute Laune. Aber die Negativität des Daseins legt sich im Prenzlauer Berg. Ich dachte bisher, ich koche passabel, aber das stimmt nicht. J. kocht sehr viel besser, und aus dem Handgelenk heraus, kreativ und frei. So auch diesmal: vorweg gab es eine Suppe mit weißen Bohnen samt Fleischeinlage, darin sich auch Ingwer befand, was ich liebe. Und als Hauptgang servierte sie schwäbische Maultaschen in Brühe mit einem Kartoffelsalat – natürlich ohne Mayonnaise. Nach dem Glas Weißwein schenkte ich zum Essen den Rotwein ein, der köstlich mundete, für einen Rotwein außergewöhnlich leicht und samtig, aber doch gehaltvoll: Barbera d‘Asti Jahrgang 2005, genau die richtige Reife.
Das Essen war schnell vertilgt, es schmeckte hervorragend. „Von allen meinen Exfreunden hast Du je eine ihrer schlechten Eigenschaft abbekommen“, so bemerkte J, während sie den Abwasch tat. „Und die Summe aller dieser schlechten Eigenschaften Deiner Exfreunde bin dann ich?“ Sie schwieg, während sie weiter das Geschirr abwusch, alldieweil ich auf ihrem MacBook schrieb und im Internet dies und auch das recherchierte. „Das Buch der König“, lachte ich, „Orpheus und Euriydike. Das ist der Gang der Welt, der frühe Marx hielt noch nichts von der Arbeitsteilung. Da war einer morgens Fischer, mittags Tischler, nachmittags Kritiker und abends Wischer: Abwaschabwischer, wie er das in der ‚Deutschen Ideologie‘, gleich zum Beginn über Feuerbach schrieb. Der spätere Marx lernte dann aber die Arbeitsteilung sehr wohl zu schätzen und sah ihre Notwendigkeit.“ „Und deshalb mache ich den Abwasch und Du hilfst mir nicht?“ Nun schwieg ich und gab mich beschäftigt, trank in schnellen Zügen den Rotwein; Flasche leer, Text gut, ich bin der Thomas Brasch Westberlins, der mit einem Male am Prenzlauer Berg gelandet war. I‘m the passenger. Nahe der Castingallee. Ein Prenzlauer Berg, wo es sich in den Nebenstraßen noch wohnen und leben läßt. Dann bot ich aber, durch den Alkohol sanft geworden, meine Hilfe an. „Nee, wir müssen gleich losgehen, laß mich noch eine Zigarette rauchen und mich umziehen!“ Ein kurzer Blicke in den Spiegel, schwarze Lederjacke, weiße Hose, hellblaues Hemd: und los geht‘s.
Vorauseilend erwartete ich mir nichts Gutes oder zumindest nichts Besonderes im Bassy Club, denn mit Soul und RnB kann ich im Grunde nicht viel anfangen, ich hätte lieber etwas, das in die Richtung Johnny Cash geht, ich bin an jenen faulen, trägen Tagen ein Gewohnheitshörer, ich war in genau dieser „Es ist wieder mal Rock‘n‘Roll-Freitag“- Stimmung (Die Mimmis, ich gab diese Tonspur kürzlich hier im Blog), habe mich nie mit Soul beschäftigt (und will immer Seoul schreiben, dabei ist mir Südkorea völlig egal). In den jungen Punkzeiten gab es einen Punk-Bekannten, der solche Soul-Sachen hörte und neben dem Punk als ein ausgesprochener Soul-Experte galt, solch ein Wissender war ich nicht, aber über die nette Geste des Club-Betreibers, auf der Gästeliste zu stehen, freuten wir uns, und darauf mochten wir nicht verzichten. Schlimmer als mit Alexander Scheer kann es eigentlich nicht werden, dachten wir uns, ohne jede Erwartung, und so summte ich auf dem Weg durch die Schwedter Straße im Kopf einige Melodien aus dem Film „Blues Brothers“, fand das aber nicht ganz passend und schwenkte auf Stücke des Filmes „Jackie Brown“ um, damit ich wenigstens Rudimente des Soul aktivierte: Diese wunderbare Szene zum Beginn, wie Jackie Brown starr auf dem Rollband des Flughafens steht und im Hintergrund die Wand mit den Mosaiksteinen samt ihren Farben vorbeizieht. Eine der ganz großen, eindringlichen Anfangssequenzen im Film. Wie Jackie Brown da still steht, diese eindringliche Musik läuft und die gedämpften Farben ziehen vorbei. Gelingt der Auftakt, so wird meist auch das, was dann folgt, gut. Dies ist nicht nur bei der Musik, in der Literatur oder bei Filmen so, sondern bei allen Dingen, die sich in der Zeit abspielen.
Auf der Gästeliste werde ich zunächst nicht gefunden, ach ja, ich kenne mein Pech, warten, dann stehe ich aber doch drauf. Gleich hinter dem Eingang lauert Alexander Scheer mit ein paar Kumpels, die er mitbrachte. Es war eine Falle, ich dachte es mir gleich. Ich schob J. hinter mich, damit ich eine freie Bahn hatte, denn wir Jungs von der 101 Airborn Division „Screaming Eagles“ gehen keinem Streit aus dem Weg. Am Ende ging es für Scheer so aus wie das Boxen für Micaela Schäfer. Ein Dichter namens John Moses Browning tat sein übriges.
Erst mal in den Rauchersalon hineingegangen, mit dem Taschentuch das Blut von den Händen und der schwarzen Lederjacke gewischt, und da im Raum spielte ein junger Mann auf der Baßgitarre, schlug und strich über die Seiten, erzeugte einen Sound, den ich mag, und damit fing der Abend gut an. Wir hielten uns wieder an das bewährte Bier. Ich schaute auf die hellbraunen Stiefel einer Frau. Warum tragen so viele Frauen hellbraune Stiefel? „Die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell“, wie R. Grebe sang. Das trifft auf viele Menschen zu. Ihre blonde Freundin hatte eine extravagante, aber dabei nicht aufdringliche Zwanziger-Jahre-Lockenfrisur, sehr pfiffig, das machte die hellbraunen häßlichen Stiefel der Freundin wieder wett. Wir sprachen, schauten, tranken etwas Bier, bis es in den Konzertsaal ging, weil sich die Menge dorthin bewegte und es tuschelte: „Die Bänd fängt gleich an, die Band fängt gleich an zu spielen!“
Und da standen sie auf der Bühne: The Excitements. Es heißt dann auch ein Album von James Brown immerhin so: Excitement. Doch ich will gar nicht vorgeben, als hätte ich vom Soul oder RnB irgendwelche Ahnung: hab ich nicht. Ich schreibe trotzdem, um diesem wunderbaren Abend, den ich mit einer sehr besonderen Frau im Bassy Club verbrachte, einen Tribut zu zollen. Und ich muß mich korrigieren: es gibt Bands, wo mehr als vier Musiker auf der Bühne stehen dürfen. Hier verhielt es sich so. Zunächst spielten bloß die Musiker, dann trat jene grazile Sängerin mit dieser kraftvollen Stimme und ihrem starken Ausdruck auf. Anfangs dachte ich, solche Musik sei nicht tanzbar und es gäbe da für mich keinerlei Möglichkeiten sich zu bewegen, aber während ich zuhörte und einige Photos machte, wurde ich eines Besseren belehrt. The Excitements sind eine ganz wunderbare Band. Der Name spricht für sich: aufgeregt, angeregt, begeistert. Und da läuft ein Sound, der treibt nach vorne. Es ist ein Abend voll von guter Musik, kein Stück, das langweilt. Und genau so muß ein Konzertabend sein, genau so habe ich mir das vorgestellt, und es war keiner im Publikum, der sich langweilte oder das nicht hören möchte.
Es hätte auch Photographien geben sollen. Aber da mein Rechner ein verdammter Haufen Schrott ist und beim Hochfahren nicht ordnungsgemäß das macht, was er tun soll, weil die Datei crcisk.sys streikt, kann ich die Bilder erst morgen oder übermorgen zeigen: dann separat.
Jetzt denken einige: Bersarin schreibt eine Gefälligkeitsbesprechung, weil er eingeladen wurde und auf der Gästeliste stand. Nein, sowas mache ich nicht – wenn es mir im Bassy Club beim Konzert nicht gefallen hätte, schwiege ich.
Hernach haben wir noch ein wenig miteinander getanzt und Bier getrunken. Wieder habe ich es geschafft, nicht zu rauchen. Eine Spanierin Ende zwanzig gab mir ihre E-Mail-Adresse, ich erzählte von meinem Blog.
Etwas früher als letztes Mal gingen wir durch die kalte Nacht nach Hause. Wiede die Schwedter Straße herunter. Linkerhand am Ende der Choriner Straße leuchtet und glänzt ein wunderbarer Nachhimmel, in dem sich die Lichter der Großstadt brachen, schwarzgewaschenes Orange und tiefe Nachtwolken. Ach, bin ich froh, in Berlin zu sein. Es gibt keinen besseren Ort auf dieser Welt. Ich falle müde, trunken und glücklich um vier ins fremde, gemachte Bett, „Spiritus longus, penis brevis“ (Nörgler). Ich bin der Thomas Brasch des Prenzlauer Bergs. Und nun sagen die Braven im Chor: Aber die Braschsöhne sind doch alle am Alkohol verreckt! Stimmt, ich erinnere mich dunkel.
Letzte Kommentare